Heute in den Feuilletons

Ohne Ordnungsverstöße oder Schießereien

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.02.2008. Mandelstam ade: Die NZZ beschreibt die Entsorgung der Avantgarde in Russland. Zoomer.de spaltet die Blogosphäre und treibt auch den Platzhirsch Spiegel Online um.  Der Rap hat jetzt auch einen Mann des Ostens. Die taz stellt ihn vor. In der FAZ erzählt der kosovarische Schriftsteller Beqe Cufaj, wie er unabhängig wurde.

Spiegel Online, 19.02.2008

"Muss jede selbstherrliche deutsche Jugendbande gleich faschistisch sein?" fragt Matthias Matussek in einem Artikel über Götz Alys Buch "Unser Kampf", das in den 68ern Wiedergänger der 33er sieht. "Alys Buch ist bei aller unbedingt lesenswerten Materialfülle ein reichlich hysterischer Indizienprozess gegen die eigene Vergangenheit. Ein Psychodrama. Die Gefahr wird überdimensioniert: Aly atmet auf über 'die glückliche Niederlage' - als hätte je die Möglichkeit des Sieges bestanden. Als hätten die paar totalitär denkenden 68er-Strategen - wie die 33er - die Macht im Rücken gehabt und Hunderttausende auf den Straßen. Aly verfällt genau dem pauschalen Verletzungseifer, den er aufklären möchte. Noch immer nennt er den Gegner faschistoid."

zoomer.de treibt nicht nur die Blogosphäre um, sondern auch den Platzhirsch Spon. Frank Patalong kommentiert Holtzbrincks Strategie mit dem neuen Nachrichtenportal: "Dabei geht es ja um eine Menge: Die lieben Kids klicken in ihren Netzen, bis die Finger wund werden, und machten die Holtzbrinck-Netze Studi- und SchülerVZ so zu den Königen im Online-Land - mit 6,3 und 5,9 Milliarden Seitenaufrufen im Januar. Das kostet zurzeit vor allem Geld - zugleich lässt sich die jugendliche Klickflut kaum vermarkten. Bei einem Nachrichtenportal sähe das ganz anders aus."

Stichwörter: Geld, Götz Aly

NZZ, 19.02.2008

Olga Martynova schildert, wie sich die russische Literatur allmählich vom Erbe der avantgardistischen Moderne zu distanzieren beginnt. "Nach knapp zwanzig postsowjetischen Jahren wird in Russland Aggression gegen 'anspruchsvolle Kultur' laut: Sie komme nicht von oben und nicht von unten, aus dem 'Volk' - sie komme aus der Mitte der Intelligenzia, die sich immer für die Erbin der im Namen des offiziellen sozialistischen Realismus unterdrückten Moderne gehalten und sich ihr gegenüber immer sehr unkritisch, beinahe lakaienhaft verhalten habe. Fünfzig Jahre lang habe sie versucht, das versprochene (subjektiv, von Achmatowa versprochene!) Gut in Besitz zu nehmen. Jetzt beginne sie einzusehen, dass sie dieses Gut überhaupt nicht gebrauchen könne. Man sei betrogen worden. Betrogen von wem? Richtig, von Anna Achmatowa, von Marina Zwetajewa, von Ossip Mandelstam - von den Idolen der früheren Jahre."

Weiteres: Jürgen Ritte schreibt zum Tod von Alain Robbe-Grillet, dem wir die Befreiung der Literatur von "Metaphern und niedlichen Adjektiven" verdanken. Besprochen werden Schumanns Oper "Genoveva" in Zürich, eine Ausstellung über den Architekten Franz Ehrlich im Bauhaus Dessau und Bücher, darunter Rolf Lapperts Roman "Nach Hause schwimmen" und Michael Erlers Band "Die Philosophie der Antike" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 19.02.2008

Zoomer.de spaltet die Blogosphäre. Don Alphonso lehnt ab: "Je länger ich mich damit auseinandersetze, desto mehr habe ich das Gefühl einer bepinselten Leere. Ein krawalliges, buntes Nichts, das mich aufsaugen und zu einer Interaktion verführen soll, die in etwa auf dem Niveau irgendwelcher SMS-Chat-Sendungen daherkommt."

