Heute in den Feuilletons

Giftig hellblaue Muster

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.02.2008. Kronleuchter, Säulen, der Bundespräsident: Martin Walser las in Weimar aus seinem Roman über Goethe. Das deutsche Feuilleton zerfließt vor Rührung, das Schweizer nicht so. Don Alphonso liest zoomer.de. Und zoomer.de liest Don Alphonso. Die FAZ wundert sich: Russland eröffnet Institute für Demokratie, allerdings in Paris und New York. Dass es das Europa-Institut in Petersburg schließt, wundert die Welt dagegen nicht. Die FR hört hintergründig verdorbene Tracks auf der neuen CD von Erykah Badu. Die NZZ staunt über den Einfluss politischer Blogs in Amerika.

NZZ, 29.02.2008

Auf der Medienseite zitiert Sabine Pamperrien amerikanische Studien über den politischen Einfluss von Blogs, der so viel größer ist als hierzulande: "Das populäre linksliberale politische Weblog DailyKos.com wird auf anderen Websites so häufig zitiert wie die Chicago Tribune, das weit rechts stehende Blog Instapundit.com wird öfter zitiert als Sports Illustrated. Die Nutzung der großen politischen Blogs bewegt sich im Millionenbereich."

Weitere Artikel: "ras." kommentiert die Meldung, dass die New York Times wegen sinkender Werbeeinnahmen hundert von 1.300 Redakteursstellen streichen will, außerdem hat die Herausgeberfamilie Sulzberger weitere Aktienanteile an Investoren verloren. Vorgestellt wird außerdem Ivy, ein neues Magazin aus dem Medienhaus Burda, das Lifestyle und Öko verbinden will.

Die slowakische, in der Schweiz lebende Autorin Irena Brezna erinnert sich im Feuilleton an 1968 in Bratislava, als sie mit ihren Mitschülern das Porträt des Staatspräsidenten von der Schulwand riss und mit Füßen trat: "Antonin Novotnys Gesicht herunterzureißen, hieß für uns: die Autorität der Väter zu stürzen, die uns die Beatles, das Tragen von langen Haaren und Miniröcken und damit den Anschluss an die Welt am liebsten verbieten wollten." In den Zeitungen wurde für kurze Zeit offen über den Stalinismus geschrieben: "Der Frühling 1968 war licht, aber nicht, weil er eine lichte Zukunft entwarf, sondern, weil er die Dunkelheit als dunkel benannte."

Joachim Güntner liefert einen farbigen kleinen Bericht von Martin Walsers Lesung aus seinem Goethe-Roman - in Weimar, wo sonst? Anwesend waren Horst Köhler und viel Feuilletonelite: "Zumal die mit Prominenz besetzten ersten Reihen ließen keine Gelegenheit aus und lachten auch dort, wo es nicht passte. Ungehörige Fragen unterblieben."

Besprochen werden die Ausstellung "Le vodou, un art de vivre" im Genfer Musee d'ethnographie, einige Jazz- und Pop-CDs, Bergs "Wozzeck" in Brüssel und Alison Bechdels autobiografischer Comic-Roman "Fun Home".

Tagesspiegel, 29.02.2008

Ein Plakat der belgischen Künstlergruppe Surrend, das in der Berliner Galerie Nord des Kunstvereins Tiergarten ausgestellt war, ist nach Protesten junger Muslime abgehängt worden, berichtet Christina Tilmann: Es seien "sechs sehr erregte junge Männer in der Galerie erschienen und hatten verlangt, ein Kunstwerk abzuhängen und damit gedroht, dass sonst Steine flögen. Anstoß erregt hat ein Plakat mit dem Bildmotiv der Kaaba in Mekka, überschrieben mit der Zeile 'Dummer Stein'. Es ist Teil einer Serie, gefolgt von dem Plakat eines Mannes mit typischer jüdischer Hutbekleidung ('Dummer Hut') und weiteren 'Serienplakaten' ironischen Inhalts."

