Heute in den Feuilletons

Per Kabel ins Kino fließen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.12.2008. Die NZZ twittert und bloggt iranisch. Die Welt geht ins digitale Kino und blickt Tierversuchsgegnern ins Hirn. Im Tagesspiegel warnt Wolfgang Schivelbusch vor der regressiven Sehnsucht nach dem Staat. In der taz rät Jane Birkin zu schmerzlosen Lifting-Techniken. Aber niemand toppt die journalistische Ethik des FAZ-Feuilletons.

NZZ, 05.12.2008

Heribert Seifert zeigt sich nicht sonderlich beeindruckt von den Hymnen auf den Internetdienst Twitter, über den als erstes von den Terrorattacken in Mumbai berichtet wurde. Aber: "Stichproben zeigen, dass auf den einschlägigen Twitter-Feeds die Augenzeugenberichte vom Ort des Geschehens schon bald in der Minderzahl waren. Stattdessen häuften sich die Kundgaben persönlicher Betroffenheit von Twitter-Nutzern fern vom Schauplatz und emotionale Kurzkommentare zur langsam anlaufenden Berichterstattung im Fernsehen. Die 'Netzgezwitscher'-Maschine Twitter verwandelte sich rasch wieder in den Echoraum von Gerüchten, Selbstdarstellungen und purem Geschwätz."

"vk." berichtet von einer Berliner Konferenz des Aspen-Instituts zur Lage der Blogger im Iran: "Die Internet-Aktivisten wünschen sich Unterstützung vom Ausland. Die Grundbedingung dafür ist aber, dass sie nicht von Regierungsstellen kommt, denn das würde den Behörden die Handhabe zur Verurteilung der Blogger als Spione liefern. Die iranischen Aktivisten wünschen sich vor allem Hilfe bei der Ausbildung in der Produktion zuverlässiger Nachrichten und Inhalte, in den Techniken der Internetnutzung und in der Umgehung der obrigkeitlichen Sperrungen."

Im Feuilleton denkt Martin Meyer über den Terror von Mumbai nach und kommt unter anderem zu folgendem Schluss: "Nicht der eigene Opfertod sorgt für den krönenden Abschluss, sondern es ist die Vollstreckung an sich, aus der sich der Furor hier alimentiert. Natürlich mussten die Mörder damit rechnen, ihrerseits ausgelöscht zu werden. Aber in den Köpfen herrschte zugleich und vorantreibend ein spielfreudiger Elan; eine Form von 'action painting' mit der Farbe des Blutes."

Besprochen werden die Ausstellung "Medium Religion" im Karlsruher ZKM, die Schau europäischer Bauprojekte "ArchiLab" in Orleans, neue Einspielungen von Olivier Messiaen und politische Bücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 05.12.2008

Wer sagt denn, dass in der taz nicht ein ordentliches Glamour-Gespräch möglich ist? Dorothea Hahn unterhält sich mit Jane Birkin über ihre neue Platte. Und das geht so los:
"taz: Frau Birkin, seit mehr als vier Jahrzehnten strahlen Sie Frische und Unschuld aus. Wie wahren Sie diese junge Aura?
Jane Birkin: Ich finde mich weder frisch noch unschuldig. Wohl aber wie eine alte Jugendliche. Ich habe keinen Mut zu einem Lifting gehabt. Aus Stolz. Aber Lächeln ist wichtig.
taz: Lächeln als Geheimrezept?
Birkin: Es macht den Effekt von einem Lifting aus. Ein vages Lächeln in die Zukunft. Und nur minimale Schminke auflegen. Die jungen Mädchen mit 15 oder 16 Jahren sind sehr hübsch, wenn sie viel Schminke und Lippenstift tragen. Aber ich benutze das strikte Minimum."

Besprochen werden "Sutra", Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie mit Mönchen eines Shaolin-Klosters, in Berlin und neue Folk-CDs.

Auf der Medienseite stellt Dominik Schottner die Website nicht-erschienen.de vor, auf der Journalisten nicht Veröffentlichtes doch veröffentlichen.

Tom.

