Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.12.2005. Harold Pinter sorgt immer noch für Streit. Die NZZ wünscht sich mal wieder einen literarischen Literaturnobelpreis, und keinen politischen. Selbst die FR beschwert sich über "unheilvolle linke Rhetorik" der Sechziger- und Siebzigerjahre. Die Welt bringt eine Übersetzung des mindestens ebenso umstrittenen Haaretz-Interviews mit Alain Finkielkraut. Die SZ warnt vor Silvio Berlusconis Geschichtspolitik. In der taz äußert sich Gerhard Henschel moralisch empört über die Bild-Zeitung. Die FAZ feiert Gidon Kremers Neuaufnahme von Bachs Partiten und Sonaten für Violine.

NZZ, 10.12.2005

Andreas Breitenstein empfand Harold Pinters Nobelpreisrede als antiamerikanisch und sorgt sich um die Zukunft des Preises: "Dass Schriftsteller linker Provenienz favorisiert werden, ist evident nach den rasch hintereinander folgenden Entscheidungen für Oe, Grass, Fo, Jelinek und Pinter. Solange das Werk die Wahl deckt, ist dagegen grundsätzlich nichts einzuwenden. Doch immer wichtiger scheint die politische Korrektheit zu werden und immer unwichtiger die Literatur. Wenn aber Autoren ausgeschlossen bleiben, die jenseits aller Ideologie der Wahrheit des Menschlichen ins Auge blicken, dann ist die Auszeichnung ihren Namen nicht mehr wert. Wo war der Nobelpreis für Aleksandar Tisma? Wo jener für Thomas Bernhard? Wann folgt der Preis für Per Olov Enquist? Wann jener für Philipp Roth? Wir warten."

Sehr instruktiv (aber leider nicht online) berichtet Dieter Thomä über ein philophisches Kolloquium zum Thema "Heidegger und der Iran" in Teheran. Heidegger, so Thomä, wird von iranischen Philosophen als Vehikel einer Kritik am Westen genutzt. Um die "ironische Pointe", dass man sich "in seiner Auseinandersetzung mit dem Westen eben auf dessen eigene - 'westliche' - Selbstkritik meinte stützen zu müssen", kümmere man sich dagegen nicht.

Weitere Artikel: Wartet Deutschland wirklich immer noch auf den Wenderoman, oder stellen hier westdeutsche Kritiker ostdeutschen Autoren eine arrogante Hausaufgabe, fragt Roman Bucheli: "Nicht zuletzt mag sich darin eine subtile Machtgebärde zeigen, mit der die Betroffenen immer in Armlänge auf Distanz gehalten werden sollen". Außerdem berichtet Marc Zitzmann über die Wiedereröffnung des Petit Palais in Paris. Andrea Köhler beobachtete eine Totenwache für John Lennon in New York

Besprochen werden Niklaus Helblings Inszenierung von Henrik Ibsens frühem Versdrama "Brand" in Zürich und einige Bücher, darunter der Roman "Das Hundeleben der Juanita Narboni" von Angel Vazquez (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In Literatur und Kunst bespricht Martin Meyer ausführlich die die "überaus sehenswerte" Ausstellung "Melancolie - Genie et folie en Occident" im Pariser Grand Palais. Abgedruckt wird der Vortrag, den der Kunsthistoriker Martin Bircher zur Eröffnung der großen Füssli-Ausstellung in Zürich hielt. Bernhard Kathan schreibt über "Züchtungsphantasien in Zukunftsromanen des frühen 20. Jahrhunderts". Thomas Meyer und Martin Treml untersuchen Aby Warburgs Verhältnis zur jüdischen Religion. Sandra Hedinger erinnert an Bertha von Suttner, die Trägerin des Friedensnobelpreises 1905. Ferner bringen Verleger und Autoren kleine Hommagen auf den jüngst verstorbenen Literaturkritiker Werner Weber.

Berliner Zeitung, 10.12.2005

Helge Hopp unterhält sich im Magazin mit Götz George, der beim Drehen gern amerikanische Zustände hätte: "Um perfekt sein zu können, musst du abgeschirmt sein. Was die Amerikaner machen, ist völlig richtig: Die haben ihren Wohnwagen und werden geholt, wenn alles anständig vorbereitet ist. Dann sind sie schön ausgeruht, nur konzentriert auf ihre Rolle. Dementsprechend spielen die das, viel lockerer. Bei uns musst du ja an alles denken! Wir müssen noch beim Absperren der Straße mithelfen."