TAZ, 29.02.2008

Mit Sympathie betrachtet Dirk Knipphals Martin Walser bei seiner Lesung in Weimar: "Kronleuchter, Säulen, der Bundespräsident - alles wurde im Festsaal des Stadtschlosses aufgefahren, um diesen Goethe-Roman und seinen Autor würdevoll zu feiern. Selbst das Wetter spielte mit und zauberte einen Sternenhimmel über die Klassikerstadt. Nur Martin Walsers Krawatte stach aus alledem heraus. Auf ihr befanden sich giftig hellblaue, kaum zu identifizierende Muster; manche Beobachter wollen Autos auf ihr bemerkt haben. Diese Krawatte war das kleine anarchische Moment, ein Hinweis auf eine sympathische Leck-mich-am-Arsch-Haltung in dieser Rundum-Literaturweihe-Inszenierung. Letztlich stand die Krawatte Martin Walser sogar ganz gut. Sie war das, was von seinen üblichen Sujets her - den kleinbürgerlichen, vergrübelten Nicht-mit-sich-klar-Kommern - in diesen Weihewillen hineinragte."

Weiteres: Als fünfzigjähriger Familienvater lebt Musiker Nick Cave in Teilen das bürgerlich-kapitalistische Leben, das er nie führen wollte, gesteht er Thomas Winkler im Interview, und das mache ihn wütend. Nur FAZ und taz gehören unter den Überregionalen noch sich selbst, nachdem die Südwestdeutsche Medienholding ab heute die Verantwortung für die SZ übernommen hat, stellen Steffen Grimberg und Klaus Raab im Medienteil fest.

Besprochen wird Erykah Badus Album "New Amerykah", das laut Tobias Rapp das schwarze Amerika fernab von Barack Obamas Versöhnungsbotschaft präsentiert.

Und Tom.
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FR, 29.02.2008

Erykah Badu will ihrem neuen Album "New Amerykah Part One" schon in den nächsten zwölf Monaten zwei weitere folgen lassen. Zum Aufwärmen stöbert sie erstmal in der großen Vergangenheit des Soul, notiert Thomas Winkler angetan. "Das ganze Album lässt sich hören als Versuch, seine traditionelle Aufgabe als Soundtrack zur afro-amerikanische Selbstermächtigung zu restaurieren. In der Nachfolge von Marvin Gaye oder Curtis Mayfield, wenn auch mit anderen geschlechtlichen Vorzeichen, aktiviert die 37-Jährige die politische Sprengkraft des Soul auf ein Neues, indem sie dem Rhythmus seine sexuelle Strahlkraft zurückgibt. Statt den kalt-sezierenden Beats von Timbaland, die den aktuellen Standard bedeuten, hat sie sich von ihren Produzenten, darunter die Branchenführer Madlib und 9th Wonder, träge und verschlafene, hintergründig verdorbene Tracks programmieren lassen."

Weitere Artikel: Peter Michalzik resümiert die Verarbeitung von Apokalypse und in letzter Zeit Postapokalypse in Literatur und Film. Elke Buhr schreibt den Nachruf auf Ivan Rebroff alias Hans-Rolf Rippert. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz beziffert in seinem neuen Buch die weltweiten Kosten des Irakkriegs auf sechs Billionen Dollar, erfährt Arno Widmann aus dem Guardian (und zwar hier). In der Times mager berichtet Harry Nutt von einem Berliner Diskussionsabend zu Florian Havemanns Vatererinnerungen "Havemann".

Besprochen werden eine Ausstellung über den englischen Maler John Everett Millais im Van-Gogh-Museum Amsterdam und Alain Claude Sulzers Roman "Privatstunden".

Aus den Blogs, 29.02.2008

Don Alphonso liest zoomer.de, und zwar ziemlich intensiv: "Gestern Abend schaltete das Nachrichtenportal Zoomer aus der Verlagsgruppe Holtzbrinck einen sagenhaft unkritischen Beitrag über das ebenfalls aus dem Hause Holtzbrinck stammende Portal StudiVZ/MeinVZ, das gestern ganz andere Schlagzeilen machte. Unter der fast schon werbenden Überschrift 'MeinVZ - gruscheln für alle' muss Redakteur Christian Pommerening irgendwie auch vergessen haben, auf die beziehungen von Zoomer und StudiVZ hinzuweisen - jedenfalls fand sich dazu nichts in seinem Beitrag." Und zoomer.de (oder wer?) liest Don Alphonso.

