Heute in den Feuilletons

Auf einmal - nichts mehr!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.05.2008. Najem Wali wundert sich in der NZZ über die Sprachlosigkeit der Dichter und Schriftsteller des Iraks. Die taz traut sich, Ulla Berkewicz' "Überlebnis" in Grund und Boden zu rezensieren. Je älter man wird, desto wichtiger werden die Gene, warnt der Genetiker Robert Plomin die Leser der FAZ. In der Welt gesteht Burkhard Spinnen seine Abhängigkeit von "Dr. House". Wim Wenders "Palermo Shooting" wird in den Feuilletons eher vage, Dimiter Gotscheffs "Ubukoenig" dafür umso eindeutiger gelobt.

NZZ, 24.05.2008

Noch haben die Iraker zu viel Angst, um an Literatur zu denken, meint der Autor Najem Wali im Gespräch mit Irene Binal. "Nach fünf Jahren haben wir weder einen Roman über unsere Vergangenheit noch über die neue Situation. Wir haben kein Werk in irgendeiner Schublade gefunden, das in der Diktatur geschrieben und dort vielleicht versteckt wurde, und es gibt auch kein Werk, das sich im Nachhinein mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Es herrscht Schweigen. In den Jahren unter Saddam Hussein, in der Zeit des Krieges, sind mindestens 10.000 Gedichte und Romane entstanden, und diese Schätzung ist niedrig. Und auf einmal - nichts mehr! Sogar meine Kollegen im Ausland sind plötzlich sprachlos." Binal bespricht auf der gleichen Seite Walis Irak-Roman "Jussifs Gesichter".

Angelika Overrath erinnert in Literatur und Kunst an die schillernde Reporterin Annemarie Schwarzenbach, die vor hundert Jahren in Zürich geboren wurde. "Schließlich macht sie ihre seelische Heimatlosigkeit zum Beruf. In Begleitung schöner Abenteurerinnen, die oft auch Fotografinnen sind, wird sie schreibende Fotoreporterin. Keine Fremde scheint gefährlicher als der Lianendschungel der Liebe zu Haus. Ihr Arzt schreibt im Krankenbericht von 1935: Wohl sieht sie ein, dass sie von der Mutter nicht loskommt, also in der infantil-pubertären Situation stecken bleibt; wohl gibt sie zu, dass ihre starke Hörigkeit zu Frau Erika Mann ein Gegenspiel zur Mutterbindung bedeutet, dass sie beständig zwischen diesen beiden Polen in krass ambivalenter Weise hin und her pendelt."

Weiteres: Eine Probe aus Monika Manns bisher unveröffentlichtem New Yorker Tagebuch von 1945 stellt die Literaturwissenschaftlerin Karin Andert vor. Beatrice von Matt beschäftigt sich mit dem Bild der Stadt im Werk des Autors Kuno Raeber. Und der Autor Michael Mettler betrachtet Francis Bacons "Portrait of Michel Leiris".

Das Feuilleton: Die Infantilisierung in Literatur und Gesellschaft ist dem Drang nach Unschuld zu verdanken, analysiert der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider. In der Serie "Was ist schweizerisch" erzählt der Autor Ibrahim al-Koni, wie er von jemandem, den er nach dem Weg zum Hotel gefragt hatte, gleich dorthin kutschiert wurde. Lars Norens "Tagebuch eines Dramatikers" ist zwar nicht der Enthüllungsschocker, der von den Schweden erwartet wurde, verkauft sich aber trotzdem gut, weiß Aldo Keel.

Besprochen werden Michael Hanekes amerikanisches Remake seiner "Funny Games", eine Ausstellung über Jerome Bonaparte und das Königreich Westphalen in Kassel und Bücher wie Ignacio Padillas Roman "Schatten ohne Namen" sowie Abdalrachman Munifs "Zeit der Saat", der zweite Teil seines Zyklus' "Die Salzstädte".

