Volker Braun

Machwerk

Oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer
Cover: Machwerk
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783518420270
Gebunden, 225 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

In einer Gegend, die es "hinter sich hat", ist Meister Flick unter die Arbeitslosen geraten. War er einst bei Havarien im Tagebau der Niederlausitz gefragt, wird er jetzt, mit 60, auf dem Amt vorstellig. Bereitwillig übernimmt er jeden Auftrag: Abfallbeseitigung in den Gruben, Museumswärter und sonstige 1-Euro-Jobs. Wird er nicht vermittelt, beschäftigt er sich selbst und nimmt einem Bautrupp die Schaufeln ab, setzt bestreikte Werkhallen in Gang oder hilft einer Frau beim Sterben. Wurde Flick früher zu Unfällen gerufen, führt er selbst jetzt die Katastrophen herbei. Trotz bester Absicht füllt sich sein Schichtbuch mit seltsamen Einsätzen: Die Arbeitswelt, in der er seinen Platz sucht, gibt es nicht mehr. Begleitet wird er von Luten, seinem Enkel und Gegenpart, der die Arbeit nicht gerade erfunden hat. Flick von Lauchhammer rennt in 48 Schwänken gegen die globalen Windräder an.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.12.2008

Ein Schelmenroman, komisch und tragisch zugleich, aber am Ende "doch nur traurig". So beschreibt Martin Lüdke seinen Lektüreeindruck. Für Lüdke rennt der Text gegen Windmühlen an. Die tragische Hauptfigur, der für sein Recht auf Arbeit streitende Malocher Flick, und Volker Brauns an einen untergegangenen Staat adressiertes Lamento über versäumte Chancen laufen für ihn gleichermaßen ins Leere. Stilistisch, weil er Brauns Verquickung von hohem Ton und Kalauer für unzeitgemäß hält, weil "Klartext" angesagt wäre, wie er schreibt. Inhaltlich, weil Lüdke den hier zugrundegelegten Arbeitsbegriff und die darauf aufbauende Gesellschaftskritik nicht mehr nachvollziehen kann, weder moralisch, noch politisch oder ökonomisch. Zwar ist der Autor sich treu geblieben, räumt Lüdke ein, den veränderten Verhältnissen aber, so legt er nahe, entspricht das nicht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2008

Friedmar Apel "is not amused". Das hat sich der Autor sicher anders gedacht. Vermutet auch Apel angesichts des von Volker Braun gewählten Trampelpfades des schwankhaften Schelmenromans. Doch das Witzfeuerwerk in diesem Roman über einen DDR-Vorzeigebergmann in Zeiten von Hartz IV will nicht zünden. Weder das Kunstidiom aus Lausitzer Volkssprache, Reimwerk und dem Jargon aus Bürokratie, Politik und Ökonomie noch die dem Leser am laufenden Band präsentierten Abenteuer des Helden und auch nicht die eingeflochtenen "globalen Probleme" entlocken dem Rezensenten irgendeine Gemütsregung. Halt, doch: Möglicherweise ein Gähnen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.11.2008

In höchsten Tönen lobt Rezensent Rolf-Bernhard Essig das neue Buch von Volker Braun, das aus seiner Sicht ”in bester Volksbuchtradition” steht: ”Marke Till Eulenspiegel” oder ”Simplicissimus”. So ”kraftvoll, böse, gleichwohl kalauernd komisch und wundervoll vorwärts schreitend” sei diese Geschichte eines Frührentners und seines Enkels in den Industriebrachen der ehemaligen DDR ausgefallen, der von der Arbeitssuche auch nach Polen oder Frankreich verschlagen wird, dass er mit seinen Befunden wohl manchen Deutschen aus dem ”Tumbheitsschlaf” wecken müsse, wie Essig hofft. Er muss immer wieder lachen vor lauter Genuss, den er mit dem ganzen im Roman  kompilierten Material hat, darunter auch Brecht und die Bibel, wie man liest. Aber manchmal bleibt ihm das Lachen im Halse stecken, weil die satirischen Ereignisse ”zur Kenntlichkeit” entstellt sind und Braun keine schlimme Wahrheit über den ”Standort Deutschland” auslassen würde, von Sozialspionage über windige Theaterexperimente bis hin zu Prostitution und nacktem Tagelöhnerelend.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.11.2008

