Heute in den Feuilletons

Journalistische Jungtürken

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2009. Die NZZ berichtet aus dem digitalen Kulturkampf der Blogger gegen die übrigen Medien. Slate bestätigt sich die Attraktivität von Google und Twitter durch ein Rattenexperiment. In der FR schreibt Yoram Kaniuk über die "letzte Liebe" alter Eheleute in einem Krebskrankenhaus. Die Welt konstatiert: Der Niedergang der Leipziger Schule ist auch durch einen belgischen Professor nicht zu stoppen. In der FAZ erklärt Mathias Döpfner, wie er den Qualitätsjournalismus durch ein zahlbares App für bild.mobile auf dem i-Phone retten will.

NZZ, 14.08.2009

Zwischen "digitalem Kulturkampf" und "publizistischem Klassenkampf" verorten Stephan Weichert und Christian Zabel auf der Medienseite die Auseinandersetzungen zwischen etablierten Journalisten und Bloggern: "Die neuen Wortführer, viele von ihnen Mittdreißiger, stehen unter dem Druck, sich in der Medienbranche zu positionieren. Dies funktioniert aber immer nur als 'Aufstand gegen die Alten'. Die 68er haben dies damals mit einem politischen Umbruchprozess kombiniert; nun bedienen sich die journalistischen Jungtürken der neuen Technologien, um ihr Ziel zu erreichen. Es wandeln sich auch die Rollen- und Selbstbilder. Während sich Journalisten zunehmend mehr als neutrale Vermittler denn als Kontrolleure der Macht begreifen, zeichnet sich die Blogger-Szene durch Nonkonformismus, gesteigerte Meinungsfreude und oft auch durch Ablehnung langatmiger redaktioneller Prozesse aus."

Weitere Artikel: Peter Hagmann erlebte bei der Eröffnung des Luzerner Festivals einen musikalischen Höhenflug: "Claudio Abbado dirigierte mit den bloßen Händen. Aus den Fingerspitzen kam die Energie, und sie floss in einen riesig besetzten Klangkörper, dessen Mitglieder allesamt das Letzte gaben." Roman Bucheli meldet einen drei Jahre alten Fund im Max-Frisch-Archiv in Zürich: Ein Tagebuch des Schriftstellers aus dem Jahre 1982, das der Öffentlichkeit bisher vorenthalten wurde. Zum 40. Jubiläum erinnert Stefan Hentz auf der Pop und Jazzseite an die Utopie und das Geschäft des legendären Woodstock Festivals. Karin Leydecker besichtigt das neue Museum "Kunst der Westküste" auf Föhr.

Besprochen werden die Ausstellung "Schnee. Rohstoff der Kunst" im Huberhus Museum in Lech am Arlberg und das neue Album "The Last" von der Bachata-Band Aventura.

Aus den Blogs, 14.08.2009

(Via 3quarksdaily) Emily Yoffe fragt sich in Slate, warum Menschen süchtig nach Google und Twitter werden und fühlt sich an Rattenexperimente des Verhaltensforschers Jaak Panksepp erinnert, dessen Versuchstiere immer wieder einen durch eine ins Hirn gesteckte Elektrode erzeugten elektrischen Impuls in einer bestimmten Hirnregion auslösen wollten. Dieselbe Region stimulieren wir offensichtlich durch endloses Surfen im Netz: "Panksepp has spent decades mapping the emotional systems of the brain he believes are shared by all mammals, and he says, 'Seeking is the granddaddy of the systems.' It is the mammalian motivational engine that each day gets us out of the bed, or den, or hole to venture forth into the world."

Das ReadWriteWeb zitiert eine EU-Studie über das Nutzerverhalten im Internet (hier als pdf), die Mathias Döpfner (siehe unten) wohl nicht so gefallen würde: "Only around 20% of online users would pay for online content if all the other free options suddenly disappeared."

