Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.02.2005. Die FR porträtiert Matthias von Hartz, den Globalisierungskritiker unter den Theaterregisseuren. Die NZZ bewundert die zeitgenössische Formensprache der arabischen Architektur. Die taz stellt türkische Film auf der Berlinale vor. Die SZ freut sich über eine neue Internet-Datenbank zum deutschen Film. In der FAZ erzählt Enno Patalas, wie man in Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" ins Meer fallen musste.

FR, 11.02.2005

Peter Michalzik porträtiert Matthias von Hartz, den Globalisierungskritiker unter den Jungregisseuren am deutschen Theater: "Matthias von Hartz ist, nachdem er an der London School of Economics studiert hat, bei Jürgen Flimm in der Regieklasse gewesen. Trotzdem hat er zu allem, was im Theater nach Theater riecht, von Anfang an kein unverkrampftes Verhältnis. 'Theatertheater', auf den Begriff können wir uns schnell verständigen, ist sein Ding nicht. 'Es langweilt mich und ich glaube, dass es politisch nur sehr begrenzt etwas zu sagen hat, weil es über Geschichten und Psychologie funktioniert. Dinge, die heute politisch relevant sind, funktionieren aber über Strukturen.'"

Weitere Artikel: In Times mager berichtet Thomas Medicus recht amüsant über einen Abend in der Berliner American Academy, bei dem Jerry Lewis seinen Kollegen Dean Martin "the love of my life" nannte. Peter Michaelzik unterhält sich mit Harald Heker, der seinen Posten als Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins aufgibt. H.L. schreibt einen Nachruf auf den Jazzorganisten Jimmy Smith. und Hans-Klaus Jungheinrich bespricht Brittens Oper "Curlew River" in Frankfurt.

NZZ, 11.02.2005

Carole Gürtler betrachtet neuere arabische Architektur, die sich - auch dank des hoch dotierten Aga Khan Architekturpreises - auf dem Weg der Besserung zu befinden scheint. Ein anderer Einfluss ist die Demokratisieurng in einigen Ländern: "'Architektur ist ein Maßstab für die Liberalisierung und den Pluralismus in einem Land', sagt Reinhard Schulze, Islamwissenschafter an der Universität Bern, der - ebenso wie der Basler Jacques Herzog - Mitglied der Wettbewerbsjury war. Somit ist es nicht verwunderlich, dass sich gerade in Libanon die Baukunst dank Architekten wie George Arbid, Pierre Khoury oder Nabil Gholam durch Experimentierfreudigkeit auszeichnet. Ihnen und anderen, meist im Ausland ausgebildeten und oft auch dort lebenden arabischen Architekten wie Abdelwahed el-Wakil, Mohammed Makiya oder Elie Mouyal gelingt es, trotz Traditionsverbundenheit internationale Einflüsse aufzunehmen und daraus eine zeitgenössische arabische Formensprache zu entwickeln."

Weitere Artikel: Martin Meyer schreibt einen Nachruf auf den Journalisten Hanno Helbling, seinen Vorgänger als Feuilletonchef der NZZ, der im Alter von 74 Jahren gestorben ist. Franz Haas berichtet aus Italien, dass man sich dort nun der aus dem heutigen Kroatien nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Italiener erinnert - unter anderem wurden 10.000 italienische Partisanen umgebracht. Nick Liebmann schreibt zum Tod von Jimmy Smith.

Auf der Filmseite berichtet Michel Bodmer vom Sundance Festival des unabhängigen Films. Hier traf er auch den Regisseur Hal Hartley, dessen Filme wir in unseren Programmkinos schon lange vermissen. Im Gespräch erklärt er warum - er vertreibt sie nur noch als Video: "Ich gleiche mich dem Musikgeschäft an: Die Filmkopie ist nur für Festivals bestimmt; ich gehe damit auf Tournee, wie ein Musiker, nicht um Geld zu verdienen, sondern um Promotion zu machen und Kritiken zu bekommen. Den Film vertreibe ich dann auf DVD von meiner eigenen Webseite possiblefilms.com aus."

