Heute in den Feuilletons

Er servierte Glück

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.03.2008. Ist Alzheimer die Krankheit einer Generation?, fragt Tilman Jens, der Sohn von Walter Jens, in der FAZ. In der FR beschreibt Sonja Margolina, wie die russischen Wahlen in einer Moskauer Klapse abliefen. Die taz porträtiert die konservative Polemikerin Ann Coulter, die aus Protest gegen den liberalern John McCain glatt Hillary Clinton wählen würde.

NZZ, 04.03.2008

Joachim Güntner findet die Aufdeckung der Steuerhinterziehung von Klaus Zumwinkel rechtsstaatlich fragwürdig und die Reaktionen in Deutschland von Neid und üblen Ressentiments geprägt. Lilo Weber resümiert die britische Debatte um Martin Amis' islamkritischen Essayband "The Second Plane". Abgedruckt ist der Anfang von Lukas Bärfuss' neuem Roman "Hundert Tage". Thomas Baltensweiler schreibt zum Tod des Tenors Giuseppe di Stefano.

Besprochen werden Inszenierungen von Verdis "La forza del destino" in der Wiener Staatsoper und "Aida" in der Deutschen Oper Berlin sowie Bücher, darunter Martin Walsers Goethe-Roman "Ein liebender Mann" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 04.03.2008

Robert Misik porträtiert in der zweiten taz die konservative Polemikerin Ann Coulter, die von ihren Kritikern schon mal "Eva Braun des Frühstücksfernsehens" getauft wurde. Sie würde McCain nicht wählen. Zu liberal. "Coulter, Bestsellerautorin ('Wenn Demokraten Verstand hätten, wären sie Republikaner'), Kultkolumnistin, vielgebuchte Rednerin auf konservativen Konventen, tickt da ganz anders und würde ihre Stimme deshalb aus Protest einer Frau geben, über die sie eben noch geschrieben hat: 'Hillary Clinton will die erste Frau als Präsidentin sein, was sie auch zur ersten Frau in einer Clinton-Regierung machen würde, deren Platz hinter dem Schreibtisch im Oval Office ist - statt unter dem Schreibtisch. Meinungsumfragen zufolge glaubt die Mehrheit der Amerikaner, das Land ist bereit für eine Frau als Präsidentin. Erfreulicherweise zeigen diese Umfragen aber auch, dass die meisten Amerikaner Clinton gar nicht als Frau ansehen.'"

Im Kulturteil fragt sich Nina Apin angesichts der mageren Beteiligung am Architekturwettbewerb für das Humboldtforum am Berliner Schlossplatz, ob die eierlegende Wollmichsau eines historisierend-modernen Baus überhaupt machbar ist. Robert Misik vermutet, Richard Sennetts Buch "Handwerk" sei ungerechtfertigerweise unter "Romantikverdacht" geraten und deshalb abgewatscht worden. Der zuletzt glücklose Frank Castorf bleibt wahrscheinlich bins 2013 Intendant der Berliner Volksbühne, vermerkt Katrin Bettina Müller mit Bauchgrimmen.

Besprochen werden Tilmann Köhlers "formstrenge" Version des "Faust" in Weimar und die Ausstellungs-Installation zur Geschichte der Punks in der DDR "Too much future", die nach Berlin und Dresden jetzt in Halle Station macht.

Und Tom.

Welt, 04.03.2008

Der Erbe des einstigen Besitzers der Plakatsammlung Sachs möchte diese vom Deutschen Historischen Museum zurück haben, berichtet Sven Felix Kellerhoff. Der Regisseur Roland Emmerich erklärt im Interview, warum es in seinem Fim "10.000 v.Chr." nur einen Weißen gibt: "Gott. von ihm abgesehen habe ich klar gesagt, dass ich keine Weißen wollte. Weißhäutige kommen aus dem Norden, und Europa war damals noch nicht besiedelt." Marion Cotillard regt die Amerikaner mit einigen besonders dußligen Äußerungen zum 11. September auf, die sie vor einem Jahr in einem Fernsehinterview machte, meldet Hanns-Georg Rodek. Thomas Kielinger bewundert die Tugenden die Prinz Harry in Afghanistan verkörpert hat: Dienst, Führung, Vorbild. Sören Kittel stellt mit einem Blick auf die Nutzerprofile bei Facebook fest: Hier fehlt die Option "Profil löschen". Uwe Wittstock gratuliert dem Zeichner F.W. Bernstein zum Siebzigsten. Klaus Geitel schreibt zum Tod des Tenors Giuseppe di Stefano: "Er war stimmlich ein Lyriker von Geblüt. Er servierte Glück."

