Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.03.2003. In der taz entlarvt Heinrich August Winkler den amerikanischen Präsidenten als Wilhelministen. In der SZ beschwört Vittorio Magnago Lampugnani eine Renaissance der europäischen Städtebaukunst. In der FR beklagt Judith Butler, dass die amerikanischen Kriegsgegner in den USA keine Medien finden. In der NZZ fürchtet Nedim Gürsel die Schönheit des Krieges. Die FAZ fragt: Wie kompetent ist unsere Kriegsberichterstattung?

TAZ, 28.03.2003

Der Historiker Heinrich August Winkler (mehr hier und hier) entdeckt im Gespräch eine neue Form des Wilhelminismus, - jedoch nicht in Schröders deutschem Weg, der für ihn ganz in Ordnung geht, sondern in Bushs hochmütigem "Griff nach der informellen Weltherrschaft": "Wer will, kann dieselben Anzeichen von Selbstüberhebung erkennen. Der Unterschied ist, dass das wilhelminische Deutschland nie die materiellen und militärischen Ressourcen hatte, um der Welt seinen Stempel aufzudrücken. Rein machtmäßig ist es da um die Chancen Amerikas besser bestellt."

Weitere Artikel: Selim Nassib vernimmt in seinem TV-Tagebuch zum ersten Mal Saddam-kritische Stimmen bei al-Dschasira, allerdings immer noch nicht von Arabern, sondern von Kurden aus dem Nordirak. Detlef Kuhlbrodt fürchtet, von den Big-Brother-Bilder aus Bagdad infiziert zu werden. Helmut Höge verzeichnet keine erhöhte Nachfrage an Saddam-Doubles bei deutschen Doppelgänger-Agenturen. Cornelius Tittel meldet in der Kolumne "zwischen den rillen" Neue Söldner an der HipHop-Front, unter anderem 50 Cent mit dem Album "Get Rich or Die Tryin" Besprochen wird das neue Album der Cardigans "Long Gone Before Daylight".

Und schließlich Tom.

NZZ, 28.03.2003

Auch wenn eine türkische Beteiligung am Irakkrieg vorerst abgewendet scheint, fürchtet sich der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel (Bücher) vor der "Faszination des Krieges", dem "bunten Feuerwerk über Bagdad", das die Fernsehbilder zeigen. Gürsel erinnert daran, dass auch Intellektuelle und Schriftsteller dieser Faszination erlegen sind, zum Beispiel Apollinaire, dessen Ästhetisierung des Krieges Aragon angeprangert hat: "Apollinaire, schreibt er, habe mit unvergleichlichem Geschick eine Mystifikation des Krieges betrieben, die dem großen Dichter letztlich zur Schande gereicht hätte. 'Leuchtraketen, Signale, Granaten, dies ist die beaute de la guerre, welche in die Dichtung eingeht - mit dem ganzen Zynismus der Abstraktion, so dass aus dem explodierenden Geschoss ein Herz werden kann. Aber niemals folgt der Dichter der Kurve des wirklichen, explodierenden Geschosses bis zu den wirklichen, lebendigen Herzen, in die es eindringt. Kein Blut, keine Leichen.' Diese perverse Schönheit des Krieges, die Apollinaire mitnichten als einziger Dichter besang - und von der wir uns gegenwärtig vielleicht angesichts der regiemässig vermittelten Fernsehberichterstattung halb widerwillig in Bann schlagen lassen -, verdient nichts als das tiefste Misstrauen."

Weitere Artikel: Michael Opielka erinnert an die Uraufführung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" vor fünfzig Jahren in Paris. Georg-Friedrich Kühn berichtet vom Festival "MaerzMusik" in Berlin. Barbara von Reibnitz hat die Zeitschriften Mittelweg 36 und Zeitschrift für kritische Theorie gelesen, die sich in ihren aktuellen Ausgaben mit "Biopolitik" und "Biomacht" beschäftigen. Besprochen wird die Ausstellung "Blue Universe" mit Gerald Zugmanns Fotografien der Modelle des Architektenbüros Coop Himmelb(l)au im Wiener Museum für angewandte Kunst.

Auf der Medien- und Informatikseite schildert ber., warum der Fernsehsender al-Dschasira in den arabischen Ländern so beliebt ist: "'CNN und BBC zeigen, wo die Bomben abgeschossen werden, al-Jazira ist dort, wo sie einschlagen', meint eine ägyptische Hotelangestellte." Ras. zeigt sich in einem Kommentar ungerührt von Vorwürfen gegen al-Dschasira, sie hätten mit der Ausstrahlung von Bildern amerikanischer Kriegsgefangener gegen die Genfer Konvention verstoßen: "Die westlichen Fernsehsender fühlten sich bisher nie von Gewissensbissen gequält, noch wurden sie kritisiert, wenn sie Nahaufnahmen von toten und gefangenen Irakern verbreiteten ... Nun kommt die Quittung." Weiter malt Detlev Borcher aus, wie ein künftiger Cyberwar aussehen könnte, und By. berichtet, dass sich Indien vom westlichen Informationsfernsehen emanzipiert und gleich sechs neue Nachrichtenkanäle gegründet hat.

