Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.08.2006. In der Zeit rufen 15 Frauen zu einem neuen Feminismus auf. Die Berliner Zeitung besucht die Ausstellung mit Holocaust-Karikaturen in Teheran. Im Tagesspiegel polemisiert der Anwalt Peter Raue gegen die Rückgabe von Kirchners "Straßenszene" an die Erben. Berlins Kultursenator Thomas Flierl antwortet ihm. Die FAZ stellt chinesische Schönheiten vor. In der SZ erklärt Wolfgang Sofsky, warum normale Zeiten gefährliche Zeiten sind. In der taz spricht Filmregisseur Matthias Glasner über seinen Vergewaltiger-Film "Der freie Wille".

Zeit, 24.08.2006

"Wir brauchen einen neuen Feminismus", prangt in großen Lettern auf der Titelseite. Im Leben-Ressort erklären fünfzehn Frauen, warum. Die Autorin Karen Duve etwa findet Eva Hermans in Cicero geäußerten Emanzipationszweifel "zum Knochenkotzen" und registriert eine neue Feindseligkeit in den Feuilletons. "Das einstige Wohlwollen hat sich in etwas Hartes und Hässliches verwandelt, seit einige der begehrenswerteren und prestigeträchtigen Posten im Kultur- und Medienbetrieb mit Frauen besetzt sind."

Die weiße Elite von New Orleans plant einen Wiederaufbau der Stadt ohne die Schwarzen, behauptet der Stadtsoziologe Mike Davis im Feuilleton. "Katrina bot eine geradezu utopische Möglichkeit, ein von der Bürde der Armut befreites New Orleans zu kreieren." Die "Bring New Orleans Back" Initiative und die Spekulantenvereinigung ULI planen laut Davis eine Zerschlagung der Stadt. "Zuerst sollte sich der Wiederaufbau auf höher gelegene Gebiete wie Uptown und den Geschäftsbezirk in der Innenstadt konzentrieren. Später sollte die Peripherie großflächig saniert werden. Und währenddessen war eine dritte Zone niedrig gelegener Viertel - schwarzafrikanische Hochburgen wie Gentilly, ein Großteil von New Orleans East, Broadmoor, Mid-City, Hollygrove und die meisten Viertel des unteren neunten Bezirks - zu Verkauf und künftiger Umwandlung in Grünflächen vorgesehen, um die Stadt vor Überflutung zu schützen."

Weiteres: Die indische Autorin Arundhati Roy spricht im Interview über Indiens Verhältnis zu den USA, die Gefahr von Atomreaktoren und die Gefahr des Neoliberalismus. Hans-Joachim Müller ist dabei, wie Cai Guo-Chiang (mehr) eines seiner Feuerwerk-Kunstwerke erstellt - oder besser gesagt abbrennt. Petra Kipphoff begrüßt das restaurierte Grüne Gewölbe in Dresden wie einen lange vermissten Freund. Das Resümee der Salzburger Festspiele fällt bei Claus Spahn eher gelangweilt aus, von Claus Guths großartigem "Figaro" einmal abgesehen. Und Peter Kümmel scheint sich in Edinburgh mehr für das Fringe Festival als den eigentlichen Auftrag, Peter Steins "Troilus and Cressida", zu interessieren. Die Kunstmarkt-Kolumne von Claudia Herstatt füllt diesmal der Nachruf auf die Galeristin Annely Juda.

Besprochen werden eine Sammlung mit Aufnahmen der fünfzehn Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch, Tom Tykwers "derart biedere" Verfilmung von Patrick Süskinds Roman "Das Parfum" sowie Michael Manns Relaunch von "Miami Vice" (Es gibt hier gar nichts anderes mehr als Effekte", klagt Jens Jessen).

Ermutigt von Eva Menasses und Michael Kumpfmüllers Aufruf in der SZ will Ulrich Greiner auf der Literaturseite von der "ewigen Rechthaberei der 'Flakhelfer' oder 'Schülersoldaten'" ab sofort nichts mehr hören, ob sie nun von Grass, Walser oder Jens ausgeht. Christof Siemes fragt sich, warum die Rezensenten das SS-Thema kollektiv verschlafen haben. Buchkritiken gibt es unter anderem zu Ulla Hahns Erzählungsband "Liebesarten", Hartmut Böhmes Gedanken zu "Fetischismus und Kultur" oder Georg Hermanns Roman "Der Etruskische Spiegel" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 24.08.2006

