Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.08.2006. Die Ambitionslosigkeit des Bayreuther "Rings" bedrückt die Zeit wie ein schweres Dampfbügeleisen. Die FAZ schreibt eine Art Nachruf auf Fidel Castro. Die FR erklärt: "That's Architainment". Die NZZ sammelt arabische Stimmen zum neuen Nahostkonflikt.

Zeit, 03.08.2006

Mit der Inszenierung von Tankred Dorst und Christian Thielemann haben die "konservativen Geister" genau den "Ring", den sie sich immer gewünscht haben, resümiert Claus Spahn: Unpolitisch, unpolemisch und unpsychologisch. "Eine seltsame Atmosphäre aus Wohlgefallen und Mattigkeit liegt über den vier Premierenabenden. Bei stehender Hitze im Parkett (die Temperaturen für die Sänger auf der Bühne und die Musiker im Graben müssen schier unerträglich sein) schwitzt man und hört und schwitzt und hört und wird doch nicht richtig froh. Denn wie ein schweres Dampfbügeleisen drückt die Ambitionslosigkeit der Inszenierung auf die Stimmung. Die vermeintliche Wagner-Rettung durch Regiebescheidenheit gerät zu einer Wagner-Beerdigung erster Klasse. Es ertönt ergreifende Musik in gruftigen Räumen."

Der Musikethnologe Thomas Burkhalter (website) schreibt über die Wirkung, die der Krieg im Libanon auf Musiker hatte und hat: "'Ist Krieg gutes Hörtraining?', habe ich einen Musiker noch vor ein paar Tagen gefragt, nachdem er mir mit leuchtenden Augen erzählt hatte, wie er als Kind jeden Flugzeugtyp, jede Bombe, jede Rakete, jedes Kaliber allein vom Sound her hatte benennen können. Er habe genau gewusst, ob von ihm weg oder auf ihn zu gefeuert wurde. 'Machte es "ziiisssssch", so flog die Bombe genau auf dein Haus zu, und du musstest schleunigst an einen sicheren Ort.'"

Weitere Artikel: Jörg Lau fürchtet, dass die Dissidenten im Iran zum Opfer der Zuspitzung des Nahostkonflikts und der Atomfrage werden können. In der Randspalte schreibt Jens Jessen zum Abschied des Berliner Senatsbaudirektors Hans Stimmann: "Er war ein guter Mann. Gegen alle hysterischen Selbstverwirklichungswünsche der Bauherren und Architekten bestand er auf maßvolle Höhen, gemischten Quartieren, fußgängerfreundlichen Straßen, warmen Materialien."

Besprochen werden der Salzburger "Figaro" von Claus Guth und Nikolaus Harnoncourt, Pedro Almodovars Film "Volver", eine Ausstellung der Arbeiten von Gregory Crewdson im Fotomuseum Winterthur und Christian Freis Film über die Sprengung der Bamian-Statuen "The Giant Buddhas", das neue Album "Die Tiere sind unruhig" der Hamburger Band Kante, Clausewitz' "Vom Kriege" als Hörbuch und als Klassiker der Musik-Moderne Luigi Nonos "Prometeo".

Der Literaturteil druckt im Aufmacher Peter Handkes Laudatio auf Jürgen Becker anlässlich der Verleihung des Hermann-Lenz-Preis. Titel: "Gurken und Kiefern, Äpfel und Schnee". Das Dossier erinnert an die wachsende Armut in Hamburg.

Im Leben unterhalten sich Sibylle Hamann und Alexandros Stefanidis in einem wunderbaren Gespräch mit den in Gelsenkirchen geborenen Fußball-Zwillingen Halil und Hamit Altintop, die nun beide für Schalke spielen, über das Kochen, deutsche Frauen und nachtretende Männer.

FR, 03.08.2006

Oliver Herwig bringt uns das Phänomen "Architainment" näher, "die wilde Ehe aus Bauen und Entertainment", deren Ableger zu seinem Grausen immer mehr Lebensbereiche durchdringen. "Längst geht es nicht mehr um die Flaggschiffe der Unterhaltungsindustrie wie Disney World, Las Vegas oder amerikanische Mega Malls. Traumwelten transformieren ganze Städte. Wer denkt bei Unterhaltung schon an Metzingen, Wertheim, Regensburg oder Wolfsburg? Und doch schaffen diese Orte gerade eine Marke, eine Destination. Das schwäbische Metzingen und das fränkische Wertheim wandeln sich zum viel besuchten Factory Outlet Center, Regensburg vermarktet seine mittelalterliche Altstadt als Tourismusziel, bis die letzten Einzelhandelsgeschäfte neuen Cafes und Feinkostläden weichen, und Wolfsburg mutiert zum automobilen Themenpark."

