Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2006. In der SZ kritisiert Wolfgang Benz, die Konzeption für das geplante Berliner Zentrum gegen Vertreibungen. Die taz kritisiert die französischen Geschichtsgesetze, die ein bestimmtes Bild von der Kolonialgeschichte oder vom Holocaust dekretieren wollen. In der Welt geißelt John Le Carre die Mitverantwortung des Westens für die Entstehung des Islamismus. Die FAZ fragt sich, welche Auswirkungen der Streit zwischen Russland under Ukraine für die EU haben wird. Die NZZ stellt neue Museumsbauten von Ieoh Ming Pei vor.

TAZ, 03.01.2006

Das Gesetz, wonach die Kolonialgeschichte in französischen Schulen positiv dargestellt werden soll, mag Isolde Charim zwar nicht, aber der eigentliche Bruch ist für sie der Protest französischer Historiker gegen das Gesetz. "Die Gegenhistorie war immer ein Oppositionsdiskurs, der Einspruch gegen die Macht erhebt. Er konnte aber von Rechten ebenso wie von Linken benutzt werden, er diente Revolutionären ebenso wie Kolonisatoren. Was wir aber derzeit in Europa erleben, ist etwas Neues: Da die Gegenhistorie vorherrschend ist - wie etwa das NS-Verbotsgesetz oder die bisherige Beurteilung der Kolonialgeschichte belegen -, versuchen nun konservative Kräfte diese Hegemonie zu brechen, indem sie den Diskurs der Gegenhistorie benutzen, um erneut eine Jupitergeschichte, eine Geschichte, die die Rede der Macht, der Souveränität ist, zu etablieren."

Des Weiteren sinniert Robert Misik über die Allgegenwart des Shoppings. In der zweiten taz trifft Kerstin Speckner eine zum Islam konvertierte Deutsche und hat danach den Eindruck, dass viele Frauen damit ihre Eigenverantwortung reduzieren wollen. Jan Feddersen hält die Mozart-Vermarktung für allzu menschlich und die Aufregung darüber für alteuropäisches Eliten-Denken. Michael Aust referiert eine Untersuchung, wonach Barmixer in breite Gläser mehr Alkohol schenken als in längliche.

Im Medienteil berichtet Tarik Ahmia, dass die Arena GmbH die erstandenen Bundesligaspiele offensichtlich ohne die Genehmigung von Premiere gar nicht an deren Kunden übertragen darf. Besprochen wird einzig und allein die "umfassende" Retrospektive der Werke des Malers James Ensor in der Frankfurter Schirn.

Und Tom.

Welt, 03.01.2006

Die Redaktion macht auf kommende Highlights im Kulturjahr 2006 aufmerksam. Aus der Popwelt zum Beispiel erzählt Michael Pilz eine merkwürdige Geschichte: "So wird in fieberhafter Hysterie das erste Album von vier 19-Jährigen herbeigesehnt. 'Whatever People Say I am ...' von einer Rockband, die sich Arctic Monkeys nennt. Das Merkwürdige: Abertausende besitzen deren Lieder, weil die Arctic Monkeys sie im Internet zum kostenfreien Download zur Verfügung stellen. Dennoch (oder deshalb) wird die Mehrheit Ende Januar das Album kaufen."

Weitere Artikel: Johnny Erling berichtet, dass windige Konzertunternehmer mit mittelmäßigen Ensembles wie "Wiener Strauss Dynastie Walzer Orchester" Kapital aus der chinesischen Klassikbegeisterung schlagen. Hannes Stein interviewt Michael Blumenthal vom Jüdischen Museum in Berlin, der achtzig Jahre alt wird. Iris Alanyali schreibt über die europäische Kulturhauptstadt des Jahres, das griechische Patras.

Besprochen wird eine Ausstellung der Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg.

Auf der Medienseite porträtiert Gerti Schön den amerikanischen Journalisten Robert Scheer, Chefredakteur der "Anti-Blogs" Truthdig.com.

