Norman Birnbaum

Nach dem Fortschritt

Vorletzte Anmerkungen zum Sozialismus
Cover: Nach dem Fortschritt
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart 2003
ISBN 9783421055156
Gebunden, 496 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Suzanne Gangloff und Angela Schumitz. Der Sozialwissenschaftler Norman Birnbaum hat den Weg der sozialen Bewegungen im 20. Jahrhundert verfolgt: Die Gesellschaft darf nicht allein vom freien Spiel der Märkte abhängen. Im 20. Jahrhundert fand eine einzigartige Wandlung statt: Zu Beginn setzte eine breite Bewegung sozialistischer Ideen und sozialer Reformen ein, am Ende waren andere Werte in der europäischen und der amerikanischen Gesellschaft an ihre Stelle getreten: Individualismus und Konsumorientierung. Birnbaum geht im Detail den Weg dieser Wandlung nach, von der Zerstörungskraft der beiden Weltkriege und der Neuordnung danach bis zur Epochenzäsur 1989. Seither gelten die Mechanismen des Marktes als Allheilmittel für die Stabilisierung moderner Gesellschaften. Dagegen erhebt Norman Birnbaum vehement Einspruch: "Eine Gesellschaft ist kein Markt, und Bürger sind keine Kostenfaktoren."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.08.2003

Leonhard Neidhart zeigt sich begeistert von Norman Birnbaums "Vorletzten Anmerkungen zum Sozialismus", bei dessen Lektüre man "sofort gepackt, fasziniert, nachdenklich und beinahe erschüttert" werde. Das liegt für Neidhart nicht zu zuletzt an den "hohen formalen Qualitäten" des Textes, den er für seine Prägnanz, für seine Klarheit der Sprache und der Aussagen, kurz: für seine "hervorragende Lesbarkeit" lobt. Der Inhalt - es geht um die gegenwärtige Krise der sozialistischen Bewegung, um ihr geschichtliches Versagen und um die Frage, was sie dennoch zur Lösung der Probleme heute beitragen kann - steht dem nach Ansicht Neidharts in keiner Weise nach. Wie er ausführt, übergeht Birnbaum, als kritischer Linker und "luzider Beobachter und Kenner" der politischen Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts, die (Geburts-)Fehler seiner Bewegung, vor allem ihre deterministischen Geschichtsauffassung, nicht. Das Projekt Sozialismus schreibe er dennoch nicht als "unsinnig, beendet oder per se verwerflich" ab - schließlich könne die sozialistische Utopie als Vision und Richtmaß dienen. Neben einem großen Rückblick über die sozialistischen Bewegungen in Europa und den USA im 20. Jahrhundert, formuliert Birnbaum vor allem Kritik an den Eliten, die auf beiden Kontinenten gelähmt seien und sich darauf beschränkten, "hin und wieder auf Reparaturen" der sozialen Systeme einzutreten, hält Neidhart fest. Auf der anderen Seite fordere Birnbaum auch die Befürworter des Kapitalismus auf, ihre Ideologie zu reflektieren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2003

Ein "grollender linker Löwe" ist der amerikanische Publizist und Professor Norman Birnbaum in den Augen von Rezensent Hans-Peter Schwarz. Sein neues Buch, das nun in einer "guten" deutschen Übersetzung vorliegt, lobt Schwarz als "breit angelegt, gelehrt, differenziert". Birnbaum schildere darin die Wege und Gestaltungsversuche der sozialistischen Parteien vom frühen 20. Jahrhundert über die Zwischenkriegszeit und den Zweiten Weltkrieg bis zur Errichtung der westlichen Wohlfahrtsstaaten, gefolgt von deren nun schon fast dreißig Jahren anhaltenden Krise. Das Ganze ist zur Freude von Schwarz nicht nur "gut komponiert", sondern auch "packend formuliert". Dass Birnbaum "tendenziös" schreibt, nimmt ihm Schwarz nicht weiter übel - zumal Birnbaum nicht mit Kritik am eigenen, sozialistischen Lager geizt. Schwarz hebt hervor, dass bei Birnbaum die skeptischen Töne überwiegen: die Wiederbelebung der sozialistischen Bewegung in Europa oder das neue Schmieden eines Bündnisses für Sozialreform in den Vereinigten Staaten halte Birnbaum zwar für "nicht unmöglich", aber für "extrem schwierig". "Viel sozialistische Hoffnung", schließt Schwarz, "hat also auch dieser prächtige alte Kämpfer nicht zu vermitteln."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.04.2003

