Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.04.2004. Im Tagesspiegel findet Herfried Münkler die Iraker heroisch, die Europäer dagegen postheroisch. In der SZ appelliert Daniel Barenboim an Spanien und Deutschland, eine neue Friedensinitiative für den Nahen Osten zu ergreifen.  In der Welt liefert Mathias Döpfner den ultimativen deutschen Kommentar. Und die Kritiker reißen sich ein Auge aus für Quentin Tarantinos "Kill Bill 2".

Tagesspiegel, 21.04.2004

Der Politologe Herfried Münkler versucht zu erklären, warum Kriege heute nicht mehr aufhören - wie die Beispiele im Irak, im Kosovo, in Afghanistan zeigen:

"Westliche Gesellschaften sind postheroische Gesellschaften. Das heißt, Opfer und Ehre, die in Kriegen zu erbringen und zugleich zu erwerben sind, spielen hier keine Rolle. Kriegerische Gewalt wird nicht mehr als Generator von gesellschaftlicher Anerkennung angesehen, und die Soldatenehre begründet keinen Anspruch auf eine gesellschaftlich herausgehobene Position." Weil die Europäer dies als großen Fortschritt ansehen, "können sie heroische Gesellschaften nur als rückständig begreifen". Im Irak mag der Widerstand gegen den Frieden "anfangs von den Interessen der Saddam-Loyalisten bestimmt worden sein. Inzwischen sind längst andere Faktoren entscheidend, nicht zuletzt Selbstverständnis wie Gestus einer heroischen Gesellschaft. So wird der gewaltsame Widerstand zu einem Wert an sich, und der Frieden rückt in immer weitere Ferne. Er gilt nämlich als unehrenhaft."

TAZ, 21.04.2004

Georg Seeßlen (mehr) arbeitet sich mit Feuer durch Quentin Tarantinos Interpretationsmaschine "Kill Bill Vol. 2.": "Ist es die Geschichte einer Mutter, die träumt, eine Mörderin zu sein, oder ist es die Geschichte einer Mörderin, die träumt, eine Mutter zu sein? Ist es der Traum von Menschen, zu Comic-Strip-Figuren zu werden, oder ist es der Traum von Comic-Strip-Figuren, zu Menschen zu werden? Ist es der Traum von Pulp Fiction, zu Kunst zu werden, oder ist es der Traum von Kunst, zu Pulp Fiction zu werden? Träumt sich die Geburt den Tod oder der Tod die Geburt? Das sind Fragen, die man nicht mit einer Lösung, sondern mit einer Form beantwortet. Mit einem Ornament oder mit einem Film. Und genauso verhält sich auch der zweite Teil von "Kill Bill" zum ersten: wie eine Rachegeschichte, die sich eine Liebesgeschichte träumt, die sich eine Rachegeschichte träumt, die sich und so weiter. Wie ein Blick nach Osten, der einem Blick nach Westen, der einem Blick nach Osten begegnet (im Popuniversum natürlich)."

Besprochen wird weiter Wolfgang Pohrts Essayband "FAQ" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Meinungsseite stellt sich die Publizistin Viola Roggenkamp, die jetzt schon genug hat von rücksichtslosen jungen Menschen, genüsslich ihr Leben als alte Frau vor: "Ich werde eine biestige Alte mit einer harmlos aussehenden so genannten Gehhilfe. Ich sehe die Helden über die Lenkstange ihres Mountainbikes stürzen, die Jogger, die mich rüde anrempeln, denen ihr Tempo wichtiger ist als meine Unversehrtheit, erschlage ich von hinten, und dem Auto, das mir gerade eben an der kleinen Querstraße um ein Haar über die Pumps gerollt wäre, verpasse ich eine lange Kratzspur." Klingt gut.

Auf der tazzwei schildert Mia Raben die Reaktionen von Politikern und Managern auf einen Brief des Arbeitslosen Peter Kleimeier, einst im Vorstand eines 200 Mitarbeiter zählenden IT Dienstleisters, den er mit aufgebaut hatte und der im Börsencrash pleite ging.

Schließlich Tom.

FR, 21.04.2004

Martina Meister schildert noch einmal das Problem mit den Intermittents in Frankreich, das der bedauernswerte neue französische Kulturminister Renauld Donnedieu de Vabres geerbt hat: "Die Kulturbeschäftigen zahlen zu wenig in die Arbeitslosenversicherung ein und holen zu viel heraus. Nicht nur das: Ihre Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. 828 Millionen Euro betrug das Defizit ihrer Arbeitslosenversicherung im Jahr 2002, das entspricht immerhin einem Drittel des französischen Kulturetats. Für das vergangene Jahr wird es auf eine Milliarde Euro geschätzt."