"Ich fühle, dass ich noch 60 Jahre Arbeit vor mir habe," sagt Penelope Cruz, Protagonistin in Pedro Almodovars neuem Film "Volver", im Gespräch mit Daniel Kothenschulte. "Ich habe meine Falten und Runzeln schon fest eingeplant."

Weitere Artikel: In der spielfreien Zeit befasst sich FR-Theaterkritiker Peter Michalzik mit der Deutschen Bahn, und verfasst eine Ode an den ICE und sein Toilettenschildchen. Marcia Pally erklärt, warum Josef Joffes, soeben in den USA erschienenes Buch "Überpower" bei aller Amerika-Kritik doch ein "Wohlfühlbuch über das gute Amerika" ist, aber nicht "das gute Buch, das Amerika braucht" (hier die Besprechung der New York Times). Bettina Schuler unterhält sich mit Sarah Kuttner, deren Show heute auf MTV zum letzten Mal läuft. Julia von Sternburg widmet die Kolumne Times Mager dem heute diensthabenden Heiligen St. Christopherus (mehr hier), dessen Aufgabengebiet man modern wohl mit "Multitasking" umschreiben würde. Im Gespräch mit Christoph Schröder stellt Laura Di Gregorio ihre internationale und interdisziplinärte Internetzeitung This Century's Review vor.

Besprochen werden eine Paul-Cassirer-Ausstellung im Frankfurter Jüdischen Museum, Pedro Almodovars "fabelhafter" neuer Film "Volver", (der für Heike Kühn "als tränenreiche Mutter-Tochter-Komödie" gelesen werden kann, oder als knochentrocken spottendes Drama aus Schuld und Situationskomik"), Michel Gondrys Dokumentarfilm über "Dave Chapelle's Block Party" und Holger Tappes Animationsfilm "Urmel aus dem Eis" (der für Sascha Westphal trotz aller Sorgfalt, mit der sich die Macher ihrer Vorlage genähert haben, nicht darüber hinwegtäuschen kann, "dass kein computergeneriertes Bild jemals den Charme haben wird, den die Urmel-Episoden der Augsburger Puppenkiste auch heute noch versprühen.").

TAZ, 03.08.2006

"Gib in den Kochwaschgang, was dich traumatisiert, und dein Leben geht weiter," fasst Cristina Nord beherzt die Botschaft des von ihr gefeierten neuen Films Pedro Almodovars "Volver" zusammen. Anke Leweke schickt einen Bericht vom Filmfestival in Locarno, dessen Schwerpunkt sie in diesem Jahr auf dem Kino Südostasiens liegen sieht. Besprochen wird Christian Freis Film über die von den Taliban gesprengten Buddha-Statuen "The Giant Buddhas" (dem Birgit Glombitza das Prädikat "brav" verleiht).

Schließlich Tom.
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Stichwörter: Südostasien

FAZ, 03.08.2006

Walter Haubrich schreibt eine Art Nachruf auf Fidel Castro und erläutert unter anderem, warum Castro nach dem Mauerfall an der Macht bleiben konnte: "Man konnte Castro nicht, wie andere lateinamerikanische Diktatoren, zu seinem Geld ins Ausland schicken, denn er hat kein privates Vermögen außerhalb Kubas angesammelt. Korrupt ist Castro nicht - zum Leidwesen mancher. Wenn ihn lateinamerikanische Politiker, aber auch Europäer wie Felipe Gonzalez zu politischen Reformen wie der Zulassung von Parteien rieten, kam gewöhnlich die Antwort: 'Das kann ich nicht machen. Das soll dann mein Nachfolger tun.' Wann es denn einen Nachfolger gebe? - 'Natürlich erst nach meinem Tod.' Zum ersten Mal bekommt man nun eine Ahnung, dass dieser Tag nahe sein könnte."