TAZ, 24.05.2008

Ungut gemischt, findet Jörg Magenau, sind in Ulla Berkewiczs von der Kritik bisher allzu "pfleglich" behandeltem Buch "Überlebnis" das "Literarische, das Religiöse und das Machtpolitische im Hause Suhrkamp". Sorgfältig zerlegt Magenau den Roman darum in seine Bestandteile und schreibt eine Kritik, die am vernichtendsten da klingt, wo sie zitiert: "Eigentlich, das begreift man bald, ist Unseld gar nicht tot, sondern nur in einer anderen Welt. Und Berkewicz bietet Kabbala, Mystik und Sätze von Heidegger'scher Extremdunkelheit auf, um den 'Spalt' zwischen den Welten zu überbrücken. Das klingt zum Beispiel so: 'Bevor das Sterben losging, rebellisch gegen alles Hier, das mir das ganze Da mit sich verstellte, gewiss, dass hinter allem Hier was steckt, was einzig Da ist, die Hauptsache, die nicht erfassbare, das Mysterion, wollte ich mit der großen Liebe lieben, bis der Spalt aufreißt, mit meiner Fieberseele wollt ich's, nicht mit meinen Körperteilchen.'"

Weitere Artikel: In ihrer cannescannes-Kolumne erklärt Cristina Nord, warum sie den Wahnwitz von Charlie Kaufmans "Synecdoche, New York" den allzu leicht entzifferbaren Symbolen von Wim Wenders' "Palermo Shooting" allemal vorzieht. Daniel Bax stellt den malischen Musiker Toumani Diabate vor, der jetzt zu Konzerten nach Deutschland kommt. In der Euro-Kolumne berichtet Ralf Leonhard diesmal aus Österreich - auch Erstaunliches: "Sogenannte Verrichtungsboxen, mobile Bordelle für den Quickie zwischendurch, sollen vor allem in Kärnten aufgestellt werden." Der israelische Historiker Hillel Cohen hat ein Buch über die Geschichte arabisch-palästinensischer Kollaboration mit dem israelischen Staat geschrieben, das rasch zum Erfolg wurde. Im Gespräch auf der Meinungssseite meint Cohen: "Ich glaube, es ist das erste hebräische Buch in Israel, das aufgrund der arabischen Leser ein Bestseller geworden ist."

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Volksbühnen-Inszenierung "Ubukoenig", ein Berliner "Vampire Weekend"-Konzert und Bücher, darunter Alberto und Enrique Breccias und Hector Oesterhelds vierzig Jahre nach ihrem Erscheinen ins Deutsche übersetzte Comic-Biografie "Che" und Elfriede Jelineks nur im Internet zugänglicher Roman "Neid".

Im taz-mag-Dossier macht Detlef Kuhlbrodt uns mit dem Tiger von Kreuzberg bekannt, der auf YouTube Geschichten erzählt, von dem man sich aber auch Kuhlbrodt lesend ein Bild machen kann: "Tiger aka Cemal Atakan ist sechsundzwanzig und sieht super aus, 'süper', wie man hier sagt. Jedenfalls: weiße Nike-Airmax, Jogginghose, Kapuzenpullover, Mütze. Die Turnschuhe zum Wegrennen vor den Kontrolleuren, die Jogginghose, weil sie weit ist und genug Raum gibt, um im Bedarfsfall mit den Füßen zu kämpfen, die Mütze, weil 'Mit Mütze bist du unsichtbar', und 'Herr Polisai' kann dich nicht finden." Außerdem im taz mag: Rebecca Traister wägt in einem zunächst bei salon.com erschienenen Artikel ab zwischen Obama und Clinton.

Durch die ganze taz ziehen sich Texte zur 700. Folge des "Tatorts". Der schönste ist der von taz-Layouter Richard Nöbel, denn in ihm stehen Sätze wie dieser: "Sehen Sie. Sehen Sie sacht um acht etwa um acht sehen Sie da etwa Einbauküchen in Ludwigshafen."

Und Tom.

FR, 24.05.2008

Daniel Kothenschulte hat mit Wim Wenders gesprochen, dessen neuer Film "Palermo Shooting" nun am Ende des Festivals in Cannes zu sehen ist. Wenders erklärt, dass die von Campino gespielte Hauptfigur eines Fotografen an Andreas Gursky angelehnt ist - und er sagt Wenders-Sätze wie diese: "Früher hatten Filme eine andere Lebenserwartung. Und ihnen wurde eine ganz andere Form des Respekts entgegengebracht."