Auf der Magazinseite geißelt John Le Carre im Interview mit Rüdiger Sturm die Mitverantwortung des Westens an der Entstehung des Islamismus: "Auch im Iran haben wir Dreck am Stecken. 1947-48 gab es dort eine liberale islamische Bewegung unter Premierminister Mossadegh. Aber der amerikanische und britische Geheimdienst organisierten Unruhen, die zu seinem Sturz führten, und der Schah kam an die Macht - bis zur schiitischen Revolution. Wir stoppten also den Liberalismus und waren letztlich die Architekten dieser Radikalisierung."

Berliner Zeitung, 03.01.2006

Torsten Harmsen glaubte in der Neujahrsansprache von Angela Merkel vertraute Töne zu hören: "Angela Merkel bringt einen längst vergessen geglaubten Stil in die bundesdeutsche Politik: und zwar mit der offiziellen Sprache der DDR, in der sie einst sozialisiert wurde. Sie kann nicht anders. Und es ist fast ein Witz, dass 15 Jahre nach dem Ende der DDR deren Stil nun auf höchster Ebene munter fortlebt - unter vollkommen gewandelten Verhältnissen. Schon, wie sich Angela Merkel an die Bürger wendet: 'Was kann man alles in einem Jahr erreichen? Es ist eine ganze Menge! Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend das Ziel setzen, im kommenden Jahr überall noch ein wenig mehr als bisher zu vollbringen?' Das klingt nach Lernkonferenz in der Pioniergruppe, aber auch - für die Großen - nach dem Honecker-Slogan: 'Das Erreichte ist nicht das Erreichbare'."
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Stichwörter: DDR, Angela Merkel

NZZ, 03.01.2006

Drei Museen von Ieoh Ming Pei werden in diesem Jahr fertiggestellt: in Dauha, Suzhou und in Luxemburg. Die Bauherren in Luxemburg scheinen eine Menge Schwierigkeiten gemacht zu haben, aber Ieoh Ming Pei nimmt es im Interview gelassen: "Eine Laissez-faire-Einstellung der Auftraggeber tut Architekten meist nicht gut. Entwerfer brauchen starke Bauherren, an denen sie sich reiben können. Ich entwerfe kontextuell und bin nicht bestrebt, an jedem Ort auf der Welt meine unverkennbare Handschrift zu hinterlassen. Ich verstehe meine Baukunst nicht als 'Brand' oder als internationale Marke. Um es mit Ludwig Mies van der Rohe zu sagen: Ich möchte nicht neu sein, sondern gut! Architektur ist für mich eine pragmatische Kunst, die auf Notwendigkeit basiert. Freiheit im Ausdruck gibt es nur innerhalb des Rahmens von Bewegung, Maß und Proportion. Dies immer bezogen auf den Genius Loci."

Weitere Artikel: Marc Zitzmann beginnt eine Reihe über Paris, gestern und heute, mit einem Ständchen auf Madame de Sevigne und das Marais. Thomas Veser besucht ein Theaterstück über Landreform in Burkina Faso.

Besprochen werden die Jörg-Immendorff-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, Geert Maks Reisebuch "In Europa" und ein Band mit zwei Gedichten in Prosa von Ferenc Szijj (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 03.01.2006

Michael Jeismann wirft einen Blick auf den Streit zwischen Russland und der Ukraine und befürchtet in erster Linie Auswirkungen für die EU und Kerneuropa: "Es scheint jedenfalls relativ wahrscheinlich, dass der auf die Ränder ausgreifende Prozess der Europäischen Integration dem Zentrum irgendwann Opfer abverlangen wird, für die es politisch nicht unbedingt bereit ist, zu dem die ganze Union ihrem Selbstverständnis nach vielleicht gar nicht gewillt sein dürfte. Der Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland gibt davon einen leichten Vorgeschmack."

