Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2007. In der SZ schreibt Ingo Schulze über den Schießbefehl in der NVA. Der NZZ wird bei den Skulpturen von Richard Serra ganz leicht ums Herz. Die taz fragt: Ist die Demografie eine "Wissenschaft der Angst"? In der Welt plädiert Martin Mosebach für den Wiederaufbau zerstörter Bürgerhäuser in Frankfurt. Die FAZ berichtet über die Zwangsumsiedlung der arabischen Minderheit im Iran.

NZZ, 14.08.2007

Andrea Köhler wird in der großen Richard-Serra-Retro in New York ganz poetisch: "Es ist eine seltsame Erfahrung, die man mit Richard Serras monumentalen Stahlkonstruktionen macht: Man fühlt sich in ihnen leicht und erhoben. Wenn man den geschwungenen Wänden der fünf Meter hohen Skulpturen entlangstreicht, verwandelt man sich in einen Magnet, der sich dem Schwung der Wellenlinien anpasst. Zugleich gerät man in eine Art Strudel; es ist, als würde man tanzen - von einer unsichtbaren Hand geleitet, gedreht. Diese Leichtigkeit, die die tonnenschweren Riesenskulpturen nicht ausstrahlen, doch im Betrachter bewirken, grenzt an Zauberkraft."

Weitere Artikel: Thomas Leuchtenmüller stellt in einem "Lesezeichen" Mordecai Richlers Roman "Die Lehrjahre des Duddy Kravitz" vor. Weitere Rezenseionen gelten unter anderem einem Buch mit Reaktionen auf die Regensburger Rede des Papstes. Besprochen werden außerdem Hector Berlioz' "Benvenuto Cellini" in Salzburg und Konzerte des Festivals "Young Artists in Concert" in Davos.

Welt, 14.08.2007

Die Stadt Frankfurt plant den Wiederaufbau zerstörter Bürgerhäuser am Dom. In einem ausführlichen Interview erklärt der in Frankfurt lebende Autor und diesjährige Büchner-Preisträger Martin Mosebach, warum Rekonstruktionen alter Bausubstanz - freilich nicht ihre geplante Nachahmung durch moderne Architektur - der Stadt nur gut tun können: "Diese Öde liegt meinem Empfinden nach über der ganzen Stadt. Auch die wenigen Gebäude, die den Krieg überstanden haben, wirken seltsam neu. Die feinen Wurzelgeflechte, die ein Haus, eine Straße, einen Winkel mit anderen Epochen verbinden, die sind hier gekappt... Ich will nur feststellen, dass diese Stadt voraussetzungsloser, geschichtsloser ist als viele andere. Umso wichtiger wäre es, historische architektonische Haltepunkte wiederherzustellen."

Weitere Artikel: In der Glosse schreibt Thomas Lindemann über Sex und Erotik unter Gamern und ihren Avataren. Matthias Heine porträtiert die Theaterpuppenkünstlerin Suse Wächter. Thomas Schmid schreibt einen Nachruf auf den Religionswissenschaftler Norman Cohn. Im Magazin erinnert Michael Pilz an Elvis Presley, der vor dreißig Jahren in Memphis starb.

Besprochen werden die große Hiroshi-Sugimoto-Ausstellung in Düsseldorf, eine Retrospektive des wiederentdeckten barocken Malers Nicolaes Berchem erst in Zürich, demnächst in Schwerin, und Norman Lebrechts Band "Ausgespielt" über "Aufstieg und Fall der Klassikindustrie".

TAZ, 14.08.2007

Die Demografie, eine "Wissenschaft der Angst"? Aufschlussreich gerät für Ines Kappert die Studie "Der ewig währende Untergang" von Thomas Etzemüllers, ein Blick auf die Demografiedebatte über Jahrzehnte und Ländergrenzen hinweg. "Das Volk kollabiert. Diese Befürchtung formulieren Bevölkerungsexperten nicht nur gegenwärtig, sondern auch schon im Jahre 1930 oder 1950. Jeweils sagten sie voraus, dass sich die Bevölkerung in den nächsten 50 Jahren um die Hälfte oder ein Drittel dezimieren und sich von dieser Schrumpfung nicht erholen werde."

Weiteres: Die documenta ignoriert die politische Kunst, moniert Lutz Heber. Ein Beispiel sei Zoe Leonards Fotoserie "Analogue", die in Kassel nur verstümmelt zu sehen ist (im Gegensatz zu der "Analogue"-Ausstellung im Wexner Center for the Arts in Columbus, Ohio). Irene Grüter reist zum 39. Theaterfestival ins finnische Tampere, wo sich die amüsierte Präsidentin Tarja Halonen eigens für Stephanie Sewellas Bühnenadaption von Aki Kaurismäkis "Wolken ziehen vorüber" bedankte. Wolfgang Ullrich liest Konsumentenberichte zu Duschgels und grämt sich über den durchschlagenden Erfolg der Marketingabteilungen, Duschen zum Erlebnis hochzujubeln.

