Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.05.2004. Die FAZ findet, dass gewisse Argumente für die Folter sprechen. Die taz erinnert an die Zustände in amerikanischen Gefängnissen, wo Misshandlungen ebenfalls üblich sind. In der SZ schimpft Tony Judt über die Sorry-Gesellschaft und die Instant-Reue der Politiker. Im Tagesspiegel erinnert der slowenische Dichter Uros Zupan die Alten und Mächtigen in Europa daran, dass die kreativsten Köpfe aus der Provinz kommen.

NZZ, 10.05.2004

In einem ganzseitigen, Bericht zur Lage der Theater im Osten Deutschlands singt Christoph Funke ein Loblied auf den Einfallsreichtum der dort arbeitenden Regisseure und Intendanten. Leider steht der Artikel nicht im Netz. Christina Thurner stellt das Jubiläumsprogramm des Bejart Ballets in Lausanne vor. Joachim Güntner meldet, dass der zuständige Ausschuss der Schillergesellschaft sich einmütig für Ulrich Raulff als künftigen Leiter des Marbacher Archivs entschieden hat. Nick Liebmann schreibt zum Tod des Jazzgitarristen Barney Kessel. Roman Bucheli resümiert die Basler Buchmesse und ihren "unbestrittenen Erfolg" vor allem beim Publikum. Hans Bernhard Schmid berichtet über ein Symposium zu globaler Gerechtigkeit in Zürich.

Besprochen werden Mozarts "Idomeneo" im Genfer Grand Theatre, eine Aufführung von Martin McDonaghs Trilogie "Der einsame Westen" in Basel, ein Konzert des Amsterdam Baroque Orchestra mit dem Cellisten Yo-Yo Ma in Zürich und eine Ausstellung des Malers Jose Gutierrez Solana im Centro de Arte Reina Sofia in Madrid: "Diese Ausstellung ist schwere Kost. Kein Aufatmen in dieser Folge von Elend und Obszönität, kaum ein Lichtblick in dieser Schwarzmalerei. Jose Gutierrez Solana hat sein Leben lang dasselbe gemalt, mit derselben beschränkten Palette, demselben leicht ungelenken, peitschenden Pinselstrich: Prozessionen und Stierkämpfe, Karneval- und Folterszenen, Spelunken, Freudenmädchen, Friseure, Hafenarbeiter. Wie kein anderer hat er sich des schwarzen Spanien angenommen - in Bild und Wort", schreibt Caroline Kesser.

FAZ, 10.05.2004

Heinrich Wefing erinnert daran, dass der Anwalt Alan Dershowitz nach dem 11. September eine Zulassung der Folter forderte, wenn sie der Aufdeckung geplanter Straftaten dient - und will seinen Argumenten eine gewisse Plausibilität nicht absprechen: "Selbst wenn man - mit guten Gründen und noch besseren Absichten - Dershowitz nicht folgen mag: Wer wollte ernstlich bestreiten, dass die terroristische Drohung mit Anschlägen katastrophischen Ausmaßes die liberale Gesellschaft vor neue Dilemmata stellt, die manch bewährtes Prinzip zu erschüttern drohen? Und wäre es nicht besser, die aufgeworfenen Fragen halbwegs kühlen Kopfes vor einer Attacke zu diskutieren als in der Hysterie nach einem Blutbad?"

In der Leitglosse erinnert Dirk Schümer an den vierten Kreuzzug von 1204, in dem Konstatinopel auf Initiative der Venezianer erobert wurde - die Venezianier ließen die Stadt damals ausplündern und veranstalten heute Kolloquien über diese Tat. Gemeldet wird, dass Ulrich Raulff vom Feuilleton der Süddeutschen Zeitung neuer Direktor des Schiller-Nationalmuseums und des Deutschen Literaturarchivs in Marbach wird. Regina Mönch hat im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst zum 8. Mai einer Diskussion über die Verbrechen Hitlers und Stalins zugehört. Martin Kämpchen berichtet über eine vom Goethe-Isntitut und der GTZ in Kalkutta veranstaltete Tagung über Fortschritt und Entwicklung in Indien. Stephan Sahm hörte einem Frankfurter Vortrag des Mediziners und Friedens-Nobelpreisträgers Bernard Lown über das Wesen der Heilkunst zu. Wiebke Huester meldet, dass Köln ab nächstem Jahr wieder eine Tanzkompanie, geleitet von Amanda Miller, haben wird. Heinrich Wefing zitiert aus einem der FAZ vorliegenden Papier der Ministerpräsidenten der Bundesländer, die die kulturpolitischen Kompetenzen des Bundes wieder stark einschränken wollen.

