Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.04.2003. In der FAZ fürchtet Walter Laqueur, dass gerade die Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus blind für seine Gefahren machen. Plündern macht frei, glaubt Bora Cosic in der FR. Die taz erklärt uns eine klassische Madonna-Eröffnung. Die NZZ kennt die Albträume der Schriftsteller über ihre Verleger. Die SZ mag keine Lola Montez in der Münchner Kulturpolitik.

FAZ, 23.04.2003

Der Historiker und Terrorismusforscher Walter Laqueur (mehr hier) findet Giorgio Agambens Vergleiche von gefangenen Taliban und deutschen Juden in Konzentrationslagern (mehr hier) nicht diskussionswürdig. Nur mit einem habe Agamben recht: Der Ausnahmezustand sei nämlich angesichts des international operierenden Terrorismus, der heute auf Massenvernichtungswaffen zurückgreifen kann, "wirklich wieder von aktueller Bedeutung geworden". "Es ist eines der Paradoxa der Entwicklungen in den letzten beiden Jahren, dass gerade die Erfolge der westlichen Sicherheitskräfte in Afghanistan, im Irak und in anderen Ländern dazu beigetragen haben, dass man diese Gefahren heute unterschätzt ... Die Erfolge haben dazu beigetragen, dass in weiten Kreisen noch nicht verstanden worden ist, dass wir uns an einem historischen Wendepunkt befinden, was das zerstörerische Potential auch von kleinen und kleinsten Gruppen betrifft, die bereit sind, Gewalt anzuwenden." Die Frage ist jetzt, so Laqueur, welchen Preis wir zahlen würden, "um den Ausnahmezustand zu vermeiden oder jedenfalls die Gefahr einer permanenten Diktatur einzuschränken? Das sind die wirklichen Probleme des einundzwanzigsten Jahrhunderts."

"Fidel Castro macht Fehler und merkt es nicht mehr", meint Paul Ingendaay nach den "hastig vollstreckten Todesurteilen gegen drei Schiffsentführer sowie den massiven Gefängnisstrafen für fünfundsiebzig kubanische Dissidenten und Bürgerrechtler". Die Folge: "Selbst linke Intellektuelle wenden sich in diesen Tagen entgeistert von Castros Staat ab, nicht nur ein Günter Grass, sondern auch bekennende Marxisten wie Jose Saramago oder Eduardo Galeano. Castros Trick, den Irak-Krieg als Paravent für die brutalste Repression seit Jahren zu benutzen, hat niemanden getäuscht. Kuba, eine viel zu lang gehätschelte Utopie, deren kräftigste Nahrung die oft tumbe Aggressivität des amerikanischen Nachbarn war, gibt sich als vergreiste Diktatur ohne einen Hauch gesellschaftspolitischer Vision zu erkennen."

Weitere Artikel: Regina Mönch staunt über die Interesselosigkeit, mit der in Berlin ein Senatsbeschluss hingenommen wird, der den Abriss des denkmalgeschützten Admiralspalastes (mehr hier) erlaubt: "Unbegreiflich ist, warum sich im Abgeordnetenhaus niemand fand, der gegen diesen Frevel protestiert hätte, und sei es nur, um auszuschließen, dass dies zum Präzedenzfall in einer immer panischer auf den drohenden Ruin reagierenden Stadt wird." Camilla Blechen meldet die Restaurierung sakraler Fresken aus Andorra, die zur Zeit in der Berliner Gemäldegalerie bewundert werden können. Henning Ritter gratuliert dem Historiker Reinhart Koselleck zum Achtzigsten. Dieter Bartetzko schreibt zum Tod von Nina Simone.

Auf der Stilseite sinniert Ricarda Bethke über die "Gedankenlosigkeit", mit der im Westen das Wort "Proll" verwendet wird. Peter Winter bespricht zwei Ausstellungen über Organische Skulptur und Design in Bremen. Und Klaus Ungerer sucht im Sprachlabor nach dem menschlichen Antlitz der SPD. Auf der letzten Seite erzählt Verena Lueken die Geschichte des World Trade Centers, die eng mit der Geschichte Austin Tobins verbunden ist, dem ehemaligen Leiter der New Yorker Hafenbehörde (mehr zu Tobin und dem WTC hier und hier). Christian Geyer porträtiert Herbert Spencer (mehr hier), dessen Evolutionismus (mehr hier) die Deutungsmacht der Stunde sei. Und Lisa Zeitz berichtet von e-mail-Müll, der die Seiten des Informationsdienstes "Cultural Property Protection" zu begraben scheint.

