Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.03.2002. In der FR plädiert der Historiker Hans Mommsen gegen den Krieg als Mittel der Politik. Die NZZ schildert die gedrückte Stimmung in Tel Aviv. Die SZ präsentiert einen alten Zeitungsartikel von Billy Wilder. Die FAZ berichtet über scharfe Kritik an der Reise des Schriftstellerparlaments in die besetzten Gebiete. Alle erinnern an Billy Wilder und Matthias Beltz.

FR, 30.03.2002

In der FR analysiert der Historiker Hans Mommsen (mehr hier) die moralische Haltlosigkeit der Gewaltpolitik im Nationalsozialismus und erkennt in der damaligen Auflösung bestehender institutioneller Strukturen und politischer Werthaltungen und der daraus fließenden Freisetzung unkontrollierter Gewalt ein Menetekel für die heutige Weltpolitik. "Der jetzt üblich werdende unscharfe Begriff der Bekämpfung des Terrorismus droht zu einer Pauschalrechtfertigung für die Anwendung innerer und äußerer Gewalt zu werden. Für die Deutschen begründet die Erfahrung des Nationalsozialismus und der von ihm ausgelösten Eskalation des Verbrechens die Überzeugung, dass es gilt, den Krieg als Mittel der Politik grundsätzlich zu verhindern. Politische Systeme, die das Risiko von Gewaltakten durch die lückenlose Anwendung von Gegengewalt restlos auszuschalten versuchen, laufen Gefahr, ihre eigenen normativen Grundlagen zu unterhöhlen."

Außerdem: Daniel Kothenschulte verabschiedet Billy Wilder und das alte Hollywood. Christian Schlüter berichtet von einer Elmauer Tagung, auf der der Islam mit der politischen Theologie Carl Schmitts erklärt wurde. Niels Werber freut sich , weil sein kleiner Text über die Garconniere (österreichisch-euphemistisch für bewohnbare Kellerbehausungen) innerhalb einer Woche nun zum zweiten Mal erscheint (siehe taz vom 27.03.). Es gibt ein Gespräch mit der Autorin Malin Schwertdfeger über ihren Migrantenroman "Cafe Saratoga". Christina Heine Teixeira erhellt uns Hannah Arendts und Heinrich Blüchers unbekannten Aufenthalt in Lissabon 1941. Peter Michalzik gratuliert dem Schauspieler Thomas Holtzmann zum 75. Und Daland Segler schreibt zum frühen Tod des Autors, Kabarettisten und Variete-Mitbegründers Matthias Beltz.

Besprechungen widmen sich einer "Oidipus"-Inszenierung am Darmstädter Theater, Bachs "Matthäuspassion" mit Nikolaus Harnoncourt in Wien, und Büchern: einem Fotoband mit "Nudogrammen" von Floris Neusüss, eine Untersuchung über religiöse und politische Konvertiten sowie - hoch gelobt - Andrzej Stasiuks Warschau-Roman "Neun" (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag um 11).

Das Magazin schließlich bietet ein Interview, in dem Carol Gino einige Geheimnisse über ihre große Liebe Mario Puzo lüftet (etwa, dass Puzo kein Wort Italienisch verstand), Stephan Brünjes folgt den Spuren der Beatles auf der Hamburger Reeperbahn, und Dela Kienle geht shoppen - in der Via dei Cestari in Rom, dem irdischen Einkaufs-Paradies für Kleriker.

FAZ, 30.03.2002

Verena Luken schreibt über Billy Wilder: "Nichts, nicht einmal den Mißerfolg, fürchtete Wilder so sehr wie die Prätention. Er interessierte sich für die Figuren und für die Szenen, in denen sie sich entwickeln, für Dialoge, in denen sie sich entfalten, und für den Raum, in dem sie sich bewegen. Wenn all dies klar ist, so Wilder, 'gibt es sowieso nur noch eine oder zwei Möglichkeiten für das Licht und die Position der Kamera'." (Viele Links zu Billy Wilder sind hier zu finden, und hier ein schönes Interview.)

