Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.05.2003. Die SZ prophezeit den baldigen Niedergang der amerikanischen Neokonservativen. Die taz findet SARS vollkommen zeitgemäß. Die FR vermisst eine Kultur des Musikvideos in Deutschland. Und die FAZ hat auf den Seiten des türkischen Außenministeriums Interessantes über den europäischen Verschmelzungsdrang erfahren.

SZ, 05.05.2003

Die SZ erweist sich heute mal wieder als Zentralorgan der Amerikafixierung.

Der Publizist David Rieff sagt den Neokonservativen im Umkreis der Bush-Regierung den Niedergang voraus. Und warum? It's the economy, stupid: "Ein neues amerikanisches Imperium? Die Amerikaner wollen Wohlstand, keine militärischen Abenteuer. Luxus, sagte Juvenal, ist rücksichtsloser als Krieg. Genau diese Lektion müssen die Falken erst noch lernen, und es ist diese Lektion, die ein amerikanisches Imperium, wenn nicht unmöglich, dann zumindest weit weniger wahrscheinlich macht." Weiteres zu Amerika: Albert H. Teich, Direktor der American Association for the Advancement of Science in Washington, beklagt, dass der Krieg gegen den Terror durch Umschichtungen in den Forschungsetats die US-Wissenschaft ruiniert. Jörg Häntzschel fragt sich, was die amerikanischen, von der Armee mitgenommen Gefechtsmaler jetzt wohl so malen werden.

Unamerikanisches: Wolfgang Schreiber zeigt sich überwältigt von einem Konzert des 23-jährigen chinesischen Pianisten Lang Lang: "Wie er bei seinem München-Debüt ein schweres, stilistisch weit gefächertes Programm bewältigte und dabei zeigte, dass eine Intensität eigentlich durch totale Identifikation hergestellt wird, Musikalität und Virtuosität aus der Einheit von Körper und Geist hervorgehen, es war außerordentlich, es war wohl sensationell."

Und sonst: Ira Mazzoni beklagt, dass immer mehr denkmalgeschützte Bauten der sechziger Jahre, wie etwa die Stadthalle in Bremen, verhunzt oder gar gleich abgerissen werden sollen. Fritz Göttler verweist auf ein Vorwort, das Thomas Pynchon zu einer Neuausgabe von "1984" schrieb und das im Guardian vorabgedruckt wurde (wie kritisch das SZ-Feuilleton auch mit der Sowjetunion umgeht, zeigt Göttlers knallharter Vorwurf, sie sei "vom demokratischen Sozialismus abgedriftet"). "Ijo" gratuliert dem Verleger Albrecht Knaus zum Neunzigsten.

Besprochen werden Martin Kusejs Inszenierung von Albert Ostermaiers Stück "Auf Sand", William Forsythes neues Tanztheaterstück in Frankfurt, Burr Steers' Filmsatire "Igby", der Film "The Rules of Attraction" nach Bret Easton Ellis, ein Konzert mit Puccinis "Suor Angelica" unter Christian Thielemann in Berlin und Bücher, darunter eine Biografie des weithin vermissten Bill Clinton.

TAZ, 05.05.2003

Isolde Charim erkennt in SARS eine vollkommen zeitgemäße Seuche: "Die gesellschaftliche Perspektive auf Aids war eine auf den Lebenswandel. Aus der Verbreitung von SARS lässt sich jedoch keine Ethik ableiten: Es gibt jetzt keine richtige Lebensführung, aus der Schutz erwachsen würde, keine Risikogruppe, der man nicht angehören kann. Jetzt ist jeder ein potenzielles Opfer. Der gänzlichen Unberechenbarkeit, wen es treffen kann, wohnt der große Schrecken von SARS inne. Damit scheint es das passende Virus zur Zeit zu sein. Es fügt sich in die wesentlichen gegenwärtigen Bedrohungen und Angstszenarien, denen allen ein Moment gemeinsam ist: die völlige Kontingenz. Die Katastrophe ist ein kontingenter, zufälliger und mit keinem Sinn aufladbarer Einbruch ins normale Leben. Das verbindet SARS etwa mit dem neuen Terrorismus. Der völligen Unverfügbarkeit der Gefahr schutzlos ausgeliefert zu sein, das scheint eine Grunderfahrung unserer Zeit zu sein."