Besprochen werden George Clooneys Regiedebüt "Confessions of a Dangerous Mind", die Aufführungen zweier Werke von Alexander Ostrowski - "Wildfang" und Profitabler Posten" - an Moskauer Theatern, Handan Ipekcis Film "Hejar - großer Mann, kleine Liebe" und Verdis Oper "Due Foscari" in Brüssel.

FR, 23.04.2003

Der serbische Schriftsteller Bora Cosic (mehr hier) überlegt, ob die Plünderungen in Bagdad nicht der verzweifelte Versuch sein könnten, ein Stück Freiheit zu ergattern: "Bei solchen Geschäften kommt es zu einer gefährlichen Unstimmigkeit in der menschlichen Seele, da sie nicht weiß, was sie dem Kubus der Freiheit entreißen soll. Wie in einem surrealistischen Film, in dem lauter Unsinnigkeiten ablaufen: die Sieger über die Diktatur schleppen Möbelteile und Direktorensessel durch den Staub. Diese sind schon jetzt kaum noch zu gebrauchen, denn in der Panik der Plünderungen wird verschlissen und zerstört, und sie werden wahrscheinlich keine Verwendung mehr finden. Deshalb nahm sich ein junger Mann vom ganzen Reichtum der Republik nur eine leere Schachtel. Diese Verpackung bekommt also den Wert eines Erinnerungsstücks. Als machten sich die jungen und alten Männer Bagdads auf den Weg, ihren Teil der Freiheit einzukaufen. Und jeder trägt für sie als Geschenk nach Hause, was er bei diesem Einkaufen gefunden hat."

In ihrem neuen Album "American Life" hisst Madonna die Fahne der Kulturkritik, doch Elke Buhr zeigt sich davon wenig beeindruckt. "Die Klagen der Stars über das Startum sind so alt wie das Popbusiness selbst, so wie der geplatzte Traum ein unverzichtbarer Topos der Traumfabrik Hollywood ist. Die Tatsache, dass drei Chauffeure, vier Limousinen, fünf Sorten Sojamilchkaffee und ein Yogalehrer nicht glücklich machen, führt ja auch bei Madonna nicht zum Ende von Songproduktion und Sojamilch, sondern nur zu Inspiration für weitere Songs, die dann noch mehr Yogalehrer finanzieren. Robbie Williams, die männliche Ausgabe des Konsens-Stars, hat diesen Zusammenhang in seinem jüngsten Album auf weit zynischere Art kommentiert. Natürlich, das Leben als Star ist leer und hohl, aber das ist der Job: 'I'm here to make money and get laid.'"

Weitere Artikel: Hans-Klaus Jungheinrich berichtet von der 22. Biennale für zeitgenössische Musik in Zagreb. Daniel Kothenschulte war auf Schatzsuche beim Kurz- und Animationsfilmfestival in Dresden. Adam Olschewski schreibt einen Nachruf auf die großartige, unerträglich Nina Simone. Rudolf Walther gratuliert dem Historiker Reinhart Koselleck zum achtzigsten Geburtstag. Julian Harich denkt über den Sinn von Interviewbüchern mit Filmregisseuren nach. Und in der Kolumne Times mager wünscht sich "peko" die Low-Tech-Kopien der siebziger Jahre zurück.

TAZ, 23.04.2003

Das neue Madonna-Album ist draußen. Tobias Rapp versteht das ganze politische Getöse nicht, wo es doch auf "American Life" weniger um die USA geht, als vielmehr um britisches Landleben: "Mit der Entscheidung, ihren 'American Life'-Videoclip zurückzuziehen, hat sich Madonna noch einmal auf ihre unvergleichliche Art madonnamäßig gegeben. Schließlich werden Kontroversen durch nichts so nachhaltig angefacht als dadurch, dass man etwas erst zur Kontroverse erklärt und dann einen Rückzieher macht. Wäre Popmusik Schach, eine solche Strategie zur Markteinführung einer Schallplatte würde als klassische Madonna-Eröffnung firmieren... Das Großartige dieser Platte ist das, was man in seinem Hang zum Hineinlegen und Herauslesen von Bedeutungen gerne übersieht, die Musik nämlich."