Außerdem führt Ursula Schnyder ein Gespräch mit dem Filmpublizisten David Thomson, der in seinem neuesten Buch "The Whole Equation - A History of Hollywood" einen Verfall des universalen Einfluss des Hollywood-Kinos voraussagt. Besprochen wird der Film "Sideways" von Alexander Payne.

Auf der Medien- und Informatikseite berichtet "set" über das zweitneueste Ding aus der Welt der Internet-Tauschbörsen, die Software BitTorrent, die das schnelle Herunterladen von Filmen ermöglicht: "Die auf die Analyse des Internet-Datenverkehrs spezialisierte Firma CacheLogic behauptet, dass bereits über 50 Prozent der Tauschbörsenaktivitäten über BitTorrent laufen. Zu jeder Tageszeit sollen rund 10 Millionen Anwender in P2P-Netzwerken aktiv sein und Zugriff auf ein Datenvolumen von 10 Petabyte haben, das sind 10 .000.000 Gbyte." Und Angriffen der Kulturindustrie beugt das neueste Ding aus der Welt der Internet-Tauschbörsen vor: die Software Exeem.

Weitere Artikel: Hans Weber berichtet über Erfolge des digitalen Kurzwellenradios DRM. "Ras" kommentiert neueste Arten der Folter im Privat-TV. "H. Sf." glossiert das schwierige Verhältnis der Medien zum Rechtsextremismus.

SZ, 11.02.2005

Fritz Göttler stellt eine neue große Internet-Datenbank zum deutschen Film vor: das Filmportal. Erstellt wurde es vom deutschen Filminstitut in Frankfurt zusammen mit mit dem Cinegraph und verschiedenen Kinematheken. "Ab heute werden fürs erste Daten zu 30.000 deutschen Kinofilmen seit 1895 verfügbar sein, davon werden 3.000 ausführlich behandelt, mit Inhalt, Links zu Kritiken, Fotos, Plakaten, manchmal auch, unter dem Stichwort Verfügbarkeit, Hinweise auf Kopien oder DVDs. 75.000 Mitarbeiter des deutschen Kinos sind bereits vertreten, für 550 gibt es bisher Biografien."

Anke Sterneborg freut sich auf großes Kino, düstere Thriller, japanische Western - im Forum und im Panorama. Die beiden Nebenreihen, glaubt Sterneborg, werden dem Berlinale Wettbewerb in diesem Jahr ziemlich einheizen.

Eine großartige Anne Ratte-Polle hat Till Briegleb in der "Katze auf dem heißen Blechdach" gesehen: "Eine starke Frau, die vor ihrem Mann auf dem Teppich robbt und bettelt - das bekommt nicht jede hin, ohne dass es peinlich wird. Kurz: Diese Frau ist die einzige intelligente, gerade und selbst in ihren egoistischen Zuständen liebenswerte Person auf der Bühne, obwohl sie in manchen Momenten offensichtlich nicht schlecht Lust hat, ihren Gatten zu vergewaltigen." Edith Boxberger hat auf dem Teheraner Theaterfestival die unverhüllte Enegie verhüllter Frauen erlebt.

Zu Lebzeiten konnte sich Winston Churchill noch dagegen wehren, "wie ein Preisbulle" ausgestellt zu werden, doch das ist vorbei, wie Alexander Menden berichtet: Gestern wurde in London das Churchill Museum eröffnet. Der Historiker Peter Reichel liefert Gedanken zum diesjährigen Gedenkmarathon und der Auseinandersetzung mit der NPD. Thomas Urban schildert, wie die Ausstellung "Warschau - Moskau 1900 - 2000" alte Wunden aufreißt. Oliver Herwig beschreibt, wie sich das Architekturbüro Skidmore, Owings and Merrill (SOM) künftig neu platzieren will. Werner Burkhardt schreibt zum Tod des Jazz-Organisten Jimmy Smith.

