Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.04.2002. Die FAZ fragt, warum Oprah Winfrey nicht mehr über Bücher spricht. Die NZZ porträtiert in der neuen Reihe "Russland persönlich" Ljudmila Ulitzkaja vor. Die SZ beschreibt den Todeskult der palästinensischen Selbstmordattentäter. Die FR fragt, ob die Nahostdebatte hierzulande nicht wieder zu einer deutschen Identitätsdebatte verkommt. Die taz beschreibt die Einsamkeit des DJs vor seinem Turntable.

FAZ, 19.04.2002

Viel Tränen im amerikanischen Verlagswesen. Gestern berichtete die FAZ über den Branchen-Altpraum der gebrauchten Exemplare neuer Bücher, die Amazon auf seiner Homepage feilbietet. Heute liefert Heinrich Wefing den Hintergrund zur Oprah Winfreys einsamer Entscheidung, in ihrer Talkshow keine Bücher mehr anpreisen zu wollen. "Random House, der Verlag, der fraglos am einträglichsten von den Empfehlungen des Buchclubs profitiert hat, dankte Oprah Winfrey in einer ganzseitigen Anzeige in der New York Times für ihre 'einzigartigen' Verdienste um die Literatur (und um die Bilanzen des Hauses) und führte zur Erinnerung noch einmal alle zwanzig Random-Titel auf, die in den letzten Jahren den Oprah-Aufkleber tragen durften. Im Internet haben sich Protestgruppen zusammengefunden, die die Moderatorin bestürmen wollen, ihren Entschluss zu revidieren." Und noch eine Geschichte aus dem Verlagswesen: Graham Swift ist mit Vorhaben gescheitert, nicht nur die Rechte seines kommenden Romans, sondern gleich seine ganze Backlist zu verteigern, meldet Felicitas von Lovenberg.

Jürg Altwegg sieht in der Renaissance des Trotzkismus in Frankreich vor allem eine entscheidende Schwächung der klassischen französischen Linken: "Die Kommunisten sind inzwischen so schwach, dass die Sozialisten von ihnen nichts mehr erwarten können. Ihr Niedergang begann mit der Entstalinisierung, von der sie sich ihr Überleben erhofften. Je mehr sie sich öffneten und von der Diktatur des Proletariats entfernten, um so überflüssiger wurden sie. Die dogmatischsten Kommunisten, die sich der ideologischen Selbstkritik verweigerten, und die Liebhaber politischer Illusionen finden sich nun mit den Freunden der Revolution im breiten Spektrum des Trotzkismus." Und die Rechte lacht sich ins Fäustchen wie einst die Linke, als Mitterrand die Front National auf die Rechte losließ.

Weiteres: Thomas Wagner stellt das neue Ausstellungshaus "K21" in Düsseldorf vor. Georg Imdahl stellt zugleich Julian Heynen vor, den künstlerischen Leiter des Hauses. Werner Spies gratuliert Fernando Botero (Bilder) zum Siebzigsten. Ilona Lehnart konstatiert, dass die Lage in Sachen Berliner Stadtschloss nach der Wiederaufbauempfehlung des Expertenrats keineswegs klarer ist als zuvor. Christiane Schwägerl fragt sich, warum die FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach im Januar für das Verbot des Imports von Stammzellen stimmte und heute klagt, dies sei ja ein "Verbotsgesetz". Frank Pergande plädiert dafür, dass das jüngst zum Weltkurlturerbe erklärte Dessau-Wörlitzer Gartenreich zu einem Ort geistiger Auseinandersetzung wird. Jordan Mejias beschreibt, wie der Bürgerrechtler Jesse Jackson von der konservativen Presse für Dinge verdammt wird, die jeder weiße Politiker auch tut ("Was wirft man Jackson vor?... Dass er gelernt hat, nicht anders als die Politiker aller Parteien und Denkungsarten um ihn herum, mit den nicht eben feinsten und vorbildlichsten Methoden die Wirtschaft, die ihm als Goldesel dient, unter Druck zu setzen.")

Ferner kommentiert Heinrich Wefing die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA, nach der ein Verbot virtueller Kinderpornographie verfassungswidrig sei. Caroline Neubaur resümiert das Jahrstreffen europäischer Psychoanalytiker in Prag. Renate Schostak berichtet, dass sich nun der Münchner Landtag mit der Arbeit der Bayerischen Akademie der schönen Künste befasst. Und Siegfried Stadler begibt sich mit einer organisierten Reisegruppe auf die Spuren der Arbeiterbewegung in Leipzig und Thüringen. Auf der Medienseite erfahren wir, dass die Fernsehserie "Ally McBeal" (mehr hier) eingestellt wird, dass Frank Elstner die Fernsehshow "Verstehen Sie Spaß" übernimmt. Und Jürg Altwegg schildert die Informationsrituale der französischen Medien in Wahlkampfzeiten.

Besprochen werden ein Musical von Mikis Theordorakis nach der Aristophanes-Komödie "Lysistrata", eine Ausstellung mit Adenauer-Porträts in der Bayerischen Staatskanzlei, Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" im Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Roy Anderssons Filmgroteske "Songs from the Second Floor" und das Münchner "jazz lines"-Festival.

