Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2001.

NZZ, 04.08.2001

Sieglinde Geisel berichtet, dass in Berlin ein Globe Theater gebaut werden soll. Zu diesem Zweck wurde bereits 1999 eine Shakespeare Company Berlin gegründet. "Die Baukosten für das beheizbare und überdachte Freilufttheater mit 750 Sitzplätzen werden sich im einstelligen Millionenbereich bewegen, sagt der Schauspieler Christian Leonard, der für die Erfüllung seines Traums vom eigenen Ensemble vorerst tief in die eigene Tasche gegriffen hat. 'Ich lasse mich von gar nichts entmutigen', sagt er, und die erste Hürde ist bereits genommen. Bei einem Gründerwettbewerb der Investitionsbank Berlin hat das Projekt 'Globe Berlin', zusammen mit 127 anderen Start-ups aus Wirtschaft und Hightech, die Endrunde erreicht." Inzwischen hat die Company auch ihr Debüt gegegeben: "Auch mit einer einfallsreichen Regie und brillanten Schauspielern wäre das Stück 'Shakespeare Love Songs' (die Ähnlichkeit mit dem Filmtitel ist gewollt) zum Heulen."

Weitere Artikel: Klaus Englert beschreibt das von Rem Koolhaas geplante Kongressgebäude in Cordoba. Ursula Seibold-Bultmann berichtet über die Wiedereröffnung des von Inigo Jones gebauten "Queen's House" in Greenwich, in dem bildende Kunst ausgestellt wird. Andreas Maurer berichtet vom Filmfestival in Locarno, und Thomas Veser stellt die "Israel Nachrichten" vor, die einzige deutschsprachige Tageszeitung außerhalb des deutschsprachigen Raums.

Besprochen werden die "Meistersinger" in Bayreuth und zahlreiche Bücher, darunter Eduardo Belgrano Rawsons Roman "Schiffbruch der Sterne".


In der Wochenendbeilage Literatur und Kunst schildert Georges Waser den Markt für Gegenwartskunst am Beispiel der "Young British Artists": "Wer vor zwei Jahren an der Londoner Contemporary Art Fair vom Balkon hinabspähte, gewahrte zwei fast gleich grosse abstrakte Gemälde - eines hatte einen senkrechten blauen Streifen zum Zentrum, das andere war ein Wirbel von grellen Farben. Angeschrieben waren diese Bilder mit Preisen von 4.000 beziehungsweise 65.000 Pfund. Welche Kriterien einer aber beim näheren Hinsehen auch anwendete: dass ein Bild eindeutig besser gewesen wäre, hätte er nicht sagen können. Allerdings, das billigere Werk stammte von einem Künstler, dessen unvertrauter Name einem gleich wieder entfiel - während sich das teurere schon von weitem als eines jener 'spin paintings' identifizieren liess, die Damien Hirst in wenigen Minuten anzufertigen beliebt. Also wirkt bei Gegenwartskunst nicht so sehr die Qualität als vielmehr ein sofort erkennbares 'Markenzeichen' preisbestimmend."

Weitere Artikel: Matthias Vogel denkt über engagierte Gegenwartskunst nach. Besprochen wird die Ausstellung "Über das Erhabene" im Deutschen Guggenheim Berlin. Und schließlich werden auch in der Beilage viele Bücher besprochen, darunter Martin Walsers "Der Lebenslauf der Liebe" (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

