Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2006. Die NZZ erzählt, wie der Geheimdienst GPU Michail Scholochow zum sowjetischen Großschriftsteller machte. Die Welt sieht den Volkstribun Spike Lee mit einem Dokumentarfilm über den Hurrikan Katrina zu alter Form auflaufen. Die SZ berichtet über das muntere Spitzelspiel von Zbigniew Herbert mit dem polnischen Geheimdienst.  

NZZ, 23.08.2006

Gerüchte gab's schon lange, aber jetzt steht für Felix Philipp Ingold doch fest, dass der 1965 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete sowjetische Schriftsteller Michail Scholochow schlicht ein Betrüger war, der sein Hauptwerk "Der stille Don" zu großen Teilen aus einem unveröffentlichten Manuskript des kosakischen Militärschriftstellers Fjodor Krjukow abgeschrieben hat. "Offenkundig war Michail Scholochow, seiner öffentlichen Glorifizierung als 'proletarischer Tolstoi' zum Trotz, ein nur schwach belesener, literarisch völlig unbedarfter Autor, der früh vom sowjetischen Geheimdienst GPU angeworben und auf die Rolle eines Großschriftstellers und Parteiliteraten vorbereitet wurde. Das vom GPU (also nicht von Scholochow selbst) aus Krjukows Nachlass entwendete Manuskript sollte als quantitativ und qualitativ gleichermaßen ergiebige Quelle nicht nur systematisch ausgeschöpft, sondern auch mit andern Fremdtexten zusammengeführt und so zu einem kohärenten Lebenswerk montiert werden, das für die Sowjetliteratur insgesamt als beispielhaft gelten konnte. Dass als Versatzstücke zu diesem gewaltigen Kompilat unter anderm auch Texte von Michail Bulgakow und Andrei Platonow verwendet wurden, von Schriftstellern mithin, die in der UdSSR lange Zeit als Unpersonen galten, macht die Sache noch rezenter."

Weiteres: Hubertus Adam berichtet von neuen Bauten für die Londoner Royal Botanic Gardens Kew. Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Auguste Rodin und Eugene Carriere im Pariser Musee d'Orsay und Bücher, darunter die ersten drei Bände einer Enzyklopädie der Neuzeit (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 23.08.2006

Hans-Jürgen Heinrichs ist tief beeindruckt von Georges-Arthur Goldschmidts neuem Buch "Freud wartet auf das Wort", das an seine vor sieben Jahren erschienene Studie "Als Freud das Meer sah" anschließt. Beide Bücher "handeln von einem ganz ungewöhnlichen Paradoxon: Etwas bleibt bei der Übersetzung Freuds seiner Sache nach gleich, obwohl es in den verschiedenen Sprachen zumeist sehr unterschiedlich benannt wird. Die zentralen Begriffe der Psychoanalyse sind nur annäherungsweise vom Deutschen in eine andere Sprache zu übertragen. Jede Sprache sei, so Goldschmidts Überzeugung, nur eine entstellte, 'abgelenkte' Grundsprache. Sein Augenmerk ist in beiden Bänden auf die Vorgänge der Entstellung und Verschiebung gerichtet, auf das, was im Reden und Schreiben nicht gesagt wird oder, wie er es immer wieder ausdrückt, was nicht 'durchkommt'... Dabei schließt er immer wieder die politische Dimension ein und benennt die am eigenen Leib erlebte historische Manifestierung des 'Unheimlichen' im Nationalsozialismus."

Weitere Artikel: In ihrer Kolumne Flatiron Letter klagt Marcia Pally über die beängstigende "Fatwa der durchsichtigen Plastiktüten" nach den vereitelten Londoner Anschlägen. Horst Meier räsoniert über das mit dem Nachdenken über erhöhte Überwachung wieder aktuell gewordene "Abwägungsspiel" zwischen Freiheit und Sicherheitsdenken. Und in Times mager denkt Christian Thomas anlässlich von zwei Ausstellungen zur Geschichte des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation über "Geschichtstrieb" und Gedächtnis nach.

Eine Besprechung widmet sich schließlich der Ausstellung "Tibet - Klöster öffnen ihre Schatzkammern" in der Essener Villa Hügel.

