Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.04.2002. In der FR meditiert Jochen Schimmang über den sinkenden Stern des Bundeskanzlers. Die FAZ bringt enthüllt neue Details über Hermann Hesses skiläuferische Talente. Die NZZ wirft einen Blick auf die Kunstszene von Pakistan. SZ, taz und FR beschäftigen sich außerdem mit der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten.

FR, 02.04.2002

Peter Michalzik befasst sich mit der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten. Angesichts der jüngsten Terrorwelle schwindet ihm die Hoffnung auf eine politische Lösungs des Konflikts: "Lange wollte man nicht von der Hoffnung lassen, dass der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern politischen Methoden zugänglich ist, dass er mit politischen Werkzeugen, mit Verhandlungen, Güterabwägungen und Argumenten bearbeitet werden könnte. Diese Hoffnung ist es, die sich an diesem Oster- oder Passahwochende definitiv für lange Zeit aufgelöst hat. Der Nahostkonflikt scheint jetzt nur noch von identifikativ-religiösen Motiven und Mustern bestimmt."

Der Schriftsteller Jochen Schimmang (mehr hier) räsoniert über den sinkenden Stern des Bundeskanzlers, für Schimmang Folge einer Kette von unschönen Fehlgriffen Schröders. Jüngstes Beispiel: Des Kanzlers Machwort in Sachen Bundesratsabstimmung: "Trickserei ist kein Ausweis für Souveränität, und das Image von Souveränität war bisher der Bonus, den Schröder seinem Konkurrenten voraus hatte. Hier wäre Souveränität gerade der Verzicht auf das Machtwort gewesen, das er durch Wowereit hat sprechen lassen. Und der Verzicht auf die schnoddrige Feststellung, er sei mit der Abstimmung sehr zufrieden. Pragmatismus, der im politischen Bereich eine löbliche Grundhaltung ist und vor visionärem Wahnsinn schützt, kann auch in Zynismus und Peinlichkeit umschlagen."

Weitere Artikel: Petra Kohse berichtet über Streichungen im Berliner Kulturetat und die Reaktion der Betroffenen, und in der "Times mager"-Kolumne witzelt Adam Olschewski über männliche Arbeitsmoral.

Besprochen werden David Edgars Theaterstück "Albert Speer" im Hans Otto Theater in Potsdam sowie Robert Wilsons "Doktor Caligari"-Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin.

TAZ, 02.04.2002

Filmemacher Avi Mograbi (mehr hier) betrachtet die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten mit großer Sorge. Vor allem Scharons Siedlungspolitik bereitet ihm Kopfzerbrechen. Angesichts der Terroranschläge sieht er nur eine Lösung: Israel muss das seit 1967 eroberte Territorium zurückgeben. "Wenn es also unser aller Wunsch ist, dem Blutvergießen auf beiden Seiten ein Ende zu bereiten, dann sollte man überlegen, ob nicht womöglich Scharon isoliert und aus seiner Machtposition entfernt werden muss - auf demokratischem Wege natürlich. Deshalb rufe ich den kommenden Ministerpräsidenten von Israel - da ich keine große Hoffnung habe, dass Scharon meinem Vorschlag nachkommen wird - hiermit auf, innerhalb von zwölf Monaten nach seiner Wahl alle israelischen Siedlungen und das Militär aus den besetzten Gebieten zu entfernen. Ohne Ausnahme."

Außerdem: Daniel Bax berichtet von einer Tagung von Nahost-Experten auf Schloss Elmau, auf der Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen der Frage nachgingen, wie die Terroranschläge vom 11. September in der arabischen Welt rezipiert werden.

Besprochen werden die neue Scheibe "Plastic Fang" der Jon Spencer Blues Explosion, die heute in Berlin spielen und Bücher, darunter Roberto Bolanos Roman "Die wilden Detektive", ein Porträt einer verlorenen Generation lateinamerikanischer Intellektueller und die Walter Ulbricht-Biografie von Mario Frank (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