Florian Steglich von Medienlese ist freundlicher: "Unser erster Eindruck: Auf Zoomer.de finden sich 'echte' Nachrichten. Die Unabhängigkeit des Kosovo, die Ermittlungen in Sachen Steuerhinterziehung, die Wahlen in Hamburg. Da ist erstmal nichts zu sehen von Britney-Britney-Balla-Balla."

turi2 resümiert Reaktionen (außer der von Don Alphonso).
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Stichwörter: Kosovo, Unabhängigkeit, Wahlen

TAZ, 19.02.2008

Als weder unreflektiert noch unsympathisch beschreibt Andreas Hartmann den neuen Rap-Star des Labels Aggro Berlin, Joe Rilla, der aus Marzahn kommt und als Mann des Ostens präsentiert wird. Wieder einmal sei es Aggro Berlin gelungen, "einen Charakter zu prägen, der so geschickt eine Identifikationsfläche für sein Zielpublikum bildet, wie man das sonst nur von der Produktwerbung her kennt. Neben dem Maskenmann Sido, dem deutschtümelnden Fler und dem übersexualisierten afrodeutschen B-Tight hat Joe Rilla seinen Platz eingenommen. Es funktioniert: Zeilen wie 'Oberarme zugescheppert, Ostberlin, Junge, Kategorie C, mein Freund", sind zu viel für MTV, der Sender weigert sich, Joe Rillas Song 'Der Osten rollt' zu spielen. 'Kategorie C', für alle, die es nicht wissen, ist der Polizeibegriff für gewaltsuchenden Hooligan."

Weiteres: Wolfgang Ulrich gefällt der Begriff der Ersatzreligion für die Konsumkultur nicht. Dafür sei sie zu vielfältig. Dass sich die Designer Against Aids mit dem globalen Riesenkonzern H&M verbinden, um ihr Anliegen zu bewerben, kann Johanna Itzek wegen der guten Sache verstehen.

Besprechungen widmen sich der Schau "I am not afraid" mit Fotografien von Absolventen des Johannesburger "Market Photo Workshop" in Graz und Peter Handkes Erzählung "Die morawische Nacht".

Und Tom.
Stichwörter: Aids, Berlin, Peter Handke, Rap, Sido

FR, 19.02.2008

Natalie Soondrum hält die Aufregung über Schulen, an denen in Türkisch unterrichtet wird, für übertrieben. Der Erfolg der amerikanischen Drehbuchautoren in der Auseinandersetzung mit den Studios ist hierzulande wegen des geringen Organisationsgrads wohl nicht möglich, schreibt Tilman P. Gangloff. Arno Widmann bemerkt in einer Times mager, dass auch im Medienbetrieb immer mehr Menschen mit dem Verkaufen und immer weniger mit Inhalten beschäftigt sind.

Besprochen werden eine Schau zu Jasper Johns im New Yorker Metropolitan Museum of Art sowie Vera Nemirovas Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Opera comique "Die Pilger von Mekka" am Münchner Prinzregententheater.

Welt, 19.02.2008

In den zwei parallelen Aufmachern geht's um Kleinstaaten: Eckhard Fuhr wendet sich gegen Liechtenstein und den Neoliberalismus. Berthold Seewald kommentiert die deutsche Position zur Unabhängigkeit des Kosovo. In der Leitglosse kommentiert Gerhard Charles Rump die durch eine Studie gewonnene Erkenntnis, dass der Einsatz der Kunst beim Rüberbringen von Werbebotschaften hilfreich sein kann. Hanns-Georg Rodek interviewt Kulturstaatsminister Bernd Neumann über die Idee eines Pflichtexemplars für Filme und Videos. Michael Pilz unterhält sich mit Christian "Flake" Lorenz von Rammstein über seine Frühzeit als Ostpunker bei Feeling B, die er zu Zeit per CD und Buch dokumentiert. Tilman Krause schreibt zum Tod des nouveau romancier Alain Robbe-Grillet. Ulrich Weinzierl besucht die renovierten k.u.k.-Prunkräume in der Wiener Albertina.

Besprochen werden Schuberts "Genoveva" unter Nikolaus Harnoncourt in Zürich und der Dokumentarfilm "Gegenschuss" über die heroischen Zeiten des neuen deutschen Kinos.