In seinem Buch "Nach dem Fortschritt - Vorletzte Anmerkungen zu Sozialismus" geht Norman Birnbaum der Frage nach dem Scheitern des Sozialismus nach, berichtet Rezensent Godehard Weyderer. Wie Weyderer darlegt, führt Birnbaum den Leser durch eine Reise durch das 20. Jahrhunderts, zu dessen Beginn vielerorts Aufbruchsstimmung herrschte, die am Ende indes umschlug in Politikverdrossenheit und Rückzugsgefechte. Als einen Geburtsfehler sozialistischer Bewegungen nenne Birnbaum etwa, dass viele ihrer Führer und Ideologen finanzkapitalistische Faktoren nur schwer zu verstehen vermochten. Ein zweites Problem habe darin bestanden, dass die Sozialisten glaubten, die "Menschen seien entweder von ihrem Wesen her solidarisch oder könnten gewissermaßen im Schnellverfahren zur Solidarität erzogen werden", zitiert Weyderer den Autor. Neben solchen Analysen hat Birnbaum laut Rezensent auch zum Verhältnis von Sozialismus zu christlicher Religion, zur Fortschrittsidee, zum Judentum, zum pazifistischen Internationalismus, zur Nationalstaatsidee und zum Faschismus, und zur Anziehungskraft sozialistischer Ideale auf Intellektuelle einiges zu sagen. Wobei seine Thesen zur Freude Weyderers den Sachverhalt im allgemeinen auf den Punkt treffen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2003

Mitten hinein in die europaweite Krise von sozialdemokratischer Politik und Programmatik kommt, so Werner A. Perger, "eines der wichtigsten politisch-intellektuellen Bücher der Saison". Was ist aus dem utopisch-aufklärerischen Projekt einer besseren Welt, was ist aus der "Humanisierung des Kapitalismus" geworden, jetzt, da der Sozialstaat plötzlich als lästiger Ballast gilt? Ausgehend von dieser Frage betrachte Norman Birnbaum das Werden der politischen Gegenwart vom Moment der neoliberalen Werteänderung aus - melancholisch, aber auch zaghaft optimistisch, "geistreich und meinungsstark" und ohne Schonung der "Pfadfinder des Dritten Wegs" oder der "gefallenen Helden der europäischen Sozialdemokratie". Ein "meisterhaftes Panorama ... von den ersten sozialen Kämpfen bis zur Krise des Wohlfahrtsstaates" sei Birnbaum geglückt, und als "grandioser Erzähler" könne er seine Zeitdiagnose "assoziativ, ausgreifend, anekdotisch" stellen. Eine Empfehlung ohne jede Einschränkung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.03.2003

Micha Brumlik findet Birnbaums Geschichte der vergangenen hundert Jahre westlicher Sozialgeschichte "äußerst informativ, aufschlussreich und wegweisend", ist aber trotzdem enttäuscht. Vom verheißungsvollen, in die Zukunft weisenden Titel hätte sich der Rezensent dann wenigstens eine Gegenwartsdiagnose versprochen, die aber überwiegend ausbleibt. So habe Birnbaum für die Globalisierungsgegner gerade mal zehn Zeilen im deutschen Vorwort übrig. Überhaupt blieben die neueren Theorieentwürfe wie Giddens dritter Weg des Sozialismus in England oder etwa die Debatte um den Postkolonialismus ausgespart. Die Umwälzungen nach dem 11. September diskutiere der Autor auch in der deutschen Ausgabe überhaupt nicht (das amerikanische Original ist schon 2001 erschienen), und so scheint dem Rezensenten die rückwärtsgewandte Analyse der politischen Geschichte sozialistischer und sozialdemokratischer Ideen beiderseits des Atlantiks aus der Zeit gefallen und "zahnlos".