FAZ, 02.04.2002

Die Seite 1 des Feuilletons dient im wesentlichen der Dokumentation erheblicher Einzelheiten aus dem Leben unserer großen Schriftsteller. Ein Text von Elisabeth Mann-Borgese stellt uns Hermann Hesse als versierten Skifahrer und Bocciaspieler vor. Unveröffentlicht auch einer der zahlreichen Briefe Thomas Manns an das Nobelkomitee, in dem er Hesse für den Preis vorschlug. Interessanter an diesem Brief von 1931 ist die zweite Empfehlung Manns - sie gilt dem heute vergessenen russischen Schriftsteller Iwan Schmeljow: "Die politische Tatsache, dass er als entschiedener Antibolschewist zu den in Paris lebenden Emigranten gehört, kann man beiseite lassen oder höchstens in dem Sinn erwähnen, dass er in der französischen Hauptstadt in großer Armut lebt. Seine literarischen Verdienste sind meiner Überzeugung nach so bedeutend, dass er als würdiger Kandidat des Preises erscheint. Von den Werken, die auf mich und, man kann wohl sagen, auf ein Weltpublikum stärksten Eindruck gemacht haben, nenne ich den Roman 'Der Kellner' und die erschütternde Dichtung 'Die Sonne der Toten', in der Schmeljow seine furchtbaren Revolutionserfahrungen niedergelegt hat." Vielleicht ein Tipp für einen engagierten Verlag?

Weiteres: Verena Lueken schildert Reaktionen auf die große Gerhard-Richter-Retrospektive in New York: Don DeLillo hat im New Yorker (leider nicht online) eine Erzählung veröffentlicht, die um seinen Baader-Meinhof-Zyklus kreist. Die Kritik reragierte (mit einer arg polemischen Ausnahme in The New Republic) enthusiastisch auf die Ausstellung. Paul Ingendaay beschreibt die Passionsfestsepiele im spanischen Dorf Alcorisa. Marianne Kreikenbom berichtet über die fachgerechte Restauration von antiken Fresken in der Villa Silin bei Tripolis. Von Jürgen Kesting erfahren wir, dass die geplante Renovierung des Bolschoi-Theaters auf bis zu 500 Millionen Dollar veranschlagt wird. "bat" gratuliert Debbie Reynolds zum Siebzigsten. Dieter Bartetzko meldet, dass die berühmte Berliner Infobox nun vor einer Frankfurter Baustelle wieder aufgestellt wird.

Auf der Medienseite berichtet Gina Thomas über die Probleme des Murdoch-Konkurrenten ITV in Großbritannien (der Mann scheint jetzt pberall absahnen zu können). Uwe Ebbinghaus porträtiert den Schauspieler Jörg Schüttauf, und Frank Pergande bespricht den vierteiligen ZDF-Film "Liebesau".Auf der Bücher-und-Themen-Seite versucht Dietmar Dath zu klären, "wie Physik, Philosophie, Popmusik und Fernsehen mit dem Informationsbegriff umgehen". (Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie Dietmar Dath damit umgeht!) Auf der letzten Seite erinnert Reinhard Veser an den polnischen Schriftsteller Josef Mackiewicz. Thomas Scheen stellt eine Frage, die auch die Öffentlichkeit in Simbabwe bewegt: "Wohin mit Cecil Rhodes' Gebeinen?" Und Dietmar Dath liest die Memoiren des Genforschers James Dewey Watson. Dort ist offenbar vor allem von einem die Rede: "von der den sexuellen Dimorphismus bei Säugetieren zur Qual machenden Schwierigkeit fürs paarungswillige Männchen, sich ein passendes Weibchen zu greifen." Hingewiesen sei schließlich noch auf Christian Preisers kleine "Geschichte des Bleistifts", die auch eine "Geschichte des Hobelns, Schabens, Schälens und Kratzens" ist. Auf den Technik-Seiten der FAZ.

Besprochen werde eine Austellung des grafischen Werks von Andre Masson in Boston, die deutsche Erstaufführung von David Edgars Stück "Albert Speer" in Potsdam, "Maria Stuart" in Darmstadt, Zoltan Spirandellis Film "Vaya con dios", eine Choreografie des "Sacre du printemps" in Bonn und Konzerte beim Lucerne Festival.
Anzeige

NZZ, 02.04.2002

Andrea Köhler geht durch die umstrittene Ausstellung "Mirroring Evil" im New Yorker Jüdischen Museum: "Um die trotzige Absetzung einer Nachfolgegeneration, die sich mit dem Opferstatus der Eltern und Grosseltern nicht mehr identifizieren will, scheint es in dieser Ausstellung weit mehr zu gehen als um eine Auseinandersetzung mit der Ikonographie des Grauens."

