Heute in den Feuilletons

Diagonalschnitt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2009. Heute geht's viel um Geschäftsmodelle: Die NZZ lernt von Yu Hua, wie man sich eine ordentliche Portion Nudeln der drei Köstlichkeiten verdient. In der FR erklärt James Frey, wie man das auf amerikanische Art macht. In der taz erklärt der Prostituierte Cem Yildiz, wo für ihn die Grenze liegt. Ruth Klüger feiert in der Welt Herta Müllers neues Buch über die Lager in Rumänien. Im Tagesspiegel liefert Georg Seeßlen eine kleine Meditation über den Bastard. Die FAZ droht uns mit einem Neandertaler.

NZZ, 15.08.2009

Wer "die alteuropäische Müdigkeit abschütteln will, halte sich an dieses Buch", schreibt Andreas Breitenstein über Yu Huas Roman "Brüder", den er auch als "grandiosen Einstieg" in die chinesische Gegenwartsliteratur empfiehlt. Es geht um zwei Brüder, die als Kinder die Schrecken der Kulturrevolution durchleben. Danach wird der eine sehr ehrbar und der andere, Glatzkopf-Li , sehr reich und zwar durch "Frauenarschbeschau" in der Latrine und Erzählungen davon: "Durch die Straßen Lizhens wird Li getrieben, verhöhnt und geschlagen. Und doch hat sich die 'Frauenarschbeschau' gelohnt, denn unter den fünf Hintern, die er zu sehen bekam, war auch der 'knackärschige' der Dorfschönen Lin Hong. Wovon alle nur träumen, das hat er als Einziger gesehen. Hoch schlägt die Empörung zumal der weiblichen Bürgerschaft, doch in der Männerwelt bleibt die Moral nicht ungeteilt. Auf der Polizeiwache wird Li hart angepackt und eingehend verhört: Was er denn genau gesehen habe - bei Lin Hong. Da mögen andere Herren nicht zurückstehen, was Glatzkopf-Li Gelegenheit bietet, sein schlüpfrig-süßes Geheimnis immer neu zu kapitalisieren - mit einer Portion Nudeln der drei Köstlichkeiten, welche die Neugierigen an die Grenzen ihres Geizes bringt." (Hier eine Leseprobe)

Weitere Artikel: Hoo Nam Seelmann beschreibt die Auswirkungen von Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus auf die koreanische Sexualität. Christine Wolter wirft einen Blick hinter die Kulissen von Luigi Pirandellos Theater. Thomas Leuchtenmüller porträtiert den afroamerikanischen Dramatiker Tarell Alvin McCraney.

Im Feuilleton wandert Marc Zitzmann durch das Pariser Museum "Les Arts decoratifs", wo Andree Putnam eine Rückschau auf das Werk der Couturiere Madeleine Vionnet (1876-1975) inszeniert hat. "Gleich am Anfang wird die wichtigste Technik vorgestellt, die die geniale Couturiere zur Perfektion führte: der Diagonalschnitt. Das Schneiden des Stoffs im 45-Grad-Winkel zum Fadenverlauf erlaubte es Vionnets Kleidern, die Körperformen flexibel zu umfließen oder sich ihnen elastisch anzuschmiegen (Korsett und Krinoline lehnte die Couturiere als 'orthopädisch' ab). Der geometrisch-anatomische Schnitt der Einzelbestandteile ihrer Kreationen verrät einen Schaffens- oder genauer: Konzeptionsprozess in drei Dimensionen. Vionnet arbeitete nicht mit Skizzen, sondern - dank ihrer Holzpuppe - direkt im Raum. Was die Schnitttechnik betrifft, reichte ihr nur Cristobal Balenciaga (den sie sehr schätzte) das Wasser."