Weiteres: Hans-Jürgen Linke hat das Drei-Sparten-Festival "Nordiske Impulser" im norwegischen Bergen besucht. Wie sich die Perspektiven chinesischer Journalisten auf China von denen des Westens unterscheiden, ist von Jana Schulze zu erfahren, die mit einigen von ihnen gesprochen hat. Peter Michalzik denkt in einer Times Mager unter anderem über die für den Job, den sie nun wohl nicht bekommt, eigentlich "überqualifizierte" Hillary Clinton nach. In ihrer Kolumne macht uns Marcia Pally mit den Problemen bekannt, die man in den USA mit dem Heiraten hat.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Inszenierung "Ubukoenig" an der Berliner Volksbühne, die Ausstellung zur Himmelsscheibe von Nebra in Halle und Jazz auf den Europa-Kulturtagen im Frankfurter Palmengarten.
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SZ, 24.05.2008

Peter Laudenbach, der zuletzt nur noch ganz böse Sachen über die Berliner Volksbühne schrieb, ist von Dimiter Gotscheffs dort aufgeführter Alfred-Jarry-Version "Ubukoenig" nun zur eigenen Überraschung ziemlich begeistert: "Nach all den verkorksten und verkoksten Castorf-Depressionen, nach der endlosen Resteverwertung des einstigen Ruhms und ratlosen Griffen in die verrostete Dekonstruktionstrickkiste sieht man hier auf einmal etwas, was man in diesem grauen Bunker zuallerletzt erwartet hätte: vor hellwacher Spielfreude leuchtende Schauspieler und eine Inszenierung, die in ihrer großen Leichtigkeit ziemlich gute Laune macht."

Weitere Artikel: In Cannes hat Susan Vahabzadeh Wim Wenders' neuen Film "Palermo Shooting" gesehen, in dem Campino auf Sizilien dem Tod in Gestalt Dennis Hoppers begegnet - sie äußert sich insgesamt vage, die Bilder jedenfalls findet sie "wunderschön". Im Gespräch mit Jörg Königsdorf erklärt Stefan Rosinski, Generalintendant der Berliner Opernstiftung, dass die derzeitigen Finanz-Probleme der Lindenoper eine Personalfrage sind: "Während Thomas Flierl ein Konzeptsenator war, ist Klaus Wowereit ein Pragmatiker. Inhaltliche Debatten werden nicht geführt." Auf Gustav Seibts Klage, dass Deutschland derzeit aus gutem Grund wenig Interesse an Italien zeigt, gibt der italienische Botschafter in Deutschland Antonio Puri Purini eine mit Wirtschaftsdaten (Export, China-Kooperation, Luca Toni) und Klischees (Oper, Urlaub, Luca Toni) um sich werfende Replik. Den Musiker Steve Winwood hat Alexander Gorkow anlässlich von dessen sechzigstem Geburtstag gehört und gesprochen. Burkhard Müller erinnert an die große Rohstoffkrise vor zweihundert Jahren, als in Europa das Holz knapp wurde.

Auf der Literaturseite wird dem Autor William Trevor und dem Schriftgestalter Alan Frutiger zum Achtzigsten gratuliert. Rezensionen gibt es zu Yasmina Rezas Sarkozy-Buch "Frühmorgens, abends oder nachts" und zu Ivan Vladislavics Buch "Johannesburg" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr). Besprochen werden die Skulpturen-Ausstellung "Launen des Olymp" im Frankfurter Liebieghaus, Dmitrij Tcherniakovs Inszenierung von Dmitrij Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Deutschen Oper am Rhein und eine Ausstellung des Turner-Prize-Kandidaten Mark Leckey im Kunstverein Köln.

Für den Aufmacher der SZ am Wochenende steigt Wilhelm von Humboldt vom Sockel, auf den ihn die Deutschen gestellt haben und klagt mit den Worten von Tanjev Schultz: "Unentwegt wollen Sie die jungen Menschen für irgendetwas 'fit' machen, vor allem für den Wettbewerb und die Wirtschaft." Harald Hordych war in der Welt der Luxusuhren unterwegs. Auf der Historienseite geht es um die große Schlacht am Chemin des Dames zum Ende des Ersten Weltkriegs. Zu lesen gibt es die Erzählung "Morgen früh, wenn Gott will" von Jörg Matheis. Im Interview spricht der inzwischen auch im Westen reüssierende Hongkong-Filmstar Michelle Yeoh über "Härte" und wie sie zur Kampfkunst kam: "Ich habe dann am Set diese Typen bei Kampfszenen beobachtet und dachte: Das ist ja wie Jazztanz. Faszinierend!"