Gemeldet wird, das Lucian Freuds Porträt der schwangeren Kate Moss bei Christie's für 5,7 Millionen Euro an einen anonymen Käuferging. Oliver Fuchs verzeichnet als große Niederlage, dass Franz Ferdinand nur zwei von fünf Brit Awards bekommen haben.

Besprochen werden die Ausstellung junger Münchner Küstler "Favoriten" (Es tut sich was, frohlockt Holger Liebes), die Schauen der Brüder Lindenberg in München, Joe Nussbaums Film "Plötzlich verliebt" und Bücher, darunter Muhammad Iqbals Islam-Schrift "Die Wiederbelebung des religiösen Denkens im Islam" und Elegien von Marie-Therese Kerschbaumer (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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TAZ, 11.02.2005

Tobias Rapp hat sich die neuste Platte des Technoveteranen Laurent Garnier angehört: "Mit dem norwegischen Trompeter Bugge Wesseltoft hat Garnier einen ausgewiesenen Jazz-Musiker als Partner engagiert. Und tatsächlich klingt die Platte mehr nach den Prog-Sounds der mittleren bis späten Siebzigerjahre als nach einer rockenden Tanzfläche. Selbst ein Stück wie 'Controlling The House' zitiert zwar den Chicago House der späten Achtzigerjahre, gleicht aber eher dem Traumbild eines Dancetracks als dem Track selbst." (Was sind Prog-Sounds? Und warum haben wir das damals nicht mitgekriegt?)

Außerdem schreibt Christian Broecking zum Tod des Hammondorganisten Jimmy Smith. Und Bert Rebhandl wohnte dem Abend mit Jerry Lewis in der Berliner Amercan Academy bei. In tazzwei plädiert Michael Rutschky für das Argumentieren mit Neonazis.

Auf den Berlinale-Seiten der taz schreibt Daniel Bax über neue türkische Filme. Und Diedrich Diederichsen hat sich "Final Cut" über Michael Ciminos Film "Heaven's Gate" angesehen.

Schließlich Tom.

Tagesspiegel, 11.02.2005

Ganz weit vorn bei der Berichterstattung der Berlinale ist traditionsgemäß der Tagesspiegel. Wir empfehlen die ausführlichen Berichte auf den Kulturseiten und das Online-Spezial.
Stichwörter: Berlinale

FAZ, 11.02.2005

Auf der Berlinale-Seite der FAZ schreibt Enno Patalas (mehr) über Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin", der restauriert und während der Berlinale wiederaufgeführt wird: "Die Darsteller des Potemkin waren trainierte 'Biomechaniker' aus der Meyerhold-Schule, wirkliche Akrobaten, und akrobatische Leistungen vollbringen auch Kamera und Schnitt. Aleksandr Ljowschin hat erzählt, wie er in einer Einstellung einen der Matrosen spielte, die den Schiffsarzt über die Reling schwingen, und in der nächsten den Arzt, wie er ins Meer fällt. Er konnte nicht anders, als beim Sturz einen Salto zu schlagen, den Eisenstein wieder herausschneiden mußte. Kein Wunder, daß zu den ersten glühenden Bewunderern des Films Hollywoods dare devil Douglas Fairbanks gehörte."

Andreas Kilb hat einen "hinreißend aufgeräumten" Jerry Lewis in der Villa der American Academy am Wannsee erlebt: "Als ihm Gary Smith, der Direktor der Academy, die Goldene Kamera hinhält, die Lewis am Vorabend bekommen hat, sagt er: 'Du mußt sie reiben, Gary, dann wird sie größer!'". Hans-Jörg Rother stellt Filme der Reihe "Perspektive Deutsches Kino" vor.