Stefan Niggemeier staunt auch Tage nach der Veröffentlichung noch über einen (hohlspiegelreifen) Satz aus dem Spiegel-Titel über das Internet: "Das Netz, so sehen es manche, bedroht den Frieden der Welt." Und Niggemeier: "Der Friede der Welt ist bedroht?? Nein, halt: Es herrscht ein Friede der Welt??"

Google Book Search ermöglicht es jetzt, Bücher unter "Creative Commons"-Lizenz bei Google zu veröffentlichen, so teilt das blog des Hauses mit: "Today, we're launching an initiative to help authors and publishers discover new audiences for books they've made available for free under Creative Commons (CC) licenses. Rightsholders who want to distribute their CC-licensed books more widely can choose to allow readers around the world to download, use, and share their work via Google Books." Zu den ersten so veröffentlichten Büchern gehört auch das neueste buch von Lawrence Lessig: "Code: Version 2".

FR, 14.08.2009

Der israelische Autor Yoram Kaniuk hat Krebs. Im Aufmacher schildert er seinen Alltag in einem israelischen Krankenhaus und lobt die Ärzte und Krankenschwestern und die "letzte Liebe" alter Eheleute: "Vergangene Woche sah ich einen einhändigen Mann, der seiner Frau liebevoll einen Schweißtropfen von der Augenbraue wischte und ihr zu Trinken gab, und sie, die arme Frau, wird bald sterben."

Weitere Artikel: Der Architekt und Stadtplaner Robert Kaltenbrunner hat gegen die Abschottung ethnischer Minderheiten in bestimmten Stadtvierteln nichts einzuwenden, kritisiert aber die Abschottung wohlhabender Menschen in "Gated Communities". Hansjörg Graf plädiert für August Lafontaine, dessen auch von Schiller und von Arno Schmidt geschätzter Roman "Quinctius Heymeran von Flaming" gerade bei Zweitausendeins neu herausgebracht wurde. Harry Nutt meldet, dass Rolf Hochhuth im Streit um die Bespielung des Berliner Ensembles in der Sommerpause vor Gericht gegen Claus Peymann unterlag. Hans Christoph Buch, der einige Zeit in China verbrachte, versucht aus den faits divers in der China Daily einiges über das wahre Leben im Lande jenseits der frommen Parteilügen herauszulesen.

Besprochen werden nachgelassene Schriften Paul Feyerabends und eine CD der Gruppe Zoot Woman.

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Spiegel Online, 14.08.2009

Ist Das Internet ein rechtsfreier Raum? Konrad Lischka hat für Spiegel Online recherchiert und auch mit Anwälten wie dem Hamburger Anwalt Martin Bahr gesprochen: "Bahr berät Unternehmenskunden dabei, ihre Online-Shops und Web-Auftritte rechtssicher zu machen - seine Bilanz: 'Das Internet ist durchreguliert. Es gibt extrem überregulierte Bereiche.' Wenn er 'zum Beispiel im Impressum oder in der Widerrufsbelehrung meines Web-Shops ein Komma vergesse oder 'seien' statt 'wären' schreibe", könne er abgemahnt werden. 'Da gibt es sehr viele Regelungen und sehr viele Meinungen, wie die zu interpretieren und umzusetzen sind.'"
Stichwörter: Internet, Konrad Lischka

Welt, 14.08.2009

Uta Baier erklärt die Auseinandersetzung um Neo Rauchs Nachfolger als Malerei-Professor an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Berufen wurde der Kölner Maler Heribert Ottersbach, Rauch hatte für den Belgier Michael Borremans plädiert. Nun fürchten alle das Ende der Leipziger Schule: "Dass die große Leipziger Zeit jetzt wohl vorbei ist, ist traurig für Leipzig, aber nicht gerade überraschend. Kann man Erfolg konservieren? Arno Rink glaubt das nicht: 'Wäre Neo Rauch weiter Professor geblieben, hätte er das Abgleiten der Schule in die Beliebigkeit nur hinausgezögert. Dieser Erfolg hing immer an den einzelnen Künstlern, die sich überraschenderweise jahrelang in Leipzig zusammenfanden.' Die figürliche Malerei wird nicht sterben. Aber vielleicht werden die interessantesten Maler in Zukunft nicht mehr aus Leipzig kommen."