SZ, 28.03.2003

Der Urbanist Vittorio Magnago Lampugnani (mehr hier und hier) beschwört im Gespräch eine "Renaissance der europäischen Stadtbaukunst". "Wir dürfen uns nicht resignativ damit abfinden, dass es einerseits eine namenlose Stadt der Moderne gibt, beherrscht von Automobilen, Autobahnkreuzen, Bildschirmen und Anonymität - und auf der anderen Seite San Gimignano oder Rothenburg ob der Tauber, also Städte zum Schön- und Kitschigfinden ... Für gestrig und nostalgisch halte ich diejenigen, die immer noch meinen, eine Stadt müsse konstruiert sein wie eine Maschine und aussehen wie das Raumschiff Enterprise. In der Regel sind es übrigens die gleichen Leute, die sich biologisch ernähren, in maßgeschneiderten Anzügen herumlaufen, Shakespeare lesen und in gemütlichen Altbauten wohnen."

Angesichts eines drohenden Häuserkampfs um Bagdad erinnert Petra Steinberger an die verheerenden Kämpfe um Saigon, Hue, Berlin, Stalingrad, Algier und Mogadischu - und an den chinesischen Lehrmeister der Kriegskunst Sun Tsu ("Über die Kriegskunst"), der schon wusste: "Greife Städte nur an, wenn es keine Alternative gibt."

Weitere Artikel: Der Historiker Peter Reichel rekapituliert die Entwicklung des Kriegsrechts von der Haager Landkriegsordnung bis zum Nürnberger Prozess. Ansonsten fällt dem Feuilleton heute nicht viel zum Krieg ein: Oliver Fuchs schmiegt sich an den Busen junger Friedensengel, die die Bild-Zeitung skandalöserweise auch sexy fand, und Eva Marz hat beobachtet, dass sich die US-Militär mit Skibrillen vor dem Wüstensturm schützen. Theodor Ickler wütet gegen den Kompromissvorschlag der Deutschen Akademie zur neuen Rechtschreibung, denn "als Strategie sei das Herumdoktern an einem von 'Deppen' (so der damalige Präsident Christian Meier) hervorgebrachten Pfusch von Grund auf verfehlt". Harald Eggebrecht fragt sich, ob es die Australierin Simone Young (mehr hier) als künftige GMD in Hamburg schaffen wird, unter zweitklassigen Bedingungen ein erstklassiges Niveau zu halten. Kristina Maidt-Zinke berichtet von einem Nachwuchstraining für junge Barockinstrumentalisten mit Reinhard Goebel nach München.

Auf der Medienseite stellt Thorsten Schmitz den Haaretz-Journalisten Gideon Levy vor, der noch immer über die Situation der Palästiner in den besetzten Gebieten schreibt, auch wenn dies in Israel keinen mehr interessiere: "Ich schreibe fürs Archiv, für später, niemand liest mich, selbst meine Freunde sagen mir, dass sie meine Geschichten nicht mehr lesen können." (Einige seiner Artikel finden Sie hier.)

Besprochen werden Gregor Schnitzlers Verfilmung von Stuckrad-Barres "Soloalbum", die nach einer "Kunst der Frechheit" suchende Ausstellung "Grotesk" in der Frankfurter Schirn, Myung-Whun Chungs Konzert mit seinem Pariser Orchestre Philharmonique de Radio France in München und Bücher, darunter Susan Neimans bisher nur auf Englisch erschienene Studie über das "Böse im modernen Denken", Paula Fox Autobiografie "In fremden Kleidern", Mark Kurlanskys kulturgeschichtliche Studie zum "Salz" sowie Katharina Höckers Leidensbericht "In einem Mietshauskörper" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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FR, 28.03.2003

Die Autorin Judith Butler (mehr hier) beklagt, dass die Kriegsgegner in den USA kein Medium mehr finden, in dem sie sich nicht im "Recyceln patriotischer Ehrfurchtsbekundungen" ergehen müssen. "So groß ist die Angst der Medien, einer liberalen Gesinnung bezichtigt zu werden, und so groß die Angst, Liberalismus würde an sich als stillschweigendes Einverständnis mit dem Terrorismus aufgefasst, dass ein kompensierender Gegendiskurs entstanden ist, bei dem jeder, der etwas Kritisches vorzubringen hat, seiner Wortmeldung die Präambel voranstellt: "Ich liebe mein Land, und was ich nun sagen werde, ist keinesfalls unpatriotisch..."