Auf der Medienseite schildert die britische Journalistin Elena Lappin ihre amerikanischen Erfahrungen - sie wurde gleich am Flughafen festgenommen und längere Zeit festgehalten, weil sie nicht wusste, dass sie als Journalistin ein spezielles Visum braucht. Jürg Altwegg stellt die Bilanz 2003 des Schweizer Ringier-Verlags vor, der in Osteuropa prächtig Geld verdient. Franz Solms-Laubach stellt das neue Lifestyle-Magazin Ulysses Big vor.

Auf der letzten Seite meditiert Jordan Mejias anlässlich der Folterbilder üb er die Macht der Fotografie, der sich selbst ein Rumsfeld beugen müsse. Der Romanist Frank-Rutger Hausmann erinnert ohne erkennbaren Anlass an Celines Verhältnis zu den Juden und zu den Deutschen. Jürg Altwegg porträtiert Francoise Sagan, deren Skandalroman "Bonjour Tristesse" vor fünfzig Jahren erschien und die heute krank und -nach diversen Steuerprozessen - mittellos ist.

Besprochen werden ein neues Tanzstück von Pina Bausch in Wuppertal, das japanische Reiseimpressionen der Truppe schildert und die Kritikerin Wiebke Hüster etwas ratlos lässt, Vladimir Nabokovs Stück "Walzers Erfindung", insezniert vom "inzwischen etwas abgepolsterten Künstlichkeitsregisseur kitschiger Ekstasen zwischen Hut und Hoden" (so Gerhard Stadelmaier) in Darmstadt, Jürgen Goschs Inzenierung von Kleists "Zerbrochnem Krug" am Schauspielhaus Hamburg, ein Konzert der Berliner Philharmoniker zu ihrem Saison-Auftakt in Frankfurt (Gerhard Rohde findet Rattles Bruckner-Interpretation etwas kraftmeierisch) und Sachbücher, darunter ein Band der neuen Siegfried-Kracauer-Ausgabe mit frühen Schriften aus dem Nachlass.

TAZ, 10.05.2004

Die Misshandlung von Gefangenen ist gar nicht so unamerikanisch und auch beileibe kein kein Karrierehindernis, offenbart Andrea Böhm, die im Zuge von Abu Ghraib das amerikanische Justizsystem, Bush und die Privatisierung der Gefängnisse geißelt. "Jeder zehnte männliche Gefängnisinsasse wird einer Studie zufolge im Verlauf seiner Haftzeit vergewaltigt - meist von Mithäftlingen, meist mit dem Wissen der Wärter. In einigen Frauenhaftanstalten sind ein Viertel aller Gefangenen Opfer einer Vergewaltigung durch Vollzugsbedienstete geworden. Gefangene zwecks Diszplinierung stundenlang nackt stehen zu lassen ist im amerikanischen Strafvollzug herrschende Praxis... Ein Bundesrichter stellte den texanischen Strafvollzug für mehrere Jahre unter Bundesaufsicht, weil Wärter Gefangene systematisch misshandelten oder duldeten, dass Insassen von Mithäftlingen wiederholt vergewaltigt und als 'Sexsklaven' von Trakt zu Trakt verkauft wurden. Der Gouverneur in dem betreffenden Zeitraum war George W. Bush."

Weiteres: Kolja Mensing berichtet aus Potsdam, wo darüber diskutiert wurde, ob sich Politik und Krimis immer näher kommen. "Informationen, die die CIA und der britische Geheimdienst ihren Regierungen lieferten, hätte sich auch Tom Clancy nicht besser ausdenken können." Clemes Niedenthal weiß in der zweiten taz, warum das Bedürfnis nach dem "ganz unironischen" Kitsch der trivialen Liebesromane ständig wächst. Robert Hodonyi fragt sich, ob die neurdings ausgestellten Bilder in der Dresdner Phaeton-Manufaktur gegenüber den Autos nicht den Kürzeren ziehen.

Und Tom.

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FR, 10.05.2004

Der Sozialwissenschaftler Gazi Caglar wirbt in einem aus der AMFN-Zeitschrift übernommenen Artikel (hier ungekürzt) für mehr Vielfalt in der deutschen Sprachlandschaft. Mit den Einwanderern kommen frische Impulse hinzu, die Integration darf nicht an Deutschkenntnissen gemessen werden. Aber Caglar meint auch: "Die Migration ist auch ein Prozess des Sprachverlustes. Die migrantischen Muttersprachen sind einem zunehmenden Funktionsverlust ausgesetzt, der gleichzeitig als sprachlicher Verarmungsprozess erfahren wird. Die Migration beschädigt nicht nur Menschen, sondern auch Sprachen. Es gibt also auch ein Leiden an der Armut der eigenen Sprache. Verarmungsprozesse der Sprache und Verrohungsprozesse der kognitiven und emotionalen Welten hängen eng zusammen."