Weitere Artikel: Christian Geyer würdigt die Privatreise des Papstes in das Dörfchen Manoppello, wo eines der zahlreichen authentischen Grabtücher Christi aufbewahrt wird. Kerstin Holm annonciert eine Inventur in der Sankt Petersburger Ermitage, wo angeblich mithilfe einiger Kuratoren einige kostbare Schmuckstücke verschwunden sind. Andreas Platthaus glossiert die Entdeckung, dass in Sevilla nur 15 Prozent der Gebeine des Columbus lagern, während der überwiegende Rest auf verschlungenen Wegen durch die Karibik geisterte. Tobias Döring verfolgte den World Shakespeare Congress in Brisbane, Australien. Andreas Rossmann besucht die "Zollverein School" nach einem Entwurf von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa in Essen. Alexander Jürgs liest in einer Ausstellung in Amsterdam einige bisher unbekannte Briefe Anne Franks. Niklas Maak schreibt zum Tod des Künstlers Jason Rhoades (Bilder), der im Alter von 41 Jahren nach einer Party an Herzversagen starb.

Auf der Kinoseite interviewt Michael Althen die Schauspielerin Penelope Cruz über ihre Arbeit mit Pedro Almodovar an "Volver". Bert Rebhandl erinnert an John Huston, der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre. Der Drehbuchautor Peter Viertel erzählt, wie es war, mit Huston zu arbeiten. Und Verena Lueken kommentiert die antisemitischen Flüche Mel Gibsons, die dieser austieß, als er wegen Trunkenheit am Steuer geschnappt wurde und die seiner Karriere empfindlich schaden könnte - ABC hat bereits einen Mehrteiler über den Holocaust, den Gibson drehen sollte, storniert.

Auf der Medienseite porträtiert Peer Schader den Autor Bora Dagtekin, der mit der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" viele Erfolge feiert. Und Tilmann Lahme berichtet über immer neue Peinlichkeiten aus der ARD-Radsportredaktion, wo bei manchen Redakteuren allzu enge Geschäftskontakte zu den Objekten der Berichterstattung bestehen.

Auf der letzten Seite nimmt Christian Schwägerl das Verschwinden eines Demenzkranken in Berlin als Memento für kommende Probleme einer alternden Gesellschaft mit diesen Krankheiten. Regina Mönch besichtigt das zur Versteigerung kommende Mobiliar des abgewickelten Tränenpalastes in Berlin. Und Manfred Lindinger stellt eine praktische britische Entwicklung vor: Hühnereier, die mittels hitzeempfindlicher Tinte anzeigen, wann sie weich-, medium- oder hartgekocht sind.

Besprochen werden Ereignisse der Theaterbiennale in Venedig.

Ein Gedicht von Marion Poschmann wird auf Seite 1 des Feuilletons abgedruckt - "industriefeste Purpurkastanien für Garten und Park":

wie diskothekische Lichtspiele feierten
Kieswege die Unterscheidung der Geister
von uns, die wir knirschend
auftreten. (...)"

NZZ, 03.08.2006

Der jordanische Journalist Fakhri Saleh sammelt Stimmen arabischer Intellektueller zum Libanonkonflikt, die besonders nach dem Bombardement von Kana immer israelkritischer werden. "Wenn der syrisch-libanesische Dichter Adonis, einer der berühmtesten Exponenten der arabischen Literatur, Israel als 'wahnsinnigen Staat' bezeichnet, greift er damit auf eine Formulierung des israelischen Schriftstellers und Journalisten Arieh Shavit zurück. In seinem in der internationalen Tageszeitung Al-Hayat publizierten Beitrag fährt der Lyriker fort: 'Israel sieht die arabische Welt nur mit Augen aus zornglühendem Metall, dem Metall von Panzern, Geschossen oder Bombern. Es sieht nicht die Geschichte, noch weniger die Erinnerung oder die Zukunft. Es sieht die Menschen nicht.' Adonis gesteht weder Israel noch den Vereinigten Staaten das Recht zu, gegen terroristische Organisationen in Libanon, den palästinensischen Gebieten oder anderswo in der arabischen Welt vorzugehen."

Weiteres: Peter Hagmann begutachtet das Programm der Salzburger Festspiele vor, das er mit der Verbindung von Mozart und der Musik des 21. Jahrhunderts recht "mutig" findet. Jürg Huber berichtet, dass die Schweiz jetzt als letzte westeuropäische Nation eine Landesphonothek gründet. Alfred Zimmerlin erlebt einen "vielversprechenden" Auftakt des 21. Musikfestivals in Davos.

Besprochen werden eine neue CD mit alten Aufnahmen des ungarischen "Klavierdompteurs" György Cziffra, der tunesische Roman "Bajjas Liebhaber" von Habib Selmi und zwei Bücher aus Sizilien (mehr dazu in der Bücherschau des Tages um 14 Uhr).