Weiteres: Matthias Heine warnt in einer Replik auf Joachim Kaiser vor Demut und Textfrömmigkeit gegenüber den Klassikern: "Schlimmer als Goethe Schillers 'Wallenstein' verhunzt hat, könnte kein Regietheaterberserker einen Klassiker schänden." Für kein schönes Schauspiel hält Eckhard Fuhr, was Rolf Hochhuth gerade im Streit um das Berliner Ensemble abliefert. Fuhr erinnert auch an die Gründung des Deutschen Nationalvereins vor 150 Jahren. Uwe Schmitt besucht das Woodstock-Museum in Bethel Woods. Schon aus währungstechnischen Gründen kann Manuel Brug das Opernfestival in Glyndebourne empfehlen - und wegen der langen Picknickpausen: "Schlamm, feuchte Kälte und schlechtes Wetter werden grundsätzlich ignoriert." Hanns-Georg Rodek sieht sich einen Film der NVA über den Mauerfall an. Und Peter Schütt erinnert sich an den Sommer 2002.

TAZ, 14.08.2009

"Überraschend sanft und schön" fand Katrin Bettina Müller "Poussieres de sang", die Choreografie, mit der die westafrikanische Tanzcompagnie Salia ni Seydou aus Burkina Faso heute das Berliner Festival Tanz im August eröffnet. "Überraschend deshalb, weil Gewalt das eigentliche Thema war, dem Tänzer und Musiker zunächst in Improvisationen nachgingen. Eine brutale Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Soldaten in Ouagadougou, die auch Unbeteiligten das Leben kostete, war der Auslöser gewesen - aber diese Verortung in einem lokalen Kontext interessierte die beiden Choreografen bald weniger, als die generelle Frage nach der Entstehung von Gewalt."

Weiteres: Ziemlich glattgebürstet findet Thomas Winkler das neue Album "Far" der New Yorker Sängerin Regina Spektor. Und der Schriftsteller Franz Dobler hat aus der Publikationsflut zum 40. Jubiläum von Woodstock zwei lesenswerte Bücher herausgepickt: die nun auf Deutsch erschienene Erinnerung "Making Woodstock" der beiden Festival-Finanziers Joel Rosenman und John Roberts sowie "Woodstock '69 - Die Legende" von Frank Schäfer (mehr dazu in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)

Und Tom.

SZ, 14.08.2009

Im Interview mit Jonathan Fischer erklärt der Musiker Jan Delay, dass es in Deutschland zwar Black Music gebe, aber keinen anständigen Soul: "Black Musik ist ein billiger Rhythm'n-Blues-Aufguss für ein abgestumpftes Kartoffel-Publikum. Da geht es nicht um Herzblut oder Leidenschaft, da spielt auch die Subkultur, aus der das kommt keine Rolle. Hauptsache die Sänger haben ein paar dralle bitches in ihrem Video und können toll tanzen. Ich hasse diese ganze dazugehörige Szene: Jedenfalls denke ich bei Black Music an Sonnenstudio-Typen, die mit dem Pickup-Jeep herumfahren."

Weitere Artikel: Alex Rühle schildert die neuesten Verlogenheiten im Umgang Bayerns mit der Hauptschule: Unter dem Namen "Profilbildung" wird sie nur weiter kaputt- und zur "Restschule" kleingespart. Er berichtet auch, wie der chinesische Künstler Ai Weiwei wegen erneuter Einmischung in die Politik verhaftet und dann wieder freigelassen wurde. Sonja Zekri hat den Roman gelesen, in dem der hier mutmaßlich unter Pseudonym schreibende hochrangige Kreml-Politiker Wladimir Surkow einen korrupten Verbrecher zum Helden macht, um einen starken Staat fordern zu können. Den britischen Dramatiker Dennis Kelly hat Christopher Schmidt zur Uraufführung von dessen neuem Stück "Orphans" in Edinburgh besucht. Thomas Steinfeld schreibt einen Besinnungsaufsatz über die Krise und den Wandel der Werbung in Richtung Design. Stephan Speicher kommentiert das Gerichtsurteil, das Claus Peymann nicht dazu zwingt, Rolf Hochhuth sich im Berliner Ensemble aufführen zu lassen. Willi Winkler erinnert an das Festival von Woodstock, das vor vierzig Jahren stattfand.