Besprochen werden eine Ausstellung mit der Kunstsammlung von Gunter Sachs in Leipzig und eine Aida-Aufführung an der Deutschen Oper Berlin, bei der es "nur einen einzigen Moment theatralischer Wahrhaftigkeit" für Manuel Brug gab, als nämlich die Vertreterin der Hut- und Putzmacherei den anwesenden Wowereit aufforderte, Arbeiter wie sie endlich mit einem Tarifvertrag zu versehen.
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FR, 04.03.2008

Sonja Margolina wollte am Sonntag in Russland wählen gehen, aber keiner kam mit. "Niemand aus meiner Umgebung - auch Bekannte der Bekannten- hatte vor, seine Bürgerpflicht zu erfüllen. Meine Umgebung gehörte zur falschen Minderheit, ich sollte es woanders versuchen, hat man mir angedeutet. Tatsächlich ging nur eine Freundin wählen, die seit einem Monat in psychiatrischer Behandlung war. 'Unsere Chefin hat gesagt, die ganze psychosomatische Abteilung muss ihre bürgerliche Pflicht erfüllen und einen Präsidenten wählen. Glaubst du', hat meine Freundin gefragt, 'dass ich den Zettel lieber durchstreichen soll? Aber dann werden sie mich nicht mehr nach Hause lassen.' Sie fing an zu heulen, und ich heulte gleich mit, weil ihre Lage so verzweifelt war und die Wahlen in der Klapse so dermaßen verrückt waren." Die Wahlbeteiligung lag bei 67 Prozent.

Weiteres: Hans-Klaus Jungheinrich würdigt den verstorbenen Tenor Giuseppe di Stefano und seinen "naturbelassenen" Ton. Sandra Danicke berichtet, dass Damien Hirst nun einen Kunstladen namens "Other Criteria" im Londoner Stadtteil Marylebone eröffnet hat. In der Times mager meldet Harry Nutt den Abgang einer Elfjährigen, die in Nepal als Göttin verehrt wurde und jetzt zu alt für den Job ist.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Hans Poelzig im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, Schirin Khodadadians "bemerkenswert gute" Kasseler Uraufführung von Theresia Walsers Stück "Morgen in Katar" und Ernst Peppings "Passionsbericht des Matthäus" in einer Aufnahme des Rundfunkchors Berlin.

FAZ, 04.03.2008

Ist Alzheimer die Krankheit einer Generation? Tilman Jens bringt den demenzbedingten Gedächtnisverlust seines Vaters Walter Jens in Zusammenhang mit dessen spät eingestandener frühen NSDAP-Mitgliedschaft. In Anspielung auf ein Fontane-Portärt in seiner Wohnung, das Walter Jens heute nicht mehr erkennt, schreibt sein Sohn: "Er wollte nach oben. Also unter den Tisch mit der dämlichen Nazi-Geschichte. Er war doch ohnehin längst auf der anderen Seite. Am Ende aber hat er sich in Grund und Boden geschämt - und ist, als der kleine Schwindel aufflog, an dieser Scham zerbrochen. Er hat gewusst, dass er, um der Redlichkeit wegen, hätte früher und aus eigenen Stücken reden sollen. Als kein Tavor, keine Psychopharmaka mehr halfen, ist ihm sein Fontane fremd geworden."

Weitere Artikel: Lorenz Jäger kritisiert in der Leitglosse die nun von einem amerikanischen Gericht bestätigte Straffreiheit für amerikanische Chemiekonzerne, die das Agent Orange für den Vietnamkrieg lieferten. Irene Bazinger hörte in Dresden einer Rede Peter Steins über das griechische Theater zu. Oliver Jungen verfolgte Lesungen auf der lit.Cologne. Andreas Platthaus gratuliert dem Zeichner und Autor F.W. Bernstein (alias Fritz Weigle) zum Siebzigsten. Edo Reents schreibt zum frühen Tod des Bluesgitarristen Jeff Healey (das neue Kulturblog cultpilot bringt ein Video des Gitarristen).

