Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.01.2004. Der Streit um "Eine Frau in Berlin" geht endgültig in die zweite Runde: Die SZ qualifiziert Walter Kempowskis Gutachten als "kümmerliche Nichtinformation auf zwei Blatt". In der Welt kritisiert Jürgen Habermas noch einmal die Polen, die beim Irak-Krieg nicht seiner Meinung waren. Die taz geht vor John Galliano in die Knie: "Ha, die Pose!" Die NZZ rechnet mit dem "grausigen Kitsch" Gunther von Hagens' ab. Die FAZ erliegt Bernardo Bertoluccis "Träumern".

SZ, 21.01.2004

Heute befasst sich auch die SZ mit Walter Kempowskis Gutachten zu Anonymas "Eine Frau in Berlin" (mehr hier). Gustav Seibt sieht die Zweifel keineswegs ausgeräumt: "Es ist schwierig mit Leuten zu streiten, die sich weigern, nebeneinander liegende Kieselsteine nachzuzählen. Die inzwischen angewachsene Pedanterie der Kritiker und Unüberzeugten wurde vom Verlag und den Herausgebern durch ihre, vorsichtig gesagt, merkwürdige Reaktion auf die ersten Fragen stark befeuert. Die Verbindung aus Gefuchtel mit moralischen Vorwürfen, persönlicher Anschwärzung der Frager, Versteckspiel mit dem Manuskript, langwieriger Gutachtersuche und nun dieser kümmerlichen Nichtinformation auf zwei Blatt: Das alles weckt doch das Misstrauen erst richtig, noch viel mehr als die schludrige Kommentierung der neuen Buchausgabe, von der dieser Streit ausging. Warum wird uns kein einziges Beispiel gegeben? Warum können wir nicht wenigstens durch kleine Faksimiles den Weg von Stufe eins zu Stufe zwei und dann zum Buch nachvollziehen? Warum werden wir mit der läppischen Metapher vom aufgegossenen Tee abgespeist? Das ist vollkommen unbegreiflich."

Fritz Göttler feiert Bernardo Bertoluccis 68er-Film "Die Träumer", einen Film, den man "liebkosen muss": "Wirklich verrückt ist dieser Film, völlig grotesk. Eine Freakshow, aus dem sagenhaften Jahr 1968 - dem hier ein deftiges Aroma der Verruchtheit verpasst wird, das die glaubensstarken 68-er das Gruseln lehren mag."

Weitere Artikel: "Es wurde auch langsam Zeit", kommentiert Dirk Peitz das Ende von Tim Renner, Thomas Stein und der deutschen Musikindustrie. Holger Liebs betrachtet den "trüben Brei emotionsbeladener Betroffenheit", der in der schlagzeilenträchtigen schwedischen Ausstellung "Making Difference" aufgekocht wurde. Alexander Kissler berichtet von der Debatte zwischen Jürgen Habermas und Kardinal Ratzinger über Sinn und Zweck des Glaubens. Lothar Müller ist mit "Tätervolk" als Unwort des Jahres nicht einverstanden. Denn nicht das Wort sei bedenklich, sondern sein Bezug auf das Judentum. Sonja Zekri erinnert zum achtzigsten Todestag an Lenins letzte Tage, die er siechend und von Stalin verhöhnt in Gorki-Leninskie verbrachte. Malte Herwig würdigt den "bissigen Gelegenheitsdichter" Albert Einstein. Petra Steinberger stellt den im amerikanischen Wahlkampf heftig umworbenen Nascar Dad vor, den Durchschnittsmann mit Vorliebe für Autorennen. Dorothea Müller gibt einen Ausblick auf die Internationale Möbelmesse, die am Samstag in Köln beginnt.

Besprochen werden Christofs Loys Inszenierung von Donizettis "Roberto Devereux" mit Edita Gruberova als alternder Elisabeth II. ("Die Gruberova weiß um die betörende Wirkung einer messa di voce: Ein Hochton wird leise angesetzt, schwillt an, verflüchtigt sich wieder im Leisen - in solch einem Moment erringt eine Sängerin Macht übers vegetative Nervensystem ihrer Hörer und macht sie zu Hörigen"), das Nachtstück "Das unendliche Schwarz" in Meiningen, eine Ausstellung mit Lovis Corinth und Max Slevogt im Münchner Lenbachhaus und Iris Hanikas Chronik "Das Loch im Brot" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 21.01.2004

In einem großen Gespräch mit Anna Rubinowicz-Gründler kritisiert Jürgen Habermas noch einmal die Polen, die beim Irak-Krieg nicht seiner Meinung waren: "Gewiss, viele Polen finden in den geschichtlichen Erfahrungen ihrer Nation gute Gründe, um gegenüber internationalen Verträgen und Organisationen skeptisch zu sein. Aber die Vergangenheit ist nicht immer ein guter Ratgeber für die Zukunft." Habermas spricht auch gegen ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin aus: "Der Plan, ein solches Zentrum in Berlin zu errichten, ist historisch kurzsichtig, politisch töricht und unsensibel, vor allem aber undurchdacht." Das Gespräch ist aus der Gazeta Wyborcza übernommen, hier das Original.