Welt, 23.08.2006

Uwe Schmitt berichtet bewegt über Spike Lees Dokumentarfilm "When the Levees Broke: A Requiem in Four Acts", der "dem Hurrikan Katrina und denen, 'die jeden Tag kämpfen, um wiederaufzubauen, wiederzubeleben und zu erneuern in diesen Vereinigten Staaten', ein Denkmal errichtet. Und er hat mit den Aussagen der Opfer und Täter der Tragödie nach dem Sturm den Prozess gemacht. Es ist ein Volkstribunal. Lee ist parteiisch, und sein Urteil stand fest: 'Was in New Orleans geschah, war ein krimineller Akt'."

Weitere Artikel: Corinna Harfouch, deren "Eva Blond"-Reihe Ende August weiterläuft, schildert im Interview ihre Arbeitsweise: "Am liebsten schlendere ich herum. Ich mache viel, was ich nicht tun sollte - und dafür das Wichtige auf den letzten Drücker." Thomas Lindemann schreibt zum Start der Computerspiel-Messe "Games Convention" in Leipzig. Ulrich Weinzierl führt sein Salzburger Tagebuch fort.

Gerhard Gnauck schildert den Briefwechsel zwischen dem Danziger Oberbürgermeister Pawel Adamowicz und Günter Grass. Grass' Brief ist in Auszügen abgedruckt. Laut einer dpa-Meldung hätte der Leiter des Simon-Wiesenthal-Centers in Jerusalem, Efraim Zuroff, gern mehr Details von Günter Grass über seine Rolle in der Waffen-SS. Für Tilman Krause ist die Grass-Debatte nicht das Ergebnis eines inszenierten Presse-Coups, sondern "ein allerletztes Aufflackern jener 'Vergangheit, die nicht vergehen will'."

Besprochen werden Matthias Glasners Film "Der freie Wille" und das Buch "Physik der Superhelden".
Anzeige

TAZ, 23.08.2006

In tazzwei berichtet Stefan Kuzmany über ein Projekt des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz namens "Dropping Knowledge". Am 9. September werden auf dem Berliner Bebelplatz 112 Denker, Wissenschaftler, Philosophen und Künstler aus aller Welt jeweils die "hundert Fragen der Menschheit" beantworten. Jan Feddersen beschreibt zudem, wie das Berliner Publikum ungeachtet aller Verrisse nach Brandauers Inszenierung der "Dreigroschenoper" in der Baustelle des Admiralspalastes giert.

Ausschließlich Besprechungen auf den Kulturseiten: Michael Manns Film "Miami Vice", Günter Grass' Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" sowie Florian Illies' neues Buch "Ortsgespräch" ("Sentimentaler Neokonservativismus für Arme", meint Kolja Mensing).

Und Tom.

FAZ, 23.08.2006

Abgedruckt wird Günter Grass' Brief an den Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz, in dem sich der Schriftsteller für die Unterstützung in der Diskussion um die Rückgabe der Ehrenbürgerschaft bedankt. "Es steht mir nicht zu, in dieser Situation auf all das hinzuweisen, was während fünf Jahrzehnten mein Lebenswerk als Schriftsteller und gesellschaftlich engagierter Bürger der Bundesrepublik Deutschland ausmacht, doch möchte ich für mich beanspruchen, die harten Lektionen, die mir in meinen jungen Jahren erteilt worden sind, begriffen zu haben."

Weiteres: Da die Ausschreibungsfrist für Vorschläge zur Zwischennutzung des Berliner Schlossplatzes ausläuft, kommt Heinrich Wefing auf die jüngsten Verästelungen der Debatte zu sprechen. Andreas Platthaus würde das von der Leipziger Universität abmontierte Marx-Relief gerne irgendwo öffentlich ausgestellt sehen. Henning Ritter gratuliert dem Anthropologen Clifford Geertz zum Achtizgsten. Matthias Hannemann stellt das "HL-Senter" vor, eine neue Forschungsstätte zur Erforschung von Holocaust und Völkermord in Oslo. Richard Kämmerlings meldet sich vom offenbar amüsanten Literaturfestival in Edinburgh.

Im Medienteil präsentiert Nina Rehfeld Shock, ein neues Magazin mit Sitz in New York, das versucht, mit abstoßenden Bildern zu punkten.

Auf der letzten Seite beobachtet Jürg Altwegg die urlaubenden, aber trotzdem wahlkämpfenden französischen Politiker. Paul Ingendaay berichtet, dass das Grass-Bekenntnis in Spanien zu Diskussionen um die Franco-Zeit genutzt wird. Andreas Platthaus weist auf die Probleme der Essener Tibet-Ausstellung mit China und dem Dalai Lama hin.