Besprochen werden die konzertante Salzburger Aufführung von Beethovens "Fidelio" mit Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, Anne Fontaines Film "Coco avant Chanel" mit Audrey Tautou ("Als biographisches Drama bleibt 'Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft' belanglos, aber Anne Fontaine gelingt dann doch etwas Spannendes: sie zeigt die Geburt eines neuen Modestils aus dem Protest gegen soziale Demütigung", schreibt Rainer Gansera) und Bücher, darunter Irene Nemirovskys Roman "Herr der Seelen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 14.08.2009

Springer-Chef Mathias Döpfner will wieder eine wirtschaftliche Basis für den Qualitätsjournalismus seines Hauses schaffen und setzt dabei im Interview mit der Wirtschaftsredaktion der FAZ vor allem aufs i-Phone. "Sämtliche Inhalte auf Smartphones werden wir auf Dauer gegen Gebühr anbieten. Das mobile Endgerät, das Handy, kann am ehesten die Zeitung der Zukunft sein. Für das iPhone von Apple entwickeln wir sogenannte Apps, also kostenpflichtige Angebote, über die man dann welt.mobil, bild.mobil oder computerbild.mobil bezahlt und quasi abonniert. Im Herbst gehen wir damit auf den Markt."

Im Kulturteil verteidigt Christian Geyer in der Diskussion um die Auslagerung eines Gesetzesentwurfs des Wirtschaftsministeriums die externen Berater und Lobbyisten als der Komplexität der Politik geschuldete Notwendigkeit: "Die Sachverständigen brauchen Regeln, keine pauschale Beschimpfung als Steuergeldfresser." Wie sich die Stadt Köln von einem Ehepaar "vorführen" lässt, das einen Stadtmuseums-Erweiterungsbau nur zu ganz genau vorgeschriebenen Bedingungen stiften will, erzählt Andreas Rossmann. Jan Brachmann hat erste Konzerte beim Luzern-Festival (Website) gehört. In der Glosse reibt sich Jörg Thomann die Augen, in was für einen Kindergarten sich Hollywood gerade verwandelt - mit geplanten Filmen zu "Lego", "Monopoly" und "Schiffe versenken". Jürg Altwegg muss melden, dass wegen der Finanzkrise sogar in Genf sehr unschweizerisch um Häuserpreise gefeilscht wird. Klaus Englert begutachtet die neue deutsche Botschaft in Warschau. In amerikanischen Zeitschriften liest Jordan Mejias unter anderem des Radiohead-Masterminds Thom Yorke Absage an CDs, an Verwerter und ans Albumformat (hier der Anfang des Interviews). Raphael Gross überlegt, ob Ignatz Bubis' Projekt "deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" am Ende gelungen oder gescheitert ist. Gemeldet wird, dass ein drittes, bislang unveröffentlichtes Tagebuch, das Max Frisch in den achtziger Jahren führte, im nächsten Jahr bei Suhrkamp herauskommen wird.

Auf der Medienseite porträtiert Josef Oehrlein den brasilianischen Abgeordneten und Fernsehmoderator Wallace Souza, der Morde in Auftrag gegeben haben soll, um als erster darüber berichten zu können.

Besprochen werden Henry Selicks Verfilmung von Neil Gaimans "Coraline" und Bücher, darunter eine neue Taschenbuchausgabe von Ken Keseys Klassiker "Der Electric-Kool-Acid Test" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).