Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2004. In der taz analysiert der Politologe Wladimir Polochailo die Verfassungsreform in der Ukraine als Niederlage der Opposition. In der FAZ schildern zwei Deutsche nicht deutscher Herkunft ihre Probleme mit Deutschen deutscher Herkunft. Die NZZ weiß: Die Musik moslemischer Musiker ist noch nicht islamisch.

TAZ, 23.12.2004

Die Revolution in der Ukraine "hat verloren", behauptet der Kiewer Politologe Wladimir Polochailo in einem Interview auf den Tagesthemenseiten. "Ihr Ziel war es ja ganz und gar nicht, Reformen einzuleiten, die die Position derjenigen stärkt, gegen die sie sich gerichtet hat. Genau das ist aber durch den Kompromiss über die Verfassungsreformen passiert. Die dem Volk verhassten Personen, vor allem die Oligarchen, bleiben auf ihrem Posten. Und damit an der Macht... Ihre Position ist sogar gestärkt. Bis zum Herbst gab es mit Präsident Kutschma einen, der die Macht zwischen den Oligarchen ausbalancierte. Das ist vorbei. Jetzt einigen sie sich untereinander. Mit dem Kompromiss haben sie den politischen Prozess wieder in der Hand. Anders gesagt: Sie haben die Revolution für eine Um- und Neugruppierung der Kräfte genutzt."

Auf der Meinungsseite gibt es außerdem ein Interview mit dem Politologen und Juschtschenko-Berater Anatoliy Grytsenko, der sich vorwerfen lassen muss, dass Juschtschenko sich als Ministerpräsident "nicht gerade als Förderer der Bürgergesellschaft hervorgetan" hat.

Ebenfalls auf der Meinungsseite erinnert Diedrich Diederichsen daran, dass in den neunziger Jahren schon mal über Multikulturalismus diskutiert wurde. Damals kritisierte die "radikalere Linke", Multikulturalismus schreibe als kulturelle Differenz fest, was eigentlich ein politisches Problem ist. Das gelte auch heute noch, nur komme noch die Religion als "Zugehörigkeitsparameter" hinzu: "Die Alternative Integration oder Multikultur ist keine, weil auf beiden Seiten kulturelle Definitionen der auszuhaltenden oder auszubügelnden Differenzen im Einsatz sind. Religiös oder traditionell begründete Zwänge gegen Frauen sind aber zunächst nicht kulturelle, sondern politische und legale Probleme. Sie werden erst kulturell, wenn der ganze Lebensraum, in dem sie vorkommen, nur noch kulturell definiert und geregelt wird. Einen Teil der Wohnbevölkerung, der Millionen zählt, nicht mit politischen Rechten auszustatten, verschärft dies."

Im Kulturteil sieht Daniel Schreiber den heterosexuellen Mann immer stärker ins künstlerische und akademische Blickfeld rücken - und zwar als Problemfall: "Der Mann ist in der letzten Zeit wie kein anderes Thema zum modischen Forschungsobjekt avanciert. In Amerika, wo für jedes neue Aufgabenfeld auch gleich ein neues Fach gegründet wird, nehmen die Mens Studies die tradierte Männlichkeit als hegemoniale Machtbeziehung ins Visier."

Weitere Artikel: Sebastian Domsch schreibt einen Nachruf auf Dietrich Schwanitz. In der tazzwei berichtet Ralf Sotschek aus Birmingham von einem Stück der britisch-indischen Dramatikerin Gurpreet Kaur Bhatti, das die Gefühle der Sikhs verletzt hat, weshalb Bhatti, die selbst eine Sikh ist, jetzt mit dem Tod bedroht wird. Besprochen werden Oliver Stones Films "Alexander", Jonathan Glazers Mystery-Drama "Birth", Silvio Soldinis Film "Agata und der Sturm" und Guiseppe Piccionis Film "Licht meiner Augen".

Schließlich Tom.

FR, 23.12.2004

Michael Lüders kommentiert einen unter Federführung des ägyptischen Politologen Nadir Fergany erstellten UN-Bericht über den Stand der Demokratisierung der arabischen Welt: "Für den radikalen politischen Islam ist die Palästinafrage seit Jahrzehnten Dreh- und Angelpunkt seiner antiwestlichen Propaganda, nicht nur in der arabischen Welt. Israels Inbesitznahme Palästinas ... schwächt die Zivilgesellschaft, die gemäßigten und säkularen Kräfte in Ländern wie Ägypten, Syrien, Libanon oder Jordanien, die der emotional geführten Anklage der Islamisten gegen Israel und seine westlichen Verbündeten nur wenig entgegenzusetzen haben. Wer Demokratie in der arabischen Welt einfordert oder militärisch durchsetzen will, sollte sich keine Illusionen machen: Das Gefühl unerträglichen Unrechts, für das Palästina Symbol ist, diskreditiert demokratische Ansätze als westlichen Kulturkampf. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Israel für arabische Regime und Intellektuelle ebenso wie für religiöse Extremisten nur ein Ventil ist, um von eigenen Fehlern und selbstverschuldeten Problemen abzulenken."

