Heute in den Feuilletons

"das Schweigen der namhaftesten italienischen Intellektuellen"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.11.2007. Die NZZ freut sich, dass Italien in der Debatte um den Islam aufholt. Die Welt sieht dagegen eine neue Aufklärung in China aufziehen. Die SZ befasst sich mit Frankreichs neuem und recht "schwefeligem" Einwanderungsgesetz. Die taz hört die wilde, schöne Musik des Sebastian Claren.

NZZ, 19.11.2007

Franz Haas sieht mit Erleichterung, dass die Islam-Debatte allmählich auch in Italien in Gang kommt - auch dank der vom italienischen Magazin Reset.doc aufgegriffenen Perlentaucher-Debatte: "Umso rätselhafter ist das Schweigen der namhaftesten italienischen Intellektuellen zu diesem Thema. Umberto Eco fand schon die 'heroischen Appelle für die Pressefreiheit' im Streit um die dänischen Karikaturen 'exzessiv', für den fanatischen Islamismus im eigenen Land hat er in seiner Kolumne in der Wochenschrift 'L'Espresso' gerade ein aufgeklärtes Achselzucken übrig. Die italienische Debatte um den radikalen Islam hinkt im internationalen Vergleich mit einiger Verspätung hinterher. Es fehlt zwar nicht an alarmierenden Kommentaren, doch ist das meist Importware aus angelsächsischen Federn. Eine Ausnahme und Schlüsselfigur ist der stellvertretende Chefredaktor des Corriere della Sera: Magdi Allam, geboren in Kairo und dort unter westlichem Einfluss aufgewachsen, kam zum Studium nach Italien und blieb, begann seine steile journalistische Karriere beim kommunistischen 'Manifesto', bezeichnet sich als 'weltlicher Muslim' und ist heute mit seinen Artikeln und Büchern die wichtigste Stimme gegen den islamischen Fundamentalismus in seiner Wahlheimat."

Weitere Artikel: Jörg Plath spricht mit dem Schriftsteller Laszlo Vegel über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, den Mythos Milosevic und die Suche nach einer serbischen Identität. Barbara Villiger Heilig rühmt Luc Bondys Aufführung von Marivaux' Komödie "La Seconde Surprise de l'amour" in Nanterre. Alfred Schlienger befindet, Christiane Pohle bringe die Kleine Bühne des Theater Basel mit "Zones of my exclusions" ihrer "Stilllegung einen wesentlichen Schritt näher". Klaus Englert empfiehlt die Ausstellung zum katalanischen Fin de Siecle "Barcelona 1900" im Van-Gogh-Museum in Amsterdam. Hubertus Adam lobt Berthold Penkhues' Anbau des Bachhauses in Eisenach. Und Joachim Güntner kommentiert die Diskussion um den selbsternannten Integrations-Rapper Muhabbet, den er weder für ganz sauber noch für wirklich gefährlich hält.

TAZ, 19.11.2007

Der in Mannheim geborene Sebastian Claren komponiert "Dub für Orchester" nach Sergej Eisenstein oder Daniil Charms. Björn Gottstein ist von der "wilden, schönen Musik" auf dem Album "dto" ganz hingerissen. "Es ist auf Clarens jetzt erschienenen Porträt-CD auch nicht deshalb 'Potemkin I: Baby Baby' das schönste Stück, weil es auf Eisensteins legendären Film zurückgeht, sondern weil sich das Akkordeon mit den drei Streichern aufs Wundersamste vermählt. Weil Claren Gesten komponiert, verzahnt, ineinanderblendet und -schneidet, mit denen sich die Instrumente gegenseitig umschlingen und durchdringen. Natürlich lebt das Stück davon, dass Claren die Taktmaße den Filmsequenzen nachempfunden hat, dass er Kameraeinstellungen in musikalische Nahaufnahmen und Halbtotalen verwandelt hat. Für den Klangeindruck aber spielt es eine nur untergeordnete Rolle."

Weiteres: Reiner Wandler berichtet aus Spanien, wo gerade ein umstrittenes Gesetz zum Gedenken an die Opfer des Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur verabschiedet wurde. Rudolf Walther bilanziert die diesjährige Ausgabe der Frankfurter Römerberggespräche zur Berliner Republik, in der auch Egon Bahr auftrat. In der zweiten taz fragt sich Cigdem Akyol, warum Anne Will sich ausgerechnet in der Bild am Sonntag öffentlich zu ihrer Lebensgefährtin Miriam Meckel bekennt (und nicht etwa in der taz).

Und Tom.