Bloß keine Symbole! Birgit Glombitza lässt das Wörtchen "Pieta" fallen, doch Regisseur Matthias Glasner erklärt im Interview, dass in seinem Film "Der freie Wille" niemand erlöst wird, auch nicht der Vergewaltiger, der sich die Pulsadern aufschneidet und im Schoß seiner weinenden Freundin stirbt. "Diese blöde Pieta! Komischerweise hat mich noch nie ein normaler Zuschauer darauf angesprochen, sondern immer nur Journalisten. Ich hab' dann immer das Gefühl, dass Journalisten sich selbst gefallen wollen, wenn sie diesen Begriff nehmen. Und das Erstaunliche ist doch, dass der Film das in keiner Weise nahelegt. Pieta würde bedeuten, dass der Film zurücktritt und ein Bild macht. Wir sind mittendrin in Netties absoluter Handlungslosigkeit, hier ist eine Frau, die absolut nicht mehr weiß, was sie tun soll. Da ist nichts Symbolisches dran, nichts Überhöhtes. Das ist alles sehr unmittelbar und direkt."

Weiteres: Günter Grass' späte Beichte inspiriert Robert Misik zu einem Exkurs über das Beichten an sich. Frank Schnelle kommentiert auf der Meinungsseite Tom Cruises Rausschmiss bei Paramount. In der zweiten taz resümiert Susanne Lang die "First Steps Awards". Besprochen wird Jonathan Weiss' J.-G.-Ballard-Verfilmung "The Atrocity Exhibition", die jetzt auf DVD erschienen ist.

Schließlich Tom.

Welt, 24.08.2006

Sven Felix Kellerhoff und Uwe Müller haben Günter Grass' Stasi-Akten gelesen und finden nichts Kompromittierendes: "Die Stasi-Unterlagen zu Günter Grass enthalten keine skandalösen Neuigkeiten über den Schriftsteller. Im Gegenteil, sie gereichen dem Nobelpreisträger zur Ehre. Anders als viele Politiker aus dem Westen hat sich Grass gegenüber der SED niemals angebiedert."

Weitere Artikel: Gabriela Walde besucht das neue Kunsthaus "Radialsystem" an der Spree in Berlin-Mitte, wo ein privater, vielfach nutzbarer Veranstaltungsort entsteht, der ohne Subventionen auskommen will. Uta Baier stellt die Bildhauerin Isa Genzken vor, die bei der Biennale 2007 den Deutschen Pavillon in Venedig gestalten wird. Besprochen werden Michael Manns Neuverfilmung von "Miami Vice" und Matthias Keilichs Film "Die Könige der Nutzholzgewinnung".
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Berliner Zeitung, 24.08.2006

Martin Ebbing besucht die Teheraner Ausstellung mit Holocaust-Karikaturen und beobachtet "die absolute Normalität, die völlige Selbstverständlichkeit, mit der die dargebotenen Bilder sowohl gezeigt wie angeschaut werden. Niemand scheint Anstoß zu nehmen und keine Empörung ist zu spüren. Die Besucher des 'Museums für zeitgenössische palästinensische Kunst' im Zentrum Teherans nicken beifällig mit den Köpfen vor den Zeichnungen, die jede für sich eine Art Interkontinentalwaffe im Kampf der Kulturen darstellen soll." Ebbing zitiert auch den Ausstellungsleiter, der fragt: "Wie kommt es, dass im Westen Karikaturisten den Propheten Mohammed beleidigen können, aber wenn sie den Holocaust thematisieren, bestraft werden?" Die Antwort darauf hat schon vor einigen Monaten Andre Glucksmann im Perlentaucher gegeben.

FR, 24.08.2006

Daniel Kothenschulte findet, Bob Dylans neues Album "Modern Times" hat einiges von seiner mittwöchlichen Radioshow: "Er ist der Radioonkel, den wir niemals hatten. So müsste es geklungen haben, wenn Weegee, der New Yorker Straßenfotograf, des Polizeifunks überdrüssig, sich einen Lieblingssender gesucht hätte."

Weiteres: Hilal Sezgin grübelt über die Gesetze des Vampirromans. In der Kolumne Times Mager stellt Ina Hartwig Überlegungen zur Frage an, ob Zitieren Missbrauch sein kann.

Besprochen werden die frühen Mozart-Opern "Il sogno di Scipione" und "Betulia liberata" sowie "Idomeneo" in Salzburg, Michael Manns Serienremake fürs große Kino "Miami Vice", ("Die Postmoderne war die Epoche der Ironie, aber Michael Mann nimmt sie ernst", stellt Daniel Kothenschulte anerkennend fest), Matthias Glasners Vergewaltigerporträt "Der freie Wille" (an dem Daniela Sannwald "die kühle Beiläufigkeit" großartig findet, mit der er Theo folgt, ohne um Sympathie für ihn zu werben") und Gil Kenans Animationsfilm "Monster House".