Welt, 03.08.2006

Zum 50. Todestag von Bert Brecht in der nächsten Woche führen Klaus Maria Brandauer und Campino die "Dreigroschenoper" im Berliner Admiralspalast auf. Reinhard Wengierek erzählt die Geschichte der Uraufführung: "Anfang August 1928 begannen endlich die Proben im hysterischen Dauer-Chaos bis zur Uraufführung am 28. August. Ganz Theater-Berlin lästerte vom Spektakel 'Ritt übern Bodensee'. Bis zuletzt wurde kollektiv umgeschrieben, umgebaut, gekürzt; sogar Karl Kraus dichtete mit in der Kantine. Die Wahnsinns-Generalprobe zog sich - fast nichts klappte - bis hin zum Premierentag frühmorgens gegen sechs. Das prominente Publikum am Abend reagierte 'sauer', erinnerte sich Elisabeth Hauptmann. Offene Szenenwechsel, das Moritatenhafte, eingeblendete Szenentitel und Projektionen - all die 'antiillusionistischen, literarisierenden Effekte', dieser ganze neue Brecht-Stil befremdete. Aber nicht lange. Dann betörte das frech Witzige, schmissig Aggressive ('Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlecht genug'). Der umstürzlerische Impetus wurde als Sahnehäubchen konsumiert."

Weiteres: Manuel Brug stellt den Argentinier mit russisch-jüdischen Wurzeln Osvaldo Golijov vor, den die Deutsche Grammophon als Komponisten verpflichtet hat. Uwe Schmitt berichtet von der aggressiven PR-Kampagne, die Mel Gibson nach seinen antisemitischen Ausfällen betreibt. Besprochen werden Pedro Almodovars neuer Film "Volver", die Digitalversion des Puppenkiste-Klassikers "Urmel aus dem Eis" und eine Ausstellung der Arbeiten von Thomas Demand im Frankfurter Museum.

SZ, 03.08.2006

Evelyn Annuss erinnert an die Einweihung der Berliner Waldbühne mit der Uraufführung des "Frankenburger Würfelspiels" im August 1936. Mehr als 1.000 Laiendarsteller waren an diesem nazistischen Massentheater beteiligt. "Bei den ursprünglichen Thingspiel-Plänen handelte es sich um durchaus theaterrevolutionäre Ideen. Formal zielten sie auf ein Spektakel, das Massenchöre als Mitspieler einsetzte und sich damit im Ansatz von der zentralperspektivisch organisierten Szene verabschiedete. Man träumte von einer dem deutschen Volk vermeintlich 'wesens- und artgemäßen' Befreiung vom Guckkasten. Denn der Deutsche sehe, so Fritz Budde 1933, 'die Welt nicht als Milieu, nicht als einen von vier Wänden begrenzten Raum, sondern als runden Kosmos, der in sich selbst ruht und durch sich selbst im Gleichgewicht gehalten wird. Darum kann der Kasten der französischen Bühne dem Deutschen die Welt nicht bedeuten, darum braucht er eine runde und plastische und sphärisch umgrenzte Bühne.'"

Weitere Artikel: Der emeritierte Frankfurter Völkerrechtler Michael Bothe spricht im Interview über die schwierige Auslegung der Begriffe "Krieg", "bewaffneter Konflikt", "Verhältnismäßigkeit" im Völkerrecht. Tobias Kniebe berichtet, wie der antisemitische Ausfall des besoffenen Mel Gibson bekannt wurde - durch das Internet natürlich. Dorothea Baumer berichtet über die guten Absatzquoten bei den Kunstauktionen in München. Ralf Dombrowski gratuliert dem Jazz-Musiker Tony Bennett zum 80. Geburtstag, Holger Liebs verabschiedet den Installationskünstler Jason Rhoades, der im Alter von 41 Jahren in New York an Herzversagen starb.

Besprochen werden Christian Freis Film über die gesprengten Buddhas von Bamian "The Giant Buddhas", Stuart Samuels Dokumentarfilm über Kultfilme "Midnight Movies", Michel Gondrys Film über "Dave Chappelle's Block Party", Holger Tappes Animationsfilm "Urmel auf dem Eis" und Bücher, darunter "Gefährliche Freunde", die Lebenserinnerungen des Schriftstellers und legendären Hollywood-Drehbuchautors Peter Viertel (dessen Mutter Salka - und nicht Saskia, wie Fritz Göttler schreibt - Viertel war und dessen Cousin der Dirigent Michael Gielen ist) und Michael Roes neues Buch "Weg nach Timimoun" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).