Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.08.2001.

NZZ, 03.08.2001

So, da ist er der Nachruf auf Einar Schleef, der in der gestrigen NZZ noch fehlte. Christoph Funke hat ihn geschrieben. "Fast jede Inszenierung löste eine Theaterschlacht aus, mit den wütendsten Verrissen, die die deutsche Theaterkritik dieser Zeit kennt - und dann mit der langsam wachsenden Einsicht, dass hier ein ganz und gar Außerordentlicher am Werke war, einer, der Türen aufstößt, nach den Quellen forscht und so die Tragödie völlig neu entdeckt."

Weitere Artikel: Birgit Pauls würdigt die Arbeit des Teatro Comunale in Bologna (übrigens der ersten Oper, die in Italien Wagner aufführte) unter Antonio Galli. Besprechungen widmen sich der sechsten Biennale für zeitgenössische Kunst in Lyon, einer Ausstellung über die Architektur der pietistischen Herrnhuter-Bewegung im Kreismuseum Neuwied und dem 16. Internationalen Musikfestival von Davos.

NZZ, 03.08.2001

Der britische Auslandskorrespondenten Andrew Gimson wundert sich, dass die deutsche Presse so wenig Zweifel an der Begründung Helmut Kohls für den Selbstmord seiner Frau hat. "Es gibt Berichte, nach denen sie in den letzten Monaten durchaus in der Lage gewesen zu sein schien, Tageslicht zu ertragen. Einer meiner Freunde sah sie erst kürzlich auf einem Spaziergang im Grunewald am Stadtrand von Berlin. Helmut Kohl selber machte einen Tag vor ihrem Tod Andeutungen über die nächsten gemeinsamen Sommerferien in Österreich. Nur der Stern traute sich anzumerken, dass die offiziellen Angaben zusammenhangslos seien. Außerdem wies er darauf hin, dass vor einigen Wochen, als Peter, der Sohn der Kohls, die Türkin Elif Sözen in Istanbul heiratete, Herr Kohl nicht mit seiner Frau erschien, sondern mit seiner Sekretärin Juliane Weber." Die "moralische Ernsthaftigkeit" der deutschen Presse gehe Hand in Hand mit einer " beinahe kriminellen Naivität, wenn es um die Berichterstattung über die Aktivitäten eines Machers wie Helmut Kohl geht, ein lächerlicher Wille, jemanden wie ihn in seinen Aussagen ernst zu nehmen, und einen Glauben, dass es geschmacklos und unprofessionell wäre, unangenehme Fragen zu stellen."

Weitere Artikel: Annette Kilzer porträtiert den Schauspieler Sky du Mont und Sabine Leucht die Theaterautorin Felicia Zeller.

Besprochen werden die CD "Hot Shots II" der Beta Band und Volker Koepps Film "Kurische Nehrung".

Schließlich Tom.

SZ, 03.08.2001

Der Schriftsteller Richard Swartz ("Ein Haus in Istrien") glaubt nicht, dass es in Mazedonien zum "großen balkanischen Krieg" kommt; "es liegt einfach nicht mehr genug Pulver im Fass. Für einen Bürgerkrieg würde es gewiss noch reichen, aber das wäre dann eine regionale Auseinandersetzung mit weniger Potenzial für einen größeren regionalen Konflikt, als etwa der bosnische Krieg ursprünglich besaß. Für die westlichen Länder gehört die Krise in Mazedonien daher zu einer anderen Art der Herausforderung als der Vermeidung eines großen Kriegs: Vor allem geht es darum, dass kein Blut vergossen wird und dass keine neuen Grenzen gezogen werden. Ein blutiger Bürgerkrieg wäre allein eine Niederlage für Europa, so wie eine Teilung Mazedoniens ein schicksalsschweres Urteil über europäische Werte wäre."

Michael Brenner wettert gegen die "Naivität, Geschmacklosigkeit und Profilierungssucht" bei der Werbung um Spenden für das Holocaust-Mahnmal. "Wenn sich in öffentlichen und privaten Töpfen nicht ohne offensive Werbekampagnen genug Geld für einen solchen Zweck ansammelt, wozu dann ein solches Mahnmal? Dann wäre es zwar schmerzlich, aber konsequent, sich einzugestehen, dass das Projekt als solches versagt hat." Das wäre dann ja sehr geschmackvoll! Brenner fragt übrigens auch: "Wer eigentlich hat Lea Rosh das Recht dazu gegeben, die Interessen der Holocaustopfer in der Öffentlichkeit zu vertreten?" Klingt fast so, als hatte Brenner die ursprüngliche Idee für das Mahnmal. Wir bewundern sein Engagement!