Weiteres: Hilal Szegin resümiert eine Wartburgtagung über Ethik und Biotechnologie. In Times mager sinniert Harald Keller über Einwegkugelschreiber und die Implikationen für die englische Demokratie. Kurz erwähnt wird Daniel Barenboims Besuch und anschließende Kritik der israelischen Sperranlagen. Sylvia Staude durfte bei der Uraufführung von Pina Bauschs noch titellosem neuen Tanzstück in Wuppertal dabei sein, das vielleicht "verhaltenste der letzten Jahre. Und vielleicht ja in seiner Zurückhaltung japanisch." Peter Michalzik sieht zu, wie Jorinde Dröse die dramatische "Placebobombe" "Opfer vom Dienst" der Brüder Presnjakow in Wiesbaden mit nur einem größeren Fehler auf die Bühne bringt.

SZ, 10.05.2004

Auf einer ganzen Seite widmet sich die SZ den Vorgängen in Abu Ghraib. Tony Judt, Direktor des New Yorker Remarque Instituts, schimpft über die Sorry-Gesellschaft und die Instant-Reue der Politiker. "Der amerikanische Präsident, der davon sprach, im Namen Gottes einen Kreuzzug gegen das Böse zu führen, und der sich in der Aura seiner unbesiegbaren Krieger sonnte, wird die Menschen nur schwer davon überzeugen können, dass für ihn ein paar misshandelte Araber wirklich zählen. Solange der Präsident darauf beharrt, dass weder er noch seine Mitarbeiter schuldig geworden sind, und dass es nichts gibt, was er an seiner Politik und an seinen Zielen ändern müsste, nimmt wohl auch niemand seine Entschuldigungen ernst. Sie sind wertlos wie Geständnisse unter der Folter."

Der chilenisch-amerikanische Schriftsteller Ariel Dorfman erinnert daran, "dass jene, die Folter anwenden, sie immer für gerechtfertigt halten. Sie wird als der Preis verstanden, den jene wenigen dafür bezahlen, dass der Rest ein glückliches Leben führen kann. Eine riesige Mehrheit bekommt Sicherheit und Wohlbefinden garantiert, doch dafür müssen andere in dunklen Kellern, in einem abgelegenen Erdloch, oder in einer heruntergekommenen Polizeistation furchtbare Dinge über sich ergehen lassen. In jedem Regime, in dem gefoltert wird, geschieht dies im Namen eines Heilsversprechens oder irgendeines höheren Ziels." Ein zorniger Norman Birnbaum (mehr) verweist schließlich auf die kolonialen Wurzeln der Grausamkeit heutiger Kriege.

Weitere Artikel: Gewalt überall sieht auch Fritz Göttler, der sie im Aufmacher allerdings im aktuellen amerikanischen Kino verortet und sich zumindest einen therapeutischen Effekt erhofft. "midt" widmet sich der deutsch-englischen Fußballfeindschaft, die für die EM offensichtlich ausgesetzt wurde. Beeindruckt vom "großen literarischen Glanz" der Lesung Literatur.Europa in Bonn zeigt sich Jutta Person auf der Literaturseite.

Besprochen werden eine Schau mit Andy Warhols "Screen Tests" in den Berliner Kunst-Werken, eine Ausstellung mit Entwürfen aus 25 Jahren der Architekten Herzog & de Meuron im Baseler Schaulager, Jorinde Dröses Inszenierung der "Opfer vom Dienst" der Brüder Presnjakow als "Maskentheater im Schnelldurchlauf" in Wiesbaden, Karl Amadeus Hartmanns Kammeroper "Simplicius Simplicissimus" in Stuttgart, und Bücher, darunter eine "schmucke" Neuausgabe von Siegfried Kracauers Aufsätzen "Straßen in Berlin und anderswo" sowie Alice Millers "Die Revolte des Körpers", das neue Werk der "eisernen Lady des unbewältigten Kindheitstraumas" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 10.05.2004

Im Tagesspiegel denkt der slowenische Dichter Uros Zupan über den EU-Beitritt seines Landes nach: "Ich persönlich glaube, Slowenien müsste der EU mit dem Gefühl beitreten, in einen Raum, zu dem wir immer schon gehört haben, einzutreten. Ernst und selbstbewusst, nicht wie Kinder, die sich wundern und angesichts des Glanzes und des Reichtums der Großen und Mächtigen außer sich sind. Ich würde gerne glauben, dass durch den Beitritt der neuen Mitglieder auf der Makroebene etwas Ähnliches geschieht wie auf der Mikroebene in der Beziehung von Provinz und Hauptstadt. Die kreativsten Köpfe kommen aus der Provinz. Vielleicht auch aus den neuen Mitgliedsstaaten. Mit Sicherheit werden die Alten, Mächtigen und Reichen die 'Neuen', die armen Verwandten vom Lande misstrauisch mustern. Und mit Sicherheit werden sich die armen Verwandten in Amerika am leichtesten als Europäer fühlen, falls sie es je erreichen, und falls die Amerikaner noch wissen werden, was das ist: Europa.
Stichwörter: Slowenien, Uros Zupan