Weitere Artikel: Ina Hartwig feiert eine große Peter-Szondi-Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Daland Segler verabschiedet Dietrich Schwanitz. Harry Nutt widmet Times Mager heute jahresendzeitlichen Spezialfällen.

NZZ, 23.12.2004

"Wer sich mit der Musik muslimischer Musiker beschäftigt, sieht sich vor allem mit einer Vielfalt konfrontiert, die auf eine Vielfalt von muslimischen Lebensformen und Identitäten rückschließen lässt", erklärt Thomas Burkhalter, der einen Streifzug durch die Musikszenen in Kabul, Istanbul, Dakar und den USA unternimmt. Leicht werde es den Musikern nicht gemacht, ihre Individualität zu zeigen. "'Wenn ich mich kritisch, aber gemäßigt zur Weltpolitik, zu den USA und zu Israel äußere, schauen die Leute weg', findet der türkische Brite Necmi Cavli, Leader der Londoner Band Oojami. Er fühlt sich auf vielen Ebenen diskriminiert: 'Westliche Musikstars äußern sich an Awards-Verleihungen immer mal wieder kritisch zur Weltpolitik. Uns hingegen wird in der Weltmusikindustrie nahegelegt, mit unseren politischen Meinungen hinter dem Berg zu halten.' Dass der Multikulti-Mainstream vor allem verkaufbare, nette, oft stereotype Musik will, ist nichts Neues. Cavlis Aussagen weisen auf einen Knackpunkt in dieser vermeintlich weltoffenen Industrie hin: Im Zeichen von populärem Multikulti wird Geschichte zumeist hinter Klischees verborgen."

Weitere Artikel: Werner Weber schreibt zum 200. Geburtstag von Charles-Augustin Sainte-Beuve. Hans-Albrecht Koch schreibt zum Tod von Dietrich Schwanitz. Gfk. meldet die Kür Michael Schindhelms zum ersten Generaldirektor der Berliner Opernstiftung. Besprochen werden eine Peter-Eisenmann-Ausstellung im Wiener Museum für angewandte Kunst und Bücher, darunter Sandra Hoffmanns Roman "Den Himmel zu Füßen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Tagesspiegel, 23.12.2004

Der Tagesspiegel sendet dem neuen Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, Michael Schindhelm einen zuckrigen Willkommensgruß ("der vielseitig Begabte", der "brillante Intellektuelle") und weist ihm den Weg: "Nur wenn sich der Mann an der Spitze als absolut zuverlässig erweist, hat die Opernstiftung eine Chance, ihr Negativimage loswerden. Schindhelm muss den Zusammenschluss der drei Häuser nach außen als Zukunftsmodell verkaufen, bei offizellen Anlässen die Trias würdig repräsentieren, Kontakte pflegen, Politiker umgarnen. Und gleichzeitig immer das Motto aus Lehars Land des Lächelns beherzigen: 'Wie's drinnen aussieht, geht keinen was an.'"
Stichwörter: Michael Schindhelm

SZ, 23.12.2004

"Alexander hat getan, was er tun musste", sagt Oliver Stone über den Helden seines Breitwand-Epos (hier die offizielle Film-Seite). "Ich glaube halt, dass es eine großartige Zeit war. Er war fair. Er hat von seinen Männern nicht mehr verlangt als von sich selbst. Niemand hat die Welt je so verändert, die sechziger Jahre inklusive. Aber eins ist vollkommen klar - nichts kann dem Film in den USA mehr schaden, als dass die Leute ihn politisch interpretieren."

Jens Bisky kommentiert die schlussendliche Berufung von Michael Schindhelm zum Direktor der Berliner Opernstiftung, der seinen Posten auf Grund seines Engagements in Basel jedoch nicht vor 2006 antreten wird: "Und so ist noch immer nicht klar, ob die Gründung der Stiftung, die nervenaufreibende Suche nach einem Generaldirektor, ob der Personalabbau und die Sanierungsmaßnahmen mehr waren als Müh ohne Zweck." In einem Interview mit Wolfgang Schreiber spricht Schindhelm über den Reiz, die großbürgerliche Institution Oper reformieren zu dürfen.