FR, 21.01.2004

Claus Lochbihler stellt die Compilation "A Soldier's Sad Story: Vietnam Through The Eyes Of Black America" vor, die zeigt, wie sehr der "Soul den Soundtrack des Vietnam-Krieges" prägte - mehr noch als Rock'n'Roll oder Country, die Musik der verarmten weißen Südstaatler, die neben den Schwarzen die größte Gruppe in der US-Armee stellten. Die CD bietet "eine interessante und hervorragend kommentierte Zusammenstellung, die nur um eines kreist: Wie der Vietnamkrieg als privates und politisches Ereignis in der schwarzen Musik wahrgenommen und vermittelt wurde - Jahrzehnte bevor ein republikanischer Präsident in einen zweifelhaften Krieg zog. Mit einer schwarzen Sicherheitsberaterin und einem schwarzen Außenminister und einer Armee, die Rekruten mit Hip-Hop wirbt. Fortschritt ist eben relativ."

Weitere Artikel: Reinhart Wustlich vermisst an den Entwürfen für Ground Zero Räume der Kontemplation. Peter Fuchs fragt sich mit Blick auf den Prozess gegen Armin Meiwes und die Körperwelten-Ausstellung mit ihren plastinierten Leichen, warum die "Öffentlichkeit" sich plötzlich so für Kannibalismus interessiert (um Soziologen eine Freude zu machen?). Stefan Keim berichtet über "Impulse", das Bestentreffen der Off-Theater, dem im nächsten Jahr das Geld auszugehen droht. In Times Mager versucht Peter Michalzik ohne Erfolg die Aussagen von Arundhati Roy auf dem Weltsozialforum in Bombay zu deuten. Und Ulrich Speck schreibt zum Tod des Historikers Richard van Dülmen.

Besprochen werden die Ausstellung mit flämischen Landschaften im Kunsthistorischen Museum Wien und Bücher, darunter sieben Bände von Künstlern über die Kanarischen Inseln und ein "hinreißender" Roman aus Frankreich: Christian Gaillys "Ein Abend im Club" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 21.01.2004

Katrin Kruse geht vor Diors Chefdesigner John Galliano auf die Knie, der die Haute-Couture-Schauen in Paris eröffnet hat: "Ha, die Pose! Es schiebt sich die Hüfte vor bei Diors 'Ligne H', der Oberkörper hingegen biegt sich schilfgleich zurück. Die Hände sind in den Rücken gestützt und der Kopf ist vorn, gerade und stolz. John Galliano hat für die Haute Couture des Sommers 2004 eine Reise gemacht, nach Ägypten und zurück zu Diors Entwürfen der 50er-Jahre. Weniger jedoch als von den verschiedenen Silhouetten war Galliano von der Haltung der Damen fasziniert. Das Ergebnis ist die Eleganz der aufrechten Sphinx."

Weiteres: Birgit Glombitza hat sich von Bernardo Bertoluccis 68er-Film "Die Träumer" nicht überzeugen lassen: "Bertoluccis Perspektive ist nicht die eines Filmhistorikers, auch nicht die eines immer noch fliegenden Pflastersteins, sondern die eines gealterten Regisseurs, der es sich auf dem Hochsitz des Väterlichen gemütlich gemacht hat." Klaus Theweleit debattiert mit Stefan Reinecke noch einmal die geplante Berliner RAF-Ausstellung auf.

Auf der Meinungsseite diskutieren Bahman Nirumand (Pro) und Christian Semler (ContraArundhati Roys Aufforderung, den Widerstand im Irak zu unterstützen nachzulesen hier)

Und TOM.

NZZ, 21.01.2004

Uwe Justus Wenzel referiert die neuen Vorwürfe gegen Gunther von Hagens, der laut Spiegel für seine Körperwelten-Ausstellung Hinrichtungsopfer aus China benutzt haben soll, und meint: "Die 'Gebilde' aus Gunther von Hagens' Körpermanufaktur wirken vielfach wie groteske Marionetten oder wie traurige Monstren eines unbedingten Gestaltungswillens, der zum Künstlertum entschlossen ist und im grausigen Kitsch zu sich kommt. Dass einem solch unbedingten Willen die Herkunft des 'Rohstoffs', an dem er sich beweisen will, gleichgültig wäre - wen würde es wundern? Bliebe die Frage, ob auch das Publikum des Spektakels eine solche Indifferenz an den Tag legte. Anders gefragt: Wird es sich schaudernd abwenden oder von demselben Schauder anziehen lassen?"

Angela Schader hat den Diskussionen beim dritten arabisch-deutschen Schriftstellertreffen im Jemen zugehört - etwa über den Wettstreit zwischen Roman und Lyrik. "So postulierte ein arabischer Schriftsteller, dass Prosa lyrische Qualitäten haben müsse, um den Menschen überhaupt anzusprechen, und ein anderer wollte im Roman sogar lediglich eine Entwicklungsstufe der Lyrik sehen. Während die arabischen Autoren somit nachgerade von einem Primat der Poesie ausgingen, sah Günter Grass eher die Notwendigkeit, die Lyrik durch ihre Integration in den Roman aus der Nischenposition zu retten, in die sie im Westen geraten sei."