Auf der Meinungsseite kommentiert Eberhard Seidel die Reihe von Busentführungen durch junge, frustrierte Muslime: "Die Pathologisierung der Taten mag im Einzelfall gerechtfertigt sein, der Brisanz der Situation wird sie nicht gerecht. Denn eines ist sicher: Es wird hierzulande weitere spektakuläre Gewaltdelikte im Namen des Islam geben. Sie müssen nicht immer so glimpflich verlaufen wie die von vergangener Woche. Denn in Deutschland gibt es tausende verwirrter junger Männer und Frauen, die in einem Milieu sozialisiert werden, das die weltweite Opferrolle des Islam seit Zeiten variantenreich beklagt." Wer sich ein Bild von der Stimmung im muslimischen Milieu machen will, dem empfiehlt Seidel einen Blick ins Internet-Portal "Muslim-Markt".

Besprochen werden die Ausstellung zur Gruppe "Superstudio - Life Without Objects" Design Museum London und im Scheibengericht neue Platten unter anderem vom Gunter Hampel Trio, von Faust und der Dean Drummond & Newband.

Und Tom.

FR, 05.05.2003

Ziemlich deprimiert ist Daniel Kotheschulte von den Oberhausener Kurzfilmtagen zurückgekehrt: Einfach auf den Hund gekommen sei die Kultur des Musikvideos in Deutschland, klagt er: "Während es international dank immer noch anspruchsvoller Auftraggeber wie George Michael, den Chemical Brothers, Björk oder den White Stripes und immer noch verführbaren Clipzauberern wie Spike Jonze, Roman Coppola oder sogar Wong Kar-wai noch immer zu kleinen Meisterwerken kommt, ist das Musikvideo in Deutschland inzwischen ein Kandidat für den Subventionsbetrieb. Ohne das Lehrangebot der deutschen Kunst- und Filmakademien könnte man den Oberhausener "MuVi-Preis" - zumindest in seiner traditionell Mainstream-kritischen Ausrichtung - getrost einstellen. Von den 10 nominierten Videos war gerade einmal die Hälfte überhaupt diskutabel. Sogar die besseren Werke treffen plötzlich jene fast vergessenen Bedenken, die von der alten Kunst- und Experimantalfilmlobby vor 15 Jahren gegen das Flackerfernsehen kamen."

Weitere Artikel: Harry Nutt schreibt einen Nachruf auf den Frankfurter Literaturwissenschaftler, Romancier und Musil-Forscher Adolf Frise (mehr hier). Times Mager mokiert sich über all die Schwachen, die die Agenda 2010 auf den Plan gerufen hat, zum Beispiel die "Börsencrash-Kids, die Champganer allenfalls als legeren Ausdruck ihrer Chancenlosigkeit trinken". Gemeldet werden neue Erkenntnisse aus den USA, nach den Nietzsche nicht an der Syphilis, sondern an einem Gehirntumor gestroben sein soll.

Besprochen wird Martin Kusejs Inszenierung von Albert Ostermeiers Stück "Auf Sand" am Hamburger Thalia-Theater.
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NZZ, 05.05.2003

Gerhardt Brunner beschreibt ein neuartiges Phänomen in der Opernwelt: "immer häufiger führen Choreografen auch in der Oper Regie. "Ist die Häufung bloßer Zufall, oder steckt doch mehr dahinter, gar eine 'neue Welle' der Opernregie? Am Ende womöglich ein Umsturz der Machtverhältnisse am Theater, eine Art 'Unfriendly Takeover' durch jene schöpferischen Kräfte des Balletts, die im Schatten der Oper lange genug darunter gelitten haben, als fünftes Rad am Wagen geduldet zu sein?"

Weitere Artikel: Roman Bucheli berichtet von der Baseler Buchmesse, die am vergangenen Wochenende erstmalig stattfand. Trotz Zahlungsunfähigkeit darf der Deutsche Musikrat nun fortbestehen, weiß "gü" zu berichten. Alexandra Stäheli berichtet vom Dokumentarfilmfestival "Visons du reel" in Nyon: "Jedes Festival trägt sein Unbewusstes mit sich - ein Schatten, der mit jeder Aktualisierung von neuem wiederkehrt. In Nyon sind es die Platzprobleme, das Missverhältnis zwischen einem vielfältigen und ehrgeizigen Programm, das kontinuierlich mehr Publikum anzieht." Und Renate Wiggershaus schreibt zum Tod des algerischen Schriftstellers Mohammed Dib.