SZ, 04.08.2001

Reisezeit. Gottfried Knapp aber ist zuhause geblieben, um sich zu fragen, warum die Deutschen sich weigern, das eigene Land zu entdecken. ? Weil die Deutschen unter dem zwanghaft wiederholten Ferienritual verlernt haben zu differenzieren, meint Knapp: "Da sie sich nur im Urlaub etwas wie Leben gönnen, halten sie Schönheit, Heiterkeit, Menschlichkeit, ja sogar Kultur für etwas, was in Deutschland nur rudimentär existiert, im Ausland aber ganz natürlich auf den Bäumen wächst. Sie sparen zu Hause verbissen ? nicht nur Geld, sondern auch Emotionen, tragen einen beträchtlichen Teil ihrer Einkünfte und alle schönen Stunden geflissentlich über die Grenzen." Und Sympathisieren mit den paramilitärischen Ritualen der italienischen Polizei, mit der Botticelli-Venus und mit Pinot Grigio ? anstatt mit deutschen Gesetzeshütern, mit der Verkündigungsgruppe von Ignaz Günther in der Kirche von Weyarn und mit Rheinwein. Ehrlich, das ist soo gemein.

Weitere Artikel: Nächste Woche kommt "American Pie II" in die US-Kinos, im Internet ist er jetzt schon zu sehen ? als Raubkopie. Ferner gibt es einen Bericht von der Fußball-Weltmeisterschaft für Roboter in Seattle. Und Sonja Zekri erzählt die Geschichte der Erfurter Firma "Topf und Söhne", die einst die Öfen für Auschwitz baute und deren Gelände nun zum Verkauf steht.

Besprochen werden: Pat O'Connors Film "Sweet November", eine Retrospektive des Fotografen Ansel Adams im San Francisco Museum of Modern Art, Arnulf Rainers Bibelübermalungen in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München und Alexander Solschenizyns Monumentalwerk "Zweihundert Jahre gemeinsam" Teil 1. Sowie auf den Literaturseiten: Robert Menasses neuer Roman "Die Vertreibung aus der Hölle" und ein Band mit Dokumenten zu einem wunderlichen Paar ? Rilke und Rodin (in unserer Bücherschau am Sonntag ab 11).

In der SZ am Wochenende startet der Wirtschaftswissenschaftler und Klimafolgenforscher Ottmar Edenhofer einen Aufruf zum Energiesparen. Andere Wege, die Treibhausgase zu reduzieren und so die Erderwärmung zu stoppen, sieht Edenhofer nämlich derzeit nicht. Noch seien fossile Brennstoffe einfach zu billig, die Kernenergie dagegen sei zu teuer und unsicher obendrein. Ein globales Umweltmanagement müsse her. Kyoto, meint der Experte, das sei erst der erste Schritt in diese Richtung. Nicht mehr und nicht weniger.

Außerdem besucht Werner Fuld den Maler Eberhard Schlotter, seines Zeichens letzter Vertreter der klassischen Moderne. Siggi Weidemann porträtiert den holländischen Torheitsforscher Matthijs van Boxsels. Bernhard Bartsch trifft Maos Schuster. Ursula Fricker hat Begegnungen in den Tunneln unterm Alexanderplatz. Und ? nicht minder gruselig ? Paul Behrens berichtet von einem Treffen deutscher Monarchisten am Grab Wilhelms II.

FR, 04.08.2001

In der FR entlarvt Hans-Dieter Jünger in einem so langen wie lesenswerten Artikel die "Umkehrung aller Werte", wie sie von den modernen Naturwissenschaften und ihren Verfechtern einhellig gefordert wird, als Versuch einer "Unterwerfung des Denkens und Fühlens, des gesamten Selbstverständnisses des Menschen unter das Prinzip einer allmächtig gewordenen Verwertungslogik des technisch-ökonomischen Gestells. Es geht ... darum, dass das für eine individuelle Freiheitssicherung entscheidende und unverzichtbare Projekt, wonach auch und gerade eine im Zeichen der entfesselten Anthropozentrik stehende Aufklärung ihrerseits einer ständigen kritischen Befragung und Aufklärung bedarf, auf ganzer Front abgeblasen wird, damit die uneingeschränkte Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit einer Wissenschaft als angewendeter Technik weiterhin gewährleistet bleibt." Und mehr noch, um die "'Selbsttransformation' der herkömmlichen Menschen in ein machinoides Posthumanum" geht es. Eine Art Exorzismus des Humanen also. Klingt, als hätte man Scientologen Ecstasy verabreicht, meint Jünger und wittert weniger den alten Fritz mit seiner dionysischen Zivilisationskritik als Paten denn Mr. Spock von der Enterprise. Wie sagte der noch und zog dabei unwiderstehlich eine Augenbraue in die Höhe: "Seid nicht traurig, seid logisch."