SZ, 19.02.2008

Andrian Kreye beschreibt mit Hilfe des Buchs "Richistan" des Wall-Street-Journalisten Robert Frank, wie weit die Superreichen sich schon vom Rest der Gesellschaft entfernt haben. Im Kosovo wie in allen neuen Nationalstaaten zählt die Kreation einer eigenen Flagge zu den wichtigsten Aufgaben, informiert Petra Steinberger. Alex Rühle berichtet, dass die Harvard-Universität ihre Forschungsergebnisse in Zukunft selbst im Netz veröffentlichen will. Carola Gruber resümiert eine Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing, in der die wachsende wirtschaftliche Bedeutung des Holzes hierzulande aufgezeigt wurde. Der Politikwissenschaftler Dirk Lüddecke hält den Ethikrat für hoffnungslos durchpolitisiert und deshalb überflüssig. Lothar Müller schreibt zum Tod des französischen Schriftstellers Alain Robbe-Grillet. In der "Zwischenzeit" identifiziert Claus Heinrich Meyer den Finanzinvestor Montgomery als Schlupfwespe, der sich am Körper der Berliner Zeitung labt.

Auf der Literaturseite widmet sich Alexander Menden dem wachsenden britischen Unverständnis über die ätzende Islamismuskritik des Schriftstellers Martin Amis, dessen neuer Essayband zum Thema "in der Luft zerfetzt" wurde. Auf der Medienseite berichtet Tomas Avenarius über Zensurbestrebungen arabischer Staaten, gegen die sich vor allem Al Jazeera wehrt.

Besprochen werden eine Ausstellung zum Stauferkaiser Friedrich II. im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg, Juan Antonio Bayonas Horrorfilm "Das Waisenhaus", und Bücher, darunter "Unser Kampf" von Götz Aly, dem sie unterstellt, er leide darunter, dass er "nicht Ordinarius" geworden sei, und Michael Roes' Roman "Ich weiß nicht mehr die Nacht" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 19.02.2008

Der kosovarische Schriftsteller Beqe Cufaj erzählt von seinem Beitrag zu den Unabhängigkeitsfeiern seines Landes - er hat für einen Freund, der Luftballons in den Himmel schießen wollte, Zubehör für eine Heliumflasche besorgt: "Die Menschen hier wissen, dass die Welt ihren Blick auf sie gerichtet hat; deshalb hatte man sich bemüht, das Fest auf würdige Weise und ohne Ordnungsverstöße oder Schießereien verlaufen zu lassen: mit Feuerwerk und Beethoven. Und mit den Luftballons meines Freundes Luan."

Weitere Artikel: Mit seinem Familienbuch "Havemann" hat Florian Havemann Skandal gemacht; nach Klagen wurde jetzt eine teils geschwärzte Fassungs ins Netz gestellt. Marcus Jauer hat Florian Havemann getroffen und auch mit Freunden von früher und von heute geredet. In der Glosse macht sich Patrick Bahners Gedanken zur Nicht-Existenz bedeutender liechtensteinischer Gegenwartsliteratur, wo der Romanstoff doch auf der Straße beziehungsweise in den Bankhäusern liegt. Dieter Bartetzko porträtiert den Schauspieler Axel Milberg, bekannt unter anderem als Tatort-Kommissar. Warum die Spanierinnen mit ihren "Körperformen" unzufrieden sind, weiß Paul Ingendaay. Zum Tod des Autors Alain Robbe-Grillet schreibt Jürg Altwegg. Auf der Forschung-und-Lehre-Seite erklärt Jürgen Kaube, warum die Zahlen aktueller Untersuchungen zur Zufriedenheit der Studierenden mit dem Studium sowie zu Abbrecherquoten im Grunde nur als "niederschmetternd" zu begreifen sind. Peter Miroschnikoff stellt auf der Medienseite das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Kosovo vor.

Besprochen werden zwei Neuaufnahmen von Bachs Sonaten für Violine und Klavier, Ingo Berks Bonner Aufführung von Botho Strauss' Stück "Groß und klein", Martin Kusejs Züricher Inszenierung von Robert Schumanns Oper "Genoveva"ein Berliner Konzert von "The Cure", Juan Antonio Bayonas Film "Das Waisenhaus" und Tim Westons australische Geschichten "Weite Welt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).