Weiteres: Die NZZ-Redaktion hat liebevolle Stimmen zur bevorstehenden Geschäftsaufgabe des Ammann-Verlags gesammelt: von Ruth Schweikert, Dieter Meier, Ralph Dutli und Marcel Hartges. In der Stilkolumne verteidigt John Banville den Hut. Eine Meldung informiert uns, dass die Yale University Press kurz vor Druck aus Jytte Klausens Buch über den Karikaturenstreit 2005, "The cartoons that shook the world", alle Mohammed-Darstellungen und natürlich auch die Karikaturen selbst entfernt hat.

Besprochen werden Bücher, darunter Thomas Pynchons bisher nur auf Englisch erschienener Krimi "Inherent Vice", Fareed Zakarias Buch über das postamerikanische Zeitalter "Der Aufstieg der Anderen" und James Agees autobiografischer Roman "Ein Todesfall in der Familie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 15.08.2009

Herta Müllers Roman "Atemschaukel" über die Lager in Rumänien ist "ein Buch, das noch einmal zum Nachdenken und Erstaunen zwingt über das von Menschen anderen Menschen zugefügte Elend", schreibt Ruth Klüger, die selbst ihre Kindheit im Konzentrationslager verbrachte. "Herta Müllers neuer Roman ist ein so außerordentliches Kunstwerk und eine so ungewöhnliche Dokumentation, dass einem dergleichen Kategorien wie mit der Hand gefangene Fische davonschwimmen. Denn wenn man sagt, 'Atemschaukel' sei ein Roman über das Lagerleben von deutschstämmigen Zwangsarbeitern in russischer Gefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, so ist das insoweit richtig, als es den dokumentarischen Inhalt des Buches umreißt. (...) Die Kunst von 'Atemschaukel' liegt darin, dass es sprachlich eine unnatürliche Zwangssituation zeichnet, in der der äußere wie der innere Mensch von Hunger, Ungeziefer, Heimweh - und das schließt Verlorenheit, Fremdsein ein - aufgefressen wird." (Hier eine Leseprobe)

Weitere Artikel: Zumindest in Amerika wird Google die Buchkultur nicht vernichten, dank Oprah Winfrey, schreibt Hannes Stein. Jacques Schuster besucht den Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, der gerade sein erstes Buch, "Verbrechen", veröffentlicht hat. Ingrid Noll erklärt im Interview, warum es in ihrem ersten Krimi "Der Hahn ist tot" so viele Leichen gibt: "Dank mangelnder Erfahrung war ich der Meinung, dass man sich mit der Zahl der Leichen nicht lumpen lassen dürfe." Florian Stark schreibt den Nachruf auf den Erfinder der E-Gitarre Les Paul.

Besprochen werden die Ausstellung "Isa Genzken. Sesam, öffne dich!" im Kölner Museum Ludwig und Bücher, darunter Jürgen Osterhammels Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts "Die Verwandlung der Welt" und das Studienwerk "Doppelleben. Literarische Szenen aus Deutschland".

FR, 15.08.2009

Der amerikanische Autor James Frey, der mit seinem als Memoiren vekauften ersten Roman "Tausend kleine Scherben" reich und verfemt wurde, erklärt im Gespräch über sein neues Buch, den als Roman verkauften Roman "Strahlend schöner Morgen": "Ich bin sehr stark von der bildenden Kunst beeinflusst, da sind Spiele mit Identität und Authentizität viel üblicher als in der Literatur. Literatur könnte viel mehr von diesem Spiel mit Masken gebrauchen. In den USA ist die Ausbildung zum Schriftsteller zu stark formalisiert, die lernen nicht mehr, radikal neue Sachen auszuprobieren. Dabei sollte es doch der Anspruch des Schriftstellers sein, Regeln zu brechen statt nur zu befolgen."

Weitere Artikel: In einer Times Mager von Harry Nutt geht es um Charisma, die deutsche Politik und Horst Schlämmer. In ihrer US-Kolumne nimmt Marcia Pally dem Kapitalismus die Sache mit den Staubsaugerbeuteln sehr übel.