Nebendran werden ein paar Zitate von Wilder abgedruckt, zum Beispiel dieses: "Wissen Sie, wenn man das schreiben könnte, was man den Lubitsch-Touch nennt, dann gäbe es das ja noch, aber er hat das Geheimnis mit ins Grab genommen. Das ist wie chinesische Glasbläserei - die gibt es auch nicht mehr. Manchmal suche ich nach einer eleganten Wendung, und dann frage ich mich: 'Wie hätte Lubitsch es gemacht?' Dann fällt mir etwas ein, und das ist wie Lubitsch, aber es ist nie Lubitsch. Es ist einfach nicht mehr da."

Joseph Hanimann schickt den zweiten und letzten Bericht von der Reise einer Delegation von Autoren des Schriftstellerparlaments in die besetzten Gebieten. Der israelische Schriftsteller David Grossmann, den sie auch trafen, hat sie scharf kritisiert: "Was der Vermittlung hätte dienen können, habe nur geschadet, sagte er: nicht allein durch Jose Saramagos 'aberwitzigen und beleidigenden' Vergleich der Lage in den palästinensischen Gebieten mit Auschwitz, sondern auch durch die Unausgewogenheit der Kontakte. Dass die Delegation nicht auch mit israelischen Vertretern - bis hin zur politischen Rechten - gesprochen habe, legte er ihr als Feigheit aus." Die FAZ will die Reiseberichte der Schriftsteller dokumentieren.

Lorenz Jäger schreibt zum Tod des Kabarettisten Matthias Beltz ("Er entdeckte, nahezu im Alleingang, die Linke als Satiregegenstand.") Patrick Bahners macht sich ein weiteres Mal Gedanken über das Abstimmungstheater im Bundesrat. Verena Lueken liest englischsprachige Zeitschriften, die sich mit der amerikanischen Militär- und Außenpolitik befassen. Rolan Kany informiert uns, das Bestrebungen der Ost- und der Westkirchen, die Termine der kirchlichen Feiertage auf die gleichen Daten zu legen, nach wie vor scheitern. Georg Imdahl gratuliert dem Künstler Dan Graham zum Sechzigsten. Caroline Neubaur resümiert eine Tagung über Leben und Theorie des Anarchisten Otto Gross in München. Wilfried Wiegand gratuliert Nagisa Oshima zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite porträtiert Sandra Kegel den belgischen Sensationsreporter Jean Nicolas, der Akten des Prozesses Dutroux auf einer in Montserrat registrierten Internetadresse feilbietet. Ferner erzählt Michael Seewald, warum der Fernsehfilm "La resurrezione" (eine Tolstoi-Verfilmung) der Gebrüder Taviani überall läuft, nur nicht in der ARD.

Besprochen werden eine Neuverfilmung von "Rollerball" durch John McTiernan, Stücke von von Schläpfer, Balanchine und van Manen im Ballett Mainz, eine Ausstellung des wiederentdeckten Malers der Neuen Sachlichkeit Ernst Neuschul im Museum Ostdeutsche Galerie in Regensburg.

In Bilder und Zeiten, Gott hab' sie selig, schreibt ein ungenannter Autor (im Internet werden die Autorennamen von Bilder und Zeiten seltsamerweise nicht dargestellt) über die Wandmalereien von Bruno Schulz. Ein zweiter ungenannter Autor schreibt über die Aktualität von Goethes Homunculus in der Genomdebatte

Ein weitere ungenannter Autor stellt in der Frankfurter Anthologie ein Gedicht von Rilke vor - "An die Musik":

"Musik: Atem der Statuen. Vielleicht: Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen enden. Du Zeit, die senkrecht steht auf der Richtung vergehender Herzen."

TAZ, 30.03.2002

Stoiber ante portas. Höchste Zeit, das Bundesland Bayern vorzustellen, meint die taz und schickt in den Tagesthemen den niederbayrischen Kabarettisten Ottfried Fischer ins Gespräch. Daran, dass Stoiber das Zeug zum Kanzler hat, glaubt Fischer allerdings gar nicht. Zu schlecht sei das bayrische Selbstwertgefühl. "Jahrelang waren wir die Deppen der Nation. Bevor die Ostfriesen kamen, wurden über die Bayern Witze gemacht. Wir wurden als hinterwäldlerisch angeschaut. Und anstatt dass der Bayer sich das Schöne des Hinterwäldlerischen auf die Brust schreiben würde, eben wie schön es bei uns ist, hat er eher ein schlechtes Gewissen, dass er für einen Deppen gehalten wird."

