Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.02.2007. Die FR sucht ein Familienkonzept der CDU und findet keins. Die Berliner Zeitung wundert sich über eine Tibet-Ausstellung in Berlin, die die Kulturrevolution auslässt. In der Welt schätzt der Historiker Rolf-Dieter Müller die Opferzahlen des Dresdner Feuersturms auf 25.000. Die taz verkündet, dass es endlich eine Alternative zum organisierten Berufsjudentum gibt. Die FAZ weiß zwar auch nicht, ob Senait Mehari eine Kindersoldatin war, aber die Medien haben auf jeden Fall schuld.

FR, 21.02.2007

Die Krippen-Diskussion bringt an den Tag, dass es in den konservativen Teilen der CDU in Wahrheit gar kein Familienkonzept gibt, findet Peter Michalzik: "In Wirklichkeit hat der konservative Konservatismus überhaupt kein Familienbild. Er hat bestenfalls ein Familiengefühl. Und bei seinem Familienbild handelt es sich um eine Chimäre, ein Trugbild, das mit den menschlichen Wirklichkeiten, mit zeitgemäßen Formen von Anerkennung und Aufmerksamkeit, mit Fürsorge, Nähe oder gar Liebe im Jahr 2007 kaum noch etwas zu tun hat."

Weitere Artikel: Christian Thomas beklagt, dass die "dekonstruktivistische Durchstoßung" der Frankfurter Großmarkthalle nun wohl nicht mehr zu verhindern ist. Im Interview erläutern die Regisseurin Friederike Heller und der Dramaturg Marcel Luxinger das Konzept ihrer "Zauberberg"-Inszenierung. In times mager denkt Harry Nutt aus von Britney Spears gegebenem Anlass über weibliche Glatzen nach. Auf der Literaturseite gratuliert Arno Widmann dem Bibliothekar Paul Raabe zum 80.

Besprochen werden die Ausstellung der Pontus-Hulten-Sammlung im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, eine Ausstellung mit Klaus Steudtners "Heimatbildern" und Keith Warners Inszenierung von Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" in Hamburg.

Auf der Literatur-Seite gibt es Rezensionen, unter anderem zu Wolfgang Schlüters Roman "Anmut und Gnade", Peter Waterhouse' Buch "(Krieg und Welt)" und zu Manfred Pohls apokalyptischem Buch "Das Ende des Weißen Mannes" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 21.02.2007

Nikolaus Bernau wundert sich bei aller Pracht über die Konzeption der großen Tibet-Ausstellung, die heute in Berlin eröffnet: "Weil aber unsere Vorstellung von Tibet vor allem eine des Klischees von meditierenden Lamas in roten Roben und mit gelben Mützen ist, fehlt in dieser Ausstellung die historische Einbindung besonders. Wie schon in Essen hat man sich in Dahlem entschlossen, die Geschichte Tibets mit der Thronerhebung des 14. Dalai Lamas 1940 enden zu lassen. Man bewundert so zwar den Reichtum der Kunst, aber lernt weder, wie sich dieser entwickelt hat, noch, wie die Statuen, Gewänder, Bücher, Mandala-Bilder benutzt wurden und werden. Und schon gar nichts lernt man drüber, dass viele dieser Kunstwerke nur knapp der Zerstörung während der Kulturrevolution entgangen sind."

TAZ, 21.02.2007

Daniel Bax kommentiert eine Auseinandersetzung, zwischen "progressiven" israelkritischen Juden wie dem Historiker Tony Judt und proisraelischen Juden, die deren Äußerungen und Einstellungen als "antisemtitisch" kritisieren. Nun haben sich in England 130 jüdische Intellektuelle zur Vereinigung Independent Jewish Voices zusammengetan. "Es gehört zu den Paradoxien eines solchen Unternehmens, dass dabei das eigene 'Jüdischsein' herausgestrichen werden muss, das den meisten Unterzeichnern sonst sicher nicht als wichtigstes Merkmal zur Selbstbeschreibung dienen dürfte. Aber es ist doch die einzige Möglichkeit, dem Alleinvertretungsanspruch des organisierten Berufsjudentums und seiner publizistischen Bannerträger zu begegnen. Denn dieses hat sich in neokonservativen Allianzen verrannt."

