Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2005. In der Welt spricht Christoph Schlingensief über Karol Wojtyla und im Tagesspiegel über Ossis, die aua machen. Die taz outet den Weltjugendtag als leicht zynische Veranstaltung. Die NZZ sah die Schriftstellerin Fabrizia Ramondino wie eine bunte Fledermaus majestätisch gleiten. Die FAZ feiert aus Anlass des 50. Todestags von Thomas Mann den großen Kritiker Marcel Reich-Ranicki.

TAZ, 15.08.2005

Trotz Weltjugendtag - zwischen den liberalen Jugendlichen und der konservativen Kirche gähnt ein Abgrund, konstatiert Philipp Gessler auf der Meinungsseite. "Ratzinger jedenfalls fehlt wie Meisner jede Gelassenheit bei dem Thema - er soll im vertrauten Kreis angesichts der Kondomwiese des Weltjugendtages gesagt haben: 'Die brauchen wir nicht, diese Jugendlichen.' Dennoch reist er nun nach Köln, um sich wie sein Vorgänger und Idol von genau solchen Jugendlichen feiern zu lassen. (...) So winkt Benedikt XVI. Menschen zu, denen er eher nicht traut. Die Menschen winken einem Papst zu, dem sie selten folgen. Der Weltjugendtag ist auch eine verlogene, leicht zynische Veranstaltung. Und einen Hauch Tragikomik hat er auch. Das Ganze hat etwas von einem großen Missverständnis."

Die Kirche formuliert zwar das Unbehagen an der Moderne, sekundiert Jan Feddersen in der zweiten taz. "Papst Benedikt XVI. sollte sich trotzdem nicht zu viel versprechen: Er ist der Boss einer in Afrika, Asien und Lateinamerika prosperierenden Psychowellnessagentur - der sein Angebot freilich nicht überspannen darf, schon, um nicht als vollständig weltfremd zu gelten, verschroben und uncool." Stefan Kuzmany reitet genussvoll auf den Stoiberschen Überlegenheitsfantasien herum. "Ich muss schon sagen, die besten Wahlplakate hat wieder einmal die CSU. Es sind aber auch die anspruchsvollsten." Jony Eisenberg rät von einem wahlrechtlich motivierten Verbot der Linkspartei ab. Christian Semler weist darauf hin, dass es den Ostdeutschen an sich nicht gibt.

Im Feuilleton erfährt Max Dax von dem österreichischen Jazzpianisten und Keyboarder Joe Zawinul, warum es so schnell keinen Miles Davis mehr geben wird. "Die Leute heute können nicht mehr ruhig warten. Sie dudeln. Miles hingegen war immer sehr konzentriert; wie eine Steinschleuder setzte er stets die volle Konzentration in jede einzelne Note, die er spielte." Tilman Baumgärtel beobachtet, wie die Menschenmassen im größten Einkaufszentrum von Manila nicht in Panik geraten. Jenny Zylka trifft den unauffälligen und bierbäuchigen Beatles-Kurzzeit-Schlagzeuger Pete Best.

Tagesthema ist unter anderem die noch nicht ganz verwundene Kapitulation Japans vor sechzig Jahren. Marco Kauffmann besucht ein neues und umstrittenes Museum in Tokio, das erstmals die Kriegsverbrechen des Landes dokumentiert. Christine Käthler ergänzt, dass Japan sich gegenüber China immer noch mit Händen und Füßen vor einer Entschuldigung sträubt.

Und Tom.

FR, 15.08.2005

"Es grenzt schon an ein Wunder, dass man dieses Stück überhaupt noch spannend erzählen kann." Peter Michalzik gratuliert Martin Kusej zu seiner Inszenierung von Franz Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende", dessen Aufladung mit zumindest für Österreich bedeutsamen Ereignissen es beinahe unaufführbar gemacht hat. Aber eben nur beinahe. "Wir sehen die beglückte Masse, wie sie sich jetzt unbewegt und fast nackt am Strand sonnt, wir sehen abgeschlachtete Menschen, wie sie blutbeschmiert und vollkommen nackt dort aufgereiht sind, wo vor kurzem noch das Schnitzel lag und sonnengebadet wurde: stumme, starre, starke und stimmige Bilder, von denen diese Inszenierung so voll ist wie kaum eine."

