Ingo Schulze

Handy

Dreizehn Geschichten in alter Manier
Cover: Handy
Berlin Verlag, Berlin 2007
ISBN 9783827007209
Gebunden, 288 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Silvester 1999, die Millennium-Nacht in Berlin. Frank Reichert, als ostdeutscher Jungunternehmer erfolgreich im Westen angekommen, begegnet auf der Silvesterfeier an der Schwelle zum neuen Jahrtausend Julia, seiner verlorenen großen Liebe. Seit der Trennung im Herbst 1989 wandelt er wie ein Fremder durchs Leben, fast unbeteiligt erlebt er neue Beziehungen und den Erfolg seines florierenden Geschäfts. Nichts mehr kann ihn im Tiefsten berühren, über allem liegt Julias Schatten und die Möglichkeit eines anderen Lebens. So wird das Ende der Nacht zu einem Neubeginn, mit dem keiner gerechnet hat. Zwischen Abschied und Aufbruch taumeln fast alle Figuren in Ingo Schulzes neuen Erzählungen. Oft reicht schon ein einziger irritierender Blick, um das scheinbar harmonische Gefüge einer frischen Liebe, einer nachbarschaftlichen Bekanntschaft oder eines unbeschwerten Urlaubs aus den Angeln zu heben. Ob im Friseurladen in Manhattan, in einer Datscha im Berliner Umland, stets umgibt eine Atmosphäre diffuser Bedrohung die selbst geschaffenen Fluchtorte. In diesen Heterotopyen der Seligkeit behaupten sich Schulzes Protagonisten gegen eine ständig beschleunigende Welt, die mit ihren Fallstricken bis in die eigenen vier Wände reicht. Mit untrüglichem Gespür für tragikomische Situationen umkreist Ingo Schulze das Wesen der Liebe, das Ringen um Würde im Abschiednehmen und das Geschenk glückhafter Epiphanien mitten im Alltag.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.03.2007

Alles ist verbunden, alles hat eine Bedeutung. Davon ist Ulrich Greiner nach der Lektüre von Ingo Schulzes "schönem" Erzählband restlos überzeugt. Beim Lesen hatte er - wie schon bei den "Simple Stories" - ein "Ringelnatz-Gefühl", was als großes Kompliment gemeint ist. Besonders beeindruckt den Rezensenten die Kunst der Abschweifung, die Schulze meisterlich beherrsche. Der Kniff, die Bedeutung des Erzählten immer wieder herunterzuspielen und das Beiläufige zum Prinzip zu erheben, diese "Literatur des scheinbar Nichtliterarischen" widerspricht zwar allen Regeln des Genres, entpuppe sich aber mit fortlaufendem Lesen als "Geniestreich". Schulze sei ein "begnadeter" Erzähler, dem mit seiner unspektakulären Art in diesem Band "einige der schönsten Liebesgeschichten" gelungen sind, die man heutzutage schreiben kann, schwärmt der Rezensent. "Listig" spiele Schulze mit den Möglichkeiten des Schreibens und der Person des Erzählers, so dass der glückselige Greiner am Schluss felsenfest davon überzeugt ist, "schlechthin alles" sei erzählenswert, solange es nur von Schulze erzählt wird.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.03.2007

Etwas ratlos startet Martin Lüdke seine Rezension über den inzwischen auch international anerkannten Autor Ingo Schulze, dem die Vorschusslorbeeren bei Neuerscheinung fast schon sicher sind, nicht zuletzt deshalb, weil er als "deutscher Kultur-Exportartikel herumgereicht" werde. An der "alten Manier" seiner neuen Geschichten könne dies nicht liegen, wie ein Blick auf die gegenwärtige Literaturproduktion der deutschen Schriftsteller beweise, die von Handke bis Scheuermann erzählten wie "in den guten alten Zeiten". Vielmehr stecke der Reiz seines literarischen Verfahrens in der Einebnung der "Differenz zwischen Realität und Fiktion". Dabei greife Ingo Schulze zu keinem Zeitpunkt auf theoretische oder philosophische Prämissen zurück, sondern behaupte, höchst kunstfertig, unter dem Deckmantel der Bescheidenheit die "tatsächliche Wirklichkeit des erzählten Geschehens". Insofern sei er ein "Wirklichkeitsimitationsvirtuose", der gerade aus den kleinsten Begebenheiten literarischen Mehrwert zu schaffen verstehe, indem er die Totalisierung, sie für das Größte zu nehmen, den Lesern überlasse.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2007