Welt, 19.11.2007

Eine Ausstellung in Peking deutet, wie Johnny Erling meint, darauf hin, dass eine Diskussion über die Kulturrevolution in Gang kommen könnte: "Pekings Kunstkritiker Yin Shuangxi sagte, China könne nicht mehr weiter so tun, als hätte es ein Ereignis wie die Kulturrevolution in der Geschichte der Nation nicht gegeben. Er erinnerte an Kunst und Literatur, die schon einmal in der Zeit von 1976 bis 1985 versucht hatten, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Dieser Versuch sei gestoppt worden: 'Die Zeit einer neuen Aufklärung ist gekommen.'"

Weitere Artikel: Im Kommentar kann Eckhard Fuhr nicht anders: Er muss dringend Kulturstaatsminister Bernd Neumann loben, der soeben 400 Millionen für die Kultur locker gemacht hat. Uta Baier berichtet, dass die Suche nach Raubkunst einfacher werden soll. Auf der Forum-Seite darf sich nach Tilman Krauses Amoklauf gegen die Moderne nun Alexander Gauland gegen den Terror des "modernen Bauens" und des "Gender-Mainstreaming" äußern. Daneben wird noch einmal ein einschlägiger Auszug aus Martin Mosebachs Büchner-Preis-Rede abgedruckt.

Auf der DVD-Seite freut sich Sascha Westphal über DVDs mit Filmen des Regisseurs Sam Fuller. Hellmuth Karasek stellt fest, dass der Völkermord in Kambodscha im US-Kino weit weniger stark verarbeitet wurde als der Vietnam-Krieg. Im Interview erzählt Evanna Lynch, wie sie an die Rolle der Luna Lovegood in den Harry-Potter-Verfilmungen kam.

Besprochen werden Armin Petras' Inszenierung seines Stücks "Heaven" am Berliner Maxim-Gorki-Theater, eine Inszenierung von Joseph Haydns "Orlando Paladino" in Wien sowie der Fernsehfilm "Erlkönig".
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SZ, 19.11.2007

Der Freiburger Medizinhistoriker Oliver Müller befasst sich mit dem Vorhaben Frankreichs, künftig mit Gentest den Familiennachzug bei Immigranten strikter zu regulieren: "In Kommentaren war vom 'schwefeligen' Charakter dieses Vorhabens die Rede; Aktivisten labelten knapp 'ADHaine' (DNS wird im Französischen ADN abgekürzt); Bernard-Henri Levy hat sich mit prominenten Befürwortern, etwa Brice Hortefeux, dem für die Immigration zuständigen Minister, verbalinjurisch verkeilt. Am deutlichsten wurde Fadela Amara, sozialistisches Mitglied der Regierung Sarkozy, sie nannte den Gesetzesvorschlag schlicht 'ekelhaft'. Dies wiederum hat die New York Times aufgeschreckt, die sich des Falles annahm - in einem Editorial wurde das 'widerliche' Gesetz als 'pseudowissenschaftliche Bigotterie' bezeichnet, weil es an nazistische Blut- und Rassenideologien erinnerte."

Weiteres: Als "geradezu bösartig" geißelt Gottfried Knapp die kommerziellen Umbaupläne für den Münchner Olympiapark. Der Direktor der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Armin Zweite, erklärt Holger Liebs im Interview, was er ab Januar als Direktor der Sammlung Brandhorst in München vorhat. Volker Breidecker resümiert die diesjährigen Frankfurter Römerberggespräche, die sich um die Berliner Republik drehten. Tobias Moorstedt stellt Zach Condon alias Beirut vor, der gerade durch Deutschland tourt. Der Streik an der Mailänder Scala bedroht auch die Aufführung von Wagners "Tristan und Isolde" mit Daniel Barenboim, meldet Henning Klüver.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" in Magdeburg, Sebastian Baumgartens Bühnenversion von Lars von Triers Film "Europa" und Daniela Kranz' Adaption von Thomas Jonigks Roman "Jupiter", beide am Schauspielhaus Düsseldorf, eine Ausstellung über den Einfluss jüdischer Zeichner und Autoren bei der Entwicklung des Comics im Pariser Museee d'art et d'histoire du judaisme, Özer Kiziltans Film "Takva", DVD-Neuerscheinungen wie Stanley Kramers "Das letzte Ufer", und Bücher wie Gerhard Schulz' Kleist-Biografie sowie Katharina Hackers Gedichtband "Überlandleitung" (mehr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 19.11.2007

In einer Times mager trägt Judith von Sternburg Beobachtungen aus dem Straßenverkehr zusammen, darunter ein japanischer Straßenbelag, der beim Überfahren Popsongs erklingen lässt. Maximilian Kuball fasst eine Tagung des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts über die Arbeit mit den Traumata des Holocaust zusammen.