Immerhin ein Drittel "gut gemachter und innovativer" Filme: Recht zufrieden resümiert Heike Kühn das Filmfestival von Locarno und dessen ganze drei silberne Leoparden. Elke Buhr lacht auf der Ausfallstraße über eine hitlerbärtige Angela Merkel. Auf der Medienseite erklärt Oliver Gehrs unter Zuhilfenahme deftiger Anekdoten das besondere Verhältnis der Briten zu ihrer Boulevardpresse.

Welt, 15.08.2005

Regisseur Christoph Schlingensief, der keine "Provo-Batterie" mehr sein will, spricht mit Gabriela Walde und Eckhard Fuhr über sich und den Papst. "Wojtyla kam mir vor wie der alte Schauspieler Bernhard Minetti, der kaum noch sprechen konnte. Allerdings stand neben ihm nicht der junge Martin Wuttke, der das für seine Rolle genutzt hat. Die eigentliche Beerdigung von Papst Johannes Paul fand hinter den Kulissen statt. Minetti hatte seine Eigenart, die man bewunderte und die man beschützt sehen wollte. Der sterbende Papst hatte gewaltige Massenauftritte, von denen man hingerissen, aber auch abgestoßen war. Der Regisseur des Ganzen ist nun gleichzeitig der Nachfolger, das unterscheidet uns beide. Wenn ich Papst Johannes Paul im Film oder auf der Bühne als eine fast spastische Figur gezeigt hätte, dann hätte es wieder geheißen, ich sei ein Zyniker."

Übernommen wird auch ein Interview von Radio Vatikan, in dem Papst Benedikt XVI. über die Freude des Glaubens, die Jugend der Kirche und die europäische Mission spricht.
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NZZ, 15.08.2005

Zum sechzigsten Jahrestag der japanischen Kapitulation beschreibt Urs Schoettli, wie der Zweite Weltkrieg noch immer in Ostasien nachwirkt. Statt einer Anerkennung der japanischen Kriegsschuld registriert er eher "Zeichen eines neu aufblühenden, gefährlichen Chauvinismus". "Noch und noch macht man auch mit guten japanischen Bekannten die Erfahrung, dass das Thema des Zweiten Weltkriegs und der japanischen Kriegsverbrechen tabu ist. Häufig ertappt man sich gar bei der Selbstzensur, wie man sie in China nicht einmal bei der kritischen Kommentierung des Tiananmen-Massakers übt."

Maike Albath hat die italienische Schriftstellerin Fabrizia Ramondino in dem kleinen Städtchen Itri getroffen: "Wie eine bunte Fledermaus gleitet sie majestätisch in Richtung Piazza hinab, mit wehenden roten Rockschößen unter einem riesigen Regenschirm, der im Sturm hin und her wankt. Dem Zickzack der Treppen folgend, verschwindet sie hinter verwitterten Häuserzeilen, taucht wieder auf, verschwindet. Dann ist sie da: die Schriftstellerin Fabrizia Ramondino, achtundsechzig Jahre alt, ungestüm und herzlich. Dass sie einst als Lehrerin in den Problembezirken von Neapel Schulklassen von halbwüchsigen Delinquentenkindern in Schach hielt, glaubt man auf Anhieb."


Weiteres: Ausgesprochen zufrieden bilanziert Alexandra Stäheli das Filmfestival von Locarno: " Fast nur gute Filme". Knut Henkel besichtigt das neu eröffnete Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven. Horst Günther schreibt zum Tod des Philosophen Raymond Klibansky.

Tagesspiegel, 15.08.2005

Im Interview mit dem Tagesspiegel analysiert Christoph Schlingensief wie immer messerscharf die angespannte Lage der Nation. Ein Bruderkrieg drohe aber nicht, gibt er Entwarnung: "Beim Bruderkrieg gab es wenigstens noch eine Beziehung zwischen Brüdern. Jetzt wünscht sich der eine Teil Deutschlands Papa und Mama zurück, die alles regeln sollen. Aber wenn Papa sagt, die Haushaltskasse ist leer, wir kürzen das Taschengeld und erhöhen die Mehrwertsteuer um zwei Prozent, kriegt das Kind einen Wutanfall. Dann wird geschrien, aber man bleibt in seiner Kinderecke und spielt höchstens mal erwachsen. Wenn es dann aua macht, will man keine Verantwortung übernehmen. Und der andere Teil Deutschlands sagt, wir nehmen euch sowieso nicht ernst, egal, wie ihr in eurem Laufstall rumschreit."