Steffen Büffel denkt über das Stichwort "Crossmedia" nach und fordert angesichts der vermaledeiten, durch das Internet bewirkten Rückkanalfähigkeit der Öffentlichkeit einen neuen Typus des Journalisten: "Unterstellt man, dass künftig das Einbahnstraßenleben im Journalismus (falls es das je gegeben hat) endgültig vorbei ist und für die jetzt heranwachsenden Mediennutzer das Mitmachen wie selbstverständlich dazugehört, dann braucht Journalismus, dann brauchen Journalisten ein dickes Fell für nervende Trolls, aber auch ein offenes Ohr für diejenigen, die es wirklich besser wissen."
Stichwörter: Internet, Journalismus, Studivz

Welt, 29.02.2008

Florian Starck berichtet, dass nach dem British Council nun auch das Europa-Institut in Petersburg geschlossen wurde - angeblich wegen unzureichenden Brandschutzes: "Die Sozialwissenschaftler des Landes sind gewarnt: Das kritische Studium der Macht und ihren Mysterien ist unerwünscht und gefährlich."

Weiteres: Hermann Parzinger, neuer Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, spricht im Interview mit Berthold Seewald über die Pläne für das Humboldt-Forum. Uta Baier meldet, dass der "meistkritisierte und meistbewunderte Museumsmann der Welt", der frühere Guggenheim-Direktor Thomas Krens, nun auch seinen Vorsitz der Guggenheim-Stiftung aufgibt. Eckhard Fuhr war bei Martin Walsers Lesung seines Romans "Ein liebender Mann" in Weimar. Eva Behrendt stellt den von Hannover nach Berlin wechselnden Schauspieler Christoph Franken vor, bedauert allerdings, dass er nach strenger Diät 20 seiner früheren 125 Kilo pure Körperlichkeit verloren hat. Gabriele Walde meldet einen neuen Fall möglicher Raubkunst: Lyonel Feiningers "Kirche in Niedergrunstedt" aus der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Peter Dittmann stellt klar, dass die Absage einer Peking-Oper-Tournee ausnahmsweise nicht Chinas Bürokraten anzukreiden ist, sondern dem offenbar recht ignoranten deutschen Veranstalter BB Promotions. Kai Luehrs-Kaiser schreibt den Nachruf auf Ivan Rebroff.

Besprochen werden der neue Philharmoniker-Film "Trip to Asia"und der mittlerweile fünfte Teil der "Wilden Kerle".

Und wer sich die Sache mit den Schaltjahren noch nie genau erklären konnte, wird dank Ulli Kulke schlauer: Caesar verdanken wir zwar, die Schaltjahre aus Ägypten mitgebracht zu haben, aber es waren zu viele. "Es dauerte noch bis zum Pontifikat Gregor XIII., bis eine Lösung gefunden wurde: Ein Schaltjahr pro 128 Jahre musste entfallen, ziemlich genau acht pro Jahrtausend. So gibt es ab sofort keine mehr in den vollen Hunderterjahren - es sei denn, die Zahl ließe sich durch 400 teilen. Das System gilt bis heute - und ist dennoch nicht das genaueste, das 'gregorianische' Jahr ist immer noch 27 Sekunden zu lang. Der orthodoxe Kirchenkalender ist exakter, bis auf drei Sekunden genau."

FAZ, 29.02.2008

In diesen Tagen eröffnet Russland in Paris und New York Institute für Demokratie und Zusammenarbeit. Direktorin Natalja Alexejewna Narotschnizkaja erklärt im Interview, was sie unter Freiheit versteht: "Im Westen wird die menschliche Freiheit vor allem als Abwesenheit von Einschränkungen verstanden. In Russland fragt man eher, wozu Freiheit da ist. Meine Position ist moderat konservativ. Freiheit soll der christlichen Tugend dienen. Gesetze sind für sich genommen keine Quelle des Guten."

Weitere Artikel: In seiner sehr langen Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg zeichnet der Schriftsteller Louis Begley die Affäre Dreyfus nach und vergleicht das unfaire Verfahren mit dem der Amerikaner in Guantanamo. Der Kunsthändler Anthony d'Offay hat dem britischen Staat den Großteil seiner Sammlung überlassen zum Schätzwert von etwa 125 Millionen Pfund überlassen, berichtet Gina Thomas. Noch ein Kommentar zu Jonathan Littles Roman "Die Wohlgesinnten", diesmal von Wilfried Wiegand. Es ist wohl vorbei mit den Vermarktungskreuzzügen der Guggenheim, kommentiert nma. den Rücktritt des Direktors der Guggenheim Foundation, Thomas Krens. Für den Rechtsphilosophen Norbert Hoerster ist die von Horst Dreier vertretene Liberalisierung des Embryonenschutzgesetzes nicht mit den einschlägigen Bundesverfassungsgerichtsurteilen vereinbar. Edo Reents berichtet entzückt von der Lesung Martin Walsers - "schon ganz Goethe" - in Weimar. Völlig übertrieben findet Jürgen Dollase den Wunsch der Franzosen, ihre Küche als Weltkulturerbe dem Schutz der Unesco zu unterstellen. Jau. berichtet von einem Bild des Historienmalers Julius Hübner, das auf einem Berliner Flohmarkt entdeckt wurde. Lorenz Jäger schreibt zum Tod des Journalisten William F. Buckley, Peter Kemper zum Tod des Schlagzeugers Buddy Miles, amue zum Tod des Sängers Ivan Rebroff.

Auf der Medienseite meldet Michael Hanfeld, dass die Steuerfahndung von der VG Wort verlangt hat, "die Daten aller Mitglieder herauszugeben, die in den Jahren 2003 bis 2006 mehr als 2.500 Euro für die Zweitverwertung ihrer Urheberrechte bekommen haben". Die VG Wort wehre sich mit einer Klage. Kho. meldet die Verhaftung der russischen Journalistin Natalja Morar, die über geheime Kremlkassen berichtet hatte.

Besprochen werden die Samurai-Ausstellung in Speyer, Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaolas neue Choreographie "ars melancholiae" im Berliner Radialsystem und Bücher, darunter ein Band über das "Projekt Vitra" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 29.02.2008

Martin Walser schreibt in seinem neuen Roman ein "Ein liebender Mann" über die letzte Liebeseskapade Goethes, Joachim Kaiser über das beste Goethe-Buch, das er sich vorstellen kann. Und zitiert ein bisschen zum Beleg: "Natürlich denkt Goethe auch über sein Alter nach. 'Er hat sich gehalten. Sieht gut aus. Steht in hundert Zeitungen, dass er gut aussieht. Allerdings, wie die sich begeistert wundern über sein gutes Aussehen, das ist auch krass beleidigend. Noch lauter als die Hymne auf sein Immer-noch-Aussehen wird da immer: Dafür, dass du so ein alter Schleicher bist, siehst du noch ganz gut aus. In deinem Alter gibt es, wenn es ums Aussehen geht, nur noch die Beleidigung.' So Goethe/Walser."

Das neue riesige drachenförmige, von Norman Foster entworfene Terminal 3 des Pekinger Flughafens, der jetzt eröffnet wurde, hat vom ersten Bleistiftstrich bis zur Fertigstellung nicht mal solange benötigt wie allein die Planungsphase für die Erweiterung von Heathrow, kolportiert Henrik Bork. Zur Eröffnung wurde Foster "Medienberichten zufolge" allerdings nicht eingeladen: "möglicherweise weil ein Brite diesen Moment intensiven chinesischen Nationalstolzes doch eher gestört hätte".

Weiteres: Hermann Parzinger, der neue Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, erklärt im Gespräch mit Jens Bisky und Ijoma Mangold die engere Kooperation zwischen den einzelnen Einrichtungen zu einer seiner vornehmsten Aufgaben. Thomas Krens, Direktor und wegen seiner radikal erfolgreichen Marketingrezepte zugleich Retter der Guggenheim Stiftung, hat seinen Rücktritt eingereicht, wie Jörg Häntzsschel informiert. Adrienne Braun meldet, dass die Akademie für Darstellende Künste in Ludwigsburg, an der Regisseure, Dramaturgen und Schauspieler für Theater, Film und Fernsehen ausgebildet werden sollen, ab dem Wintersemester ihrer Arbeit aufnimmt. Petra Steinberger schreibt den Nachruf auf William F. Buckley, den konservativen Denker und Gründer der National Review.

Besprochen werden Todd Haynes' Kinowunder" und Bob-Dylan-Annäherung "I'm Not There", neue Indie-Alben von "Get Well Soon", "Milkwood", "Home of the Lame", "Delbo", "Slut" oder "Superpunk", und Bücher wie Haruki Murakamis "frische" Gedanken über "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" (mehr in unserer Bücherschau des Tages).