Besprechungen widmen sich einer Ausstellung über den amerikanischen Fluchthelfer Varian Fry in der Berliner Akademie der Künste, William Forsythes Choreografie "nowhere and everywhere at the same time" im Bockenheimer Depot Frankfurt und Peter O. Chotjewitz' autobiografischer und für Rezensent Max Thomas Mehr "ärgerliche" RAF-Kolportage "Mein Freund Klaus" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 19.11.2007

Volker Müller zuckt nur mit den Schultern über die angeblichen Enthüllungen, die Dissidentensohn Florian Havemann in seinem 1000-Seiten-Familienkonvolut "Havemann" über Wolf Biermann verbreitet. Dessen Ausbürgerung 1976 sei ein abgekartetes Spiel gewesen, alles mit Margot Honecker abgesprochen: "Der Autor streut dubiose Gerüchte aus zweiter und dritter Hand, für deren Urheber er sich vorsorglich nicht verbürgt. Der Liedermacher Rump will von der Honecker-Tochter Sonia über den Besuch von Margot bei Biermann gehört haben. Der als MfS-Informant enttarnte Musikmacher und Politiker Dieter Dehm will dabei gewesen sein, wie der Nicht-Trinker Biermann1976 vor dem Kölner Konzert im Gespräch mit dem IG-Metaller Jakob Moneta rotweinselig damit geprahlt habe, in seiner letzten DDR-Nacht 'mit Margot Honecker im Bett gewesen zu sein'. Alles vom Hörensagen. Dokumentarische Belege null."
Stichwörter: Wolf Biermann

FAZ, 19.11.2007

Als "Zäsur" begreift Patrick Bahners eine Rede des Verfassungsrichters Udo di Fabio, in der dieser - durchaus gegen Wolfgang Schäuble gerichtet - davor warnte, in Zeiten des Terrors ohne Not Grenzen zwischen den Staatssphären einzureißen: "Die Berliner Rede des auf Vorschlag der Union gewählten Richters leugnet die Herausforderung des Rechtsstaates durch den global agierenden Terrorismus nicht. Aber präzise sagt di Fabio, 'dass getrennte Rechtsräume und die Vorstellung von innerer und äußerer Rechtsordnung zur Disposition gestellt scheinen.' Wo Schäuble welthistorische Tatsachen beschwört, sieht di Fabio einen Schein, der zur Prüfung nötigte, welche Kompetenztrennungen tatsächlich unpraktisch geworden sind - und welche es vor dem Hintergrund diffuser und scheinbar permanenter Gefahren erst recht einzuschärfen gilt."

Weitere Artikel: Joachim Müller-Jung ist erfreut, dass der Abschlussbericht des Weltklimarats (hier eine Zusammenfassung in englischer Sprache) kein Wasser auf die Mühlen der "Katastrophenkrakeeler" leitet. In der Glosse kommentiert "kkr" Ärger um eine Heidi-Illustration in der Türkei, die Großmutter Sesemann mit Kopftuch zeigt. Lorenz Jäger war bei den Römerberggesprächen (Website) zugegen, bei denen über deutsche Vergangenheit und Gegenwart diskutiert wurde. Bei einer Vorstellung seines neuen Romans "Das Gesicht morgen" hat, wie Kersten Knipp berichtet, der Schriftsteller Javier Marias verkündet, fortan keine Romane mehr schreiben zu wollen. Kerstin Holm porträtiert den sowjetischen Meisterspion Georg Koval, der Präsident Putin soeben postum zum "Helden der Russischen Föderation" ernannt hat. Vom Beginn der Lesereise Cornelia Funkes berichtet Tilman Spreckelsen. Zum Ende des New Yorker Berlin-Festivals zieht Jordan Mejias eine positive Bilanz des entstandenen Eindrucks: "Unvollständig, aber sexy."

Besprochen werden eine Inszenierung von Wagners "Rienzi" in der Leipziger Oper, Luc Bondys Pariser Inszenierung von Marivaux' "Die zweite Überraschung der Liebe" (ein "wahrer Triumph", schwärmt Joseph Hanimann), eine Installation von Damien Hirst in New York, eine Choreografie von William Forsythe in Frankfurt, ein Konzert der "Fantastischen Vier" in Mannheim, und Bücher, darunter Franzobels Roman "Liebesgeschichte" und auf der Sachbuchseite Thomas Lemkes Debattenüberblick "Biopolitik zur Einführung" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages).