Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.01.2002. Die FAZ porträtiert den neuen Berliner Kultursenator Thomas Flierl, der nun ein Rosa-Luxemburg-Denkmal errichten und Ostberliner Kleinkunst fördern soll. Die FR zweifelt allerdings, ob man so mit Hauptstadtkulturfragen fertig wird. Auch die taz ist traurig: Das sei zweite oder dritte Wahl. Die NZZ weiß derweil schon wie Lea Roshs neue Büchersendung "Willkommen im Club" aussehen wird.

NZZ, 11.01.2002

Joachim Güntner hat sich die Pressekonferenz zur neuen Büchersendung des Bertelsmann-Clubs mit Lea Rosh angehört und skizziert schon mal, wie man sich die Sendung mit dem schönen Titel "Willkommen im Club" vorzustellen hat: "Unähnlichkeiten mit dem kürzlich verblichenen 'Literarischen Quartett' sind beabsichtigt. Dort sei 'über' Bücher und Autoren gesprochen worden, sagt Lea Rosh. 'Wir reden mit Autoren über Bücher.' Der Autor ist das Zugpferd und steht im Zentrum der Sendung, weshalb die zum Fernsehtalk nicht befähigten Schriftsteller, und mögen ihre Werke auch noch so gut sein, von diesem Forum leider ausgeschlossen bleiben. Das Publikum darf mitdiskutieren. Der Weg zum Buch führt über Emotionalisierung und Personalisierung. Was hat den Autor zu seinem Stoff motiviert? Wie empfindet das Publikum diese oder jene besonders anrührende Passage? Darum geht es, wenn auch nicht nur."

Andrea Köhler berichtet von Überlegungen zum New Yorker Ground Zero. Der neue Bürgermeister Michael R. Bloomberg scheint die Sache pragmatisch angehen zu wollen: "Ein Geschäftszentrum mit Bürotürmen und Apartmenthäusern soll auf Ground Zero entstehen, die Rede ist von vier Türmen, die nicht höher als etwa 50 Stockwerke werden sollen. Zumindest in den Größenordnungen der Gebäude scheint sich die 'Lower Manhattan Redevelopment Authority', jene Gesellschaft also, die für den Wiederaufbau am Ort des ehemaligen World Trade Center verantwortlich ist, einig zu sein. Doch immer häufiger werden daneben Stimmen laut, die vor einer allzu fixen und bürokratischen Lösung warnen." Die von Renzo Piano zum Beispiel, der sagte, dass die Architekten, die "in der Lage wären, für Ground Zero eine überzeugende Lösung zu finden..., heute ohnehin erst vier oder fünf Jahre alt" seien.

Weiteres: Paul Jandl meldet, dass das Wiener Museum moderner Kunst ein halbes Jahr nach seiner Eröffnung wieder für Revisionen am Bau geschlossen wird. Besprochen werden eine Ausstellung über die Lebensreformbewegung in Darmstadt und eine Lucia di Lammermoor in Lyon. Auf der Filmseite finden wir einen Diskussionsanstoß des Schweizer Filmförderers Beat Glur: "Aufbruch im Schweizer Film?"

SZ, 11.01.2002

Die SZ druckt drei Reaktionen auf Ulrich Herberts Warnung (SZ 8.1.02) vor Massenentlassungen von Privatdozenten aufgrund des neuen Hochschulrahmengesetzes. Während Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, in einem Gespräch auf die Phantasie der seiner Meinung nicht erst jetzt bedrohten Spezies des Privatdozenten und auf externe Partner setzt, "damit diese Leute eine Beschäftigung finden" und DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker die "Horrorszenarien" für überzogen hält (sein drolliger Tipp: "warnen, aber erst mal abwarten, was passiert"), sieht Hans-Olaf Henkel, Präsident der Wissenschaftsgemeinschaft, eigene Bedenken bestätigt: "Wir bewegen uns auf dünnem Eis, wenn wir die Befristung von Verträgen mit wissenschaftlichen Mitarbeitern auf das Teilzeit- und Befristungsgesetz stützen. Das Risiko ist hoch, dass Arbeitsgerichte die vertraglichen Lösungen jenseits des Hochschulrahmengesetzes in den Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht überzeugend finden, und die Begründungs- und Beweislast liegt beim Arbeitgeber."

Gustav Seibt besieht sich den neuen Berliner Kultursenator Thomas Flierl ("wandelnder bürgerlicher Vorwurf") und wittert die Chance für die Sicherung der bedrohten kulturellen Infrastruktur der Hauptstadt. Fehlte nur noch das Geld, meint Seibt. "Um allerdings dafür die Herzen zu erweichen, selbst das des Bundes, müsste der Berliner Kultursenator ein wenig Glanz, mindestens jedoch eine mitreißende Beredsamkeit entfalten ? ein bisschen also von genau jenem Glamour, der Flierl so zuwider ist. Stattdessen sollen, so haben SPD und PDS es vereinbart, Kiez-Szene und Stadtteilkultur verstärkt gefördert werden ? vorausgesetzt, sie hält sich an die Lärmschutzverordnung und dient dem Dialog der Kulturen. Die Love-Parade jedenfalls ist zu laut dafür."

Der Berlin-Seite der SZ hat Flierl bereits ein Interview gewährt. Auf die Fragen Ralph Hammerthalers antwortet er: "Sponsoren sind natürlich willkommen. Bedenken hätte ich allenfalls gegen eine rohe Form des Sponsoring, die meist nur Produktwerbung meint und jede Art von intelligenter Unterstützung ausschließt. Aber Bedenken werden wir uns kaum leisten können angesichts der finanziellen Lage."

Weitere Artikel: apropos Bildungsmisere: der Neurophysiologe Detlef B. Linke sagt, wie früh man mit dem zielgerichteten Lernen beginnen sollte. Alex Rühle untersucht den Terrorismus in seiner nächsten Phase ? als Spektakel. Wir lesen, wie die CSU/CDU mit "Angie & Edi" Westerntheater im Geiste Schillers macht und wie Stephen Hawking zu seinem Geburtstag einen unfreundlichen Geburtstagsgruß aus dem Vatikan erhielt. Willi Winkler erzählt die Geschichte des erstaunlich wendigen Salmai Kahlilsad, der mit allen afghanischen und amerikanischen Wölfen heulte und nun Botschafter ist. Für die Serie Museumsinseln besucht Eva Marz das Berner Psychiatriemuseum (mehr hier). Und Oliver Fuchs interviewt den allerersten Popliteraten, den ewigen Chronisten des Post-Punk in Bochum, Wolfgang Welt ("Der Tick").

Besprochen werden "Momo" ? der Film, Alex de la Iglesias Streifen "La Comunidad", eine Phänomenologie der Kindfrau von Andrea Bramberger, Georges Salles "Blick" des Künstlers auf die Welt sowie Raul Brandaos gesammelte Impressionen aus Portugal (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 11.01.2002

Angesichts der Wahl des neuen Berliner Kultursenators beklagt Harry Nutt die "Rekrutierungslücken" der PDS und das politische Kulturverständnis beider Regierungsparteien. "Das eigentliche Kraftzentrum der Kultur denkt man sich als Leerstelle, als Ort eines vermuteten Göttlichen, das als Pathosformel und Kultstätte da zu sein hat, aber nicht wirklich bespielt werden kann." Künftige Kulturpolitik stellt sich Nutt im besten Fall als Mitmachprogramm vor (siehe das in die Koalitionsvereinbarung aufgenommene "in subversiver Nachtarbeit" aufgestellte Rosa-Luxemburg-Denkmal vor der Berliner Volksbühne). "Das mag politisch opportun sein, Haushaltsprobleme und Hauptstadtkulturfragen löst man damit freilich nicht."

In Erwartung des PDS-Kultursenators macht sich auch Christian Thomas so seine Gedanken. Kaum ist das sozialdemokratische Kulturgeschwurbel beendet, meint er, geht es schon weiter nach dem Motto: Mehr Basiskultur wagen. "Daran knüpft das Kleingeistgedruckte der Koalitionsvereinbarung nahtlos an. Die PDS-Klientel wird einer bewusst niedriger gehängten Hochkulturpolitik entgegensehen dürfen - und die Frage wird sein, wie souverän (wie autonom) Thomas Flierl dennoch Richtlinien für all die Berliner Bühnen und Podien, die Salons, Hörsäle und Museen der Hochkultur zu formulieren und zu behaupten bereit ist. Dabei wird insbesondere die Wirtschaft darauf achten, wie sehr der arme Mann von Berlin die nationalen Ambitionen der Hauptstadt fördert".

Außerdem zu lesen: Elke Buhr berichtet über die American Music Awards, wo ? was Wunder ? freie Bauchnabel über guten Geschmack siegten (aber gucken Sie doch selbst), und Ralf Grötker amüsiert sich bei den Experimenten des Wirtschaftswissenschaftlers Ernst Fehr am Berliner Wissenschaftskolleg, bei denen der Homo Oeconomicus zur Strecke gebracht wird, indem man ihn mit Euro ködert.

Besprochen werden Alejandro Amenabars leiser Horrorschocker "The Others", Janine Meerapfels eher elysisch anmutender Film "Annas Sommer" und die große CD-Edition "Vorbei... Beyond Recall", auf der in historischen Aufnahmen jüdisches Musikleben im Nazi-Deutschland dokumentiert ist.
Anzeige

TAZ, 11.01.2002

Berlin hat einen neuen Kultursenator, das wissen wir schon. Was wir bisher nur geahnt haben, macht Ralph Bollmann zur traurigen Gewissheit: Mit dem Lokalpolitiker Thomas Flierl ist der große Traum von der Hauptstadtkultur ausgeträumt. Bollmann traut dem Ex Baustadtrat von Berlin-Mitte, den die Boulevardpresse einst wahlweise zum "Nerv-Stadtrat" oder zum "Blockadepolitiker" erklärte und der die Kulturszene verstimmte, indem er das "Ahornblatt" abreißen ließ und den kleinen Galerien in Mitte das Leben schwer machte, keine großen Sprünge zu. "Da ist es schon fast ein Trost, dass Flierl, gegenüber Gysi und dem auch ins Gespräch gebrachten Lothar Bisky eh nur zweite oder dritte Wahl, wahrscheinlich der ohnmächtigste Kultursenator ist, den Berlin je hatte", meint Bollmann. Da können Gysi und Wowereit ihren kulturpolitischen Einfluss geltend machen. Uwe Rada meint auf der Berlin-Seite, dass die PDS mit Flierl wohl eher ins eigene Milieu wirken will, statt sich auf den Weg nach Westen zu begeben. Und Susanne Amann konstatiert "abwartend positive" Reaktionen auf die Nominierung Flierls.

Weiteres in der taz: Bernd Müllender interviewt den flämischen Schriftsteller Geert van Istendael (mehr hier), der Belgien für ein Musterland und die holländischen Verleger für die besten hält, Cristina Nord porträtiert die spanische Schauspielerin Angela Molina (Bild; derzeit zu sehen in Janine Meerapfels "Annas Sommer"), Thomas Winkler stellt die "Indietronics"-Band The Notwist aus Weilheim vor, Gerrit Bartels bespricht das aktuelle Album von Andrew W. K., einem weiteren Erlöser (so sieht er auch aus) des Rock n' Roll neuerer Zeit.

Und die Tagesthemen diskutieren die Bildungsmisere hier und in den USA und sagen, was Johannes Rau (hier) und George W. Bush (hier) jeder auf seine Art dagegen tun wollen.

Schließlich Tom.