Außerdem besucht Kirsten Einfeldt den mexikanischen Maler Francisco Toledo, der gerade den alternativen Nobelpreis erhalten hat.
Stichwörter: Götz George

TAZ, 10.12.2005

"Hier stehen sie, statt indigniert den Hörer aufzulegen oder den Blutsaugern die Tür vor der Nase zuzupfeffern, Rede und Antwort", empört sich Gerhard Henschel auf 674 Zeilen. Wo? In der Bild-Zeitung. Wer? "Strafverteidiger, Kardinäle, Minister, Bankiers, Künstler, Unternehmer, Kanzler und Bischöfe. Hier inserieren Supermarktketten, Autohersteller, Kaffeehändler, Arzneimittelproduzenten, Unternehmerverbände, Gewerkschaften und Bundestagsparteien... dass eine Kulturnation bis hinauf in die höchsten Spitzen der Regierung, der Wirtschaft und der Erbverwalter Goethes mit diesem Zentralorgan der Unterhosenspionage paktiert, ist ein Skandal."

Weiter gibt es Musiktipps für Weihnachten. In tazzwei schreibt Jan Feddersen über die Ausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration" im Bonner Haus der Geschichte. Im tazmag geht es vor allem um Bücher: Klaus Hillenbrandt stellt auf einer ganzen Seite eine Studie über den "Irak in der Antike" vor. Besprochen werden außerdem Geert Maks Buch "Der Mord an Theo van Gogh", Hülya Kandemirs Buch "Himmelstochter. Mein Weg vom Popstar zu Allah", Alex Capus' Buch "Reisen im Licht der Sterne", Paul Murrays Roman "An Evening Of Long Goodbyes" und Krimis von Anne Holte und Hakan Nesser (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.
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FR, 10.12.2005

Für Christoph Schröder zeigt Harold Pinters per Video-Botschaft übermittelte Nobelpreisrede, dass der britische Dramatiker den Preis dreißig Jahre zu spät erhalten hat: "Vorgetragen aber mit einer, wie es heißt, festen und kraftvollen Stimme, ist sie der Wutschrei eines Autors, dessen Verständnis von engagierter Literatur aus jenem Bewusstsein zu entspringen scheint, aus dem heraus sich auch in Deutschland soeben eine neue alte politische Mitredetruppe auf Seiten der Literaten zu formieren droht. Nostalgiker nennen das rührend, Realisten bezeichnen es als tragisch. Bleibt die Technik, die das Ganze interessant macht, ins Heutige rückt; unheilvolle linke Rhetorik der Sechziger- und Siebzigerjahre, eingebettet ins nicht minder unheilvolle ästhetisch-technische Gewand der Gegenwart. Das hat etwas, aber es bringt nicht viel."

Weitere Artikel: Hilal Sezgin spekuliert über das Ende von Harry Potter, und Kartin Ceballos Betancur schreibt einen Nachruf auf den Fliesenleger Bremer.

Besprochen werden Mozarts "Idomeneo" an der Mailänder Scala und die Uraufführung von Falk Richters Drama "Verstörung", inszeniert von Richter selbst an der Berliner Schaubühne.

FAZ, 10.12.2005

Zum zweiten Mal hat Gidon Kremer Bachs Partiten und Sonaten für Violine solo aufgenommen. Ein Ereignis, meint Michael Gassmann: "Was der Vergleich der beiden Aufnahmen nahelegt, bestätigen die übrigen Sonaten und Partiten: Die Leidenschaft ist größer geworden. Vielleicht ist auch dies als eine Form von Altersstil zu werten. Man höre sich einmal den Beginn der dritten Sonate an: Wie Kirchenglocken, schreibt Kremer, möchte er das Adagio schwingen lassen. Er tut dies mit ganzer Kraft, mit vollem Klang. Die sich anschließende Fuge beginnt elegant im kunstvollen non legato, um mit äußerster Dringlichkeit zu enden. Über ähnliche, geradezu bestürzende Energie verfügt auch die Fuge aus der ersten Sonate. Das Siciliano, welches anschließt, liebkost Kremer dann geradezu - es ist zerbrechlich, steht auf schwankendem Grund."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube streitet im Aufmacher für die streikenden Ärzte der Charite. Gina Thomas untersucht das Verhältnis der anglikanischen Kirche zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Auf einer Doppelseite wirbt Claudius Seidl für die Verlagsbeilage der Woche, einen Spiderman-Comic. Ulrich Olshausen berichtet über ein der Knickhalslaute Ud gewidmetes Festival im Emirat Oman. Angelika Heinick begrüßt die Wiedereröffnung des Petit Palais in Paris.

