Heute in den Feuilletons

Er hat das ästhetische Territorium verlassen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.06.2008. In Spiegel Online schreibt Matthias Matussek einen wutschnaubenden Offenen Brief an Alice Schwarzer. Die Welt warnt vor schwerwiegenden kulturellen Missverständnissen bei der Kontaktaufnahme mit unbekannten Völkern. Die FR findet: Pina Bausch geht weit zurück, aber geht sie auch zu weit? In der NZZ spricht der australische Philosoph Peter Singer über Kindstötung. Die FAZ findet die neue Kölner Moschee nach außen offener als nach innen. Die New York Times bringt bereits einen ausführlichen Nachruf auf Yves Saint Laurent.

Spiegel Online, 02.06.2008

Matthias Matussek schreibt einen wutschnaubenden Offenen Brief an Alice Schwarzer, die in der FAZ am Sonnabend die Sanktionen westlicher Länder gegen das Militärregime in Burma kritisiert hatte: "Sie erwähnen das Weißbuch 'From Dictatorship to Democracy', das von einer 'von Präsident Reagan initiierten' Organisation herausgegeben wurde und nun auf burmesisch erschien. Ändert sich damit irgendetwas an der Tatsache burmesischer Menschenrechtsverletzungen? Irgendetwas an der Tatsache, dass Hunderttausende hungern und Tausende krepieren, weil die Militärs aus einem zynischen Machtkalkül heraus Hilfe blockieren?"

Spiegel Online bringt auch die Agenturmeldung vom Tod Yves Saint Laurents, die für die heutigen Zeitungen zu spät kam.

Weitere Medien, 02.06.2008

Yves Saint Laurent ist tot. Le Monde zitiert seinen Compagnon und Lebenspartner Pierre Berge: "Gabrielle Chanel hat den Frauen Freiheit gegeben. Yves Saint Laurent gab ihnen Macht. Er hat das ästhetische Territorium verlassen, um das gesellschaftliche zu erobern. Sein Werk ist von gesellschaftlicher Bedeutung." Bei Youtube findet sich ein alter Fernsehbeitrag über Saint Laurents erste eigene Couture-Show.

In der New York Times bringt Anne-Marie Schiro bereits einen ausführlichen Nachruf: "During a career that ran from 1957 to 2002, he was largely responsible for changing the way modern women dress, putting them into pants both day and night, into peacoats and safari jackets, into 'le smoking' (as the French call a man's tuxedo jacket), and into leopard prints, trench coats and, for a time in the 1970's, peasant-inspired clothing in rich fabrics."

Welt, 02.06.2008

In den tiefsten Tiefen des Amazonaswaldes wurde ein bisher unbekanntes Volk aufgespürt. Ulrich Baron warnt vor einer Romantisierung des Naturlebens: "Jeder Mensch strebt danach, seine Lebensverhältnisse zu optimieren, und wer ein Dschungelvolk dafür preist, dass es im Einklang mit der Natur lebe, der behauptet auch, dass gezielte Kindstötung und ein permanenter mörderischer Kleinkrieg mit den Nachbardörfern zum naturgemäßen Leben dazugehöre, weil er die Umwelt vor Übervölkerung schütze. Solch gewalttätiger 'Einklang mit der Natur' hat aber nichts Paradiesisches, sondern bringt eine permanente Todesangst mit sich, die unsere eher vagen Existenzsorgen harmlos erscheinen lässt."

Bereits gestern warnte Sabine Kuegler, Autorin des Bestsellers "Dschungelkind", vor kulturellen Missverständnissen bei Annäherung an solche Völker: "Ich hörte von einem Fall, wo ein amerikanisches Ehepaar in einen Stamm hineinging. Die Frau lächelte den Häuptling immer an. Ein paar Wochen später brachte der Häuptling ihren Mann um. Die Frau schrie um Hilfe. Es kamen Leute hinzu, die den Häuptling befragten. Der sagte: 'Sie wollte mich doch zum Mann haben, also war ich verpflichtet, ihren Mann umzubringen.'"

Weitere Artikel: "Gut möglich, dass es Proteste hagelt", meint Marion Leske zur Figur einer gekreuzigten Frau, die der Künstler Maurizio Cattelan an die Außenwand einer Kirche in Stommeln bei Köln nagelte. Manuel Brug kommentiert das "Leipziger Opernallerlei" nach der Teildemission von GMD Riccardo Chailly.

Besprochen werden das Musical "Kiss me Kate" in der Komischen Oper Berlin mit der laut Manuel Brug famosen Dagmar Manzel, eine neue Platte des einst berühmten Popduos Yazoo, eine neue Choreografie Pina Bauschs in Wuppertal und DVDs, darunter eine Kassette mit neuen Filmen aus Osteuropa.