Außerdem: Cristina Nord verfasst den Nachruf auf Billy Wilder. Eva Demski schreibt zum Tod des Kabarettisten Matthias Beltz. Carola Rönneburg berichtet vom 11. Internationalen Trickfilmfestival in Stuttgart. Katrin Bettina-Müller begutachtet die szenische Fassung von Wladimir Kaminers "Militärmusik" am Theater von Altenburg und Gera, und Jochen Becker besucht die documenta-Konferenz "Plattform4" in Lagos und erklärt, was der Lagocian unter Verkehr versteht: "Durch flexible Nutzung von insgesamt acht oder eng gepackt auch mal zehn Fahrbahnen regelt sich der Verkehr nur vorübergehend. Berufene Privatleute betätigen sich als Verkehrsregulierer. Die Polizei versucht, mit Schüssen in die Luft Verkehrsknoten aufzulösen."

Im tazmag erinnert Rolf-Bernhard Essig an Karl May, der heute vor neunzig Jahren starb, und Karl Hübner berichtet von der Verleihung der "Schwingungen"-Preise für Elektronische Musik in Duisburg.

Schließlich TOM.
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NZZ, 30.03.2002

Naomi Bubis schildert die Stimmung im einst so lebenslustigen Tel Aviv: "Die Angst sitzt selbst den Ausgehwütigen im Nacken. Keiner weiß, wo die nächste Bombe hochgeht, in welchem Lokal der nächste Selbstmordattentäter seinen Todesgürtel zündet, an welcher Ecke die nächste Kalaschnikow-Salve Passanten trifft. In einigen Cafes erscheint neuerdings auf der Rechnung ein Aufschlag von zwei Schekel, so finanzieren die Besitzer bewaffnete Bodyguards, die die Gäste schützen sollen."

Weiteres: Harry Tomicek schreibt zum Tod von Billy Wilder. Bernhard Imhasly porträtiert den Andreas Reinhart, Nachkomme einer Schweizer Unternehmerdynastie, die in Indien zu Geld kam - er hat einen Film über den Kolonialhandel gemacht und eine Stiftung gegründet, die in einen fairen Handel mit ehemaligen Kolonialländern unterstützt. Markus Jakob stellt das CaixaForum in Barcelona vor, das sich, getragen von der örtlichen Sparkasse, um die moderne Kunst verdient macht. Besprochen werden die Ausstellung über Monet in der Basler Fondation Beyeler, eine Ausstellung über den Komponisten J. F. Reichardt in Düsseldorf und einige Bücher, darunter Rodney Brooks Essay "Menschmaschinen" (mehr hier) und Thorsten Beckers Roman "Der Untertan steigt auf den Zauberberg". (Siehe unsere Bücherschau morgen ab elf Uhr.)

In Literatur und Kunst vermittelt Manfred Schoeller neue Erkenntnisse über Claude Monets späte Allees des rosiers, die sich nach einer Restaurierung als noch kühnere Fragmente erwiesen als angenommen. Ekkehard Mai erinnert an den Tod der Historienmalerei um 1900, der unter anderem Künstlern wie Monet zu verdanken ist. Angelika Dörfler-Dierken befasst sich mit den Theorien Luthers und des Erasmus von Rotterdam über die Ehe. Jan-Heiner Tück berichtet, dass die Idee der Auferstehung in der neuesten Theologie wieder an Gewicht gewinnt. Othmar Keel fragt: "Ist die jüdisch-christliche Tradition radikal erosfeindlich?" Thomas Gartmann erinnert an den Schweizer Komponisten und Schoenberg-Schüler Erich Schmid. Wolfgang Dömling befasst sich mit der Bach-Rezeption in Frankreich. Und Rolf Urs Ringger analysiert eine Passage in in Strauss-Hofmannsthals "Rosenkavalier".