Weitere Artikel: Andrian Kreye findet die mürrischen Kommentare amerikanischer Filmkritiker zu den Sommerfilmen ('Gibt es denn gar nichts Neues unter der Sonne? Wo sind all die Ideen geblieben?') verfehlt: sie sind eben für Kinder. (Wieso eigentlich? Sind die Erwachsenen nicht in der Mehrzahl?). Claus Koch warnt uns in seinen "Noten und Notizen" davor, Politikern zu glauben.

Besprochen werden beim Zeitfluss-Festival in Salzburg die Aufführung von Luigi Nonos Vokalwerk "Io, Frammento da' Prometeo" für drei Soprane, Kammerchor, Flöte, Klarinette und Live-Elektronik und als österreichische Erstaufführung "Infantry", ein Performance-Musiktheater der israelischen Künstlerin Meira Asher und ihrer Truppe "Bodylab". Und schließlich ebenfalls in Salzburg Tobias Morettis "Kein Tirolerabend". Weiter werden besprochen die "Götterdämmerung" in Bayreuth, die Aufführung der "Vagina Monologe" mit Hannelore Elsner in der Berliner Kulturarena, eine Ausstellung mit tschechischem Kubismus im Rupertinum in Salzburg und ein Sammelband über Körperkontakt in der Analyse.
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FR, 03.08.2001

Claus Leggewie lobt das Zuwanderungskonzept der Freien Demokraten, das "die großen Parteien in den Schatten" stellt und "die Bündnis-Grünen erröten lassen" müsste. Während die anderen Parteien nämlich immer nur das wirtschaftliche Eigeninteresse an der Zuwanderungspolitik hervorheben ? und dies ausschließlich im Zusammenhang mit der Zuwanderung fehlender Fachkräfte ? hätten die Liberalen mit ihrer Forderung nach Abschaffung der letzten Arbeitsverbote auch die Niedriglöhner im Auge, "deren 'Drecksarbeiten' (als da sind: Gastronomie, Pflegedienste und dergleichen) kein Einheimischer zu diesen Stundenlöhnen auszuüben geneigt ist. Und ausländische Putzhilfen, bei denen man auf Aufenthaltsstatus und Krankenversicherung nicht so genau achtet, setzt doch auch das Juste Milieu ein, das sich jetzt empört, wenn eine Partei die schlichte Wahrheit sagt: Dass Einwanderer aus blankem Eigennutz gerufen werden und aus ebenso egoistischen Motiven auf die westlichen Inseln der Seligen drängen."

Frank Keil wundert sich nicht, dass Christine Bergmanns Reise durch zehn Unternehmen auf der Suche nach den neuen Vätern weitgehend ergebnislos blieb. "Man hat den Vater als agierende Figur im Positiven wie im Negativen regelrecht aus dem Verkehr gezogen. Wo die berufstätige Mutter immerhin für die seelische Verwahrlosung der zukünftigen Rentenbeitragszahlers verantwortlich gemacht werden kann, die ihr egoistisches Karrierestreben nun mal mit sich bringt, gibt es beim gleichfalls berufstätigen Mann eine Leerstelle. Sie kann wenigstens etwas bis alles falsch machen, er ist schlicht nicht existent".

Weitere Artikel: Eckhard Henscheid führt seine Kolumne "Gewäsch des Monats" fort. Und Peter Michalzik fragt: Was macht eigentlich das Saarland?

Besprochen werden die Tribute-CD "I love Serge", Milton Moses Ginsbergs Experimentalfilm "Coming Apart" von 1969, der gerade mit einer neuen Kopie wieder ins Kino kommt, Erwin Steinhauers Lesung der Höß-Erinnerungen beim Zeitfluss-Festival in Salzburg, eine Ausstellung über die deutsche Archäologie im Dienst nationalsozialistischer Propaganda im Archäologischen Museum in Straßburg, und die Aufführung der Vagina-Monologe mit Hannelore Elsner in Berlin ("Jetzt ahnt die Schreiberin, dieses Wort will niemand wirklich gedruckt sehen, weil nichts bleibt von dem Vergnügen, der Elsner zuzuhören, wie sie 'Fotze' sagt.")