Weitere Artikel: Edo Reents zieht eine kritische Bilanz der "Du bist Deutschland"-Kampagne (zu deren Trägern auch diese Zeitung gehört), die für ihn ein Schopenhauersches Denkmodell von drei auf zwei Dimensionen zu reduzieren scheint. Dirk Schümer glossiert einen bestürzenden Korruptionsskandal im italienischen Bankenwesen. Der Philologe Felix Johannes Krömer enthüllt ein bisher kaum bekanntes Liebesverhältnis Ernst Jüngers mit der Pariser Tierärztin Sophie Ravoux, das Jünger in seinen Pariser Tagebüchern aus dem Zweiten Weltkrieg verklausulierte und literarisierte. Heinrich Wefing gratuliert Michael Blumenthal, dem Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, zum Achtzigsten. Hans-Peter Riese schreibt einen Nachruf auf den Galeristen Hans-Jürgen Slusallek. Edo Reents gratuliert dem Beatles-Produzenten George Martin zum Achtzigsten.

Auf der Medienseite berichtet Thomas Thiel, dass die politischen Magazine der ARD Kürzungen der Sendezeit werden hinnehmen müssen. Und Nina Rehfeld porträtiert den einstigen Fernsehproduzenten Jan Körbelin, der jetzt als Filmproduzent in Hollywood Furore macht.

Auf der letzten Seite denkt der Architekt Robert Kaltenbrunner über den Begriff der "Suburbia" nach. Ilona Lehnart erinnert an eine Silvesternacht, die Samuel Beckett einst mit einer Kusine in Kassel verbrachte. Und Erwin Seitz fühlt sich durch Angela Merkel an die mittelalterliche Kaiserin Theophanu erinnert.

Besprochen werden eine Ausstellung "Yokai - Bestiaire du fantastique japonais" im japanischen Kulturinstitut von Paris, eine CD mit Schubert-Hommagen zeitgenössischer Komponisten und Christian-Rohlfs-Ausstellungen in Hamburg und Kiel.

FR, 03.01.2006

Thomas Winkler würdigt die Band "Throbbing Gristle", die über den Jahreswechsel mit zwei Konzerten, einer Ausstellung und einer Filmpremiere in Berlin ein recht konzertiertes Comeback erlebt haben. "Von 1975 bis 1981 schufen P-Orridge, Cosey Fanni Tutti (alias Christine Newby), Peter "Sleazy" Christopherson und Chris Carter mit Industrial ein neues musikalisches Genre, legten die Grundlagen für den Mainstream-Erfolg von Marilyn Manson oder Nine Inch Nails, betrieben erfolgreich die Blaupause eines Independent-Labels, provozierten durch die Verwendung von Pornografie und Nazi-Ästhetik, bereiteten die Verwendung von Noise in der Popmusik vor und waren in letzter Konsequenz, so finden jedenfalls manche Experten, gar für die Techno-Bewegung der Neunziger Jahre verantwortlich."

Weiteres: Im zweiten Teil der Reihe zur Stadtplanung lobt Robert Kaltenbrunner München als Vorbild, während er Leipzig zumindest einen Bewusstseinswechsel hin zu mehr Sensibilität attestiert. Helmut Höge berichtet über den verlorenen Kampf der Sorben von Horno gegen den Energiekonzern Vattenfall, der an der Stelle des brandenburgischen Dorfes nun Braunkohle fördern wird. Hans-Jürgen Linke schreibt zum Tod des britischen Gitarristen Derek Bailey und rätselt in Times mager über die hohen Ticketpreise der Rolling Stones.

Deutschlands altehrwürdige Musikzeitschrift, der Musikexpress, kommt zum 600. Mal heraus, weshalb sich Katrin Hildebrand auf der Medienseite mit dem Chefredakteur Christian Stolberg unterhält.

SZ, 03.01.2006

Dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, gefällt die Konzeption für das geplante Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin überhaupt nicht. Allzu deutlich sei die Handschrift des Bundes der Vertriebenenen zu erkennen, das geplante Museum wirke wie der Gegenentwurf zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas. "Die Vermutung, dass mit der intellektuell anspruchslosen und auch gestalterisch wohl eher altertümlichen Konzeption ein deutschnationales Projekt ertrotzt werden soll, wurde von Anfang an durch obsessives Beharren auf dem Standort Berlin und durch Schuldzuweisungen genährt. Die Blaupause der geplanten Dauerausstellung bestätigt den Verdacht, wenn sie mit Begriffen wie 'vogelfrei' und 'rechtlos' als Kapitelüberschrift hantiert, unter der von 'Todeslagern' gesprochen wird, in denen deutsche Kinder, Frauen und Männer bis in die fünfziger Jahre gehalten wurden. Todeslager waren aber etwas anderes."