In der ehemaligen Tiefdruckbeilage schreibt Julia Encke über das Verhältnis der Nationalrevolutionäre um Ernst Jünger zur Fotografie. Außerdem wird Hubert Spiegels Laudatio auf Walter Kempowski aus Anlass der Verleihung des Hans-Erich-Nossack-Preises abgedruckt. Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld, dass Markus Schächter das ZDF weiterführen wird.

Besprochen werden Falk Richters Stück "Verstörung" an der Berliner Schaubühne (das mal wieder nicht Gerhard Stadelmaiers Gnade findet) und Bücher, darunter Neuerscheinungen von Andrea Camilleri und Elke Schmitter.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um eine Techno-CD von Richie Hawtin, um Violinmusik aus Israel und um neue Jazz-CDs des Labels Winter & Winter.

In der Frankfurter Anthologie stellt Hermann Kurzke ein Gedicht Andreas Gryphius' vor - "Über die Geburt Jesu:

Nacht mehr denn lichte Nacht! Nacht lichter als der Tag,
Nacht heller als die Sonn! in der das Licht geboren,
Das Gott, der Licht, in Licht wohnhaftig, ihm erkoren:
O Nacht, die alle Nächt' und Tage trotzen mag. (...)"

Welt, 10.12.2005

Die Literarische Welt übersetzt Dror Mishanis und Aurelia Smotriez' Interview mit Alain Finkielkraut aus Ha'aretz (hier das Original), in dem der Pariser Philosoph seine äußerst umstrittenen und inzwischen von ihm selbst zum teil bedauerten Äußerungen zu den Jugendunruhen in der Banlieue tat: "In Frankreich verbucht man diese Unruhen nur unter ihrem sozialen Aspekt und begreift sie als ein Aufbegehren der Jugendlichen aus den Vorstädten gegen ihre Lage, gegen die Diskriminierung, gegen die Arbeitslosigkeit. Das Problem aber ist, dass die meisten dieser Jugendlichen moslemische Schwarze und Araber sind. Sehen Sie, in Frankreich gibt es auch noch andere Einwanderer, deren Lage schwierig ist - Chinesen, Vietnamesen, Portugiesen -, aber die nehmen an den Ausschreitungen nicht teil. Deshalb besitzt diese Revolte einen klaren ethnisch-religiösen Charakter."

Außerdem in der Beilage: Fritz J. Raddatz bespricht den Briefwechsel zwischen Paul Celan und Peter Szondi. Marko Martin erinnert an Manes Sperber, der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre. Der iranische, in Deutschland lebende Lyriker und Essayist Said bringt eine kleine Hymne auf Hafis. Ruth Klüger bespricht Herta Müllers Roman "Die blassen Herren mit den Mokkatassen". Und Tilman Krause verbittet sich in seinem Klartext über die "neue Gruppe 47" Grass' Kritik am Feuilleton: "Gerade der Autor der 'Blechtrommel', dessen geringstes Meinungs-Bäuerchen schallverstärkend von seinen Adlaten in den Medien weitergegeben wird, hätte allen Anlass, Feuilletonisten dankbar zu sein." Und umgekehrt, natürlich!

Auf den Kunstmarktseiten des Feuilletons bringt Gerhard Charles Rump einen langen Bericht über "Art Basel Miami Beach", die "ihre Rolle als wichtigste Kunstmesse der USA unterstrichen" habe. Uta Baier besucht die Skulpturensammlung Bollert, die jetzt dauerhaft im Bayerischen Nationalmuseum in München zu sehen ist. Manuel Brug porträtiert den Berliner Bass Rene Pape. Besprochen wird Falk Richters Inszenierung seines eigenen Stücks "Die Verstörung" an der Berliner Schaubühne.