Dirk Knipphals bezeichnet den Blog, den Rainald Goetz auf der Homepage von Vanity Fair schreibt, als Teil der "Glam-Erzeugungs-Maschine" des neuen Magazins. Ira Mazzoni führt durch die Ausstellung mit Fotografien von Andreas Gursky im Münchner Haus der Kunst und sah dort "Panoramen des Unermesslichen". Besprochen wird Clint Eastwoods Film "Letters from Iwo Jima".

Und Tom.
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NZZ, 21.02.2007

Einen Tag vor der Premiere blies die neue Direktion des Theaters Basel aus "künstlerischen Gründen" ein "Gösta Berling"-Projekt des schwedischen Regisseurs Anders Paulin ab. Alfred Schlienger berichtet über die Hintergründe. Klaus Bartels klärt uns über den Ursprung von Nano- auf.

Besprochen werden eine Doppelausstellung in der Architekturgalerie Mendrisio über die Planstädte Brasilia und Chandigarh, Philipp Eglis Ballett "Goldberg-Variationen" in St. Gallen und Bücher, darunter eine Studie über "Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina" von Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers und Thomas Langs Beziehungsroman (hier eine Leseprobe) "Unter Paaren" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 21.02.2007

Der Historiker Rolf-Dieter Müller ist der Vorsitzende der Kommission, die die Opferzahlen im Dresdner "Feuersturm" auf etwa 25.000 bezifferte. Im Interview erklärt er, warum er die bisher teils sehr viel höher angesetzten Zahlen mit Skepsis sieht: "Wir nehmen die Vermutung, dass es sich um Hunderttausende von Opfern gehandelt haben könnte, sehr ernst. (...) Es gibt freilich bislang keinen Beweis für diese These, sondern unglaubliche Fälschungen von Dokumenten und Behauptungen von einzelnen Zeitzeugen, die nachweislich falsch sind. Niemand hat Hunderttausende von Toten wirklich gesehen oder gar gezählt."

Weitere Artikel: Zum 100. Geburtstag erinnert Hannes Stein an den großen englischen Lyriker W.H. Auden. Skeptisch betrachtet Hendrik Werner "Wiki Search", das neue Unternehmen des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales. Eckhard Fuhr begrüßt Tilman Riemenschneiders "Heilige Anna und ihre drei Ehemänner" im Berliner Bode-Museum. Hendrik Werner gratuliert dem Bibliothekar Paul Raabe zum Achtzigsten.

Auf den Forum-Seiten sieht Manuel Brug das Ende der Oper als Repertoire-Theater gekommen und plädiert für die "Oper als Star-Theater, kulinarisch und kultiviert".

Besprochen werden Guillermo del Toros Film "Pans Labyrinth", ein Konzert des Lahti Symphony Orchestra unter Osmo Vänskä, das "Weltklasse aus der Provinz" zu bieten hatte, Calixto Bieitos Inszenierung der "Elektra" in Freiburg und eine Hamburger Ausstellung, die die amerikanische Kunst vor Edward Hopper vorstellt.

FAZ, 21.02.2007

Karen Krüger geht dem nach einem Fernsehbericht aufgebrochenen Streit um den Wahrheitsgehalt von Senait Meharis Erinnerungen "Feuerherz" nach. Was es mit Kindersoldaten in Eritrea auf sich hat, weiß sie zwar nicht, aber soviel ist ihr klar: Die Lage ist komplex: "War Senait Mehari eine 'Kindersoldatin', oder war sie es nicht? Diese Frage steht am Anfang, am Ende geht es darum, ob es im Unabhängigkeitskrieg zwischen Eritrea und Äthiopien Kindersoldaten überhaupt gegeben hat. Eine seltsame Kontroverse, scheinbar fernliegend, ausgelöst durch einen Beitrag des NDR-Magazins 'Zapp'. Und ein Paradebeispiel für die Wirkungsmechanismen der Medien. Denn die Geschichte ist zu kompliziert, um sie in ein Schwarz-Weiß-Schema zu pressen, auf das Kontroversen in der Mediengesellschaft so gerne gebracht werden."