Weitere Artikel: In einem Essay bedauert der Berliner Romanist Jürgen Trabant, dass den Deutschen der kulturelle Selbstbehauptungswille der Franzosen abgeht, und sie ihre Sprache lustvoll mit Anglizismen "zumüllen" (hier seine Heimatseite). In einer Gerichtsreportage berichtet Verena Mayer vom Prozess gegen den zwanzigjährigen Rene L., der in Berlin des versuchten Mordes angeklagt ist. In Times mager nimmt Stephan Hilpold die Männerfreundschaft zwischen Saddam Hussein und Jörg Haider ins Visier. In einem "Kuwaitischen Tagebuch" langweilt sich Brian Bolt im Internet-Cafe: "Immer dieselben Leute, immer nur Typen, keine einzige Frau".

Besprochen werden die Ausstellung "DisORIENTation" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, Luis Mandokis Film "24 Stunden Angst" und Bücher, darunter Michael Walzers Überlegungen zum "Erklärten Krieg", Jürgen Busches 68er-Biografie und Peter Hennings Erzählungen "Giganten" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 28.03.2003

In Karl Kraus' "Letzten Tagen der Menschheit", die auch die Kriegsberichterstattung über den Ersten Weltkrieg aufgreifen, findet Joachim Kalka unsterbliche und jetzt auch gerade wieder aktuelle Züge des Kriegsjournalismus verewigt: "den dilettantischen Eifer des strategischen Laien ('Eine Hauptfrage ist: Wie und wo und wann kann abgeriegelt werden'), den Stolz auf die enge Symbiose mit dem Militärapparat ('Man hatte mit der Beschießung gewartet, bis wir oben angelangt waren'). Kraus' Stück gehört einer fernen Zeit an, und doch ist seine Hellsichtigkeit unüberbietbar, was die Zurichtung... der Schicksale des sogenannten Menschenmaterials zum Medienmaterial betrifft."

Auf der Medienseite wirft dagegen Gerd G. Kopper, Herausgeber der Fachzeitschrift Journalism Quarterly, den deutschen Journalisten eine absolute Inkompetenz im Militärischen vor: "Bis auf geringe Ausnahmen gab es selten einmal präzise Hinweise zu militärischen Abläufen. Es fehlte stets an der Nachvollziehbarkeit, an Einschätzungsmöglichkeiten von Wirkungen und Zusammenhängen. Es fehlt an Einsicht in die Mechanik jeder, so auch dieser Kriegführung. Dabei ist es politisch offenkundig wichtig, gerade diesen Krieg genau verfolgen zu können und ihn zu verstehen. Denn es soll möglicherweise ein Musterkrieg sein für eine Reihe weiterer, die als Entwaffnungs- und Enthauptungskriege angelegt sind." Über die Medienberichterstattung schreibt auch Michael Hanfeld, der die Privaten besser findet als die Öffentlich-Rechtlichen.

Weitere Artikel: Dirk Schümer meditiert über die Kriegsbeteiligung von Dänemark und den Niederlanden, die kleine Einheiten dem amerikanischen Oberbefehl unterstellten. Paul Ingendaay würdigt in der Reihe über die Goethe-Institute dieser Welt, das Haus in Madrid. Jürgen-Paul Schwindt gratuliert dem Philologen Albrecht Dihle zum Achtzigsten. G.I. schreibt zum Tod des Künstlers Herbert Zangs.

Auf der letzten Seite unterbreitet Peter Eisenberg neue Vorschläge der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zur Rechtschreibereform (die in dieser Zeitung doch in Frieden ruht!). Jürgen Kaube porträtiert den amerikanischen Naturphilosophen Holmes Rolston III. Und Christian Schwägerl kommt noch einmal auf die Raelianer-Sekte zu sprechen, die im Internet des Foto eines angeblich geklonten Kindes präsentiert.

Besprochen werden eine Ausstellung des Fotografen William Eagleton im Kölner Museum Ludwig, Strindbergs nachgelassenes und nun in Stockholm uraufgeführtes Stück "Freidenker'", eine Ausstellung über die Kultur der Azteken in der Londoner Royal Academy und eine Verfilmung von Benjamin von Stuckrad-Barres Buch "Soloalbum".

Weitere Medien, 28.03.2003

In der Welt verabschiedet sich der Schriftsteller Josef Haslinger vom Völkerrecht alter Prägung: "Das Ende des Völkerrechts kam nicht aus heiterem Himmel, Europa hat bloß die Vorgeschichte verschlafen."