Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2004. Die FAZ ist nicht recht zufrieden mit der Münchner Kulturpolitik und auch nicht recht zufrieden mit dem heute im Fernsehen laufenden Stauffenberg-Film. Die NZZ findet, dass der Schintoismus viele Vorzüge hat - zum Beispiel keine Priester. Die taz findet die französischen Politiker im Umgang mit ihren Intellektuellen ein wenig arrogant. Die SZ feiert Alejandro Gonzalez Inarritus Film "21 Gramm". Im Tagesspiegel spricht sich Jiri Grusa gegen ein Zentrum gegen Vertreibungen aus.

FAZ, 25.02.2004

Hannes Hintermeier zeigt sich in einem ausführlichen Aufmacher nicht recht zufrieden mit der Arbeit von Münchens Kulturreferentin Lydia Hartl: "Dass Sparzeiten nicht zwingend den Verlust von Kreativität bedeuten müssen, hat man in München immer wieder erlebt. Was heute vermisst wird, sind geistige Auseinandersetzungen, ein Klima, in dem die Stadt den Künstlern und dem Kulturvolk vermittelt: Wir stehen zu euch."

Frank Schirrmacher gesteht Jo Baiers heute Abend im Ersten laufendem Stauffenberg-Film zwar historische Akkuratesse zu, aber das Herz ging ihm nicht auf: "Wer wissen will, was ein deutscher Offizier namens Stauffenberg am 20. Juli 1944 den ganzen Tag lang tat, wird hier gut bedient. Wer aber wissen will, was der letzte Tag im Leben des Claus Schenk Graf von Stauffenberg bedeutet, wird sich verloren fühlen. Das hat damit zu tun, dass diesem Film auf merkwürdige Weise jede Mehrdeutigkeit fehlt. Man könnte auch sagen: Er ist eine Erzählung ohne Kontext, ein Geschichtsfilm ohne Geschichte."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube springt in der Leitglosse für Jan Philipp Reemtsma in die Bresche, der von der taz dafür kritisiert wurde, dass er einen Studenten mit anwältlichen Mahnschreiben aufforderte, ihm gehörende Adorno-Texte von seiner Website (wir sind für ihre Inhalte nicht verantwortlich!) zu nehmen, wo eine E-Mail vielleicht auch gereicht hätte. Kerstin Holm schreibt zum Tod des russischen Philologen, Philosophen und Intellektuellen Sergej Averinzew. Franz Solms-Laubach freut sich, dass ein Streit um den Besitz einer mittelalterlichen Handschrift über die Legende der Heiligen Elisabeth nun geklärt ist und dass sie weiterhin im Deutschen Buch- und Schriftmuseum Leipzig verbleiben kann. Andreas Rossmann ruft die Gelsenkirchener SPD auf, das expressionistische Hans-Sachs-Haus (Bild) des Architekten Alfred Fischer nicht aufzugeben.

Auf der Medienseite porträtiert Dietmar Dath den Fernsehserienerfinder Kevin Williamson. Und Christian Deutschmann meldet, dass das Berliner Kulturradio sein viel kritisiertes neues Sendeschema leicht retuschieren will.

Auf der Stilseite unterrichtet uns Klaus Natorp über die Tatsache, dass "Politikerjargon und Massenmedien die deutsche Sprache verändern".

Auf der letzten Seite berichtet Jürgen Kesting über ein hübsches kleines Hamburger Festival, dass Cages Frühwerk mit Kagels Spätwerk konfrontiert. Andreas Rossmann bedauert, dass die Ifa-Galerie in Bonn geschlossen wird. Robert von Lucius stellt den schwedischen Literaten und Intellektuellen Horace Engdahl vor, der der Nobel-Akademie angehört und jüngst die schwedische Presse attackierte, mit der er seit der Kritik am Umgang der Nobel-Akademie mit der Rushdie-Affäre auf dem Kriegsfuß steht.