Auf den Forumsseiten dokumentiert die Welt ein amerikanisches pro und kontra zur Folter aus dem Weekly Standard und der New Republic.

SZ, 10.12.2005

Mit immer neuen Gesetzen versucht Silvio Berlusconi die italienische Geschichtswissenschaft mundtot zu machen, warnt der Historiker Wolfgang Schieder. "Neuerdings droht die Schaffung eines eigenen Archivs für die Akten des Ministerpräsidenten. Es soll in dem ehemaligen Gebäude der römischen Hauptpost an der Piazza San Silvestro eingerichtet werden. Ein schöner Standort, der nur den Nachteil hat, für Historiker wohl unzugänglich zu bleiben. Für das neue Archiv sollen nämlich nicht die Bestimmungen des italienischen Archivgesetzes, sondern politische Sonderregelungen gelten ... Die Historiker werden damit gezielt von der schriftlichen Überlieferung des Staates abgeschnitten. Für die Zeithistoriker kommt das einem Berufsverbot nahe."

Der kanadische Politologe Michael Ignatieff, der nach dreißig Jahren die USA verlassen hat, um in Kanada für die liberale Partei zu kandidieren, ist seinen Landsleuten ein wenig fremd, berichtet Jürgen Heizmann. So hat er "vor allem die ukrainischstämmige Bevölkerung in seinem Wahlbezirk gegen sich aufgebracht. Während seiner Rede wurde er ausgebuht und mit Schmährufen wie 'Schande!' und 'Yankee!' überschüttet. Seine Gegner trugen Plakate mit der Aufschrift 'Demokratisches Defizit' und verteilten Flugblätter mit Zitaten des Politologen aus seinem 1993 erschienenen Buch 'Blood and Belonging', einer kritischen Betrachtung über die neuen Nationalismen. Ignatieff hatte darin geschrieben, er könne den ukrainischen Nationalismus nicht ernst nehmen, er müsse dabei immer an bestickte Bauernwesten denken, an das nasale Gewimmer folkloristischer Musikinstrumente, an Pseudokosaken in Umhängen und Stiefeln und an üble Antisemiten."

Weitere Artikel: Den Aufmacher widmet Tobias Kniebe dem "Mythos" King Kong, der gerade von Peter Jackson neu verfilmt wurde. Der Bassist Rene Pape spricht im Interview über Väter, Autoritäten und sein Leben in der DDR. Tobias Kniebe Thomas Steinfeld hat in der Münchner Siemens-Stiftung den amerikanischen Anglisten Stephen Greenblatt über "Die Ethik der Autorität bei Shakespeare" sprechen gehört. Stefan Koldehof schreibt über drei spontan nach Pirmasens repatriierte Gemälde, die seit 1945 als Kriegsverlust galten und jetzt bei einer Auktion von Sothebys augetaucht waren.

Besprochen werden Falk Richters Inszenierung seiner eigenen Rocky-Horror-Weihnachtsshow "Verstörung" an der Berliner Schaubühne ("Gucci-Version einer Irrenanstalt", stellt Till Briegleb fest), Romed Wyders Virus-Thriller "Lücke im System", ein Konzert der Münchner Philharmoniker, ein Konzert des Grime-Stars Lady Sovereign in der New Yorker Knitting Factory, die Präsentation der Sammlung Bollert im Bayerisches Nationalmuseum und Bücher, darunter Joachim Radkaus' Biografie über Max Weber (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Für die SZ am Wochenende unternimmt Kurt Kister einen Rundgang durch das Post-Gerd-Berlin, um schließlich am Klatsch- und Lachverhalten schwarzer und roter Abgeordnete im Bundestag festmachen zu können, dass CDU und SPD noch nicht so richtig begriffen haben, dass sie nun Freunde sein müssen. Rayk Wieland erinnert sich mit Kopfschmerzen an die DDR-Weinkultur. Und Sabine Resch annonciert nach Sichtung der Pariser Winterschauen den Tod der Hose.