Rezensent Jörg Magenau mochte den neuen Roman von Volker Braun, den er als Schelmen- und Abenteuerroman aus der untergegangenen Arbeitswelt der ebenfalls untergegangenen DDR gelesen hat, und den er dem "fantastischen Realismus" zugeordnet wissen will. Er mochte auch den Protagonisten, Meister Flick, der mit seinem "nutzlosen" Enkel die verödeten Industrielandschaften des Romans (und der Gegend um Bitterfeld) durchstreift wie Don Quichote mit Sancho Pansa. Man muss ihn sich Magenau zufolge wie einen altgewordenen Manfred Krug aus dem Film "Spur der Steine" vorstellen. Die Windmühlen sind hier, wie man liest, neuzeitliche Windräder, Meister Flick gehört allerdings gerade nicht zur ökologischen Avantgarde. Die von Arbeit gezeichnete und zerstörte Landschaft ist ihm lieber als die Natur, erzählt Magenau. Er findet Volker Brauns literarische Technik bemerkenswert, einerseits zu erzählen und sich als "der Verf." auf einer zweiten Ebene zusätzlich einzuschalten. Und er freut sich immer wieder auch an Brauns lyrischem Temperament, das er aus dessen "quirligen Sätzen" hervorspudeln sieht. Manchmal allerdings wird das Bizarre und Verschnörkelte dieses in viele kleine Kapitel und Schwänke unterteilten Romans und seiner Sprache dem Rezensenten etwas zu viel.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.10.2008

Volker Braun begleitet in seinem Roman den bis zur Wende im Braunkohletagebau tätigen und nun arbeitslos gewordenen Lausitzer Flick nicht nur bei der Suche nach Arbeit, er sondiert die Sprache auch gewissenhaft nach Doppeldeutigkeiten und verborgenem Sinn, stellt Martin Krumbholz fest. Nach wie vor spürt der Rezensent gewisse "gesellschaftskritische" Tendenzen, die vor allem das Frühwerk des DDR-Autors stark geprägt haben. Doch genauso wie seinem Helden, dem Braun hier einen veritablen "Schelmenroman" auf den Leib geschrieben habe, sind auch dem Autor die "Utopien" abhanden gekommen, wie der Rezensent erkennen muss. Ohne Zweifel sei dieser Roman ein meisterhaftes "Sprachkunstwerk", in dem Braun nicht müde werde, sein Sprachmaterial handwerklich zu bearbeiten, betont Krumbholz. Er muss aber gestehen, dass darüber mitunter auch die "Leichtigkeit" verloren geht und so die Mühe spürbar wird, die Braun bei seiner Spracharbeit aufwenden musste, was Krumbholz' Vergnügen etwas getrübt hat: "Die Prosa riecht nach Artbeit."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.10.2008

Mit dem arbeitslosen Bergmann Flick schickt Volker Braun nicht etwa die alte Figur des "Schalks" im neuen Gewand auf Arbeitssuche durch die Lausitz, sondern aktualisiert die "Hohlform" des Schelmenromans, freut sich Lothar Müller. Er feiert das in Episoden erzählende Buch, in dem Flick nicht nur am "Ein-Euro-Abend" an der Berliner Volksbühne teilnimmt oder sich an einer im Hamburger Bahnhof ausgestellten Installation vergreift, sondern auch die Flure des Arbeitsamts unsicher macht, als gutes Exempel dafür, wie man aus alten literarischen Formen und aktuellen Inhalten "Funken" schlagen kann. Mit Flick habe der Autor ein "Gespenst der Produktion" auf die Reise geschickt, der sich nicht in der Untätigkeit einrichten will und dessen Schwänke ein Gegenwartsbild aufscheinen lassen, das durch die altertümliche Sprache nur umso zeitloser wirkt, so Müller angeregt.
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