Guido Graf nimmt die bundesbehördliche Indizierung einer Fotostrecke mit nackten Mädchen in einer Ausgabe der deutschen "Vogue" zum Anlass, um über die Funktionsweise des Kindfrau-Phantasmas nachzudenken. Der Abscheu, meint Graf, bediene sich ganz und gar aus dem reichhaltigen Inventar des in Rede stehenden Phantasmas: "Je großartiger und kontrastierender die Distanzierungsgeste der interpretierenden Indizierer, um so stärker rückt ihre Abhängigkeit vom Gegenstand der Erregung in den Blickpunkt." Die Weiterschreibung des Phantasmas werde dabei von der Erregung des Missbrauchsverdachts kaum weniger betrieben als durch die Fotografien selbst. Die Kindfrau aber entziehe sich beider Zugriff: "Dass sie jedes Begehren zurückweist, ist ihr beständigstes Merkmal ... Um dieses Phantasma durcharbeiten zu können, bedarf es eines Aufarbeitens der Verdrängungen, der Zurückweisungen, die darin stattfinden." Die Moralisierung des Phänomens aber verhindert diesen Ansatz.

Außerdem zu lesen: Inge Günthers Jerusalemer Impressionen über ein "Leben im Bermuda-Dreieck". Und über anwenderfreundliche Pflanzen auf der Benutzeroberfläche Erde ? Martina Meister von der Bundesgartenschau in Potsdam.

Und besprochen werden Pierre Boulez' Meisterleistungen bei den Salzburger Festspielen, der Fotoband "Feizeit" von Corinna Schnitt, der Film "Jurassic Park 3". Ferner die Ausstellung "Arbeit, Essen, Angst" in der Essener Kokerei Zollverein und schließlich die folgenden Bücher: Josef Körner: "Philogische Schriften und Briefe", Lena Kuglers Debütroman "Wie viel Züge" und Boris Pahors "Nekropolis".
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TAZ, 04.08.2001

Pascal Cames fragt im Interview mit dem "Platzhirschen im Clubkosmos des NuJazz" Rainer Trüby nach dem ursprünglichen Berufswunsch des DJs: "Baggerführer. Später wollte ich in das Hotelfach und habe darum in einem Stuttgarter Hotel Leuten wie Prince die Koffer geschleppt. In Freiburg habe ich Soziologie und Englisch studiert, aber die vielen Hausarbeiten haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. 1995 habe ich mich dann entschieden, mein Hobby zum Beruf zu machen."

Besprochen werden Peter Fuchs' Studie über "Die Metapher des Systems" und ein Elvis-Konzertfilm von 1970, der wieder in die Kinos kommt
Das taz-mag widmet sich heute Tieren.
Schließlich Tom.
Stichwörter: DJs, Peter Fuchs, Prince, Soziologie

FAZ, 04.08.2001

Anne Zielke sieht in der Biopolitik schon die Religion der Zukunft angelegt: "Der neue Ort der Moral ist der Körper. Er wird statt der Vernunft zu Letztbegründung. 'Gesund' scheint nicht nur gut im Sinne von 'nicht schlecht' zu sein, sondern wird allmählich zu einem Synonym des moralisch Guten." Zunächst ändere sich "die Moral, dann wandeln sich die Rechtsgrundsätze, die mit ihr begründet werden". Auf Frauen, die ein behindertes Kind austragen, werde "vielleicht einmal der Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung angewendet werden ? wie hat sie ihrem Kind trotz besseren Wissens das Leben nur antun können?"