Der libanesische Schriftsteller und Journaliste Elias Khoury (mehr hier) darf im Interview mit Katrin Schneider auf den Tagesthemenseiten einmal sagen, was er so alles über die USA, den Irakkrieg und die Weltherrschaft denkt: "Die Amerikaner haben sich den schwächsten Gegner ausgesucht, um ihren anderen 'Feinden' eine Lektion zu erteilen. Der Krieg ist Teil eines imperialistischen Projekts, das auf einer fundamentalistischen, irrationalen Ideologie beruht. Für die Bush-Administration ist der Krieg im Irak der Beginn einer Welle von Kriegen. Ich glaube, er ist Teil einer globalen Strategie, die das Ziel hat, nicht nur die arabische, sondern die gesamte Welt zu beherrschen."

Auf der Medienseite zeichnet Mareke Aden ein Profil von Dagmar Engel, seit zehn Monaten Chefredakteurin der Deutschen Welle. Außerdem gibt es im vorderen Teil einen Brennpunkt zur Fusion von Berliner Zeitung und Tagesspiegel (hier, hier und hier).

Weitere Artikel: In der jazzkolumne variiert Christian Bröcking zum Thema Klassik und Jazz. Besprochen werden das Dokudrama "Zug um Zug - Budapest 1944" am Stuttgarter Schauspielhaus und Herbert Riehl-Heyses Buch über Ethik und Poetik des Journalismus "Arbeiten in vermintem Gelände" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und schließlich Tom.
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NZZ, 23.04.2003

Georges Waser berichtet von einer Studie der Society of Authors, in der britische Autoren ihren Verlegern Noten geben - die 1 ist die schlechteste Note, 5 die beste. Dabei tritt manch schriftstellerischer Albtraum zu Tage: "An die erste Stelle gehört wohl die Klage eines Autors, dessen bebildertes Buch einer Verlagsleiterin derart gefiel, dass sie den Band an der Messe von Bologna nicht unter seinem, sondern unter ihrem eigenen Namen verkaufte. Ein weiterer Verleger wieder soll ganze einhundert Illustrationen aus einem Buch verloren und diese durch Bilder aus einer anderen Quelle ersetzt haben - Bilder, die überdies bereits veröffentlicht worden waren.. Kein Wunder, war einigen Autoren für ihren Verleger die Note 1 nicht schlecht genug; sie bewerteten diesen mit -1 und gar mit - -1. Auch ist von einem Verleger die Rede, der sich in seinem Fach so wenig auskannte, dass der Autor den Vertrag selbst aufsetzen musste. Wie die Studie dazu kommentiert: Eine solche Gelegenheit wäre wohl der Wunsch eines jeden Schriftstellers!"

Weitere Artikel: Joachim Güntner rätselt über die Ungereimtheiten zweier Studien, die zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Wieso haben die Grundschüler in der Iglu-Studie so viel besser abgeschnitten, als die 15jährigen bei Pisa (mehr hier und hier)? "Gesamtschulen, welche den Klassenverband aufrechterhalten - wäre das die Lösung? So machen es Grundschulen, und offenbar erfolgreich. So machen es auch die Waldorfschulen, deren Konzept Finnland zum Modell seiner Staatsschulen genommen hat. Liebhaber des Gymnasiums zucken vor dieser Option zurück. Das hieße ja, gute und schlechte Schüler in einen Topf zu stecken. Die Verfechter des nach Hauptschule, Realschule und Gymnasium gegliederten Systems sind der Ansicht, man müsse die Kinder sortieren, denn je homogener die Lerngruppe sei, desto besser sei ihre Leistung." Stefan Hentz verfasst einen Nachruf auf die "Sirene schwarzen Selbstbewusstseins" Nina Simone (mehr hier).