Besprochen werden Michael Manns Film "Miami Vice" ("ein ganz ungewöhnliches Spektakel aus grandiosem Filmemachen mit High Definition Video", schwärmt Verena Lueken), die Ausstellung "Das achte Feld" im Kölner Museum Ludwig, eine Schau zum Kaiser Sigismund von Luxemburg im luxemburgischen Musee national d'histoire et d'art, drei Uraufführungen von Olga Neuwirth, Wolfgang Rihm und Herbert Willi bei den Salzburger Festspielen, und ein Buch, Vittorio Hösles Studie "Der Philosophische Dialog" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 23.08.2006

Thomas Urban berichtet von einer polnischen Debatte über die fröhliche Zusammenarbeit des Lyrikers Zbigniew Herbert mit dem Geheimdienst. "Die Historiker, die die Herbert-Akten ausgewertet hatten, taten der Öffentlichkeit kund, dass von einer Spitzeltätigkeit Herberts keine Rede sein könne. Dieser habe im Gegenteil ein geschicktes, mitunter satyrhaftes Spiel mit dem SB getrieben. Auf jedes Treffen habe er sich offenbar genauestens vorbereitet, um nur das preiszugeben, was der SB ohnehin bereits über die Emigrantenszene in Paris, Westberlin und München wissen musste. Vermutlich habe er sich dabei sogar mit einigen der Zielobjekte des SB, nämlich prominenten Exilanten, abgesprochen. So findet sich in den Akten ein Bericht über ein Stück Literaturexegese, das Herbert den erstaunten und intellektuell zweifellos überforderten SB-Offizieren lieferte: Er interpretierte für sie mehrere Gedichte des im Exil lebenden Czeslaw Milosz. Dieser galt als gefährlicher Regimegegner, da er sich auch mit politischer Kritik am System nicht zurückhielt."

Anlässlich des fünften Jahrestags des 11. Septembers 2001 gibt es zeitig eine Doppelseite mit Texten von William Langwiesche (mehr) und Fotos von Joel Meyerowitz, die als einzige Reporter die Arbeit auf Ground Zero verfolgt haben. Über seinen ersten Eindruck des verwüsteten Geländes schreibt Langwiesche: "Nach jahrelangen Reisen durch die Elendsviertel dieser Welt wurde mir wider Erwarten nicht die Fremdartigkeit der Szenerie, sondern deren Vertrautheit bewusst. Während ich durch Straßen voller Trümmerschutt watete, neu entstandene Landschaften erkletterte, die Mischung aus Rauch und Staub einatmete, kam es mir vor, als sei ich wieder in jene besondere Art von Verwüstung hineingeraten, mit der scheiternde Gesellschaften sich oft selbst bestrafen."

Weiteres: Informiert wird über den erklärenden Brief von Günter Grass an den Oberbürgermeister von Danzig, der "sehr interessant, teilweise rührend" sei, sowie über solidarische Reaktionen für Grass des englischen Schriftstellers John Berger ("moralische Urteile in einem sorgfältig konstruierten Vakuum") und des amerikanischen Historikers Peter Gay ("aus Scham geschwiegen"). Henning Klüver beleuchtet die italienische Abhörpraxis, die umfänglichste im Westen, deren Mitschnitte unter anderem "zotige Ausdrücke und das geringe sprachliche Niveau" von Italiens Elite belegen. Andrian Kreye analysiert den amerikanischen Sommerhit des Jahres: "Crazy" von Gnarls Barkley. Alexander Kissler weiß von einem Vorstoß der so genannten Lefebristen, die pünktlich zum Papstbesuch in Deutschland für die bedingungslose Wiedereinführung der "vorkonziliaren Liturgie" werben. Susanne Bausinger berichtet über einen Ikonendiebstahl in einem griechischen Dorf, das seither täglich die Totenglocken läutet. "zri" beleuchtet die Probleme britischer Musiker mit den neuen Sicherheitsregeln auf Flügen, die dazu zwingen, wertvolle Instrumente als Gepäck aufzugeben.

Besprochen werden der Film "Miami Vice", den die SZ als "ein neues Beispiel für das faszinierende, irrlichternde Undercover-Kino" von Michael Mann hält und um ein Interview mit dem Regisseur ergänzt, das Bruegel-Festival mit mehreren Ausstellungen in Brüssel und Umgebung, die Uraufführung von Meg Stuarts Tanzstück "It's not funny" bei den Salzburger Festspielen, und Bücher, darunter der Roman "Wolkenpferde" von Keith Ridgway und zwei Nachschlagewerke zum Islam. (siehe dazu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)