Besprochen werden: Roland Mosers Oper "Avatar" in St. Gallen, Rossinis Oper "Turco in Italia" in Genf und eine Ausstellung des Hofjuweliers des russischen Zaren Alexander III. in der neuen Queen's Gallery in Edinburgh.

FAZ, 05.05.2003

Lorenz Jäger ist auf der englischsprachigen Interseite des türkischen Außenministeriums auf einen interessanten Text gestoßen: Dort nämlich erklärt die französische Psychologin Janine Chasseguet-Smirgel, wie der Europäer tickt: "Im Falle von Europa, so schreibt sie, gehe es um das Christentum, und diese Religion lehre die Einheit der Gemeinde mit Christus in der Eucharistie: 'Eine narzisstische Verschmelzung vollzieht sich unter dem Banner der Einheit. Diese Verschmelzung schließt die Dimension des Vaters aus. Die Christen finden den Körper der Mutter wieder, mit dem sie sich vereinigen, um ein ungeteiltes Ganzes zu bilden.' Und just dieser Drang zur Verschmelzung sei es gewesen, der sich im neunzehnten Jahrhundert in den Bestrebungen zur deutschen Einheit säkularisiert und politisiert habe. In halsbrecherischem Tempo geht es schon im nächsten Satz zum Holocaust, zu den Vernichtungslagern und zu düsteren Warnungen vor dem Wiedererstehen solcher Lehren 'in einigen Regierungen und Parteien'." So so.

Weiter Artikel: Thomas Pynchon hat ein Lebenszeichen von sich gegeben, wie Paul Ingendaay erfreut bemerkt, und für die Neuausgabe von George Orwells "1984" ein Vorwort verfasst und eine erstaunliche Leerstelle: In Oceania fehle jeglicher religiöser Fanatismus, Rassismus und Antisemitismus (Pynchons Text findet sich als Nachdruck im Guardian). Martin Kämpchen fürchtet ein Übergreifen von SARS auf Indien, dessen desolates Gesundheitssystem der Seuche in keiner Weise gewachsen wäre. Dieter Bartezko weist darauf hin, dass US-Soldaten jetzt babylonische Stätten bewachen, die Saddam Hussein zur Verherrlichung seiner selbst verunstaltet hat. Jordan Mejias stellt das Fisher Center vor, das Frank Gehry für das Bard College gebaut hat. Eleonore Büning bedauert, dass das Europa-Konzert der Berliner Philharmoniker in der Lissaboner Kirche Santa Maria de Belem mit ihren acht Sekunden Nachhall so gnadenlos ersäuft wurde wie ein Wurf Kätzchen

Richard Kämmerlings fand bei den Oberhausener Kurzfilmtagen die künstlerische Erschöpfung des Genres Musikvideo unübersehbar. Ingeborg Harms entdeckt beim Blättern in deutschen Zeitschriften den provinziellen Berliner und den Einzelnen in der Masse. Heinrich Wefing frohlockt, dass das erste reality movie, diese "endgültige Demütigung der Autoren durch ihre Abschaffung", beim Publikum durchgefallen ist. Wolfgang Sander zeichnet ein kurzes Profil des Dirigenten Gerd Albrecht, der wieder in Tschechien arbeiten wird.

Walter Hinck schreibt einen Nachruf auf den Journalisten, Erzähler und Musil-Forscher Adolf Frise. Patrick Bahners gratuliert dem Historiker Konrad Repgen zum achtzigsten Geburtstag, Hannes Hintermeier dem Münchner Verleger Albrecht Knaus zum Neunzigsten und Andreas Platthaus dem Schauspieler Michael Palin zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite fragt sich Michael Hanfeld nach fünzig Jahren Deutsche Welle, worum es hier eigentlich geht: " Von der Deutschen Welle weiß man heute vor allem, was sie nicht sein soll. Was sie im einzelnen tut, überblicken nur wenige. Wie ihre zeitgemäße Aufgabenbeschreibung aussähe, das weiß so gut wie niemand."

Besprochen werden Albert Ostermeiers Stück "Auf Sand" im Hamburger Thalia Theater und Bücher, darunter Antony Beevors "Berlin 1945", Gabriele Metzlers "Der deutsche Sozialstaat", Len Fishers "Reise zum Mittelpunkt des Frühstückseis", Anthony Everitts Cicero-Biografie sowie eine Lese- und Bilderbuch zu Peter Altenberg (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).