Besprochen werden eine Aufführung von Georg Friedrich Händels Maskenspiel "Aci, Galatea und Polifemo" in Frankfurt, Jan Delays neues Album "Wir Kinder vom Bahnhof Soul", ein Konzert des Jazz-Quartetts Erdmann 3000 in Frankfurt, das neue Cornershop-Album "Judy Sucks A Lemon For Breakfast" (vorab als direkter Download auf ihrer Website käuflich zu erwerben) und Friedrich Christian Delius' Roman (Leseprobe hier) "Die Frau, für die ich den Computer erfand" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Tagesspiegel, 15.08.2009

Quentin Tarantinos "Ingorious Basterds" kommen nächste Woche ins Kino. Georg Seeßlen bringt aus dem Anlass eine kleine Meditation über den Begriff des "Bastards": "Die Leitfigur des Quentin Tarantino also ist der Bastard an sich, das klassische Halbblut zuerst, dann der nicht minder klassische Held ohne legitimen Vater und ohne gesicherte Identität. Und auch in der Filmgeschichte verortet sich Tarantino immer als Bastard. Nicht als einer, der das Werk der Väter fortsetzt oder verwirft, wie noch jeder moderne Filmemacher in Europa oder wie Martin Scorsese, der seinen Film-Vätern fast schon akademischen Respekt erweist, sondern als der illegitime Sohn, der die verschwundenen Väter immer mit einer Mischung aus Missachtung und Sehnsucht behandelt."

Aus den Blogs, 15.08.2009

Peter Glaser beerdigt in Carta den Begriff der "Konvergenz". Der "Hybrid" ist jetzt angesagt - und der passt ja auch wieder zum "Bastard":"Ein Gadget wie das iPhone hat nicht nur wegen seiner Designqualitäten einen Ruf wie Donnerhall. Es ist ein ausgezeichnetes Beispiel für einen gelungenen Hybriden - eine Kreuzung zwischen Mobiltelefon und handlichem Rechner, die eine neue Qualität hervorbringt, welche über die beiden Grundbestandteile hinausgeht."

TAZ, 15.08.2009

Luise Strothmann unterhält sich mit dem "Escort" (also Edel-Prostituierten) Cem Yildiz übers Geschäft, nicht zuletzt auch darüber, was gar nicht geht: "Generell sage ich: Blut und Scheiße, ansonsten mache ich alles. Bei extremen Sonderwünschen wäge ich ab. Es wollte zum Beispiel mal jemand, dass ich ihm einen rostigen Nagel durch seinen Hodensack schicke. Ich habe das dann in Form eines nicht rostigen Nagels gemacht, wo die Infektionsgefahr relativ gering ist, weil das Skrotum ja nur aus Haut besteht. Na ja, und die Samenstränge, aber dass so jemand Kinder kriegen will, ist sehr unwahrscheinlich."

Auf den vorderen Seiten erklärt der Teheraner Graffiti-Künstler A1one im Gespräch mit Christine Müller: "Es gibt keine gesetzlichen Vorschriften, die Graffiti verbieten. Wird man erwischt beim Taggen, wird erst mal geguckt, ob die Botschaft antiislamisch ist. Wenn ja, hat man ein Problem."

Weitere Artikel: Mit Christoph Waltz, dem Schauspieler, der mit Tarantinos "Inglourious Basterds" auch international ganz groß rauskommt, hat Stefan Grissemann gesprochen. Mathias Bröckers hat vierzig Jahre nach Woodstock bei einem Goa-Festival in Brandenburg dem sehr lebendigen Hippie-Geist selber mit tanzend beim Tanzen zugesehen. In ihrer "Leuchten der Menschheit"-Kolumne schreibt Tania Martini über künstlerische "Hypergentrifizierung" in der Londoner City. Michael Rösener unterhält sich mit Christoph Scheurle über das Buch, das dieser über Selbstdarstellungsstile deutscher Bundeskanzler im Fernsehen geschrieben hat.