Auf der Schallplatten-und-Phonoseite geht's um die neue CD von Brian Ferry, um Neil Youngs patriotisches Spätwerk "Are You Passionate" (mehr hier), um Rossini-Arien mit Juan Diego Florez, um eine neue CD von Tomasz Stanko und um Klaviermusik von Grazyna Bacewicz.

NZZ, 19.04.2002

In der neuen NZZ-Reihe "Russland, persönlich" porträtiert Maja Turowskaja zehn charakteristische Persönlichkeiten der neuen russischen Kulturszene. Den Anfang macht sie heute mit der Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja. Ulitzkaja, während des Krieges geboren, wuchs in einer Kommunalka auf. "Die Eltern waren Biochemiker, der Vater Professor, die Mutter leitete ein Labor. In der Kommunalka morgens Warteschlangen vor der Toilette, in der Küche der Dauerclinch der Nachbarn, in den sie, als 'Gebildete', allerdings nicht hineingezogen wurden. Einmal entdeckte Ljudmila im Waschbecken der Nachbarn ein Löffelchen mit dem Monogramm der Grossmutter und brachte es der Mutter. 'Leg es zurück, es ist zufällig bei ihnen gelandet, und sie haben sich daran gewöhnt.' Oh, diese Rücksichtnahme der Gebildeten in 'proletarischer' Umgebung, wie ist sie mir vertraut aus der eigenen Vorkriegskindheit, als meine Mutter, die Ärztin war, kostenlos sämtliche Kinder in der Umgebung behandelte."

Joachim Güntner berichtet, dass das Deutsche Spracharchiv online geht: "Der Besuch im Internet ist von hohem ethnographischem Reiz, denn die Tondateien bergen die Stimmen von Leuten, die reden, wie ihnen der Dialekt im Schnabel gewachsen ist - und sie reden über allerlei: über Bräuche, Feste und Berufe, über ihre Hauswirtschaft vom Brotbacken bis zum Schweineschlachten, über die Kirmes und das Heiraten."

Weitere Artikel: köh stellt die neue Tageszeitung The New York Sun vor ("durchaus seriös", aber "noch etwas dünn"). Silvia Kobi beschreibt Fußgängerbrücken in England als neue urbane Statussymbole. Barbara von Reibnitz wirft einen Blick in die Zeitschriften Merkur und Internationale Zeitschrift für Philosophie. Peter Hagmann stellt das Richard-Strauss-Projekt des Tonhalle-Orchesters Zürich vor, dass sich "zurzeit in ausgezeichneter Verfassung befindet". Auf den Filmseiten geht es heute u.a. um die Visions du reel, das Festival des Dokumentarfilms in Nyon, und Fritz Joachim Sauer berichtet über neue Filmproduktionen aus Schweden und Norwegen.

Besprochen wird ein Buch über den Ersatztorhüter Lars Leese (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Medien- und Informatikseite beklagt Hanspeter Künzler das traurige Sterben der britischen Musikpresse. Nach dem Melody Maker kämpft nun auch der New Musical Express im 50. Jahr seines Bestehens ums Überleben.

FR, 19.04.2002

Keine neue Nahostdebatte haben wir, sondern wieder bloß die deutsche Identitätsdebatte, meint Ulrich Speck, der uns in einem Beitrag noch einmal den politisch-moralischen Zwiespalt der Deutschen in der Nahostfrage auseinandersetzt, bevor er zur Realpolitik aufruft: "Statt über Arafat und Scharon, statt über Israel und die Palästinenser, statt über Interessen und Kompromisse, statt über den Fischer-Plan spricht man über Vernichtungskrieg, Holocaust und Hitler, über deutsche Geschichte und die Lehren, die aus ihr zu ziehen sind oder auch nicht. Statt die Augen zu öffnen für einen höchst komplexen und komplizierten Konflikt, in dem es nun mal keine klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse, Tätern und Opfern, in dem es keine wohlfeile Moral gibt, bewegt man sich in den vertrauten Bahnen."

Die "Magere Zeiten"-Kolumne befasst sich mit den schon von Kafka gefürchteten Türhütern, in Amerika "doormen" genannt. "Ein Doorman markiert die Schwelle zwischen Außen und Innen, zwischen Gefahr und Idylle, durch eine beruhigende Schwelle. Die Existenz des Doorman erfreut die Bewohner des Hauses, verschafft ihnen ein wohliges Gefühl. Sehen die betuchten Mieter einen auf der Straße beim Gassiführen ihres Hundes noch misstrauisch an, verwandeln ihre Gesichtszüge sich in das feierlichste Lächeln, sobald man den sicheren Überwachungskreis des Doorman betreten hat."