Und Tom.
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FAZ, 14.08.2007

Joseph Croitoru informiert über Projekte der iranischen Regierung, Iraner arabischer Abstammung zu Hunderttausenden umzusiedeln: "Der Bevölkerungstransfer ist offenbar Teil eines umfassenden Plans, der sowohl auf die Zwangsiranisierung dieser Volksgruppe als auch auf die Re-Iranisierung ihres bisherigen Hauptsiedlungsgebiets abzielt. Zu diesem Zweck werden nicht nur Maßnahmen gegen die regionale demographische Konzentration dieser Minorität ergriffen; anstelle der transferierten Araber werden von der Regierung obendrein systematisch Iraner persischer Abstammung angesiedelt, von denen sich die Machthaber wohl eine größere Loyalität versprechen."

Weitere Artikel: Elke Heidenreich ist gar nicht einverstanden damit, dass die Festspiele in Bayreuth von aller Welt als reines Schaulaufen für Prominente beschrieben wurden: "Nein, es stimmt nicht, was neulich allen Ernstes auf einer ganzen Seite in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung stand. Bayreuth ist kein Ort von und für Roberto Blanco und den Gottschalk-Zirkus.... Also, ganz normale Menschen mit ganz normalen Fragen, da ist nichts hehr und heilig." Konrad Adam findet die Ausstellung "Antisemitismus? Antizionismus? Israelkritik?" im Auswärtigen Amt "heikel", weil sie Vergleiche nicht zulassen und zugleich klar machen wolle, "welche Kritik am Alliierten Israel die öffentliche Meinung besser unterlassen sollte". Unschöne Dinge tun sich nach Antonionis Tod in Ferrara, weiß Dirk Schümer in der Leitglosse zu berichten: das Antonioni-Museum soll geschlossen bleiben, der Nachlass droht, in alle Winde zerstreut zu werden. Der Sportwissenschaftler Dieter Jütting singt ein Loblied auf die Sport-Vereinsmeierei als Muster der Zivilgesellschaft. Dirk Schümer hat das Rossinifestival in Pesaro besucht. Bettina Erche schildert die Suche nach Spuren früher Kirchenbauten in Mesopotamien. Auf der letzten Seite porträtiert Thomas Thiel den Musik- und Textemacher Funny van Dannen. Kilian Trotier liefert Impressionen von der Seenlandschaft rund um Berlin und informiert über Potsdams diesbezügliche touristische Ambitionen und Pläne.

Besprochen werden Richard Thompsons neues Album "Sweet Warrior", Kay Kuntzes Rheinsberger Inszenierung von Giuseppe Verdis "Falstaff", eine Wiener Ausstellung mit Werken Adolf Hölzels und ein Buch, nämlich Avirama Golans Roman "Die Raben" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 14.08.2007

Sylvia Staude berichtet vom Wiener ImPulsTanz-Festival: "Jerome Bel, Vordenker der Konzepttanzkunst, hat kürzlich einen überraschenden Vergleich angestellt: Der Tanz und die Armee seien 'die beiden Strukturen, die die Individuen am stärksten von sich entfremden'. Er sprach in diesem Zusammenhang von 'verinnerlichter Disziplin', Dominanz (des Choreografen) und 'gewollter (Selbst-)Unterdrückung' (des Tänzers)." Und tatsächlich, konstatiert auch Staude: "Der Beruf des Tänzers, wie er in Wien in seiner Ausübung zu beobachten war, diversifiziert sich mehr und mehr, die Anforderungen werden (noch) exotischer, sie spülen zudem Körper-Künstler auf die Bühne, die nicht vor allem eine Tanzausbildung haben."

Weitere Artikel: Elke Buhr entert Hubert von Goiserns Konzertschiff, das derzeit ostwärts die Donau hinabtuckert. Christian Schlüter fragt sich, ob man bei Siemens mittlerweile auch schwarze Steuern zahlt. Im Interview mit Roland Mischke auf der Literaturseite beschreibt der Berliner Politikwissenschaftler und Autor der Studie "Eliten in Ostdeutschland", Gunnar Hinck, warum die Führungskräfte in den neuen Bundesländern eine Notgemeinschaft darstellen. Arno Widmann kommentiert kurz die Lektüre von Hillary Clintons Biografie und Barrack Obamas Wahlkampf-Buch.