Besprochen werden: Egon Schiele (mehr hier) im Museo d'Arte Moderna von Lugano, das vergessene Prokofjew-Ballett "Trapeze" getanzt vom English National Ballett, Urs Dietrichs essayistische Tänzerportraits im Bremer Schauspielhaus. Und Bücher: der kürzlich aus dem niederländischen übersetzte Roman Louis Paul Boons "Der Kapellekensweg"- ein Zeitgenosse W:F: Hermans und drei Geschichten ihres Landsmannes Hugo Claus (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 23.04.2003

Die SZ startet außerdem eine kleine Serie, in der sie sich die Kulturreferenten der großen Städte vorknöpfen will. Den Anfang machen Alex Rühle und Christopher Schmidt mit einer Brandrede gegen Lydia Hartl (mehr hier), Münchens zweite Lola Montez. "Sie gilt als wetterwendisch und unberechenbar. 'Wie sie einen einwickelt mit ihren Samtblicken, sich dann umdreht und die Messer wetzt, das hat schon Shakespearesches Format', sagt eine ehemalige Mitarbeiterin des Kulturreferats. Kaltblütig und mit offener Lust am Zerstören könne sie Untergebene absägen, Kritiker wegbeißen und das Fußvolk der Kulturszene abstrafen. Während sie anderen vorzugsweise Wagenburgmentalität vorwirft, igelt sie selbst sich mit einem kleinen, ergebenen Kreis in der Geisterbahn ein, eine Kultur-Domina hinter Panzerglas." (Jaja, wie wir alle wissen, machen die Herren Karriere, indem sie immer bescheiden zu Boden blicken und Kaffee kochen.)

"In welche unglücklichen Allianzen haben sich die Kriegsgegner, hat sich Frankreich manövriert?" fragt sich eine ernsthaft besorgte Sonja Asal: "Vier Fünftel aller Franzosen, so offenbarte eine von Le Monde in Auftrag gegebene Studie vor gut drei Wochen, missbilligten die amerikanisch-englische Intervention im Irak - was für sich genommen nicht schockierend wäre, hätte nicht jeder Dritte der Befragten aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht und auf die Frage, ob er denn 'im tiefsten Inneren' den Vereinigten Staaten nicht doch den Sieg wünsche, mit einem klaren 'Nein' geantwortet."

Weitere Artikel: Zum Tod der Sängerin Nina Simone schreibt Karl Bruckmaier über ihre Stimme: "Wie Ingwer, irritierend, nicht süß und doch süß, nicht scharf, und doch: scharf?" Petra Steinberger weiß zu berichten, dass es beim amerikanischen Patentamt bereits 19 Anmeldung für Produkte mit dem Namen "Shock and Awe" gibt - unter anderem für Unkrautvernichtungsmittel, Saucen, Biergläser und T-Shirts. Kai Strittmatter meldet, dass in Schanghai ein Goethe-Institut inkognito eröffnet wurde (mehr hier). Ulrich Raulff gratuliert dem Historiker und Alteuropäer Reinhart Koselleck zum Achtzigsten.

Anke Sterneborg unterhält sich mit dem Schauspieler Sam Rockwell (mehr zum Beispiel hier) über seine Arbeit in George Clooneys Film "Confessions of a Dangerous Mind" und das Karriereglück: "Wenn ich nicht Schauspieler geworden wäre, dann würde ich jetzt wohl an einer Tankstelle stehen und Benzin zapfen." Nicole L. Immler fand auf einer Tagung des Center for Austrian Studies in Edinburgh bestätigt, dass der Fortschritt "viel größer ausschaut, als er eigentlich ist".

Auf der Medienseite staunt Ulf Brychy, wieviel Mühe sich Holtzbrinck und Springer beim Ministergespräch mit Wolfgang Clement gaben, sich als kopf- und ideenlose Verleger zu präsentieren: "Jede Seite versuchte, sich mit roten Zahlen, sinkenden Umsätze, miesen Perspektiven zu überbieten" und "den wirtschaftlichen Zustand der Berliner Blätter so schlecht wie möglich zu reden".

Besprochen werden George Clooneys Regiedebüt "Confessions of a Dangerous Mind", das Stück "Zug um Zug" über den Freikauf ungarischer Juden im Stuttgarter Schauspielhaus, Caryl Churchills Stück "Die Kopien" am Zürcher Schauspielhaus, die Ausstellung "Freuds verschwundene Nachbarn" im Wiener Freud-Museum und Bücher, darunter Richard Utz' Studie zu "Chaucer and the Discourse of German Philology", eine Edition der Shakespeare-Illustrationen sowie Neuübersetzungen von "Richard III." und "Wie es euch gefällt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).