Nur bewundern kann Rezensent Hubert Spiegel das Können des Erzählers Ingo Schulze, der sich nach seinem dicken Roman "Neue Leben" nun wieder am erzählerischen Kleinformat versucht, mit dem er einst zu Ruhm kam. Erfreulichweise, so Spiegel, sind alle Stärken noch immer vorhanden. Um Fallen gehe es diesmal, Fallen, die die Figuren sich selber stellen, Fallen, in die sie tappen. Keine Theorien bietet Schulze, sondern "Situationen, Begebenheiten, Augenblicke" aus eher normalen Leben von Menschen, die unterwegs sind und immer mal auch den Namen Ingo Schulze tragen. Ziemlich virtuos findet es der Rezensent, wie der Autor hier Realität und Fiktion per Herausgeberfiktion so ineinanderschlinge, dass die Grenzverläufe dem Leser vor Augen verschwimmen. Als Grundmotiv macht Spiegel unser aller Suche nach dem Glück aus und als herausragende Fähigkeit des Autors, dass er so unangestrengt, ja, "Leichtigkeit" und "Raffinesse" miteinander verbindend, davon zu erzählen versteht, was bei dieser Suche so alles passieren kann.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.02.2007

Gar nicht recht will Martin Krumbholz in den Jubel der Rezensentenkollegen über diesen jüngsten Erzählungsband Ingo Schulzes einstimmen. Gewiss, er findet hier auch Gelungenes, aber angesichts des entweder zu Ambitionierten oder schlicht Misslungenen wirkt er nach der Lektüre doch ziemlich verstimmt. Allzu offensichtlich nämlich scheinen ihm viele der wiederkehrenden Strategien des Autors - so etwa der oft weniger Spannungs- als Bremswirkungen erzeugende Einsatz des "Babuschka-Prinzips" der Verschachtlung kleiner Geschichten in größere. Vor allem aber ist es die Sprache, die ihn stört. Offensichtlich wollen, so Krumbholz, die Erzähler geliebt werden und biedern sich drum mit "rhetorischen Floskeln" beim Leser an. Das aber sorgt für Verwässerung statt Präzision und verstärkt den schon durch die Verschachtelung entstandenden Eindruck der "Weitschweifigkeit". Am gelungensten findet der Rezensent der wirklich "verblüffenden" Schlusspointe wegen die Erzählung "Die Verwirrungen einer Silvesternacht". Der Text "Keine Literatur oder Epiphanie am Sonntagabend" scheint ihm dagegen "verschwafelt" und eben darum bezeichnend für die Schwächen des Bandes.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.02.2007

Ingo Schulze müssen ordentlich die Ohren klingen, so euphorisch schreibt Rezensent Ijoma Mangold über seinen neuen Erzählband. Nicht nur, dass sich Mangold mit dem Genre "Liebesgeschichte" erst so richtig anfreunden kann, seit Schulze sie (so wenig schnulzig) schreibt, die Verbindung des sozusagen Paarweisen mit dem Weltlauf findet er hier auch derart "vorzüglich" gelungen, dass Vergleiche dieses Autors mit Carverscher "lonesomeness" ihm endgültig unangebracht erscheinen. Noch beglückender findet Mangold Schulzes Erzählweise. Die nämlich hält er für quasi nicht existent. Im Verschmelzen des Dargestellten mit der Darstellung erkennt er Schulzes "hohe Kunst", eine Illusion, die durch den Mangel an Sendungsbewusstsein in diesen Texten noch befeuert wird, wie Mangold glaubt. Alles in allem fühlt sich der Rezensent bei der Lektüre wie an Schulzes persönlichem Stammtisch: Da sitzt er und lauscht Erzählungen aus seinem Leben und fühlt sich richtig wohl dabei.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.02.2007

Mit großem Vergnügen hat Dirk Knipphals diesen Band mit Erzählungen Ingo Schulzes gelesen. Abgesehen von zwei, drei Texten, die er als Fingerübung wertet, bedenkt er das Werk mit höchstem Lob. Er preist Schulzes Komik, seine Selbstironie und seine "große Kunst des Humors" und bewundert den "liebevollen" Aufbau der Erzählungen. Schulze gelingt es seines Erachtens, Fantastisches als ganz real erscheinen zu lassen und alltägliche Situationen in ein "neues Licht" zu rücken. Zudem bescheinigt er dem Autor, hinter alltäglichen Beziehungskonstellationen "große Geschichten" ablaufen zu lassen, wie etwa in der Erzählung "Verwirrungen der Silvesternacht". Am "allerschönsten" findet er die Geschichte "Keine Literatur oder Epiphanie am Sonntagabend", in der Schulze auf sechs Seiten Weltfrömmigkeit beglaubige. Dabei hebt Knipphals die "Ungezwungenheit" der Geschichten hervor, an denen "nichts gewollt" wirke.
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