In Times Mager grübelt Adam Olschewski über die Beliebtheit von Sportschuhen. Besprochen werden Sasha Waltz' neue Choreografie nach Schuberts "Impromptus" an der Berliner Schaubühne, Anna Badoras Inszenierung des Gerhard Hauptmann-Stücks "Vor Sonnenuntergang" in Düsseldorf, "Der bayerische Rebell" - Andy Stiglmayrs Dokumentarfilm über den Musiker Hans Söllner, der gerade mit seiner Band Bayaman' Sissdem das neue Album "Oiwei I" herausgebracht hat, und Bücher, darunter die Tagebücher Harry Graf Kesslers ("Kesslers Tagebuch ist ein öffentlicher mondäner Ort. Wer zwischen Wilhelminismus und dem Ende Weimars seinen Kulturauftritt hatte, findet sich hier wieder", schreibt Stephan Schlak), Sebastian Haffners Feuilletons aus den 1930er Jahren und Hella Eckerts Sommerroman "Da hängt mein Kleid" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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SZ, 21.04.2004

Dirigent Daniel Barenboim appelliert an Spanien und Deutschland, eine neue Friedensinitiative für den Nahen Osten zu ergreifen: "Es sind vor allem Spanien und Deutschland, in denen Juden so viel Schönes und so viel Schreckliches erlebt haben. Beide haben eine gesunde Beziehung zur arabischen Welt und darum die Pflicht, ja auch die moralische Autorität, eine neue Friedensinitiative zu beginnen. Man darf nicht vergessen, was die Begriffe für die beiden jüdischen Volkselemente bedeuten: ashkenazy heißt 'deutsch', sephardisch heißt 'spanisch'. Jetzt, mit der neugewählten spanischen Regierung, bietet sich die künftige Zusammenarbeit geradezu an. In jedem Fall aber sollten wir uns fragen: Sind wir nicht alle viel zu passiv? Jeder für sich, jeder versteckt sich, jeder verbirgt den Ort, wo sein Herz schlägt."

Tobias Kniebe feiert den zweiten Teil von Quentin Tarantinos "Kill Bill": "Wenn er gut ist, fühlt man sich wie der Wurm in den Klauen des Adlers: Hypnotisiert von Kraft und Leidenschaft, seinem unerschöpflichen, oft nur angedeuteten Wissen, von der zwingenden Logik seiner Exkurse, der Kühnheit seiner Gedankensprünge."

Weiteres: Die Publizistin Sevgül Uludag blickt aus dem türkischen Teil Zyperns auf die bevorstehende EU-Erweiterung ("Die Mauer muss weg!"). Die Philosophin Beate Rössler diskutiert Freiheit und Sicherheit in Zeiten des Terrors. Julian Weber wiegt sich zu Klängen aus Brasilien, wo eine neue Generation an einer Runderneuerung von Samba und Forro bastelt. Zum Beispiel Otto: " Ein ebenso gewaltiges wie elegantes Bum-Bum aus Schellen, Zimbeln und einer kleinen Schnarrtrommel, ein marching rhythm im 2/4 Takt ist das Gestaltungsprinzip seiner Musik." Karl Lippegaus unterhält sich mit dem Patriarchen des italienischen Jazz' Enrico Rava. Wolfgang Schreiber weiß, wie Edmunbd Stoiber einen tollen Coup landen könnte: Bayern soll das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf retten, wozu Berlin und Brandenburg offenbar nicht in der Lage sind. Paul Hertel berichtet von einer Berliner Tagung zur "Sichtbarkeit der Schrift". Der Archäologe Paul Zanker begeht mit dem Deutschen Archäologischen Institut in Rom das 175-jährige Jubiläum. Und auf der Medienseite weiß Viola Schenz zu berichten, dass der New Yorker inzwischen mehr Hefte in Kalifornien verkauft als im Staat New York.

Besprochen werden Elias Perrigs Inszenierung von Oskcar von Woensels "Ilias" und Bücher, darunter Hannah Höchs Klebealbum und Edgar Allan Poes "Bericht des Arhtur Gordon Pym" als Hörspiel (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 21.04.2004

Sieglinde Geisel ist recht zufrieden mit der neuen Dauerausstellung im Dresdner Hygiene-Museum: " Das Licht ist angenehm, die Farben sind dezent, Sitzgelegenheiten gibt es in allen Ecken, und die Ausstellung ist so geschickt aufgebaut, dass man gar nicht merkt, wie oft man ganz altmodisch vor einer Vitrine steht und Gegenstände betrachtet."

Weitere Artikel: Ulrich M. Schmid zitiert skeptische Stimmen zu Michael Maars vor einiger Zeit in der FAZ (unser Resümee) vorgetragenem Fund eines angeblichen Vobilds für Nabokovs "Lolita". Joachim Güntner berichtet, dass die Bundeszentrale für politische Bildung die Restauflage einer Nummer des "Deutschland-Archivs" einstampft, weil der Bayreuther Politologe Konrad Löw dort den Holocaust relativiert habe. Richard Merz nimmt Abschied von William Forsythes Frankfurter Ballett.

Besprochen werden einige Bücher, darunter V.S. Naipauls (mehr hier) Essays über Amerika (mehr hier) sowie einige neue Schallplatten.