Besprochen werden das neue Zoot Woman-Album "Things Are What They Used to Be", Kevin Smiths neue Komödie "Zack and Miri Make a Porno" und Bücher, darunter Annie Proulx' Geschichtenband "Hier hat's mir schon immer gefallen" und Paolo Flores d'Arcais' Pamphlet "Die Linke und das Individuum" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

FAZ, 15.08.2009

Der amerikanische Wissenschaftsautor Ed Regis berichtet verblüffend unkritisch von einer exklusiven Veranstaltung, bei die Genom-Forscher Craig Venter und George Church einem Kreis von Wirtschafts-Visionären einen von der schönen neuen Zukunft erzählten. "Dann erklärte [Church], dass es vermutlich möglich sei, durch gezielte Manipulation des Elefantengenoms dem Wollhaarmammut zu neuer Existenz zu verhelfen. Und durch ähnliche Manipulation des Schimpansengenoms könne man möglicherweise den Neandertaler wieder zum Leben bringen. 'Warum sollte man Neandertaler wiederbeleben wollen?', fragte ein Gast. 'Um einen Verwandten zu schaffen, der uns einen neuen Blick auf uns ermöglicht', antwortete Church." Begleitend erläutert Joachim Müller-Jung, worum es sich bei der synthetischen Genomik, um die es dabei geht, eigentlich handelt.

Weitere Artikel: Irene Bazinger glossiert das Berliner Sommertheater, das die Herren Hochhuth und Peymann gerade aufführen. Die ideologischen Vorder- und Hintergründe des heftigen Streits um die von Barack Obama propagierte Gesundheitsreform kennt Jordan Mejias. Jürgen Dollase zeigt sich erfreut, dass das einstmals so großartige Basler Restaurant "Stucki" (Speisekarte) unter der neuen Küchenchefin Tanja Grandits auf dem Weg zurück zum alten Rang ist. Marcus Jauer besucht seine Heimat, auch die "Adria" seiner Kindheit im Norden von Leipzig. Auf der Medienseite sichtet Eva-Maria Lenz die neuen Filme in der "Gefühlsecht"-Reihe des Kleinen Fernsehspiels. Michael Hanfeld schreibt zum Tod des Gitarren-Virtuosen und -Erfinders Les Paul, von Wolfgang Sandner kommt der Nachruf auf den Jazz-Schlagzeuger Rashied Ali.

Im Aufmacher von Bilder und Zeiten erklärt der Wissenschaftshistoriker George Dyson die Spieltheorie und auch die Finanzkrise und ihre Ursachen: "Das gegenwärtige Fehlverhalten unserer Wirtschaft, sosehr es das Fehlverhalten von Menschen und Institutionen spiegelt, ist eher Ausdruck des Verhaltens selbstreproduzierender Maschinen und selbstreplizierender Codes." (Hier das englische Original bei edge.org. ) Verena Lueken unterhält sich mit dem Schauspieler Christoph Waltz darüber, dass nach seinem grandiosen Auftritt in Tarantinos "Inglourious Basterds" nichts Größeres kommen wird - und über die Schauspielerei allgemein: "Ich glaube nicht daran, dass es gute und schlechte Schauspieler gibt. Ich glaube an Besetzung. Ich glaube, es gibt für jeden Schauspieler eine Rolle, zumindest eine Rolle, in der er herausragend sein kann." Florian Balke besucht Reinhard Kaiser, der den "Simplicissimus" in heutiges Deutsch übertragen hat.

Besprochen werden Claus Guths Inszenierung von Mozarts "Le nozze di Figaro" in Salzburg, vier Sinfonien von Brahms als Live-Mitschnitte der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, neue Alben von den Cave Singers und den Dirty Projectors, in Kürze einige Filme, darunter auch Sono Sions "Love Exposure" ("das reine Glück", schwärmt Rüdiger Suchsland) und Bücher, darunter Terezia Moras neuer Roman "Der einzige Mann auf dem Kontinent" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 15.08.2009

Die Bayern haben heute Mariä Himmelfahrt, einen ihrer notorischen Feiertage. Wir gratulieren.