Besprochen werden ein Auftritt des Popsängers Adam Green in Heidelberg, Matthias Pintschers neue Oper "L'espace dernier" in Paris, Schostakowitschs Opernfarce "Die Nase" in Basel und Philipp Stölzls Filmdebüt "Baby".

FR, 25.02.2004

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach bekommt ein Museum der Moderne und sucht einen Nachfolger für den scheidenden Direktor Ulrich Ott, berichtet Oliver Fink. Frank Keil meditiert über Hamburgs Kultur und Kulturpolitiker. In Times Mager ruft Rudolf Walther "seinem" Kioskbesitzer ein wehmütiges Lebwohl hinterher.

Besprochen werden die Uraufführung von Matthias Pintschers "faszinierender" nicht-narrativer Oper "L'Espace dernier" an der Bastille-Oper in Paris, eine Ausstellung über Jacques Tati und seinen Ausstatter Jacques Lagrange als Karikaturisten und Kritiker im Münchner Architekturmuseum, Kafkas "Amerika" in einer Bühnenbearbeitung am Berliner Maxim-Gorki-Theater, inszeniert hat Stephan Müller, und Alban Bergs Oper "Wozzeck" an der Dresdner Semperoper.

NZZ, 25.02.2004

Urs Schoettli erzählt sichtlich begeistert, wie stark das Leben in Japan vom Schintoismus durchdrungen ist, und sinniert über die Vorzüge dieser Naturreligion: "kein Priester, kein heiliges Buch, keine Dogmatik weist einem den Weg". Stattdessen stehe die "individuelle Begegnung mit dem Göttlichen in der Natur" im Vordergrund: "Die Naturgebundenheit des Schintoismus verleiht Japans Jahreszeiten eine eigenartige, metaphysische Qualität. Deutlicher als anderswo in Asien werden in Japan die Jahreszeiten wahrgenommen. Sorgfältig registriert man die Abfolge der Blüten im Frühling. Die Nation wird jeden Abend in den Hauptnachrichten über den Verlauf der 'Sakura-Front', des Vorrückens der Kirschblüte durch die japanischen Hauptinseln von Süden nach Norden, orientiert."

Besprochen werden die Uraufführung von Matthias Pintschers Oper "L'Espace dernier" an der Opera de la Bastille und Bücher, darunter Wladislaw Hedelers Handbuch "Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938" (ein "chaotisches Labyrinth abgerissener Lebensfäden"), Franziska Gerstenbergs Erzähldebüt "Wie viel Vögel" und der Gedichtband "Aus dem Turm" des spanischen Barocklyrikers Francisco de Quevedo (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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Stichwörter: Bastille, Japan, Labyrinth, Oper

Tagesspiegel, 25.02.2004

Im Tagesspiegel findet sich ein interessantes Interview mit dem tschechischen Diplomaten und PEN-Präsidenten Jiri Grusa, der sich unter anderem gegen ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin ausspricht: "Natürlich sollen auf jeder Seite die Verletzungen anerkannt und der kollektive Schmerz auch ausgedrückt werden. Nur müssen wir dann auch sehen, was der anderen Seite zugefügt wurde. Der Zweite Weltkrieg ging von Deutschland aus, die 50 Millionen Opfer waren in der großen Mehrheit keine Deutschen - wollen wir in Europa nun einen neuen Wald von Mahnmalen, wollen wir 50 neue Kriegs- oder Antikriegsmuseen? In London der Waterloo-Bahnhof und in Paris der Austerlitz-Bahnhof: Das bedeutete, die eigene Geschichte immer als Anti-Geschichte gegen andere zu sehen. Ein Denkmal, das dies alles mal bedenkt, existiert noch nicht."