SZ, 30.03.2002

Zum Tod Billy Wilders bringt die SZ einen Nachruf von Fritz Göttler, einen Strauß Zitate (z.B. zur Monroe: "sie war so glitzy, verstehen Sie?") und einen Zeitungstext, den Wilder Ende der 20er Jahren als Reporter in Berlin verfasste und der die Qualen eines Eintänzers beschreibt: "Sonnabend ist der schlimmste Tag für den Tänzer. Alle Säle sind bis auf das letzte Plätzchen voll. Auf dem anderen Parkett drängen sich fünfzig Paare, treten einander auf die Füße, keuchen und boxen. Eine einzige Fleischmasse, im Rhythmus wie Sülze zitternd. Es ist ein Tag, an dem der Eintänzer ein paar Pfunde von seinem Gewicht verliert, aber meist nicht einen Pfennig verdient."

Angesichts der Zeitreise aller Zeitreisen - jener zwischen Tod und Auferstehung, zwischen Karfreitag und Ostersonntag - erzählt ein kleines Dossier die kurze lange Geschichte der Zeit als Geschichte der Kunst - u.a. anhand der Musik, "dieser gefrorenen Zeit", des architektonischen Raums, "als Gefäß der Zeit", des Theaters, "als der großen, ächzenden Zeitmaschine schlechthin" und der Literatur, für die Sten Nadolny (mehr hier) Pate steht, wenn er erklärt, warum er sich das bisschen, was er an Zeitreisen brauche, lieber selber schreibt: "Du bist für eine Zeitreise immer falsch angezogen. Nimmst mit der Durchschnittstemperatur alle Nächte und alle Winter mit, kommst also mit Bronchitis an oder stirbst im August 1914 in deinem Thermoanzug am Hitzschlag. Bist du gesund im Mittelalter, im Vormärz, ja auch nur in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gelandet, dann merkst du, dass du da in jedem Fall mehr Außenseiter bist, als du verkraften kannst - selbst wenn du im hiesigen Leben ordentlich trainiert hast, es reicht nicht!"

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Lew Rubinstein (Bildführt uns durch die Moskauer Klub- und Künstlerszene und ins sagenhafte "O.G.I.", den "Vereinigten geisteswissenschaftlichen Verlag". Willi Winkler berichtet von einer englischen Debatte um Bernhard Schlinks Erfolgsroman "Der Vorleser" (auf der Insel hält man das Buch neuerdings für moralisch empörend). Um des gerechten Ausgleichs willen erinnert Franziska Augstein an die scheinbar schon vergessene CDU-Spendenaffäre. Marco Finetti kommentiert einen neuen Anlauf zu einem Tarifvertrag für die Wissenschaft. Tobias Kniebe schreibt zum Tod des Komikers Dudley Moore, Thomas Thieringer erweist dem Kabarettisten Matthias Beltz die letzte Ehre, und in den "Zeichen und Schriften" untersucht Andreas Bernard die Sorgfalt beim Ausfüllen der "Betreff"-Leiste von E-Mails.

Besprochen werden die Uraufführung von Josef Haslingers "Vaterspiel" am Schauspielhaus Graz, Yousry Nasrallahs Flucht- und Heimkehrfilm "El Medina - Die Stadt" und Lektüre: ein Buch über Heroenkulte im alten Griechenland, Karl Krolows lyrischer Nachlass, eine pfiffige "Fortsetzung" von Storms "Schimmelreiter" (oder: Hauke Haien goes RTL II) und eine von Ernst Hinrichs herausgegebene Geschichte Frankreichs (auch in unserer Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

In der Wochenendbeilage schließlich erinnert Oliver Bentz an den ungarischen Lustspielautor Franz Molnar, der vor 50 Jahren starb, Klaus Podak betrachtet die Werbebranche als einen Ableger der Theologie (Stichwort: Schöpferlust), und Wolf Lepenies erklärt uns, warum Stan und Ollie das erfolgreichste Komikerpaar des Kinos sind: "Für jeden Film wurden die Durchschnittslacher ermittelt. Mindestens 60 bis 70 mussten es in zwanzig Minuten sein, sonst wurde nachgedreht, um den Kicherkoeffizienten ("giggle factor") zu erhöhen."