Auf der Magazinseite porträtiert Monika Lembke den Galeristen Volker Diehl, der es als erster Westeuropäer wagte, in Moskau eine zeitgenössische Galerie zu eröffnen.
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FR, 02.06.2008

Begeistertes Publikum, entgeisterter Kritiker. Pina Bausch, stellt Arno Widmann fest, will mit ihrem titellosen neuen Stück "alles nur schön". Da kann er nur hoffen, dass noch was nachkommt: "Pina Bausch ist weit hinter sich zurückgefallen. So weit, dass man nicht glauben kann, es handele sich um ein Versehen, um etwas, das ihr gewissermaßen passiert ist. Träumt sie von einem Schönen ohne bitteren Nachgeschmack, ohne schlechtes Gewissen? Nein, darum geht es nicht. Sie nimmt ihre Kritik heraus aus den Zitaten der Kunst der 30er Jahre, um zu sehen, wie die ausschaut ohne die Brille der Späteren, ohne das Wissen um Massenvernichtung und Niederlage. Dazu geht sie zurück, weit, weit zurück. Sie nimmt - hoffe ich - Anlauf, um besser springen zu können. 'Neues Stück 2008' ist dieser Anlauf. Noch ist sie nicht gesprungen. Wir wissen nicht, ob sie noch springen wird."

In einer Times Mager von Peter Michalzik geht es um allerlei Feuchtigkeiten und Flüssigkeiten.

Besprochen werden Bruno Beltraos und Stefan Kaegis Berliner Performance "Chacara Paraiso", Christian Weises Inszenierung von Soeren Voimas Stück "Eos" in Stuttgart, eine Gekreuzigte des Provokationskünstlers Maurizio Cattelan in Pulheim, eine Lübecker Ausstellung, die Günter Grass' Brandt-Begeisterung dokumentiert, eine Walser-Lesung im Goethe-Haus und Sabine Doering-Manteuffels Studie "Das Okkulte" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 02.06.2008

Vor 17 Jahren konnte der australische Philosoph Peter Singer einen Vortrag in Zürich nicht halten, "weil das Publikum mit Trillerpfeifen und Rasseln einen unglaublichen Lärm machte, um mich am Reden zu hindern. Als die Leute anfingen, 'Singer raus, Singer raus' zu rufen, habe ich auf den Overhead-Projektor geschrieben: Früher riefen die Leute 'Juden raus!', heute rufen sie 'Singer raus!'." Im Gespräch mit Barbara Bleisch und Michael Schefczyk erklärt Singer auch, warum die Argumente gegen die Tötung schwerkranker Neugeborener seiner Ansicht nach bis heute nicht greifen: "Die Parallele zur Nazi-Euthanasie ist an den Haaren herbeigezogen. Ich glaube, dass die hysterische Reaktion in Deutschland und der Schweiz zeigt, dass man im Grunde kein Vertrauen in die Vernunft hat. Man glaubt letztlich nicht, dass die Leute den Unterschied begreifen können zwischen der Vermeidung unnötigen Leidens und Verbrechen der Nazis."

Mona Sarkis berichtet von der schlechten Organisation des Festivals in Damaskus anlässlich der Ernennung zur "Hauptstadt der arabischen Kultur 2008" durch die Arabische Liga. "Die erstrangige Prominenz wird wohl ausbleiben, und das nicht allein aufgrund zu spät verschickter Einladungen, sondern auch, weil viele ihre Namen nicht zu Werbezwecken für Syriens Diktatur missbraucht sehen wollen. Zumal diese das Jahr mit einer neuen Verhaftungswelle unter den eigenen Eliten begann. So wurde just an dem Abend, da Fairuz auftrat, um - wie die libanesische Tageszeitung Al-Akhbar hoffte - 'als Stimme der Freiheit für die Gefangenen zu singen', der Reformdenker Riad al-Seif vom Geheimdienst abgeholt."

Weitere Artikel: Mit Wehmut hörte Martin Meyer ein Klavierkonzert mit Alfred Brendel, der dieses Jahr seine Laufbahn als Pianist beenden will. Lilo Weber hat mit dem neuen (noch namenlosen) Stück von Pina Bausch in Wuppertal ein "Stück der Diven" gesehen. Hubertus Adam besuchte die Architekturgespräche Luzern und beschreibt sogenannte "Branding-Strategien" in der Architektur. Und Maria Becker erklärt, warum es für kleinere Kunsträume und Off-Spaces immer schwieriger wird, sich im von prestigeträchtigen Institutionen dominierten Museumsstandort Basel zu behaupten.