Auf der Forschungsseite beklagt der Notar Peter Rawert die mangelnde Fertigkeit des Anwaltsstands im Verträgeschreiben. Auf der Medienseite schreibt Nina Rehfeld über eine neue Show von Oprah Winfrey. Hannes Hintermeier stellt den neuen Sender BBC Arabic vor, mit dem die BBC Al Jazira Konkurrenz machen will. Thomas Schulz berichtet über den Suizid eines amerikanischen Werbers nach Attacken (hier und hier) aus Weblogs (so etwas kann nach Zeitungsartikeln natürlich nicht passieren!) Jürg Altwegg kommentiert die moralische Elastizität des französischen Menschenrechtlers und Außenministers Bernard Kouchner, dessen Frau, die prominente Nachrichtenmoderatorin Christine Ockrent, Chefin aller französischen Auslandssender wird und ihm somit direkt untersteht.

Auf der letzten Seite greift Claus Lochbihler die mehr oder weniger kompetente Betätigung der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten in der Popmusik auf. Julia Voss berichtet über den Rücktritt des Präsidenten der DIA Art Foundation in New York. Und Dirk Schümer porträtiert den italienischen Schauspieler Toni Servillo.

Besprochen werden die Uraufführung von Theresia Walsers neuem Stück "Morgen in Katar" in Kassel, eine CD des Popduos Tegan und Sara, die Ausstellung "Sizilien - von Odysseus bis Garibaldi" in Bonn, ein Konzert des schwedischen Popsängers Jens Lekman in Köln und Verdis "Aida" an der Deutshen Oper Berlin.

SZ, 04.03.2008

Kanadas Provinz Quebec denkt angeleitet von einem Soziologen und einem Philosophen über das Zusammenleben der verschiedenen Einwanderergruppen nach. Die "Commission de consultation sur les pratiques d'accommodement reliees aux differences culturelles" sichtet gerade die Meinung der Bürger, Ende März wird es den Abschlussbericht geben. Thomas Steinfeld ist von solch überlegtem Handeln angetan. "Hunderte von solchen 'memoires' wurden im vergangenen Herbst verfasst, darunter schlichte Beschwerdeschriften wie die Klage der Bürger von Outremont ebenso wie theoretisch fundierte, anspruchsvoll politisch argumentierende Traktate zur Lage der islamischen Frau in der kanadischen Gesellschaft. Sie alle gehen ein in ein öffentliches Projekt von gewaltigen Ausmaßen, in dem in Quebec gegenwärtig über den Umgang mit Einwanderern und deren Kindern nachgedacht wird. Vorgestellt und diskutiert wurden die Denkschriften im Rahmen von rund fünfzig Diskussionsveranstaltungen, die überall in der Provinz in Schulen oder Gemeindezentren ausgerichtet und vom Fernsehsender Radio Canada übertragen wurden, einschließlich der Auftritte entschlossen auftretender Fremdenfeinde."

Weitere Artikel: Deutsche Architekten entwickeln sich zu Parlamentsspezialisten, wundert sich Gerhard Matzig und nennt aktuelle Beispiele aus Vietnam, Indien, Libyen und Saudi-Arabien Parlamente. Franziska Brüning findet den von Eric Heuvel gezeichneten Comic über den Holocaust, den das Anne-Frank Haus für deutsche Schüler entwickelt hat, in seiner "stupsnäsigen" Art eher für die Unterstufe geeignet und empfiehlt für die höheren Jahrgänge Art Spiegelmans "Maus" oder Stefanie Kampmanns "Die Welle". Volker Breidecker gratuliert dem Lyriker, Satiriker und ehemaligen Karikatur-Professor F. W. Bernstein zum 70. Geburtstag. Jens Malte Fischer schreibt den Nachruf auf den sizilianischen Tenor Giuseppe di Stefano.

Auf der Medienseite berichtet Thomas Urban über Ermittlungen der polnischen Staatsanwaltschaft gegen Pater Tadeusz Rydzyk, den Gründer und Leiter von Radio Maryja, wegen Volksverhetzung.

Besprechungen widmen sich Shirin Khodadadians "sehr gemütvolle" Erstinszenierung von Theresia Walsers Stück "Morgen in Katar" in Kassel, Thomas Grubes filmisches Reisetagebuch mit den Berliner Symphonikern "Trip to Asia", die Uraufführung von Heinz Holligers zweitem Streichquartett in Köln und Bücher, darunter Claus Fusseks und Gottlob Schobers "wütende" Anklage "Im Netz der Pflegemafia" sowie Elisabeth Bronfens Kulturgeschichte der Nacht "Tiefer als der Tag gedacht" (mehr in unserer Bücherschau des Tages).