Weitere Artikel: Der Sportwissenschaftler und ehemalige Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Helmut Digel erklärt, dass der Sport eine wichtige Form von Kultur ist. Edo Reents kündigt den nächsten Vorabdruck an: Michael Jürgs Biografie der Künstlerin Eva Hesse. Tokios neues National Art Center stellt Klaus Andreas vor. Klaus Graf zeigt sich empört, dass die Universität Eichstätt 100.000 Bücher aus einem Kloster-Nachlass ins Altpapier gegeben hat. Kein Verständnis zeigt Dieter Bartetzko für den nun genehmigten architektonisch eigenmächtigen Umbau der Frankfurter Großmarkthalle im Auftrag der Europäischen Zentralbank (mehr hier und hier der Entwurf). Aus Oldenburg berichtet Martin Otto vom NPD-Zugangsverbot zum Kulturhaus der Stadt. Den kurzen Nachruf auf den Schauspieler und Synchronsprecher Erik Schumann hat Michael Hanfeld verfasst.

Auf der letzten Seite macht uns Martin Kämpchen auf eine in Indien soeben erschienene 700 Seiten starke Biografie Mahatma Gandhis aufmerksam, die auch das Privatleben der Legende behandelt. Paul Ingendaay beschreibt seine großen Schwierigkeiten, bei Versicherungen und Massagesalons Termine zu bekommen und klagt: "Spanien, das große Spanien, ist kein Dienstleistungsparadies mehr."

Besprochen werden Clint Eastwoods Film "Letters From Iwo Jima", Simone Youngs und Keith Warners Version von Richard Strauss' "Die Frau ohne Schatten", die Ausstellung "Re-Object" im Kunsthaus Bregenz und Paul Raabes Erinnerungen "Frühe Bücherjahre" und das in der Anderen Bibliothek veröffentlichte Buch "Die Wunder des Nordens" von Olaus Magnus (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 21.02.2007

Willi Winkler berichtet von einem Vortrag Jan Philipp Reemtsmas, der in Dostojewskis "Dämonen" die deutsche RAF "präfiguriert" sehen will: "Das zaristische Russland", so Reemtsmas Beobachtung, "brachte die gleichen revolutionären Typen, die gleichen sympathisierenden Milieus hervor wie hundert Jahre später die demokratische Bundesrepublik samt der Sondereinheit Westberlin."

Weitere Artikel: Das Intendantenkarussell der deutschen Theater ist ordentlich in Bewegung geraten, in Hamburg, Zürich, Leipzig und Hannover werden zum Jahr 2009 Posten frei, meldet Christine Dössel und spekuliert eifrig über die anstehenden Kandidaten. Helmut Mauro seufzt erleichtert, dass Filmkomponist Ennio Morricone in diesem Jahr "endlich" einen Oscar für sein Lebenswerk erhalten wird. Alexander Kissler stellt den Stiftungsgründer Ernst Freiberger vor, der uns einst die Tiefkühlpizza brachte und nun weiteren besseren Zwecken dient. Lothar Müller berichtet von einer Diskussion in Jena, die der Frage nachging, ob Luther seine Thesen wirklich an die Wittenberger Schlosskirche genagelt hat. Volker Breidecker erinnert an den großen W.H. Auden, der vor hundert Jahren geboren wurde. Harald Eggebrecht gratuliert dem Literaturwissenschaftler und Bibliothekar Paul Raabe zum Achtzigsten.

Besprochen werden Clint Eastwoods auf der Berlinale gelaufener und jetzt in die Kinos kommender Film "Letters from Iwo Jima", Bruno Madernas "Hyperion"-Visionen in Stuttgart, Op-Art-Ausstellung in der Frankfurter Schirn und Bücher, darunter Evelyne Levers Biografie der "Madame de Pompadour" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).