Aus den Blogs, 02.06.2008

Folgendes gibt Burkhard Müller-Ullrich in der Achse des Guten aus aktuellem Anlass zu den Vorteilen moderner Kommunikation zu bedenken: "Das Telefon ist ein Gerät, durch das die Überwachung und Bespitzelung der Menschen sehr vereinfacht wird. Bevor es das Telefon gab, musste man Kuriere abfangen, Briefumschläge mit Wasserdampf öffnen oder mucksmäuschenstill unter fremden Betten liegen, um etwas zu erfahren, seit der Einführung des Telefons jedoch genügt es, die Leitung anzuzapfen. Denken wir ein bisschen dialektisch, dann erkennen wir: der Hauptzweck des Telefons liegt im Angezapftwerden, nur nebenbei dient es auch noch der Kommunikation."

TAZ, 02.06.2008

Nach dem Ausstieg von Bernd Lunkewitz beim Aufbau-Verlag fragt sich Wiebke Porombka, warum keiner der großen DDR-Verlage es in die neue Zeit geschafft hat. "Die Bilanz fällt relativ verheerend aus, auch wenn die Treuhandanstalt die Privatisierung von mehr als 50 Buch- und Zeitschriftenverlagen gern als Erfolgsgeschichte deklariert. Für den Verlag Reclam Leipzig immerhin hat es zum Imprint des Stuttgarter Stammhauses gereicht. Volk und Welt, der zweitgrößte belletristische Verlag der DDR, hatte mit Thomas Brussigs 'Helden wie wir' und seinen rund 100.000 verkauften Exemplaren Mitte der Neunzigerjahre noch einen Etappensieg verbuchen können. 2001 aber wurde die Arbeit in den Berliner Verlagsräumen eingestellt."

Weiteres: In Polen bläst der Historiker Bogdan Musial zur Jagd auf den Kollegen Wlodzimierz Borodziej und wirft ihm nicht nur eine einseitige und polenfeindliche Geschichtsauffassung, sondern auch den Geheimdienstler als Vater vor, wie Gabriele Lesser festhält. In der Münchner Pinakothek der Moderne bewundert Johanna Schmeller einen eingefrorenen BMW, das neueste Werk des isländisch-dänischen Berliner Künstlers Olafur Eliasson. Josef Strau stellt die amerikanische Romanautorin Chris Kraus und ihren neuen Roman "Torpor" vor. Die Komponistin Hildegard Westerkamp mahnte in einem Wiener Symposium zur "Utopie des Sounds" vor der Dauerberieselung durch Musik, notiert Dominik Kamalzadeh. Eine Besprechung widmet sich einem Berliner Konzert des Synthiepop-Duos Yazoo.

In der zweiten taz redet Reiseautor Helge Timmerberg mit Timo Nowack über seine seine kürzlich abgeschlossene Reise um die Welt in achtzig Tagen, seine langsam abnehmende Naivität und die zunehmende Geilheit von Europa als Kontinent.

Und Tom.

FAZ, 02.06.2008

Neuer Ärger um die Moschee von Köln. Der dem Vernehmen nach vorgesehene Innenarchitekt Voltan Altinkaya plant für die zentrale Kuppel dies: "Historische Formen und Muster werden, auch in aufwendigen Materialien wie Marmor und Alabaster, schwülstig überboten und trivialisiert: Kitsch." Ein eklatanter Widerspruch zur modernen Formensprache des Architekten Gottfried Böhm, der das Gebäude entworfen hat. Andreas Rossmann entdeckt in diesem Widerspruch alledings mehr und anderes als nur einen ästhetischen Konflikt: "Mit der Offenheit des Ortes, die mit den schalenartigen, zur stilisierten Weltkugel geformten Teilen der freistehenden Kuppel nach außen bekundet wird, wäre es im Innern vorbei. Dort will sich, so die Grundaussage des Gebetsraumes, die Gemeinde wie zu Hause fühlen. Dass sie Wurzeln in einer fremden Umgebung geschlagen hat und sich dieser Nachbarschaft gegenüber kommunikativ verhalten will, würde nicht vermittelt."

Weitere Artikel: Rainer Hermann porträtiert die libanesische Sängerin Hiba al Kawas, die zwischen europäischen und arabischen Gesangs- und Musikkulturen vermittelt. Paul Ingendaay informiert über den Streit zwischen spanischem Küchentraditionalismus und spanischer Küchenavantgarde. In der Glosse berichtet Kerstin Holm von Belastungsproben für die russische Akademie der Wissenschaften, zu denen die Neumitgliedschaft Gerhard Schröders - in der soziologischen Abteilung - erstaunlicherweise nicht einmal gehört. Alexander Jürgs porträtiert den Schuhklassiker "Chucks" der seit nunmehr hundert Jahren existierenden Firma Converse. Im Interview erklärt Michael Seiler, ehemaliger Gartendirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, warum der geplante Ausbau der Havel verheerende Folgen für Potsdams Unesco-Welterbe haben könnte. Patrick Bahners gratuliert dem Historiker John Röhl zum Siebzigsten.