TAZ, 03.08.2001

Der britische Auslandskorrespondenten Andrew Gimson wundert sich, dass die deutsche Presse so wenig Zweifel an der Begründung Helmut Kohls für den Selbstmord seiner Frau hat. "Es gibt Berichte, nach denen sie in den letzten Monaten durchaus in der Lage gewesen zu sein schien, Tageslicht zu ertragen. Einer meiner Freunde sah sie erst kürzlich auf einem Spaziergang im Grunewald am Stadtrand von Berlin. Helmut Kohl selber machte einen Tag vor ihrem Tod Andeutungen über die nächsten gemeinsamen Sommerferien in Österreich. Nur der Stern traute sich anzumerken, dass die offiziellen Angaben zusammenhangslos seien. Außerdem wies er darauf hin, dass vor einigen Wochen, als Peter, der Sohn der Kohls, die Türkin Elif Sözen in Istanbul heiratete, Herr Kohl nicht mit seiner Frau erschien, sondern mit seiner Sekretärin Juliane Weber." Die "moralische Ernsthaftigkeit" der deutschen Presse gehe Hand in Hand mit einer " beinahe kriminellen Naivität, wenn es um die Berichterstattung über die Aktivitäten eines Machers wie Helmut Kohl geht, ein lächerlicher Wille, jemanden wie ihn in seinen Aussagen ernst zu nehmen, und einen Glauben, dass es geschmacklos und unprofessionell wäre, unangenehme Fragen zu stellen."

Weitere Artikel: Annette Kilzer porträtiert den Schauspieler Sky du Mont und Sabine Leucht die Theaterautorin Felicia Zeller.

Besprochen werden die CD "Hot Shots II" der Beta Band und Volker Koepps Film "Kurische Nehrung".
Hinzuweisen ist auch auf ein großes Gespräch, das Rolf Lautenschläger und Philipp Gessler mit dem Schweizer Architekten Peter Zumthor führten - der offensichtlich nicht gering von sich denkt: "Ich stelle für viele jüngere Kolleginnen und Kollegen so etwas wie eine Hoffnung dar, weil ich nicht einfach nachgebe und mich nicht so in die Pflicht nehmen lasse." Recht hat er.
Schließlich Tom.

FAZ, 03.08.2001

Achim Bahnen kommentiert das Votum des amerikanischen Repräsentantenhauses gegen das reproduktive und therapeutische Klonen und fürchtet raffinierte Strategien: "Mancher, der heute lautstark gegen das therapeutische Klonen ist, will morgen die Stammzellforschung mit Embryonenverbrauch gewähren lassen." An den Börsen scheint man das anders zu sehen: Die Biotechaktien sind gefallen, berichtet Jordan Mejias, manche malen jetzt einen brain drain in den USA an die Wand.

In einem dritten Artikel über das Klonen erläutert Donald Bruce vom britischen Projekt "Society, Religion, and Technology" die relativ liberale Haltung der schottischen Kirche in bioethischen Fragen, stellt aber auch eine interessante Frage zur britischen Seelenlage: "Sollte tatsächlich die Nutzung menschlicher Embryonen auf immer größere Akzeptanz stoßen, während zugleich Tierversuche immer stärker kritisiert werden?"

Joseph Hanimann schildert Versuche der französischen Regierung, die internationale Kulturarbeit Frankreichs zu straffen. Schuld sind immer neue Zweifel an der kulturellen Ausstrahlung Frankreichs: Unter den zehn international meistgehandelten Künstlern, so zitiert Hanimann aus einer Erhebung der Zeitschrift Capital, ist "Christian Boltanski mit seinem zehnten Platz heute der einzige Franzose, während vor dreißig Jahren mit Vasarely, Arman, Yves Klein und dem Schweizer Jean Tinguely noch dreieinhalb französische Namen auf der Prominentenliste standen."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru schreibt über dänisch-israelische Probleme: Der designierte israelische Botschafter, Karmi Gillon, ist ein Geheimdienstmann, der "moderaten physischen Druck" (also Folter) in Verhören rechtfertigt, und darum in Dänemark umstritten. Heinrich Wefing findet die Versuche, die Gasometer in Wien-Simmering architektonisch neu in Szene zu setzen, misslungen. Michael Gassmann resümiert eine Deutschlehrertagung in Luzern. Niklas Maak gratuliert dem Architekten Thomas Herzog zum Sechzigsten. Marlis Prinzing stellt die Envisat-Mission vor - es handelt sich dabei um einen europäischen Satelliten, der Daten zur Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung sammeln soll. Außerdem mokiert man sich sanft über die Porzellanstatuette, welche demnächst den in München zu vergebenden "Internationalen Buchpreis" abgeben soll (siehe auch unsere Buchmacher-Kolumne.)

Besprochen werden die Wiederaufnahme des Bayreuther "Rings" unter Adam Fischer und Jürgen Flimm, eine Ausstellung über Kandinskys Malerei aus der Zeit seiner Rückkehr nach Moskau im Ersten Weltkrieg im Musee d'art moderne et contemporain in Straßburg und Peter Halls Inszenierung von Verdis "Otello" in Glyndebourne und ein Fantasy-Festival in Braunfels..

Auf der Schallplatten-und-Phonio-Seite geht es um Mark Minkowskis Aufnahme von Glucks "Iphigenie in Tauris", um eine neue CD von Ghalia Benali und ihrer Band Tmnaa und um mehrere neue CDs bekannter Big Bands.