Tagesspiegel, 24.08.2006

Scharf polemisiert der Berliner Anwalt und Mäzen Peter Raue gegen die Rückgabe von Kirchners "Straßenszene" an die Erben einer jüdischen Familie, die das Bild 1938 aus der Schweiz nach Deutschland verkauft hatte: "Niemand weiß, welche Überlegungen Senator Flierl veranlasst haben, das Restitutionsbegehren auch auf den Fall der freiwilligen Rückführung eines Bildes nach Deutschland auszudehnen und das Bild bedingungslos herauszugeben: ohne öffentliche Diskussion, ohne Einberufen einer sachkundigen Kommission, ohne ein Experten-Gutachten." Der angesprochene Berliner Kultursenator Thomas Flierl antwortet in einem Gegenartikel, dass die Familie damals sehr wohl rassisch verfolgt gewesen sei und das Bild aus Not verkaufen musste: "1936 fragte das NSDAP-Amt des Gauwirtschaftsberaters an, ob Angestellte, Aufsichtsratsmitglieder, Vorstandsmitglieder und Aktionäre der Schuhfabrik jüdischen Glaubens seien. Dies musste bejaht werden. 1937 verlor die Familie Hess ihre Aktienanteile aufgrund der NS-Herrschaft."

NZZ, 24.08.2006

Joachim Güntner versucht den roten Faden in der nachbarlichen Grass-Debatte zu finden. Immer noch beschwerten sich die meisten Kommentatoren im Grunde über die Unaufrichtigeit eines Moralisten. Ansonsten sorgt man sich um das Werk. "Was bleibt von Grass? Das ist die Leitfrage. Mit der Debatte hat eine neuerliche Sondierung des Grassschen Schaffens angehoben. Sie trägt, so unvollständig sie sein mag, schon jetzt die Züge einer veritablen Dekomposition. Passagen in den Büchern des Nobelpreisträgers rücken in eine andere Beleuchtung, und das SS-Geheimnis des Autors, eine schwärende Wunde, erscheint als die massgebliche Triebkraft seiner Produktivität."

Weiteres: In Dänemark denkt man über Englisch als zweite Landessprache nach, berichtet Aldo Keel. Peter Hagmann meldet sich vom Musikfestival in Luzern. Die Besprechungen widmen sich Bob Dylans Album "Modern Times" und Büchern, darunter Antonia S. Byatts Roman "Frauen, die pfeifen" sowie Studien von Paul Ricoeur und Bernhard Waldenfels (mehr in unserer Bücherschau des tages ab 14 Uhr).

SZ, 24.08.2006

Etwas weniger Instinkt und mehr Verstand hätte sich Fritz Göttler von Matthias Glasners Film "Der freie Wille" gewünscht. "Die Einsamkeit des Triebtäters ist inszeniert als ein Horrortrip. Aber dieser Inszenierung fehlt die Präzision und eine klare Vorstellung, wie Kinoerzählen funktioniert, deshalb schwankt er immer wieder von der Analyse einer gesellschaftlichen Situation ins schrecklich allgemein Menschliche - wo sich Jürgen Vogel dann völlig verausgabt. Ein Film, der sich am Ende hinter Parolen und Ankündigungen versteckt, einem Dickicht des Gutgemeinten. Und der ein wenig frivol das Prinzip der Unmittelbarkeit preist, den instinktiven Zugang. 'Instinktiv fühlte ich: Reines Handwerk führt jetzt nicht weiter, aber wenn wir das durchleben, dann kommen wir näher ran.' Nicht durch seine Exzessivität verliert 'Der freie Wille' seine Glaubwürdigkeit, sondern durch solche Sätze seines Regisseurs. Kein amerikanischer B-Film-Regisseur würde derart respektlos von seinem Handwerk reden."

"Auch der Sozialstaat ist ja ein Sicherheitsstaat", sagt der Soziologe Wolfgang Sofsky (mehr hier) in einem Gespräch mit Sonja Zekri über die Sicherheitsdebatte nach den missglückten Kofferattentaten. "Aber aktuell geht es erneut um den Schutz vor dem Tod. Leben und Tod waren immer die zentralen Themen von Herrschaft und Politik. Nur dachten viele, im Goldenen Zeitalter nach dem Zweiten Weltkrieg ginge es nur noch um Wohlfahrt. Provokativ gesagt: Wir kehren zurück in historisch normale, gefährliche Zeiten."

