Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.05.2003. In der FAZ sieht Hans-Ulrich Gumbrecht die moralische Autoriät der "Koalition der Opportunisten" in Trümmern. Die FR sieht für die Polen im Irak die großartige Chance, endlich einmal Täter zu werden. In der SZ beschwört Manuel Rivas den Niedergang von "El Cid" Jose Maria Aznar. Und die NZZ fragt, ob sich die Generation Egotaktiker nicht doch noch zur Generation Golfkrieg mausert.

FAZ, 06.05.2003

Hans-Ulrich Gumbrecht (mehr hier) antwortet Jürgen Habermas, der kürzlich einige Fragen an den "guten Hegemon" Amerika gestellt und ihm die Schuld an der Beschädigung der UNO gegeben hatte (dazu mehr hier). "Müssen sich nicht vor allem Frankreich, Deutschland und Russland den Vorwurf gefallen lassen, in verantwortungsloser Weise die UN benutzt zu haben, um eine Koalition der lokalen Opportunismen einzugehen? Frankreich, weil die weltpolitische Konstellation dem an zuviel Bonhomie und mangelndem Prestige laborierenden Präsidenten Chirac und seinen potentiellen Wählern für einen Augenblick die Illusion schenkte, er könne ein neuer Charles de Gaulle werden. Russland, weil nichts eigene Völkerrechtsverletzungen wirkungsvoller in den Hintergrund rückt als der Brustton, in dem man sich über die angeblichen Verbrechen anderer entrüstet. Und Deutschland vielleicht nicht allein, weil eine populistische Friedensoption dem Kanzler Schröder im letzten Moment das Glück des politischen Überlebens schenkte, sondern auch, wenn man Berichten in der englischen und französischen Presse trauen will, weil der irakische Geheimdienst dieser eine wirtschaftliche Rezession verwaltenden Regierung Privilegien bei der Nutzung der Ölquellen für den Fall versprochen hatte, dass es ihr gelänge, den drohenden Krieg abzuwenden."

Heinz Berggruen erzählt in einer seiner Schnurren, wie ihm Erich Kästner eines seiner Bücher schenkte. Friedrich Mielke berichtet, dass das Treffen amerikanischer Staatsdichter in New Hampshire ohne Eklat verlief, die poetae laureati redeten tatsächlich mehr über Poesie denn Politik. Thomas Wagner gratuliert dem Lichtkünstler James Turell zum sechzigsten Geburtstag.

Auf der letzten Seite zeigt Verena Lueken anhand mehrer Bilder aus "Star Wars", "Independence Day" und "Top Gun", wie souverän George Bush die amerikanische "Ikonografie des Heldischen" beherrscht. Auf der Medienseite erzählt Paul Ingendaay, wie Spaniens Presse mit Zusatzgeschenken um Leser wirbt, letztens gab es als Beigabe zur Zeitung eine Churchill-Biografie.

Besprochen werden Honeggers "Jean d'Arc au bucher" im Gelsenkirchener Spätbarock bei der Ruhrtriennale, Ignaz Holzbauers "Il figlio delle selve" im Schwetzinger Rokoko, Hennings Mankells Stück "Zeit im Dunkeln" im Schauspiel Frankfurt, eine Ausstellung in München über die Säkularisation in Bayern, eine Pariser Ausstellung zum Buchmaler Jean Fouquet, sowie Bücher: Koen Brams Enzyklopädie fiktiver Künstler " Erfundene Künstler" und "SMS-Lyrik (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 06.05.2003

Klaus Bachmann analysiert die Rolle Polens in Irak und sieht darin eine Chance für das Land, die "Leerstelle einer eigenen kolonialen Geschichte" zu füllen. "Polen spielt nun mit in Irak, und Deutschland und Frankreich sehen zu. Auch in Polen werden Zweifel laut, ob das Land seine Rechnung in den USA nicht ohne den europäischen Wirt gemacht hat. Doch so paradox es klingen mag - in Polens Engagement in Irak steckt auch die Chance, aus der romantisch verklärten, in Wirklichkeit oft komplexbehafteten Opferrolle zu schlüpfen und "Täter" zu werden: ein Akteur, mit neuem Selbstbewusstsein und damit berechenbarer und weltoffener als bisher."

Wolf-Dieter Narr würdigt seinen verstorbenen Berliner Kollegen, den Politologen Johannes Agnoli. "Im Unterschied zu vielen anderen Marxisten, vor allem Parteigläubigen aller Art wusste er, vergleichbar Rosa Luxemburg, mit der ihn viele Eigenschaften verbanden, darum, dass alle Umgangs- und Organisationsformen den Ausschlag geben. Und dass Sozialismus nicht erst in der Ferne, dass er vielmehr, soll er wahrhaft sein und werden, hier und heute im herrschaftskritisch emanzipatorischen Verhalten beginnen muss."