Peter Körte (früher FR), einer der zahlreichen neuen Filmkritiker der FAZ, erzählt, wie ein Kollektiv von 52 italienischen Regisseuren den G8-Gipfel in Genua dokumentierte: "Unermüdlich wollten sie dokumentieren wie es eigentlich gewesen ist ? ein sauberes filmisches Abbild der Realität, was ungefähr so plausibel ist wie die Annahme, das Fernsehen bilde bei einer Fußballübertragung die Wirklichkeit des Spielgeschehens im Stadion ab, anstatt sie mit Bildregie, vielen Kameras und Superzeitlupe zu inszenieren."Weitere Artikel: Wolfgang J. Mommsen schreibt zum 100. Todestag der Kaiserin Viktoria, Gemahlin Kaiser Friedrichs III.. Im Vorspann heißt es, dass Viktoria erst jetzt als eine "bedeutende Persönlichkeit der jüngeren deutschen Geschichte anerkannt" werde. In diesem Zusammenhang ist es etwas seltsam, dass Mommsen sie so häufig "Kaiserin Friedrich" nennt. Edo Reents befürchtet NS-Tourismus im geplanten Hotel auf dem Obersalzberg. Christoph Albrecht erklärt uns, was "Grid Computing" ist. Maja Turowskaja stellt Edward Radsinskis ? bisher nur auf russisch erschienenes ? dreibändiges Werk über die letzte Zarenfamilie vor. Florian Roetzer berichtet von der Suche nach dem kleinsten Organismus, damit man auch extraterrestisches Leben erkennt. Martin Lhotzky schreibt in der Tolkien-Serie der FAZ über den Einfluss der nordischen Mythologie auf Tolkien. Jürg Altwegg wirft einen Blick in französische Zeitungen, die sich mit dem korsischen Nationalfeiertag beschäftigen.

Dietmar Dath schreibt zum Tod des Science-Fiction-Schriftstellers Poul Anderson. Heribert Klein gratuliert dem Organisten Viktor Lukas zum Siebzigsten und Ulrich Olshausen dem Jazz-Gitarristen Herb Ellis zum Achtzigsten.

Besprochen werden die zwei Mies van der Rohe-Ausstellungen: "Mies in Berlin" im New Yorker Museum of Modern Art und "Mies in America" im Whitney Museum of Modern Art, eine Ausstellung mit dem wiedervereinigten Basler Münsterschatz im Historischen Museum in Basel, die Aufführung von Heiner Goebbels Musiktheaterwerk "Black and White" mit dem Ensemble Modern beim Lincoln Center Festival.


In der Wochenendbeilage Bilder und Zeiten erzählt Gabriel Garcia Marquez, wie "Hundert Jahre Einsamkeit" entstand. Er beginnt damit, wie er und seine Frau das Manuskript per Post zum Verlag schicken wollten. Sie hatten aber nicht genug Geld für das Porto. Also teilten sie das Manuskript und verschickten erst mal nur die Hälfte. Nachdem sie sich Geld geborgt hatten, gingen sie wieder zur Post um dort festzustellen, "dass wir uns vertan und die zweite Hälfte vor der ersten verschickt hatten. Aber Mercedes fand das gar nicht komisch, denn sie hat schon immer dem Schicksal mißtraut. 'Jetzt fehlt nur noch', sagte sie, 'daß der Roman schlecht ist.'"

Weitere Artikel: Iris Fleckenstein stellt Konrad Adenauer als Kunstsachverständigen vor, Hans-Joachim Neubauer liefert eine Reportage über einen Strafgefangenen und Wolfgang Pehnt berichtet, wie die von Erich Mendelsohn gebaute Villa Weizmann in Rehovoth restauriert wurde. Besprochen werden heute u.a. Kinderbücher (siehe auch unsere Bücherschau morgen ab 11 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Wolfgang Werth ein Gedicht von Volker Braun "Zu Brecht" vor: "Mit seiner dünnsten Stimme, um uns nicht / Sehr zu verstören, riet er noch beizeiten / Wir sollten einfach sagen wos uns sticht / So das Organ zu heilen oder schneiden. / ...