Welt, 24.05.2008

"Familie, Beruf, Sinnkrise: alles hat Pause", bekennt der Schriftsteller Burkhard Spinnen in der Literarischen Welt seine Abhängigkeit von der Krankenhausserie "Dr. House". Protagonist ist ein ein misanthroper Diagnostiker und Schrecken aller, die auf eine dem Menschen zugewandte Medizin setzen: "House' Patienten ziehen am Ende einer Folge nicht in eine schöne Welt fragloser Gesundheit, sondern eher in eine Konfrontation mit ihren Lebenslügen. Ihre Individualität hatte den Zustand einer einzigartigen Krankheit angenommen, beinahe wären sie einen einzigartigen Tod gestorben. House, der Zyniker als Menschenfreund, rettet sie vor diesem Tod; doch er schickt sie damit in ein Leben, das ab jetzt eine Konfrontation mit der Todesgeschichte sein wird."

Weiteres: Für eine schwere Niederlage hält Berlins einstiger gestrenger Baudirektor Hans Stimmann im Feuilleton die neue US-Botschaft in Berlin. Hanns-Georg Rodek berichtet etwas indifferent von Wim Wenders' Cannes-Beitrag "Palermo Shooting". Ulrich Gregor stellt die Cannes-Nebenreihe "Un Certain Regard" vor. Hannes Stein erinnert an den Bau der New Yorker Brooklyn-Bridge vor 125 Jahren. In der Randglosse widmet sich Michael Pilz aus aktuellem Anlass der europäischen Sangeskunst.

FAZ, 24.05.2008

Der Verhaltensgenetiker Robert Plomin warnt Joachim Müller-Jung vor überzogenen Erwartungen an Intelligenztraining und weist auf die Bedeutung der Gene hin, die im Alter noch steigt. "Vermutlich sind etwa 50 Prozent der intellektuellen Unterschiede zwischen den Menschen auf die Gene zurückzuführen. Das heißt allerdings auch, dass 50 Prozent nicht erblich sind. Neu ist für uns, dass der genetische Faktor im Laufe des Lebens sich verändert und im Alter eine zunehmend größere Rolle spielt. Das ist zugegebenermaßen ein ungewohnter Gedanke. Vom Gefühl her würde man sagen, dass die Gene am Anfang eine größere Bedeutung haben und durch die immer neuen Erfahrungen im Leben die Bedeutung der Umwelteinflüsse, Unfälle, Krankheiten und so weiter zunimmt. Offensichtlich ist es aber genau andersherum."

Weiteres: Michael Althen meldet sich aus Cannes mit Filmen von Charlie Kaufman, Atom Eyogan und Paolo Sorrentino. Paul Ingendaay besucht die Gegend um das spanische Numantia, einst keltiberische Festungsstadt und Ort eines heroisch nutzlosen Kampfs gegen die Römer, in Zukunft vielleicht ein Industriegebiet. Das Museum für Moderne Kunst und das Städel in Frankfurt könnten sich doch wunderbar ergänzen, fleht Julia Voss im Hinblick auf die seit Monaten schwelende Auseinandersetzung um die Ausrichtung der Häuser. Jordan Mejias erfährt aus politischen Zeitschriften, dass es um Amerikas Zukunft vielleicht doch nicht so schlecht bestellt ist. Kardinal Lehmann und der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Huber klagten in Karlsuhe gemeinsam über die Verbannung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum, wie Patrick Bahners berichtet. Nils Minkmar gratuliert dem Kollegen Johannes Willms zum Sechzigsten, Felicitas von Lovenberg überbringt dem Schriftsteller William Trevor Glückwünsche zum Achtzigsten.

Die Schallplatten- und Phonoseite bringt Lautenlieder von John Downland, eine bisher noch nicht veröffentlichte Platte von David Axelrod und Lieder von Federico Garcia Lorca.

Die Wochenendbeilage macht mit Werner Spies' Erinnerung an den im Februar verstorbenen Autor Alain Robbe-Grillet auf. Wolfgang Pehnt rühmt den Darmstädter Hochzeitsturm, den Joseph Maria Olbrich vor hundert Jahren schuf. Henning Mankell, dessen Roman "Der Chinese" demnächst erscheint, beweist im Interview mit Tobias Rüther keine falsche Bescheidenheit: "Die meisten Schriftsteller, die Wirkung hatten, waren in gewisser Weise politische Schriftsteller, ob ich das bin, Günter Grass oder Thomas Mann."

Besprochen werden eine Aufführung von Monteverdis "Die Krönung der Poppea" bei den Opernfestspielen in Glyndebourne, Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Alfred Jarrys "Ubukoenig" an der Berliner Volksbühne, ein Konzert von Dinosaur Jr. in Köln, und Bücher, darunter Susanne Hornfecks Jugendbuch "Ina aus China" und Martin Mosebachs Indienbericht "Stadt der wilden Tiere" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).