FAZ, 11.01.2002

Nicht Gregor Gysi, sondern ein gewisser Thomas Flierl, den im Westen niemand kennt, wird jetzt Kultur- und Wissenschaftssenator in Berlin. Er "wird es sein, der den Passus im Koalitionsvertrag erfüllen muss, in dem die Errichtung eines Denkmals für Rosa Luxemburg beschlossen wurde", schreibt Ilona Lehnart. Ach je, und gibt es sonst noch Punkte auf der Agenda? "Dass Wissenschaft und Kultur zu den 'Zukunftsressourcen' der Stadt zählen, war bislang eine stehende Wendung aus dem Munde Gregor Gysis. Wie die PDS aber im konkreten Fall vorzugehen gedenkt, darüber waren bislang nur Beschwichtigungen der üblichen Kategorie zu hören. Größeren Eifer zeigten die Postkommunisten, wenn die Förderung der Off-Kultur auf der Agenda stand, insbesondere bei Einrichtungen im Ostteil der Stadt." Klingt ja sehr aufregend! In einem zweiten Artikel porträtiert Johan Schloemann den 25-jährigen PDS-Politiker Benjamin Hoff, der wahrscheinlich Staatsekretär für Wissenschaft unter Flierl wird, ein Einserstudent, der sich von der Hoffnung auf eine Revolution offensichtlich verabschiedet hat: "Jetzt bereitet Hoff eine Dissertation über ein Thema vor, zu dem ihm das empirische Material nicht fehlt: den Haushaltsnotstand von Bundesländern."

Weitere Artikel: Werner Spies stellt die New Yorker "Neue Galerie" vor, die sich der klassischen deutschen Moderne widmet. Der Sammler Harald Falckenberg nimmt in einem ganzseiteitigen Aufsatz zur These Stellung, dass die Museen heute zu viel zeitgenössische Kunst kaufen und sich über dies von den Sammlern ausstechen lassen. Christian Saehrendt räumt mit der Hoffnung auf, dass noch viele Überreste des ehemaligen Berliner Stadtschlosses existierten, die in einen Wiederaufbau integriert werden könnten ("Vom riesigen Baukörper des Berliner Stadtschlosses sind heute nämlich nur noch zirka zweihundert Fragmente erhalten. Bezogen auf die über tausend Meter Außenfassade, sind die Zahl und der Umfang der erhaltenen Fassadenteile damit verschwindend gering.")

Ferner berichtet Irmela Hijiya-Kirschnereit aus Japan, dass der Nobelpreisträger Kenzaburo Oe einen Schlüsselroman über seinen Schwager Itami Juzo geschrieben hat, den Regisseur des köstlichen Films "Tampopo", der sich vor vier Jahren aus dem Fenster stürzte - das Buch ist in Japan ein Bestseller. Auf der Medienseite erzählt Jörg Hahn wie das Skispringen bei den privaten Fernsehsendern zur Show wurde. Und die Stern-Geschichte um den CSU-Spendenskanal ist und bleibt ein Flop, meint "jöt" in einem Kommentar. Milan Chlumsky schreibt ein kleines Profil des Brüssler Verlags Freon, der mit seinen anspruchsvollen Comics Aufsehen erregt. Anneke Boeken stellt das neue Fotomuseum in Amsterdam vor, die erste Ausstellung heißt "Dutch Delight" und ist der Rolle des holländischen Lichts in der Fotografie gewidmet. Verena Lueken stellt die neue Kleiderordnung der amerikanischen Armee vor und erzählt, dass sich eine mutige in Saudi-Arabien stationierte Soldatin gegen das von der Armee aus Respekt vor lokalen Gepflogenheiten befohlene Tragen eines Schleiers wehrt. Walter Haubrich schreibt zum Tod Isabel Garcia Lorcas, der Schwester des Dichters. Michael Gassmann erinnert an den Orgelvirtuosen Maurice Durufle, der heute hundert würde. Und Hannelore Schlaffer versucht, sich in einem kleinen Essay den Erfolg der Hörbücher zu erklären.

Besprochen werden Steven Soderberghs Remake des Gauner-Films "Ocean's Eleven" und die Designausstellung "Passagen", die parallel zur Kölner Möbelmesse stattfindet. Auf der Schallplatten-und-Phonoseite geht's um die Maurizio-Pollini-Edition der Deutschen Grammophon, eine neue CD der Smashing Pumpkins, eine CD der Bassisten Bill Laswell und Jah Wobble und um Bruckner-Aufnahmen von Günter Wand.