Simone Wille wirft einen ausführlichen Blick auf die Kunstszene von Pakistan: "Die Kunst Pakistans gründet nicht etwa auf der simplen Dialektik von 'national' contra 'international' oder Tradition contra Moderne. Künstler beschäftigen sich meist mit all diesen Themen gleichzeitig, und anstatt Gegensätze aufzuheben, behalten sie die Spannung, die in vielen anderen Bereichen des Lebens ebenso existiert, bei und spielen sie gegeneinander aus."

Weiteres: Marc Zitzmann berichtet über eine Polemik um die Verwaltung des "Patrimoine" - des Bauerbes - in Frankreich. Georges Waser schreibt zum Tod der Königin Mutter. Derek Weber befasst sich mit der Lage des Operettentheaters in Wien. Markus Jakob hat Veranstaltungen zum 150. Geburtstag Antonio Gaudis besucht. Besprochen werden ein Konzert Jonathan Notts mit dem Luzerner Sinfonieorchester und einige Bücher, darunter Franzobels "Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit" und Lorenz Schröters Roman "Venuspassage".

SZ, 02.04.2002

Der Historiker Moshe Zimmermann (mehr hier) beschäftigt sich mit der Gewalt im Nahen Osten. Statt von einer "Spirale der Gewalt" will er lieber von einem "Gefälle der Gewalt" sprechen: "Denn es geht um eine graduelle Abwärtsbewegung, die erst langsam als Quantensprung wahrgenommen wird. Schaut man auf die Situation vor drei, sechs oder zwölf Monaten, so wird der qualitative Unterschied deutlich." Die Hoffnung auf eine politische Lösung wird immer kleiner, die "Fortsetzung der Talfahrt" scheint garantiert zu sein, ein verünftiger Dialog in weite Ferne gerückt: "Eine besonnene Betrachtung ist aussichtslos, weil die Mehrheit in Anlehnung an die radikalen Lager für Gegenargumente taub ist. Dabei achtet niemand auf die Feinheiten der historischen Prozesse. Es wird pauschal und radikal diskutiert."

Petra Steinberger untersucht Feindbilder nach dem Ende des Kalten Kriegs und interessiert sich dabei insbesondere für die Rollen, die Ariel Scharon und Jassir Arafat im Nahost-Konflikt zugedacht werden: "So wird in diesen Tagen die uralte persönliche Feindschaft zwischen Ariel Scharon und Jassir Arafat zum finalen Kampf stilisiert - obwohl oder vielleicht weil beide genau wissen, dass sie sich gegenseitig benötigen, um von der Planlosigkeit ihrer eigenen Politik abzulenken. Arafat ist soeben zum 'Feind Israels und der freien Welt' erklärt worden, was nichts anderes bedeutet, als eine prämodern anmutende Blutfehde mit der Begrifflichkeit des Kalten Krieges zu ummanteln und damit zu rechtfertigen."

Weitere Artikel: Franziska Augstein weiß von einer Affäre, die die Königinmutter während des Zweiten Weltkriegs hatte. Dass man auf den Inseln nicht darüber spricht, wertet sie als Zeichen der Beliebtheit der verstorbene Elizabeth bei den Briten. Herbert Riehl-Heyse reflektiert über die Kolumne als journalistische Form. Martin Z. Schröder gratuliert dem Typografen Jan Tschichold (mehr hier und hier) zum hundertsten Geburtstag. Volker Breidecker berichtet über ein Kolloquium über die Goethe-Gesellschaft im Nationalsozialismus. In der Reihe "Heimatkunde" schreibt Christian Kortmann über den Gehweg. Und in der Reihe "Welche Schule wollen wir" fordert Hildegard Hamm-Brücher, den Erwerb sozialer Kompetenzen - wenn es sein muss auch mit 'Kopfnoten für alle' - stärker zu fördern.

Besprochen werden: John Jasperses Choreografie "A double face" in Lyon, eine Ausstellung über den Verleger und Revolutionär Giangiacomo Feltrinelli im Zürcher Museum Strauhof, David Edgars "Albert Speer"-Inszenierung in Potsdam, eine Ausstellung von "Ebenbildern" des menschlichen Körpers aus neuntausend Jahren im Essener Ruhrlandmuseum, Paul McCreeshs Aufführung der Matthäus-Passion ohne Chor in München, Zoltan Spirandellis "Kirchen-und-Kutten-Komödie" "Vaya con dios" und Wang Xiaoshuais Film "Beijing Bicycle" und Bücher, darunter Andre Kubiczeks Roman "Junge Talente" und Reinhard Müllers Studie über die "Menschenfalle Moskau" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).