Weitere Themen: Kristina Maidt-Zinke hat die Krimiautorin Donna Leon in Venedig besucht. Peter Laudenbach stellt das Berliner Projekt "Radialsystem V" von Jochen Sandig und Folkert Ude vor. Wolfgang Schreiber schickt einen Bericht vom Lucerne Festival. Marcus Rothe hat den Superman-Regisseur Bryan Singer interviewt. Stephan Opitz erläutert, wie sich die Kulinaristik zwischen Bad Mergentheim und Berlin zum Hochschulfach mausert. Lothar Müller gratuliert einer "leidenschaftlichen Anwältin des Ancien Regime in der Literatur", der englischen Schriftstellerin Antonia S. Byatt zum 70. Geburtstag, und Thomas Steinfeld bringt uns über die neuesten Promi-Statements in Sachen Grass auf Stand.

Besprochen werden Gil Kenans Animationsfilm "Monster House" (dessen Sogkraft sich Anke Sterneborg willig hingegeben hat), Matthias Keilichs Film "Die Könige der Nutzholzgewinnung", (dem Rainer Gansera wenig abgewinnen kann), Rainer Knepperges' letzter Film "Die Quereinsteigerinnen" (dessen Rückkehr ins Kino Fritz Göttler sehr erfreut), das erste Konzert der Tehran Symphony Orchestra im Westen, genauer gesagt in Osnabrück, eine Ausstellung mit dem druckgrafischen Werk des großen niederländischen Malers Lucas van Leyden im Frankfurter Städel und Bücher, darunter Florian Illies' "Ortsgespräch" und passend dazu ein Bildband über fünfzig Jahre "Bravo" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)

FAZ, 24.08.2006

Mark Siemons hat "China Beauty" gelesen. Verfasst wurde das Buch von Zhang Xiaomei, "Herausgeberin einer wichtigen Modezeitschrift und Beraterin der Regierung in allen schönheitsindustriellen Fragen". Sie hebt die wahren chinesischen Schönheitsmerkmale hervor: "Kirschlippen, Pfirsichblumenaugen (lang, Außenwinkel leicht nach oben geschwungen, wäßrig), Wespen- oder Trauerweidentaillen, mit denen man wie eine fliegende Schwalbe auf einer Handfläche tanzen kann, und eine weiße Haut (sie verkörpert Zurückhaltung und Eleganz), die bisweilen leicht errötet (Erhabenheit und Erregung)." Am schönsten finden die Chinesen die Schauspielerin Zhao Wei (Bilder hier, hier und hier), das neue Supermodel Du Juan gilt als ok (Bild hier), die Schauspielerin Zhang Ziyi als durchschnittlich hübsch (Bilder hier, hier und hier), und den Erfolg des Models Lu Yan im Westen versteht in China kein Mensch (Bilder hier).

Eine Meldung informiert uns, dass der russische Mathematiker Grigori Perelman die Fields-Medaille und eine Million Dollar abgelehnt hat, die er für den Beweis der Poincare-Vermutung erhalten sollte. Das hat Stil, wie? Artikel über Perelman und weiterführende Links zu seiner Mathematik beim Spiegel und bei der Zeit.

Weitere Artikel: Katharina Teutsch erzählt, wie der französische Actionkünstler JR in letzter Sekunde daran gehindert wurde, Wuppertal mit seinen Plakaten vollzukleben: "Dann kommt die Polizei: 'Wat haben wir denn hier?'" Ingeborg Harms gratuliert der Schriftstellerin Antonia S. Byatt zum Siebzigsten.

Auf der Kinoseite resümiert Bert Rebhandl das Fantasy Film Fest. Andreas Rosenfelder stellt das Spiel zu Francis Ford Coppolas Klassiker "Der Pate" vor ("als Mafiosi schickt man seine Intimfeinde nun einmal über den Jordan - wozu sogar eine fiese Exekutionstaste bereitsteht, die je nach Situation eine Tötung durch Genickbruch oder Erdrosseln auslöst".). Auf der letzten Seite porträtiert Günter Paul die russische Industrielle und zukünftige Weltraumtouristin Anousheh Ansari. Falk Jaeger erklärt, warum Brückenbau das Schwierigste in der ganzen Welterbe-Pflege ist. Und Oliver Tolmein berichtet vom Ende eines juristischen Streits über das Sterben des Wachkomapatienten Peter K.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Johannes Heesters in der Berliner Akademie der Künste, Konzerte von Madonna in Düsseldorf und Hannover und der Trickfilm "Monster House" (Kathleen Turner spielt eine "boshafte Holzhütte", behauptet Andreas Rosenfelder).