FR, 05.12.2008

Im Aufmacher zeigt sich Martin Lüdke schwer enttäuscht von Volker Brauns Roman "Machwerk Oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer" über einen Arbeiter, der in der DDR im Tagebau gearbeitet hat. "Das 'Schichtbuch' ist mit vielen 'Calauern' angereichert und mit Sprüchen, die zur Hände Arbeit gehörten wie damals die Energie zu Cottbus. Da fällt manch 'ein Schwein von Herzen' und hinterlässt nicht nur bei 'Zigaunern', 'meistbetend' natürlich, 'flaue Flecken'. Ein Schelm, wer böses denkt. Denn Volker Braun meint es natürlich gut. Er kämpft schließlich um das 'Lebensrecht' auf Arbeit." Und das, findet Lüdke, ist irgendwie 19. Jahrhundert.

Außerdem: In Times mager lässt sich Christian Schlüter eine Lektion in Sachen Liebe von Horst Köhler erteilen. Auf der Medienseite berichtet Katja Ridderbusch von Christiane Amanpours CNN-Sendung über Menschen, die gegen Unrecht gekämpft haben. Eckhard Stengel meldet schwere Verwerfungen in der Führungsspitze von Radio Bremen.

Besprochen werden Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie mit Shaolin-Mönchen "Sutra" in Berlin, Tennessee Williams' Stück "Treppe nach oben" in Roberto Cullis Inszenierung in Mühlheim an der Ruhr und das neue Album "Universal Mind" des Conscious-Rappers Common (das Thomas Winkler freudig in die Zukunft des HipHops blicken lässt).
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Aus den Blogs, 05.12.2008

Via Jezebel. Bei einer Podiumsdiskussion in New York waren Vogues Anna Wintour, Vanity Fairs Graydon Carter und New Yorkers David Remnick total optimistisch, was die Zukunft von Zeitschriften und Magazinen angeht. Gilt aber nur für 100-jährige.

Via 3 quarks daily. Barack Obamas kenianischer Großvater war von den Briten eingesperrt und gefoltert worden, berichtet die Times. "Hussein Onyango Obama, Mr Obamas Großvater väterlicherseits, war an der Unabhängigkeitsbewegung Kenias beteiligt, als er nach dem Krieg als Koch für einen britischen Armeeoffizier arbeitete. 1949 wurde er verhaftet und zwei Jahre in ein Hochsicherheitsgefängnis gesperrt, wo er entsetzlich misshandelt wurde, um Informationen über den wachsenden Aufstand herauszupressen. 'Die afrikanischen Gefängniswärter waren von den weißen Soldaten angewiesen worden, ihn jeden morgen und jeden abend auszupeitschen, bis er gesteht', sagte Sarah Onyango, Hussein Onyangos dritte Frau, die Mr Obama 'Granny Sarah' nennt."

Oh, und kennen Sie schon den 27-jährigen Redenschreiber Obamas, John Favreau?

Tagesspiegel, 05.12.2008

Im Interview erklärt der Historiker Wolfgang Schivelbusch seine Sicht auf den New Deal und warum er nichts von der neuen Sehnsucht nach dem Staat hält. "In dieser Sehnsucht fungiert der Staat als Erlöser, er soll es richten. Der noch primitivere Reflex, den man in den dreißiger Jahren beobachten konnte, sowohl unter Roosevelt in den USA, als auch in Italien unter Mussolini und im nationalsozialistischen Deutschland, ist die Haltung: Zurück zum Boden, ein Rückgriff auf Landwirtschaft." Hervorgerufen werde diese Sehnsucht durch das "Gefühl von Schwindel im doppelten Wortsinn": "Schwindel als Betrug und das Schwindelgefühl beim Taumeln. Die Börsenkurse fallen ins Bodenlose, in der Inflation verfällt der Wert des Geldes, alle Sicherheiten entgleiten. Dem entspricht ein Sturz in den Gemütern. Es ist auch eine Reaktion darauf, dass in den Zwanzigern die Güter um die Welt gejagt wurden, der Raum schrumpfte. Die Versprechungen der Ferne, der Exotismus - das löst zuerst euphorische Schübe aus. In der Krise produziert die nah gerückte Ferne große Angst. Das kippt um in Träume von Autarkie und Rückbesinnung auf das Agrarische."