Des weiteren informiert Michael Braun über die "BuchBasel" (mehr hier), die erste Buchmesse für die deutschsprachige Schweiz ("Der mit viel Empörungsrhetorik entfachte Wirbel um die vermeintliche Vertiefung des kulturellen 'Röstigrabens' zwischen der Romandie und der Deutschschweiz hat sich im nachhinein als zündender Marketing-Gag für beide Messen erwiesen.") Und in der Kolumne Times mager beklagt Gunnar Lützow den Niedergang der Musikjournalisten-Bestechungskultur.

Besprochen werden - sehr ökonomisch - die ersten vier Premieren der Ruhrtriennale unter Leitung von Gerard Mortier und Hennig Mankells Autoreninszenierung seines Stücks "Zeit im Dunkel" im Schauspiel Frankfurt und Bücher, darunter Emmanuel Boves moralische Abrechnung mit sich selbst "Der Stiefsohn" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 06.05.2003

Joachim Güntner stellt die Frage, ob die jetzige dissensarme Schülergeneration schon das Label "Generation Golfkrieg" verdient: "Erzogen von Eltern, die in den 1970er und 1980er Jahren politisch geprägt worden seien, ohne die ideologische Verve der Achtundsechziger, jedoch beeinflusst vom Widerstand gegen Atomkraftwerke und die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen, hätten viele der heute engagierten Schüler 'eine auf lebensweltliche Probleme zielende Protestbereitschaft gleichsam mit der Muttermilch' eingesogen. Wenn sie nun das bereits ausrangierte Peace-Zeichen reaktivieren und begrenzte Regelverletzungen, Schulschwänzen und Sitzblockaden beispielsweise, ausprobieren, wirken mehrere Antriebe zusammen: neben der bereits erwähnten Sozialisation die jugendliche Empfindsamkeit für Widersprüche zwischen behaupteten moralischen Gründen und faktischem Interesse, der Wunsch nach Entlastung des Gewissens, der Erlebnischarakter und der Reiz, sich als aktiver Teil der Medienöffentlichkeit fühlen zu können."

Weitere Artikel: Manfred Papst würdigt das "Leben für Robert Musil" des verstorbenen Adolf Frise. Zu lesen ist auch der Anfang von Wolfgang Hermanns neuer Erzählung "Herr Faustini am Fluss".

Besprochen werden: visionäre Architekturzeichnungen aus dem Museum of Modern Art in der Frankfurter Schirn - Kunsthalle, die "disORIENTierende" Ausstellung zeitgenössischer Künstler aus dem Nahen Osten" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, Kaija Saariahos (mehr hier) zeitlos-handlungslose Oper "L'amour de loin" in Darmstadt und eine "kapitale Hörerfahrung" erlebte Peter Hagmann bei der Uraufführung eines Oktetts von Edu Haubensak (mehr hier) in der Tonhalle Zürich. Und Bücher: Bernard MacLavertys Adoleszenz-Roman "Die Schule der Anatomie" sowie Karl Heinz Bohrers Schriften "Ekstasen der Zeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 06.05.2003

Peter Fuchs, Soziologe in Neubrandenburg und ein Schüler Niklas Luhmanns, liefert einige systemtheoretische Anmerkungen zur aktuellen Sozialdebatte, die nach seiner Ansicht "in staubigen Gleisen rangiert". Fuchs bezweifelt die zentrale und monopolhafte Bedeutung von Arbeit als alleinigem Garanten einer "Teilhabe an der Gesellschaft". "Man könnte ja darauf aufmerksam machen, dass niemand so recht weiß, was Arbeit ist, entsprechend eigentlich auch nicht so genau, was Arbeitslosigkeit ist. Am Ende bleibt nur, dass der seltsame Wortbestandteil 'Losigkeit' sich nur auf bezahlte Arbeit beziehen kann, dass also Arbeit heißt, für irgendwelche Tätigkeiten bezahlt zu werden, und Arbeitslosigkeit, dass man für Arbeit nicht regelmäßig bezahlt wird. Dann ginge es aber weniger um Arbeit als um Zahlungen, wobei sich aber offensichtlich das Wort 'Zahlungslosigkeit' beziehungsweise 'weitgehend Zahlungsloser' nicht einzubürgern beginnt."

Berlin goes Docklands, das jedenfalls insinuiert ein Text von Helmut Höge, in dem er die neuesten Berliner Uferprojekte skizziert. Trauen tut er ihnen nicht: "Zwar faseln die Developer ständig von Hausbooten, Flusstaxis und regem Schiffsverkehr, aber durch eine Luxusprivatisierung der bebauten Uferflächen wird sich nie ein ähnlich inniges Verhältnis zwischen Wasserstraßen und Bewohnern herstellen wie etwa in Holland."