Weiteres: Am Fall eines palästinensischen Asylbewerbers zeigen Niklas Luhmann und Tobias Timm die Doppelzüngigkeit und Absurdität der deutschen Asylpraxis, die ihrer Ansicht nach das Grundrecht auf Freizügigkeit verletzt. Johannes Willms blickt besorgt auf die Zukunft des Pariser Verlags Le Seuil. Thomas Steinfeld verabschiedet den Anglisten und Bestsellerautor Dierich Schwanitz. Christian Jostmann spricht mit dem Direktor des Instituts für Zeitgeschichte Horst Möller und dessen Kollegen Dieter Pohl über das Zentrum zur Erforschung des Holocaust, das dem Berliner Mahnmal für die Ermordeten Juden Europas assoziiert sein wird.

Besprochen werden Heinz Peter Schwerfels Dokumentarfilm über Cees Noteboom "Hotel Noteboom", Sandra Nettelbecks Film "Sergeant Pepper", Jonathan Glazers Liebesmärchen "Birth", Jens-Daniel Herzogs Inszenierung von Heinrich von Kleists "Der zerbrochene Krug" am Nationaltheater Mannheim und Bücher, darunter Robin Lane Fox' Alexander-Biografie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 23.12.2004

Selda Demir und Mirijam Günter, zwei Deutsche nicht deutscher Herkunft schildern in einem teilweise recht witzigen Text ihre Probleme mit den Deutschen deutscher Herkunft, die nicht einsehen wollen, dass Deutsche nicht deutscher Herkunft sich schlicht als deutsch empfinden: "Unser Problem ist es nicht, dass durchgeknallte Neonazis uns nicht vorher fragen, ob wir einen deutschen Pass haben, bevor sie uns zusammenschlagen. Unser Problem liegt in der Mitte der Gesellschaft." Zum Beispiel wenn's ums Aussehen geht: "'Zu Hause läufst du aber doch nicht so herum?' Warum sollten wir zu Hause nicht in zerfetzten Cordhosen oder Miniröcken herumlaufen? 'Weil das doch bestimmt der Mann im Haus nicht will.' Wir wohnen aber allein. Nein, nicht im Frauenhaus. So richtig allein in einer Wohnung."

Weitere Artikel: Günter Bannas, sonst eher im Politikteil für die SPD zuständig, darf einen Tag vor Weihnachten sein höchstpersönliches Laster schildern: Er baut gern Modellschiffe. Heinrich Wefing kommentiert den plötzlichen Abgang Andreas Schlüters als Generalsekretär des Goethe-Instituts. Martin Kuhna schildert kenntnisreich und und geradezu kurzweilig (eine Leistung angesichts des trockenen Themas!) die Geschichte und die missliche Gegenwart der Künstlersozialkasse. Lorenz Jäger schreibt zum Tod des Bestsellerautors Dietrich Schwanitz.

Auf der Kinoseite resümiert Florian Borchmeyer das Filmfestival von Havanna. Oliver Stone steht Peter Körte zu seinem "Alexander"-Film Rede und Antwort. Und Michael Althen meldet, dass dich der genialische Regisseur Leos Carax, der seit dem Flop "Pola X" von 1999 als verschollen galt, der Liberation ein Interview gab.

Auf der Medienseite schreibt Jürg Altwegg über die Freilassung der französischen Geiseln im Irak und einen Konsens der Medientycoons, nicht allzu genau darüber zu recherchieren. Souad Mekhennet schreibt über die Reaktion des libanesischen, der Hisbollah nahestehenden Senders Al Manah auf das Verbot in Frankreich und den USA. Michael Hanfeld schreibt ausführlich über die Einigung zwischen dem WAZ-Konzern und dem ehemaligen Generaldirektor der rumänischen Zeitung Romania Libera Petre Mihai Bacanu. Hanfeld annonciert auch die erste Harald-Schmidt-Show in der ARD heute abend. Und Jordan Mejias meldet, dass Microsoft das Online-Magazin Slate an die Washington Post verkauft hat.

Auf der letzten Seite erinnert Wolfgang Schall an anekdotische Details der Seereise, welche deutsche Truppen vor hundert Jahren unternahmen, um Aufstände in Deutsch-Südwest niederzuschlagen. Michael Gassmann untersucht die Auswirkungen der Einführungen von Bachelor-Studiengängen auf das Kirchenmusikstudium in Deutschland. Und Andreas Rossmann schreibt über die gerade restaurierte "Goldene Madonna", ein Prunkstück des "noch immer zu wenig bekannten" Essener Domschatzes.

Besprochen werden eine Rubens-Ausstellung in Liechtenstein, eine Reihe von Dramoletten, ersonnen von Erik Altorfer und Stefan Wetzel, am Zürcher Schauspielhaus, eine "Carmen" in Dresden und eine "Manon" in Berlin und eine Ausstellung über bayerische Auswanderer in Rosenheim.