Jürgen Berger sucht Beispiele für ziviles Verhalten auf israelischem Boden und hält Rabins Chauffeur für ein solches. Susanna Großmann-Vendrey kommentiert die anstehende ungarische Parlamentswahl. Rüdiger Wischenbart äußert Mitleid mit Frankreichs Kulturindustrie zwischen globalem Expansionsdruck und artisanaler Kultur. Michael Kohler weiß, dass die Kunstsammlung NRW im Düsseldorfer Ständehaus eine Dependance für das 21. Jahrhundert eröffnet. Konrad Lischka sagt, wie die neuesten Computerspiele wie Civilization 3 beginnen, ein neues, sozusagen nach allen Seiten offenes Weltbild zu propagieren, und Adam Olschewski empfiehlt CDs, die den Jazzbassisten Charles Mingus feiern.

Besprechungen schließlich widmen sich einer Turnschuh-Schau in der Berliner Galerie co-op, Antje Kruskas und Judith Keils Putzfrauen-Doku "Der Glanz von Berlin" (mehr hier) sowie dem Album "Soulcenter III" des Kölner Minimal-Techno-Musikers Thomas Brinkmann.
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TAZ, 19.04.2002

Hans Nieswandt, namhafter House-DJ und ehemaliger Spex-Redakteur, hat eine Innenansicht der Clubkultur der 90er verfasst. "plus minus acht" heißt das Buch und erzählt vom kleinen Glück in großen Hallen und der Einsamkeit des DJs am Plattenteller. Die taz bringt einen Vorabdruck, in dem Nieswandt Analogien zum Berufsbild des Plattenauflegers sucht: Der DJ als Priester, z. B. "Allein schon wegen der Kanzel. Dort oben steht er und empfängt am Wochenende seine Schäfchen, die sich für diesen Anlass festlich kleiden, die richtige Einstellung mitbringen und im Gegenzug nicht weniger erwarten, als inwendig geläutert in die neue Woche und den gewohnten Alltag entlassen zu werden. Dafür zieht der Priester alle Register seiner Kunst: Er predigt die reine Lehre, er führt sie zu den grünen Auen, er lässt ein Donnerwetter los."

Ferner: Barbara Schweizerhof folgt thematischen Verbindungslinien bis hin zu Dostojewski auf dem Filmfestival "GoEast" in Wiesbaden. Stefan Reinecke ist der Meinung, mit seinem Film "Leo & Claire" zeigt sich Josef Vilsmaier "einmal mehr überfordert". Pinky Rose hörte sinnigen Sample auf Wechsel Garlands Album "Liberation von History" (hier findet man zwei Stücke zum Hören), und Fritz von Klinggräff hat sich im Theaterhaus Jena Felicia Zellers "Triumph der Provinz" und Jewgeni Grischkowez' Einmannstück "Wie ich einen Hund gegessen habe" angesehen.

Schließlich TOM.

SZ, 19.04.2002

In der SZ erklärt Petra Steinberger, warum sie die Selbstmordattentate der Palästinenser für "ein Mittel offensiver Kriegsführung" hält: Sie glaubt, "dass hier durch Propaganda unter den jungen Palästinensern ein Todeskult aufgebaut wird - gezielt und sich aller Konsequenzen bewusst. Ein solches zynisches Vorgehen ist weder als defensive Strategie noch durch eine Ethik des Schwächeren zu entschuldigen. Nicht durch die jahrzehntelange israelische Besatzung. Nicht durch Scharons brutales Vorgehen. Nicht durch die berechtigte Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der einzelnen Jugendlichen, die doch nur ausgenützt werden. Ein Aufrechnen gegen das israelische Vorgehen führt in die falsche Richtung, lenkt davon ab, dass hier die Entmenschlichung der anderen Seite stattfindet."

Andere Artikel: Alex Rühle erörtert das französische Wahlkampfthema "innere Sicherheit" vor Ort in Marseille. Bernd Graff kommentiert die Genehmigung "virtueller Kinderpornografie" durch den amerikanischen Supreme Court. Volker Breidecker war auf einer Tagung in Schloss Freudental bei Allensbach, wo man Nutzen und Wesen der politischen Romantik besprach. Jörg Häntzschel annonciert die Eröffnung des viel gepriesenen Austrian Cultural Forums von Raimund Abraham in New York. Rainer Gansera bewundert Martina Gedeck in Sandra Nettelbecks Film "Bella Martha". Thomas Thiemeyer schreibt über den Entscheid für ein Deutsches Historisches Institut in Moskau. Alexander Menden gratuliert dem kolumbianischen Maler und Bildhauer Fernando Botero zum Siebzigsten. Hans Schifferle denkt nach über die Geometrie der Liebe in den Kinomelodramen des Julio Medem, und Jens Bisky begleitet Westerwelle, Kohl und Marseille auf Wahlkampftour in Sachsen-Anhalt. Und Claus Koch empfiehlt den Franzosen, für möglichst verquere und blockierende Wahlresultate zu sorgen, um so die V. Republik zu beenden, für die Koch nichts übrig hat.

Besprochen werden ein Konzert mit Anne Sophie Mutter und der Camerata Salzburg in Münchens Philharmonie, Frischs "Biedermann und die Brandstifter", inszeniert von Sebastian Hartmann am Hamburger Schauspielhaus, und Christian Tilitzkis Monumentalstudie über "Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich" (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).