Welt, 05.12.2008

So langsam werden nun auch die Kinos digital umgerüstet. Hanns-Georg Rodek erklärt in einem interessanten Hintergrundstück, was das für die Branche bedeutet und wie sie sich in Deutschland geeinigt hat, um die Lasten der Umrüstung zu teilen. Dann heißt es ade, Zelluloid: "Und so werden in wenigen Jahren nicht mehr die großen Pakete in den Kinos ankommen, sondern kleine Päckchen mit einer Festplatte, die der Vorführer an seinen Digitalprojektor anschließt und dann mit einem extra gelieferten Schlüssel aktiviert. Wo es bereits Hochgeschwindigkeitsnetze gibt, werden die Pixel von einem Download-Portal per Kabel ins Kino fließen. Und die meisten von uns werden im Saal sitzen und glauben, alles sei wie zuvor."

Weitere Artikel: Für den Aufmacher besucht Eckhard Fuhr eine Ausstellung über die deutschen Natonalsymbole im Bonner Haus der Geschichte. Michael Pilz berichtet über einen Plagiatsvorwurf gegen den Gitarristen Gary Moore. In der Glosse greift Matthias Heine den Vorschlag des Ministers Bernd Neumann auf, Kinofilme in den Deutschunterricht aufzunehmen. Wieland Freund liest Joanne K. Rowlings kleinen Harry Potter-Epilog "Das Märchen von Beedle dem Barden". Manuel Brug unterhält sich mit dem dem Berliner Tanzstar und Chef des Staatsopernballett Wladimir Malakov, der erstmals nach einer Knieoperation in einer Choreografie Mauro Biganzettis wieder tanzen wird. Michael Pilz gratuliert J. J. Cale zum Siebzigsten. Besprochen wird überdies "Kabale und Liebe" in der Berliner Schaubühne.

Auf der Magazinseite unterhält sich Michael Miersch mit dem Bremer Hirnforscher Andreas Kreiter, der wegen seiner - für die Tiere schmerzlosen - Versuche mit Affen scharf angegriffen wurde. Zur Ethik der Tierversuche  sagt er: "Ich halte es für fragwürdig, Tiere zum Beispiel für reine Freizeitvergnügen erheblichen Leiden auszusetzen. Das sind verzichtbare Zwecke. Während in der Forschung Tiere ganz selbstverständlich nur genutzt werden dürfen, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, eine wesentliche Erkenntnis zu erzielen, sind die Regeln in allen anderen Bereichen des Umgangs mit Tieren sehr viel lockerer. Würden wir das Ausschlusskriterium der 'Ersetzbarkeit', das bei Tierversuchen gilt, auf die Nutzung von Rindern, Schweinen und Hühnern anwenden, müssten wir sofort unseren Fleischkonsum ebenso wie das Tragen von Lederschuhen einstellen."

FAZ, 05.12.2008

Heftig brodelt's im engen Mief der parajournalistischen Blogosphäre. Der Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer, der selbst gern über journalistische Ethik referiert, ist in seinem Blog von seinem Handelsblattkollegen Sönke Iwersen angegriffen worden und hat den Kommentar zunächst gestrichen, was ihm als Heuchelei ausgelegt wird. Nun lässt sich die FAZ in journalistischer Ethik ungern toppen und bestellt Christian Geyer zur Moralpredigt. "Aber halt - war die Debatte nicht schon längst geführt worden? Hatten wir uns nicht alle miteinander darauf geeinigt, dass traditionelle Medien und Internet in einem fruchtbaren Verhältnis der Ergänzung stehen, statt realitätsfremd das eine Medium gegen das alte ausspielen zu wollen? Müssen wir nun wirklich noch einmal in die Bütt steigen..." Süßer säuseln nur Pfaffen.

Sehr optimistisch äußern sich auf der Medienseite die - nicht mehr ganz - neuen Spiegel-Chefredakteure Georg Mascolo und Matthias Müller von Blumencron: "Mir geht in diesen zugegeben schwierigen Zeiten zu häufig der Gedanke verloren, dass Krisen für Journalisten auch 'gute' Zeiten sind, dies gilt insbesondere für unser Haus. Immer wenn die Menschen wissen und verstehen wollen, was geschieht, dann liegt der Griff zum Spiegel nahe. Das sehen wir auch bei Spiegel Online, wo die Zahl der Seitenaufrufe durch die Decke geht."