Weitere Artikel: Die Germanistin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger hat ihren Vortrag abgesagt, den sie am 13. Februar in Dresden halten wollte, berichtet Hubert Spiegel und zitiert aus Klügers Absagebrief: "'Wenn eine ehemals verfolgte Jüdin - und als solche bin ich in Deutschland vor allem bekannt - im Staatsschauspiel einen Vortrag über einen verfolgten Juden, nämlich Victor Klemperer, hält, während auf der Straße Tausende (sic!) judenfeindliche Parteianhänger demonstrieren, so wird daraus unweigerlich ein politisches Spektakel. Damit habe ich aber nicht rechnen können, und daran möchte ich nicht teilnehmen.'" Regina Mönch berichtet, wie Schulen und Schulbuchverlage um die Darstellung des Völkermords an den Armeniern ringen. Claudius Seidl schreibt zum Tod des amerikanischen Jazz-Organisten Jimmy Smith. Paul Ingendaay schreibt zum Tod des spanischen Historikers Javier Tusell.

Auf der Medienseite berichtet Konrad Schuller über die Hintergründe der Entlassung des polnischen Journalisten Bronislaw Wildstein. Der Kommentator der Zeitung Rzeczpospolita hatte geholfen, die polnischen Stasi-Akten zu veröffentlichen: "Weil er mit seinem Aufklärungsfuror den postkommunistischen Seilschaften des Regierungsapparats ein Dorn im Auge ist, war sein Kopf der Preis für die reibungslose Abwicklung" der bevorstehenden Privatisierung der zur Zeit noch zu 49 Prozent dem Staat gehörenden Rzeczpospolita. Anita Boomgaarden empfiehlt die Reportage "Der Aufstand der Putzfrauen" (ARD, 21.45 Uhr): "wer wissen will, wie Manchester-Kapitalismus in Zeiten von Hartz IV aussieht, der ist hier an der richtigen Adresse".

Auf der letzten Seite porträtiert Anita Boomgaarden den "Tüftler" Horst Burbulla, der in diesem Jahr für seinen Teleskopkran den Technik-Oscar erhält. Helmut Klemm stellt den Romanautor Pascal Mercier vor, hinter dem sich der Schweizer Philosoph Peter Bieri verbirgt. Weder französische noch deutsche Zeitungen haben mitbekommen, dass der französische Germanist und Jünger-Übersetzer Henri Palard im Mai gestorben ist, berichtet Jürg Altwegg.

Besprochen werden eine "faszinierende" Schau über Winston Churchill in London, die Uraufführung von Tom Peuckerts Stück "Luhmann" in Bielefeld, die Ausstellung "Trümmerstädte 1945" mit Fotografien von Walter Frentz in den Technischen Sammlungen Dresden, die Aufführung von Benjamin Brittens Parabel "Curlew River" im Frankfurter Depot, eine Ausstellung von fünf jungen Künstlern, die für den Dorothea-von-Stetten-Kunstpreis nominiert sind, im Kunstmuseum Bonn und Bücher, darunter einen Band der Zoologin Patricia B. McConnell über unseren Umgang mit Hunden (mehr in der Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 11.02.2005

Bei Spiegel Online ist ein Interview mit der exil-iranischen Comic-Autorin Marjane Satrapi zu lesen, in dem sie über ihre Arbeit, den europäischen Zynismus und die iranischen Mullahs spricht: "Bis 1979 war mein Land das Land von "1001 Nacht". Dann wurden wir über Nacht zum Land der Terroristen. Beides war Iran jedoch nie. Mir ist wichtig zu betonen, dass selbst in einer Demokratie die Regierung nicht alle Bürger repräsentiert. George W. Bush steht ja auch nicht für alle Amerikaner. Iran hingegen ist eine Diktatur. Wie kann man annehmen, dass eine Diktatur seine Bürger repräsentiert? Was heute in Iran passiert, ist ein trauriger Teil der Geschichte, aber nicht die Kultur meines Landes. Ein weiteres Klischee ist, dass es nur eine muslimische Welt gibt: Ich habe jedoch nichts mit jemandem aus Saudi-Arabien gemeinsam. Wir haben ein Jahrhundert lang versucht, säkulare Gesellschaften aufzubauen, jetzt kehrt die Religion zurück, und zwar in einer kranken Form, denn es geht nicht um Gemeinschaft und Vergebung, sondern um Krieg und Tod."