Besprochen werden Barbara Freys unentschlossene Inszenierung von Heiner Müllers "Quartett" bei den Salzburger Festspielen, eine Aufführung von Georg Friedrich Händels "Saul" mit "unverzagt aufflammenden" Chören beim Rheingau- Musik-Festival sowie eine DVD der Berliner Aufführung von Lou Reeds "Metal Machine Music" und Bücher, darunter Per Pettersons Roman "Im Kielwasser" sowie Peter Kempers Beatles-Buch (mehr in unserer Bücherschau des Tages 14 Uhr).

SZ, 14.08.2007

Der Schriftsteller Ingo Schulze erinnert sich aus aktuellem Anlass an seine Zeit als Soldat bei der NVA, in deren "Mot.-Schützenregiment 1" er einberufen worden war. "Dass ich nicht zu den Grenztruppen kam, war klar. Ein Jahr vor meiner Einberufung hatte die Staatssicherheit meiner Mutter und mir (fälschlicherweise) geplante Republikflucht unterstellt. Außerdem hatten wir Westverwandtschaft. Ich bewunderte und bewundere all jene, die den Mut hatten, den Dienst an der Grenze zu verweigern. Dies war möglich, auch wenn man dann besonders weit entfernt vom Wohnort stationiert wurde. Im Grunde aber gab es für uns alle, die den Fahneneid geleistet hatten und irgendwann mit scharfer Munition auf Wache zogen (um das Regiment zu bewachen, was vor allem hieß, den Alkoholschmuggel der Soldaten zu unterbinden), einen Schießbefehl, wenn auch nach (wenn ich mich richtig erinnere) drei Vorwarnungen."

Die geringe Aufmerksamkeit für die Hochwasser in Asien ist für alle Beteiligten von Vorteil, meint der Notfallchirurg und Helfer Richard Munz ("Im Zentrum der Katastrophe"). Nach dem Tsunami etwa war angesichts der schieren Masse der Hilfsteams eine sinnvolle Koordination der Hilfsmaßnahmen nicht mehr möglich: "Mehr als 1.500 ausländische Hilfsorganisationen waren wenige Monate nach der Flutwelle alleine in Sri Lanka registriert. Die Dunkelziffer dürfte ähnlich hoch gewesen sein. In Sumatra sprangen mir fast vier Wochen nach der Katastrophe knapp 20 amerikanische Chirurgen und Krankenschwestern in Operationskleidern aus einem Hubschrauber entgegen, um sich mit ihren Amputationsbestecken auf die Suche nach verbliebenen Schwerverletzten zu machen - die sie nicht fanden. In dem Städtchen Meulaboh stritten mehr als ein Dutzend ausländische chirurgische Teams darum, wer an wie vielen Stunden in der Woche den Operationssaal des völlig unzerstörten Krankenhauses benutzen durfte. Den Hilfsorganisationen gingen zum ersten Mal nicht die finanziellen Mittel aus, sondern die Opfer."

Weitere Artikel: Alex Rühle befragt den ehemaligen Stadtplaner Jorge Wilheim, wie es sich in Sao Paulo lebt, wo seit Anfang des Jahres keine Werbeplakate mehr hängen. Davon inspiriert zerpflückt Bernd Graff eine Werbung, die Franck Ribery vom FC Bayern als historisch falschen König zeigt. Jeder vierte deutsche Mann präsentiert sich trotz Datenschutzbedenken auf die eine oder andere Weise im Netz, kolportiert Johannes Boie. Markus Bauer erinnert an den rumänischen Bauernaufstand 1907. Harald Eggebrecht findet eine "Zwischenzeit", um Thomas Jeffersons Klause in der Nähe von Charlotteville zu besuchen. Auf der Medienseite berichtet Caspar Busche über den überraschenden Rücktritt von Georg Kofler als Vorstandsvorsitzender bei Premiere.

Besprochen werden die Ausstellung "Venedig und der Islam" im Dogenpalast vor Ort, Georg Friedrich Telemanns Oper "Der geduldige Sokrates" in der Version von Rene Jacobs bei den Innsbrucker Festwochen, Mozarts "Figaro" bei den Salzburger Festspielen, inszeniert von Claus Guth und dirigiert von Daniel Harding, und Bücher, darunter Sybille Bedfords Reisebericht "Zu Besuch bei don Otavio" sowie Patricia Bosworths Biografie der Fotografin Diane Arbus (Leseprobe hier) "Schwarz & Weiß" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).