Daniel Boese porträtiert den Architekten Ron Pompei, der angeblich "jeden Laden der Modekette Urban Outfitters trimmt, bis er aussieht wie das Zimmer einer kreativen Kunststudentin". Und "Unterm Strich" wird auf neue Zeitschrift GoetheMerkur - richtig, ein Gemeinschaftsprodukt des Goethe-Instituts und der Zeitschrift Merkur - hingewiesen.

Besprochen werden heute ausschließlich Bücher, nämlich zwei Wissenschaftsbücher für Kinder (wovon eines immerhin Einsteins Relativitätstheorie auch Erwachsenen zugänglich machen soll), der neue Roman von Aldo Nove, "Amore mio infinito", das Erzähldebüt "Wenn es regnet, dann regnet es immer gleich auf den Kopf" von Christina Griebel, der dritte Band - "Jahrtausendwende" - von Manuel Castells Trilogie "Das Informationszeitalter" und ein "beunruhigendes" Buch über die atomare Aufrüstung und den militärisch-industriellen Komplex der USA (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

SZ, 06.05.2003

Der spanische Schriftsteller Manuel Rivas ("Die Nacht, in der die Braut auf Brautschau ging", mehr hier) erklärt, "wie Jose Maria Aznar Spanien verlor". Es geht in seinem Text viel um Verkleidung und historische Projektionsfiguren (El Cid), und ein Posten auf einer ziemlich langen Liste des Misstrauens lautet: "In seiner Jugend sympathisierte Aznar mit den Falangisten, einer lyrischen Form des Franquismo. Es gibt inzwischen nur noch einen Menschen, der soviel Einfluss auf ihn hätte, dass er auf seine Entscheidungen einwirken könnte: Seine Frau, Ana Botella. Sie verkörpert das traditionelle katholische Spanien, das päpstlicher ist als der Papst. Die Führer der spanischen Rechten müssen deshalb nicht einen Moment zögern, wenn es darum geht, zwischen Bushs Worten und denen des Papstes zu wählen."

Weitere Artikel: Tobias Timm bezweifelt die Existenz eines eigenen Berliner Stils, informiert aber dennoch über den Berliner Designmai (mehr hier), in dem "Gestalter, Institutionen, Büros, Agenturen und Architekturstudios ihre Arbeit in etwa hundert auf den ganzen Stadtraum verteilten Ausstellungen und Interventionen" präsentieren. Alexander Kissler kommentiert die überwiegend kritische Haltung der neuen bioethischen Enquete-Kommission gegenüber der Biomedizin, und erklärt, wie sie aufgrund eines Hörfehlers zu einem neuen Namen kam. Fritz Göttler empfiehlt Bush anlässlich seines "verpatzten" Regierungserklärungsauftritts, doch einmal von der Erfahrung im Umgang mit Bildern von Hollywood zu lernen, und Alexander Menden resümiert eine Tagung der deutschen Shakespeare-Gesellschaft (mehr hier) in Bochum. Über die Ökumene und das gemeinsame Abendmahl äußert sich in der kirchentagsvorbereitenden Serie der SZ heute Fulbert Steffensky ("Das Mahl erinnert uns an die versprochene Zukunft, in der das Lamm nicht mehr vom Löwen gerissen wird").

In der Kolumne Zwischenzeit philosophiert Claus Heinrich Meyer über die Akademie der Künste und das alt gewordene Hansaviertel, in dem sie liegt. Sebastian Moll betreibt "Heimatkunde" anlässlich der dieser Tage wieder öffnenden Freibäder. "holi" stöhnt über das allgemeine Listenfieber. Lothar Müller schreibt schließlich einen Nachruf auf den verstorbenen Schriftsteller und Musil-Herausgeber Adolf Frise.

Besprochen werden eine Ausstellung über "Kaiser Ferdinand I. und das Werden der Habsburgermonarchie" im Kunsthistorischen Museum Wien, die Uraufführung von Daniel Goetschs "Ammen" beim Heidelberger Stückemarkt, Henning Mankells Inszenierung seines Stücks "Zeit im Dunkeln" am Schauspiel Frankfurt, Meg Stuarts Choreografie "Visitors Only" am Schauspielhaus Zürich und Bücher, darunter eine kritische Studie zur Konstruktion pädagogischer Wirklichkeit, ein Band zur Medientheorie von Walter Seitter, Evelyn Schlags Roman "Das L in Laura" und ein Lyrikband von Rolf Hauf (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).