Besprochen werden Pina Bauschs neue Choreografie ohne Titel (Gerhard R. Koch sieht bei Bausch ziemlich enttäuscht nur noch das Bemühen um "Beruhigung, Beschönigung" statt, wie früher, um "Verschärfung, Verstörung"), die Londoner Ausstellung "Wie glücklich wären wir, wenn Hitler ein Hippie gewesen wäre", in der sich, übermalend, kontrastierend und provokationsfreudig die Brüder Jake und Dinos Chapman mit Adolf Hitler auseinandersetzen, ein Kölner Konzert von Neil Diamond, Christian Weises Stuttgarter Inszenierung von Soeren Voimas Stück "Eos", Dany Koyates afrikanische Filmkomödie "Ouaga Saga", und Bücher, darunter Peter Henischs Roman "Eine sehr kleine Frau" und Harald Welzers Kassandraruf "Klimakriege" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 02.06.2008

"Unheimlich" ist Martin Bauer Henning Mankells neuer Roman "Der Chinese", der als politische Streitschrift gegen den individualistischen Kapitalismus von einem nur zum Teil "weichgespülten Maoismus" durchzogen sei: "Vergessen wir Mao als den Erfinder des Großen Sprungs nach vorn und der Kulturrevolution! Beides ist nicht gut gelaufen, die Großexperimente haben ein paar Millionen Menschen bedauerlicherweise das Leben gekostet. Aber die Gesamtbilanz! Wie Moses die Seinigen hat Mao das Volk der Bauern aus der Knechtschaft der Mandarine herausgeführt. Sein Vermächtnis ist nach diesen Retuschen mit Händen zu greifen. Der große Vorsitzende ist, war und bleibt ein Herold der Gerechtigkeit, ergo: auch der Marktgerechtigkeit. Da die Märkte keine Stoppregeln für individuelle Bereicherung kennen, ist 'kapitalistische Freiheit' zerstörerisch. Wohlmeinende Steuerung tut not."

Abgedruckt wird ein offener Brief des Aufbau-Geschäftsführers Rene Strien an Bernd Lunkewitz, der am Freitag Insolvenz beantragt hat: "Wie tönt es mir noch in den Ohren: 'Der Verlag ist mein Leben, und mein Leben kann man nicht kaufen.' Nein, verkauft haben Sie ihn nicht, Sie haben ihn verraten, genauso wie Sie die übrigen Werte verraten haben, die einmal Ihr Leben ausgemacht haben: Idealismus, Geradlinigkeit, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Freundschaft."

Weiteres: Yves Saint Laurents Tod wird nur recht trocken gemeldet (Hätte das nicht mal eine sinnvolle Fotostrecke gegeben?). Auf der Kritischen Islamkonferenz hat Stefan Weidner die Hauptredner Mina Ahadi, Ralph Giordano und Hartmut Krauss als "alt-, ex-, und neu-marxistisches Dreigestirn" erlebt. Nach Barrie Koskys "Kiss me Kate" an der Komischen Oper Berlin konstatiert Stephan Speicher, dass "wir" die "Ablehnung des Musicals aus spezifisch deutschem Kulturhochmut" hinter uns haben. Aber was das nun bedeutet, weiß er auch nicht so recht. In den "Nachrichten aus dem Netz" beobachtet Niclas Hoffmann den Hahnenkampf unter den Bloggern.

Auf der Literaturseite schreibt Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek in Leipzig, über die Grenzen der Bibliotheken im Internet: "Kataloge sind nicht sexy, auch nicht im Netz: Wir wollen Text! Danach hungern die Google-verwöhnten Augen der Internet-Sucher. Und tatsächlich ist das Angebot der Bibliotheken, online darüber zu informieren, was offline zu haben ist, wie das Foto eines leckeren Essens im Restaurant: Man hat nichts davon und kriegt noch mehr Appetit."

Besprochen werden Pina Bauschs Rückschau auf ihr Lebenswerk in Wuppertal, Steve Buscemis Remake von Theo van Goghs Film "Interview", David Böschs "Clockwork Orange" in Zürich, die Erzählungen des Koreaners Yi Yun-Gi "Kurve und Gerade" und Hörbücher zu Kafka (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)