Alban Nikolai Herbst

Meere

Roman
Cover: Meere
Marebuchverlag, Hamburg 2003
ISBN 9783936384093
Gebunden, 261 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Dieser Roman erzählt von der Liebe eines ungleichen Paars: vom Maler Fichte alias Julian v.Kalkreuth, dem die Nazi-Bürde seines Namens nichts anderes übrig lässt, als sich neu zu erfinden, und von Irene Adhanari, einer jungen indischstämmigen Deutschen. Ein Buch der provozierenden Grenzüberschreitungen zwischen Körpern, Kunst und Leben, Land und Meer. Eine amour fou zwischen Berlin, Sizilien und Polen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.10.2003

Julia Encke weist zunächst darauf hin, dass dieses Buch inzwischen verboten und die "justiziable" Literatur "das Ereignis des Bücherherbstes" 2003 ist, rekapituliert dann die, etwa in der FAZ, an die jüngste Entdeckung des Intimen und Sexuellen durch die Literatur geknüpften Beunruhigungen und fragt schließlich, "ob die Grenzüberschreitung tatsächlich so radikal ist". Wer nämlich "etwas sehr Schlimmes" erwarte, werde im Falle dieses Buches ganz bestimmt enttäuscht. Der Rezensentin ist dagegen vor allem aufgefallen, dass einen die hier erzählte Liebesgeschichte zwischen dem Künstler mit dem Künstlernamen "Fichte" und der indischen Astrophysikstudentin Irene, die "wilder Rausch sein soll", doch "seltsam unberührt" lasse. Aufgefallen ist ihr außerdem, dass "die Dialogsätze fast alle mit Ausrufezeichen versehen sind", als sei "das überaus große Begehren" bei diesem Autor "von der Sprache in die Satzzeichen verlagert". Da "Meere" aber nicht nur diese Liebesgeschichte erzählt, sondern auch noch eine andere, mit ebenfalls autobiografischem Hintergrunde, fällt das Gesamturteil der Rezensentin milder aus. Wenn etwas anrühre in diesem Roman, so sei es nämlich diese Geschichte über das Leiden von Fichte darunter, Enkel eines Nazi-Verbrechers zu sein. Hier reiche dann der "plötzliche Wechsel vom Er ins Ich und ins Du", mit dem weit mehr gesagt werde, als mit allen Sexszenen zusammen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2003

Ergriffen bespricht Gregor Eisenhauer Alban Nikolai Herbsts Roman "Meere" und entwirft dabei ein Manifest kompromisslos ehrlichen Künstlertums, verkörpert durch den Helden namens Fichte, der eigentlich Kalkreuth heißt und genau wie sein Schöpfer, der eigentlich von Ribbentrop heißt, der Nachkomme eines Nazis ist. Fichte, schreibt Eisenhauer, begehrt auf gegen die Schuld, weil er in sich nichts hat, um sie anzunehmen - also "züchtet er in sich Täter und Opfer, Identitäten, die er dann wieder, als Zeugen seiner inneren Leere, ins Leben entlässt". Und dieser Mann, der das Leben nicht sublimieren möchte, sondern radikal ausagieren will in seiner Lebens-Kunst, verliebt sich in eine Frau und merkt, dass Leidenschaft nicht ausreicht, um die Leere der anderen zu füllen - nur der Schmerz kann das. Nichts von diesem Schmerz, so Eisenhauer, wird dem Leser erspart; genau das sei es aber auch, was "Meere" zu einem "der wenigen wirklichen ergreifenden" Liebesromane mache. Es ist auch, schreibt er, "ein Schlüsselroman über den Künstlerbetrieb" und ein politisches Buch, viel mehr als die Erzeugnisse des "beredten Stillschweigens und befriedeten Erzählens, deren Protagonisten sich der deutschen Geschichte als eines belletristischen Wohltätigkeitsbasars bemächtigt haben". "Dieses Buch hier", schreibt er, diese radikale Zumutung von Herbst, "muss man lesen".
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