V.S. Naipaul

Amerika

Lektionen einer neuen Welt
Cover: Amerika
Claassen Verlag, München 2003
ISBN 9783546003421
Gebunden, 316 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Der Geburtsort V. S. Naipauls, die westindische Insel Trinidad, ist Teil des großen amerikanischen Ganzen, und doch scheint es viele Welten entfernt. Naipaul, sein Leben lang bestrebt, Licht in sein und auch in unser Dunkel zu bringen, reiste neugierig, mit ambivalenten Gefühlen und doch fasziniert durch den amerikanischen Kontinent. Mit genauem Blick erzählt er von Landschaften und Menschen, von Schriftstellerkollegen wie John Steinbeck oder Norman Mailer, politischen Zusammenhängen und großen Versäumnissen, historischen Wurzeln und der völligen Traditionslosigkeit. Vor allem das Wechselspiel zwischen Gelingen und Versagen zieht ihn immer wieder in den Bann. Ein Buch über den Kontinent der Widersprüche.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2004

"Liebhaber von Buenos Aires werden entsetzt sein." Denn V.S. Naipaul hat wenig übrig für das Pittoreske und nur wenig mehr für das Sinnliche - sein Metier, schreibt Paul Ingendaay mit großer Anerkennung, ist die "analytische Durchdringung" der Orte, die er bereist, und angesichts der "Provinzialität und geschichtlichen Selbstvergessenheit" Argentiniens in den 70er und 80er Jahren spart Naipaul in seiner "exzellenten Reportagenserie" nicht an Boshaftigkeiten. Doch bei aller Gnadenlosigkeit der Beobachtung: Naipaul lässt sich Zeit mit seinen Urteilen und vermeidet es, leichte Opfer aufzuspießen. So etwa beim republikanischen Kongress in Dallas 1984: Da wäre es, so Ingendaay, ein Leichtes gewesen, die Vorlagen der christlich-fundamentalistische Hysterie der neuen Rechten in ein paar spektakuläre Treffer zu verwandeln. Doch Naipaul bleibt zur Freude des Rezensenten lieber neugierig. Hier werde Intelligenz "zur stilistischen Qualität, die die gelungene Übertragung Satz für Satz spüren lässt" - und deshalb sei es auch ganz egal, dass die hier versammelten Reisestücke schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Sie sind zeitlos.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.04.2004

Georg Sütterlin zeigt sich positiv überrascht, dass selbst die frühen Reportagen des Nobel-Preisträgers V.S. Naipaul "ihre Frische und Intensität" bewahrt haben. Das muss daran liegen, vermutet Sütterlin, dass sich Naipaul von jeher allen Denkmoden entzogen hat. Stattdessen habe er einen kühlen Kopf und eine klare Sprache sich bewahrt - Naipaul sei, schreibt der Rezensent, die "personifizierte Skepsis". Dennoch bezieht Naipaul Position, einen moralischen Standpunkt, betont Sütterlin. Dabei verzichte der Autor auf jede Form der Selbstinszenierung, wie man sie häufig bei anderen politischen Kommentatoren des Weltgeschehens finde. Viele der Reise-Reportagen und -Essays sind im Auftrag der "New Yorker Review of Books" entstanden; der vorliegende Band beschäftigt sich ausschließlich mit Nord- und Südamerika einschließlich der Karibik, der Region, in der der indischstämmige Naipaul aufgewachsen ist. Fünf der Texte widmen sich Argentinien, einer der ältesten stammt aus dem Jahr 1969, als Norman Mailer für das Bürgermeisteramt in New York kandidierte. Auch diese Reportage lese man heute noch mit Gewinn, freut sich Sütterlin, weil sie das Allgemeine hinter dem Konkreten aufscheinen lasse.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.11.2003

Ein klarer Fall von "Etikettenschwindel". Damit meint die Rezensentin Renee Zucker allerdings nicht V. S. Naipaul oder seine Essays, sondern die vorliegende deutsche Ausgabe, deren Titel "Amerika. Lektionen einer neuen Welt" sich nicht nur sehr vom Original-Titel "The Writer and the World" unterscheidet, sondern beim Leser die Hoffnung weckt, es handele sich um neue, zur aktuellen Lage geschriebene Texte. Nichtsdestotrotz, so die Rezensentin, verliert man mit Naipaul nie seine Zeit. Sein doch sehr "westlicher" Blick erlaubt ihm, Amerika zu verstehen, gleichzeitig bleibe er jedoch so europäisch geprägt, dass sich keine "Naivität" in sein Amerika-Bild einschleiche, argumentiert die Rezensentin auf ein wenig selbstgefällige (sprich europa-gefällige) Art. Ganz besonderes gefallen hat ihr eine Reportage über einen "Parteitag der Republikaner in Dallas der Achtizger-Ronald-Reagan-Jahre", in der Naipaul sich spürbar von der ambienten "Leichtigkeit" und "Siegerlaune" anstecken lässt. Was er dagegen über Borges zu sagen hat, findet Zucker ein wenig banal.
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