TAZ, 25.02.2004

Dorothea Hahn hält die Reaktion französischer Politiker auf die Petition "Krieg gegen die Intelligenz" fest, die zahlreiche Intellektuelle unterschrieben haben. "Vizeminister Patrick Devedjian zeigt, auf welches politische Beispiel die Regierung in Paris mit ihrer Kulturpolitik schaut. 'Bei uns unterzeichnen die Intellektuellen Petitionen', so Devedjian, 'in den USA haben sie Nobelpreise.'"

Besprochen werden drei Theaterinszenierungen nach Texten von Robert Walser in Zürich, Basel und Luzern und das Regiedebüt der wunderbaren Valeria Bruni-Tedeschi "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr ?".

Schließlich Tom.

Welt, 25.02.2004

Peter Steinbach, der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (mehr hier) würdigt den Grafen Stauffenberg, aber leider ohne auf Jo Baiers Film einzugehen: "Ein Erfolg hätte viele Menschen vor dem Tod bewahrt. Stauffenberg wollte die Deutschen von Hitler befreien - danach wäre um die Prägung Deutschlands gerungen worden. Wie das Resultat ausgesehen hätte, wissen wir nicht. Stauffenberg zum Symbol des Rückwärtsgewandten zu machen, nur weil er aus seiner Zeit heraus handelte, ist unhistorisch. Es wäre ebenso leichtfertig, ihn zum Träger der freiheitlichen Grundordnung zu erhöhen. Diese Ordnung war ein Resultat der Niederlage."

SZ, 25.02.2004

Tobias Kniebe feiert Alejandro Gonzalez Inarritus Film "21 Gramm", in dem der hinreißende Benicio del Toro (homepage) zu spüren bekommt, wie sich die eigene Welt auflöst: "Fühlt es sich so an, wenn man die Menschen, die man am meisten liebt, gerade verloren hat? Wenn man drei Unschuldige getötet hat, bei einem Unfall, mit dem man nicht weiterleben kann? Wenn man dem eigenen Schicksal begegnet ist, Auge in Auge, und nichts mehr so sein wird wie zuvor? "21 Gramm" handelt von dieser Stimmung - und von nichts anderem. Eine präzise, meisterhafte, somnambule Beschwörung, ein Film wie in Trance, ein Essay über das Unfassbare. Die meisten der Gefühle, um die es geht, werden wir Zuschauer wahrscheinlich - hoffentlich - nie kennenlernen. Und doch kennen wir einen Teil davon, genug um zu wissen: So muss es sein." Dazu gibt es ein Interview mit Benicio del Toro von Rainer Gansera.

Weiteres: Der französische Publizist Alfred Grosser beschreibt, warum er heute "Schwierigkeiten mit der Judenheit" hat, wobei er leider nicht näher erklärt, wen er damit meint. Er vermisst jedenfalls eine kritische Distanz zur jüdischen Identität. Heribert Prantl warnt vor einer Perforation des Rechtsstaats, falls sich polizeiliche Folter oder phantasievolle Behandlung von Strafgefangenen durchsetzen sollte. Willi Winkler sinniert über das MoMA in Berlin, die Deutsche Bank und darüber, wieso Gerhard Richters RAF-Zyklus so locker durchgeht. Dorette Deutsch berichtet begeistert, wie sich die Kulturhauptstadt Genua nach Jahrzehnten der Depression zur faszinierenden Metropole gemausert hat. "klüv" meldet, dass die Uffizien den Louvre in den Schatten stellen wollen.

Auf der Medienseite empfiehlt Christoph Keil das "exzellente", allerdings auch "aus allen Nähten platzende" Historiendrama "Stauffenberg", das heute abend in der ARD läuft.

Besprochen werden das neue "formidable" Album "Pappellallee" des Pop-Duos Naomi, Sebastian Baumgartens und Marc Albrechts Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" für die Dresdener Semperoper. Und Bücher, darunter Erwin Kochs Roman "Sara tanzt", und W.E.B. Du Bois' nach hundert Jahren auf Deutsch erscheinendes Buch "Die Seelen der Schwarzen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).