Besprochen werden Donizettis "Roberto Devereux" im Münchner Nationaltheater, ein Liederabend mit Waltraud Meier im Opernhaus Zürich und Bücher, darunter ein kulturhistorischer Moskau-Führer und ein Sammelband zum deutschen Kolonialkrieg in Namibia (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 21.01.2004

Sollen wir Michael Althen glauben? Er behauptet, dass es "kaum einen schöneren Film über die Liebe zum Kino gibt" als Bernardo Bertoluccis neuen Film "Die Träumer". Althen erzählt, wie in dem Film eine Liebesgeschichte aus dem Paris des Jahre 1968 mit Zitaten aus Nouvelle-Vague-Filmen verknüpft wird - und mit echten Wiedergängern: "Da sieht man dann plötzlich den jungen Jean-Pierre Leaud, wie er Flugblätter verteilt, und im Umschnitt denselben Schauspieler in derselben Szene, wie er sich 35 Jahre später noch einmal selbst spielt. In der Selbstverständlichkeit, mit der Bertolucci den Mann von heute neben den von damals stellt und wie der gealterte Körper und das gezeichnete Gesicht auf einmal transparent werden für die Träume und Hoffnungen von einst, liegt die ganze Zärtlichkeit seines Blicks."

Der Germanist Gunther Nickel nährt die Vermutung, man habe unwissentlich NSDAP-Mitglied sein können und zitiert den Fall des Friedrich Sieburg, ehemals Literaturchef dieser Zeitung, dessen Aufnahmegesuch in die NSDAP 1942 abgelehnt wurde, obwohl er in den Parteiakten längst als Mitglied geführt wurde. Ohne sein Wissen? "Die widersprüchlichen Dokumente über Sieburgs Parteimitgliedschaft geben Anlass, über die unumstößliche Beweiskraft der Einträge in der NSDAP-Zentralkartei weiter nachzudenken. Vor allem erscheint es dringend geboten, dass sich Historiker über die zahlreichen noch unerschlossenen Quellen beugen."

Weitere Artikel: Christian Geyer berichtet, wie Jürgen Habermas, der "Hüter des Diskurses", und Kardinal Ratzinger, der "Hüter des Dogmas", in der Münchner Katholischen Akademie "aufeinandertrafen" (sie blieben unverletzt). Dietmar Dath führt in der Leitglosse die grassierende Inkompetenz in Anlehnung an Rob Grants Roman "Incompetence" nicht auf mangelhafte Bildung, sondern auf soziale Angst zurück. Kerstin Holm hat sich Vladimir Sorokins Theaterstück "Die Hochzeitsreise", das die Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Nazisohn und der russisch-jüdischen Tochter eines KGB-Offiziers schildert, im Moskauer Meyerhold-Zentrum angesehen. Andreas Rossmann berichtet über die Eröffnung eines Kindermuseums in Duisburg. Robert von Lucius würdigt die Verdienste des winzigen Kleinheinrich-Verlags um das Werk des schwedischen Lyrikers Gunnar Ekelöf - jüngst wurde in Stockholm in Anwesenheit Hans Magnus Enzensbergers der letzte Band der zweisprachigen Werkausgabe vorgelegt.

Auf der letzten Seite bezeugt Michael Martens den schwierigen und doch aufopferungsvollen Umgang der Republik Moldawien mit dem Erbe Puschkins, der in der Stadt Chisinau eine wichtige, aber ungkückliche Schaffensperiode verbrachte. Heinrich Wefing trägt ein Dementi des Vatikans weiter: Nein, der Papst habe nach einer Privatvorführung von Mel Gibsons Jesus-Film nicht gesagt: "It is at it was". Und Elmar Schenkel erinnert ohne erkennbaren Anlass an den Darwin-Zeitgenossen und Erfinder der Eugenik Francis Galton.

Auf der Medienseite zitiert Michael Hanfeld ein internes ARD-Papier, das die von einigen Bundesländern vorgebrachten Reformvorschläge für die öffentlich-rechtlichen Sender als Gotteslästerung und Vaterlandsverrat brandmarkt. Hanfeld berichtet auch über ein Fernsehspielprojekt des ZDF, das die Dresdner Bombennacht von 1945 aufgreifen soll. Gina Thomas meldet, dass die Neubesitzer des Daily Telegraph, die Barclay-Brüder, das bisher konservative Blatt auf Labour-Linie trimmen wollen und es im übrigen im Tabloid-Format erscheinen lassen wollen.

Besprochen werden außerdem Gaetano Donizettis Oper "Roberto Devereux" mit Edita Gruberova in München ("Aberwitzige Vokalpartie und grausame Humanität fallen ineins", schreibt ein noch ganz im Banne stehender Wolfgang Sandner über die Primadonna assoluta) und Rimskij-Korsakows "Scheherazade" am "demnächst ballettlosen Theater Meiningen".

Und hier ein paar schöne Bilder von den gerade laufenden Haute-Couture-Schauen in Paris.