FAZ, 15.08.2005

Thomas Mann ist fünfzig Jahre tot und gab somit Anlass zu Feierlichkeiten, die wohl nur Thomas Mann in angemessener Geschraubtheit würdigen könnte. Die Unterzeile auf Seite 1 dieser Zeitung ist zunächst leicht desorientierend, denn sie lautet: "Bundespräsident Köhler würdigt Marcel Reich-Ranicki". Aber dieser würdigte wiederum dann doch auch Thomas Mann in einer im Feuilleton abgedruckten Rede: "Was Thomas Mann mir bedeutet", heißt die Überschrift und Reich-Ranicki beginnt: "Dies ist ein großer Tag für mich und zugleich, ich bin dessen sicher, für viele der hier Anwesenden. Das habe ich mir nie träumen lassen - dass ich in der Lübecker Marienkirche, in der Thomas Mann getauft und konfirmiert wurde, über ihn aus Anlass seines fünfzigsten Todestags werde sprechen dürfen." Edo Reents schildert in einem dritten Artikel unter Zuhilfenahme von Thomas-Mann-Zitaten, wie das ungefüge Lübecker Volk den großen Kritiker vor der Marienkirche empfing: "Dieser Zudrang zeugt denn doch von etwas Edlerem noch als gemeiner Neugier, nämlich von einer naiven Verbundenheit unserer Einwohnerschaft mit den höchsten Angelegenheiten der Nation..."

Weitere Artikel: In der Leitglosse zitiert Jordan Mejias den Fall einer 79-jährigen amerikanischen Stahlarbeiterin als Beispiel für eine künftige Entlastung unserer Sozialsysteme. Wolfgang Sandner gratuliert Oscar Peterson zum Achtzigsten. Verena Lueken kommentiert die Preisvergabe beim Festival von Locarno. Patrick Bahners hat Angela Merkels Rede zur Eröffnung ihres Wahlkampfs in Kassel zugehört. Werner Jacob stellt in einem Artikel, der ohne jede Illustration auskommt das architektonisch und ökologisch innovative "Patchwork-Haus" der Architekten Pfeifer Roser Kuhn vor. Richard Kämmerlings hat das Sommerfest des Literarischen Colloquiums in Berlin besucht, mit dem traditionellerweise der Bücherherbst eröffnet wird.

Auf der Medienseite beschreibt Theodor Stemmler die Unzulänglichkeit automatisierter Übersetzungsprogramme im Internet. Und Peer Schader erzählt, mit welcher Verve die Privatsender gegen einen neuen Internetdienst vorgehen, der werbepausenfreie Mitschnitte ihrer Sendungen anbietet.

Auf der letzten Seite fordert der Jurist Herwig Praxl die Rückgabe der im 17. Jahrhundert auf päpstliches Geheiß geraubten biblioteca palatina aus Heidelberg. Frank Pergande berichtet, dass die heute ungenutzte Dorfkirche von Federow nahe dem Ostufer der Müritz zur "Hörspielkirche" umgerüstet wurde. Und Paul Ingendaay würdigt den jährlichen Sommerurlaub des berühmten Schauspielers Antonio Banderas in seiner geliebten Heimat Spanien.

Besprochen werden die Ausstellung "Populism 2005" in Frankfurt und anderen europäischen Städten und die Wiederentdeckung einer komischen Oper nach Don Quichote des Komponisten Francesco Bartolomeo Conti (1681-1732) in Innsbruck sowie einige Sachbücher, darunter eine neue Biografie des Papstes Alexander VI. Borgia.

SZ, 15.08.2005

Die Bayern feiern Mariä Himmelfahrt. Wir gratulieren.