Tilman Spengler besucht die Ausstellung "China - The Three Emperors" mit Kunstschätzen aus dem 17. und 18. Jahrhundert in der Londoner Royal Academy. "Folgt man der fundamentalen chinesischen Unterscheidung zwischen 'nei', dem Inneren, und 'wai', dem Äußeren, dann gehörten die Kunstwerke fraglos dem Inneren. 'Sie wurden', sagt der Heidelberger Kunsthistoriker Ledderose, 'behandelt wie die inneren Organe eines Leibes, deren wichtige Funktionen man kennt, ohne dass sie je von außen wahrgenommen werden müssen'. Wenn wir diese Metapher auf den Staatskörper übertragen, wird deutlich, warum der Besitz, die schiere Verfügungsgewalt über das materielle Erbe der chinesischen Kultur, noch Chiang Kai-shek so wichtig war, daß er 1949, bei seiner Flucht vor den Kommunisten, Dutzende Bomber mit den wertvollsten Kunstschätzen ausfliegen ließ. Denn die Güter der Kultur begründeten die Legitimation von politischer Herrschaft."

Weiteres: Heiko Flottau beschreibt die wieder etwas ruhigere Sicherheitssituation in Saudi-Arabien, wo der neu eingerichtete "Nationale Dialog" mit Diskussionen und kleinen Zugeständnissen offensichtlich erfolgreich den Unmut gegenüber dem reformresistenten Königshaus lindert. Beim bisher unaufgeklärten Kunstraub im Bostoner Museum von Isabella Stewart Gardner war 1990 vielleicht ein IRA-Lieferant beteiligt. Wahrscheinlich sind die Bilder immer noch im Westen Irlands versteckt, schreibt Stefan Koldehoff. Wehmütig erinnert sich Joachim Kaiser in einer "Zwischenzeit" an die "genialisch begabten" Geschwister Eleonora und Francesco Mendelssohn. Die Stadtvillen, die Artur Asam vom Büro att architekten am Rand des Stadtteils St. Johannis errichtet hat, erhalten das Placet von Wolfgang Jean Stock. Der ehemalige Landeskonservator in Sachsen Heinrich Magirius spricht sich gegen die geplante Waldschlösschenbrücke in Dresden aus (hier die Seiten von Gegnern und Befürwortern). Denn "wenigstens von hier aus stört bisher nichts den Eindruck, dass Dresden ein Herz im Zentrum besitzt". Jens Bisky gratuliert dem ehemaligen Finanzminister und derzeitigen Leiter des Jüdischen Museums in Berlin, Michael Blumenthal, zum achtzigsten Geburtstag. Fritz Göttler empfiehlt neue DVDs von Jean Renoir, Michael Trabitzsch und Eytan Fox. Wenig begeistert kommentiert "midt" die Neujahrsansprache Angela Merkels und ihren "entmündigenden pluralis kindergaertneriniensis".

Im Medienteil stellt Peter Luley den SWR-Journalisten Kai Gniffke vor, seit 1. Januar Leiter von "Tagesschau" und "Tagesthemen". Auf der Literaturseite wird der Schauspieler Bret Easton Ellis von Andrian Kreye interviewt und hat große Hoffnungen. "Ich klinge auf Deutsch sowieso immer viel klüger als auf Englisch." Nicht immer.

Die Rezensionen beschränken sich heute auf die Literatur: Bernhard Sinkels in Jemen spielender Thriller "Der dritte Sumpf", Peter Köpfs Geschichte des Königsplatzes in München und Rene Girards Theorie anarchischer Mythen "Die verkannte Stimme des Realen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).