Welt, 21.04.2004

Auf den Forumsseiten widerspricht  Jan Philipp Reemtsma dem Leiter des Aspen-Instituts Berlin, Jeffrey Gedmin, der vor einer Woche in der Welt einen flexiblen Umgang mit dem Verbot der Folter gefordert hatte. "Das Verbot der Folter gehört zu jenen Schutzrechten, die auch die Schuldigen schützen, weil nur so die Unschuldigen geschützt werden können, aber das ist nicht alles. Das Verbot der Folter ist mit jenem Schutz deckungsgleich, den der Rechtsstaat als solcher gewährt, und steht nicht der einzelfallbezogenen Abwägung offen. Normen, deren Gültigkeit vom Gutdünken einer Exekutive abhängen, sind generell außer Kraft gesetzt."

Im Leitartikel lobt Mathias Döpfner einen Artikel in der Süddeutschen, in dem Hans Leyendecker, "Robin Hood der linken Publizistik", vor den Gefahren des islamistischen Terrorismus gewarnt hatte (Zusammenfassung hier). Daran anknüpfend empfiehlt Döpfner den Deutschen ein Weltbild, dass mehr als nur die folgenden sieben Sätze umfasst: "Bush ist dumm und böse. Der Irak ist das neue Vietnam. Amerika macht fast alles falsch. Scharon ist am Palästinenserterror selbst schuld. Israel hat uns den ganzen Schlamassel eingebrockt. Deutschland hat sich Gott sei Dank rausgehalten. Jetzt müssen wir nur aufpassen, dass durch unnötigen Sicherheitswahn aus unserem schönen Rechtsstaat kein Überwachungs- und Polizeistaat wird."

FAZ, 21.04.2004

Der Berliner Soziologe Hans Bertram sucht im Aufmacher nach Gründen für die niedrige Geburtenrate der Deutschen und kommt zu dem Ergebnis, dass unser Bildungs- und Berufssystem gründlich verändert werden muss, so dass das Kinderkriegen durch flexiblere Arbeitszeiten erleichtert wird. Jürgen Kaube findet in der Leitglosse Rafael Seligmanns Forderung nach einer Wiederauflage von Hitlers "Mein Kampf" banal und verbucht sie als Reklame für Seligmans gerade erschienenes neues Buch. Andreas Kilb freut sich, dass der zweite Teil von Quentin Tarantinos "Kill Bill" mit Ausnahme eines ausgerissenen Auges, das genüsslich zertreten wird, wenig Gewalt enthält. Joseph Croitoru erzählt die Geschichte Mordechai Vanunus, der vor achtzehn Jahren Israels Atomgeheimnis verriet und der jetzt mit viel Auflagen aus dem Gefängnis entlassen wurde. Jürg Altwegg fürchtet, dass die Streikaktionen der französischen Kulturarbeiter ("intermittents du spectacle") gegen Kürzungen ihres Arbeitslosengeldes auch unter dem neuen Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres weitergehen könnten - und bald beginnt das Festival von Cannes. Martin Kämpchen meldet, dass der indische Künstler Maqbool Fida Husain einen Film zurückzog, der dafür kritisiert wurde, dass darin eine Frau in Worten besungen wurde, die allein der Feier des Propheten Mohammed gelten dürfen. Stephan Templ fürchtet, dass Mies van der Rohes berühmte Villa Tugendhat in Brünn durch laienhafte Restaurierung verhunzt werden könnte. Rolf Wörsdörfer berichtet über die Eröffnung des Goethe-Instituts in Ljubljana. Stefan Laube resümiert eine Tagung in Erlangen zur Archäologie der Reformation.

Auf der Medienseite zitiert Michael Hanfeld heroische Sparvorschläge der mit 6,7 Milliarden Euro knapp ausgestatten öffentlich-rechtichen Sender. Michael Hanfeld und Franz Solms-Laubach beklagen überdies, dass der Hessische Rundfunk seine beiden renommiertesten Rundfunksendungen, nämlich "Der Tag" und "Schwarz-Weiß" der "Durchhörbarkeit" des Programms opfern wollen.

Hansgeorg Hermann erzählt in einer Reportage für die letzten Seite vom Wiederaufleben der griechischen Ikonenmalerei. Wiebke Hüster porträtiert den ukrainischen Tänzer und Nijnsky-Preisträger Vladimir Malakhov, der nun als Intendant die vereinigten Ballette der drei Berliner Opern in ihre hoffentlich gloriose Zukunft führt. Und Heinrich Wefing meldet das Aus für Peter Zumthors Entwurf für die Stiftung Topographie des Terrors - Christina Weiss, so Wefing, wolle nach dem Rücktritt des Stiftungsvorsitzenden Reinhard Rürup einen Bau ohne den Stararchitekten durchsetzen.

Besprochen werden eine Ausstellung, die Bilder Egon Schieles und Horst Janssens konfrontiert, im Wiener Leopold Museum, Tsippi Fleischers "Medea"-Oper und Händels "Lucrezia"-Kantate in der Kölner Halle Kalk und das Buch "Zeichen der Zeit" von Ulrich Wickert (woraus der Kritiker tiefe Einsichten wie diese zitiert: "Während manch ein deutscher Bedürftiger sich schämt, zum Sozialamt zu gehen, kennen viele Ausländer alle Schliche und Wege."