Weitere Artikel: Andreas Rossmann hat sich mit Emory Douglas, dem früheren Grafiker der Black Panther, über die Zeit nach der Obama-Wahl unterhalten. Stefanie Peter staunt, dass die zuvor aufgrund ihrer Nähe zur Jugendkultur geschätzte polnische Autorin Dorota Maslowska mit ihrem neuen Theaterstück "Zwischen uns läuft es gut" plötzlich ausgesprochen konservativ auftritt. In seiner Kolumne fragt sich Eduard Beaucamp, wann endlich die deutsch-deutsche Kunstgeschichte wiedervereinigt wird. Gemeldet wird, dass das Bundesarchiv nach und nach hunderttausend Bilder kostenlos an die Wikipedia herausgibt - und das heißt: zur freien (CC 3.0-Lizenz) Verwendung an alle Welt. Jürgen Kaube gratuliert der einen Leibniz-Preisträgerin und den zehn Preisträgern, insbesondere freilich dem Germanisten und FAZ-Autor Heinrich Detering. Jochen Hieber weiß, warum Franck Ribery neuerdings in Rosa auftritt. Gina Thomas teilt mit, dass die Leute eifrig für den Verbleib zweier Tizian-Gemälde in den Nationalgalerien von Edinburgh und London. In der Glosse fürchtet Nils Minkmar, dass die Autoindustrie inzwischen ein Fall für Uri Geller und Erich von Däniken ist. Hannes Hintermeier gratuliert dem Schriftsteller Alois Brandstetter zum Siebzigsten. Marcel Reich-Ranicki schreibt zum Tod des Lyrikers Peter Maiwald, Jürgen Kesting hat einen Nachruf auf die Sopranistin Christel Goltz verfasst. Und im ersten Eintrag seines neuen FAZ-Comic-Blogs verkündet Andreas Platthaus die für Strizz-Fans traurige und Ralf-König-Fans gute Nachricht, dass "Strizz"-Zeichner Volker Reiche Anfang nächsten Jahres aufhört - und dass ihm zunächst einmal Ralf König nachfolgt.

Besprochen werden ein Münchner Kid-Rock-Konzert, die von Horst Köhler eröffnete Ausstellung "Flagge zeigen" in Bonn, eine "E.T.A. Hoffmann"-Ausstellung in Berlin, Enrique Fernandez' Film "El bano del Papa - Das große Geschäft" (Website) und Bücher, darunter die "Friedrich Sieburg"-Biografie von Cecilia von Buddenbrock (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 05.12.2008

Petra Steinberger meint anlässlich der Anschläge von Mumbai über Guerillakriege in den Städten: "Städte bieten das ideale Territorium für diese neue Art der Kriegsführung, den asymmetrischen Krieg." Andreas Zielcke hat einen Vortrag des Physikers William D. Phillips mit dem schönen Titel "Time and Einstein in the 21st Century - The Coolest Stuff in the Universe" gehört. Für einen Studiengang "Weltkunst" plädiert Damian Dombrowski. Jörg Königsdorf hält es für keine schlechte Idee, dass Placido Domingo seine Karriere als Bariton ausklingen lässt. Warum die nun gerichtlich bestätigten Plagiatsvorwürfe gegen Gary Moore absurd sind, erklärt Max Fellmann: die Melodie, um die es geht, ist seit Jahrhunderten allgemein vertraut und oft verwendet. Thomas Steinfeld gratuliert dem Germanisten und Publizisten Heinrich Detering zum Erhalt des mit 2,5 Millionen Forschungsgeldern verbundenen Leibniz-Preises. Jens-Christian Rabe wünscht dem Songwriter J.J. Cale einen guten Siebzigsten. Thomas Steinfeld schreibt knapp zum Tod des Lyrikers Peter Maiwald. Auf der Medienseite fragt Charlotte Frank, ob die Deutsche Welle ein "Qualitätsproblem" hat.

Besprochen werden Falk Richters "Kabale und Liebe"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne, ein Auftritt des Pianisten Evgeni Koroliov in München, die Ausstellung "Flagge zeigen" in Bonn, die Ausstellung zu "Franz von Stuck" in der Münchner Villa Stuck und Bücher, darunter der von Moritz von Uslar und Benjamin von Stuckrad-Barre herausgegebene Band "Trallafitti-Tresen. Das Werk von Udo Lindenberg in seinen Texten" und neue Kinder- und Jugendbücher (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).