Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.07.2001.

NZZ, 12.07.2001

Über den Stand der elektronischen Musik schreibt Peter Kraut, womit er, ohne es näher zu erläutern, die Popvariante meint, nicht die wesentlich ältere Tradition der Neuen Musik. Aber auch diese "elektronische Musik" lässt sich noch trivialisieren, etwa durch die Inflation elektronisch erzeugter Klänge im Alltag: "Elektronische Klänge sind dann am langweiligsten, wenn sie imitieren: Wenn zum Beispiel die Digitalkamera beim Drücken des Auslösers das Geräusch einer analogen Spiegelreflexkamera wiedergibt. Offenbar schafft man es bei der Herstellerfirma nicht, ein den neuen Technologien entsprechendes Klangdesign zu entwickeln, oder man traut seinen Kunden den akustischen Fortschritt nicht zu. Schlauer war da beispielsweise Microsoft. Das akustische Logo beim Aufstarten von Windows wurde von Brian Eno gestaltet, einem der wichtigsten Vertreter elektronischer Popmusik."

Besprochen werden eine Ausstellung über Bibliotheken in der frisch renovierten Schweizerischen Landesbibliothek und sonst ausschließlich Bücher, darunter eine Miles-Davis-Biografie von Peter Niklas Wilson und Maxim Billers "Deutschbuch". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 12.07.2001

Hanser-Verleger Michael Krüger und der scheidende Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels Eberhard Witt plaudern mit Bernd C. Sucher über Theater und Kunst und Gott und die Welt und über München und Berlin. "Auch ich habe den Eindruck", sagt Krüger, "dass die Situation in Berlin alles andere als rosig ist. Damit meine ich nicht nur, dass dort das Geld ausgeht. Sondern auch, dass Berlin in Zugzwang gekommen ist, zu erklären, warum man diese Masse an Kultur überhaupt braucht. " Aber dann müssen die Münchner auch erklären, warum man diese Masse an Geld braucht!

Bernd Graff fragt sich angesichts des in den USA startenden Films "Final Fantasy" mit der lebensecht animierten "Dr. Aki Ross", ob Schauspieler nicht bald überflüssig werden. Tom Hanks jedenfalls "zeigte sich nach der Premiere... ernsthaft erschüttert: 'Ich bin sehr besorgt', bekannte der zweifache Oscar-Preisträger, der die Vorstellung nicht mag, dass immerjunge, stets willfährige und vor allem gagenfreie Schauspiel-Eleven nun aus dem Computer kommen... 'Und ich weiß nicht', sagt er, 'was wir Schauspieler noch dagegen tun können.'"

Weitere Artikel: Joachim Kalka schreibt eine Hymne zum 60. Geburtstag von Eckhard Henscheid und weist auf eine Ausstellung in Kaiserslautern über diesen Schriftsteller hin. Lothar Müller hat John Leonards Attacke auf Bob Dylan in der New York Review of Books gelesen und deutet sie als ein Symptom einer Renaissance des Folk, sägezahnartiger Stimmen und der Politik in der Musik. Eva Marz hat einem Vortrag des Philosophen Richard Wollheim über "Pictorial Organization" zugehört. Michael Winter schreibt in der Rubrik "Verblasste Mythen" über "Das ewige Leben". Daghild Bartels fand in der Kunstbiennale von Lyon ein "virtuelles Allerlei". Und Reinhard J. Brembeck bespricht Luc Bondys Inszenierung von Benjamin Brittens Oper "Turn of The Screw" beim Festival von Aix-en-Provence als eines jener "Wunder, die weit über Menschenmaß hinausgehen, die das Perfekte nicht nur streifen, sondern perfekt sind".

Auf der Filmseite werden die Filme "Original Sin" von Michael Christofer mit Antonio Banderas, "Bootmen" von Dein Perry, "Killer" von Darzhan Omirbajev, "All die schönen Pferde" nach Cormac McCarthy und "Vengo" von Tony Gatlif besprochen.
Eine weitere Besprechung widmet sich der Ausstellung über den "Meister des Bartholomäus-Altars" in Köln.

FR, 12.07.2001

Im Gespräch mit Milvia Spadi spricht der italienische Philosoph Adriano Sofri, der wegen angeblicher Beteiligung an Attentaten der Brigate Rosse bekanntlich im Gefängnis sitzt, sehr schön über Freiheit: "Die Freiheit ist unendlich weit von der Utopie entfernt, wie alle Dinge, deren Bedeutung man vor allem durch ihren Verlust spürt. Die Freiheit gehört zu jenen Dingen, deren man sich nicht einmal bewusst werden sollte - wie der Luft, die wir atmen."

Martina Meister lobt unseren Kulturminister Julian Nida-Rümelin dafür, dass er es geschafft hat, die Länder in die geplante Kulturstiftung einzubeziehen, aber noch mehr für die Idee der "Innovationsförderung". "Doch weil es offensichtlich schwer fällt, sich das Neue vorzustellen, ist diese zusätzliche Säule im Augenblick noch Gegenstand heftiger Kritik. Sobald sie aber trägt, so darf man vermuten, wird sie das politische Kapital sein, mit dem der Kulturstaatsminister im nahenden Wahlkampf wird wuchern können."

Weitere Artikel: Volkmar Clauß war dabei, als das Institute of Israeli Drama in Kolloquien und Aufführungen an den vor zwei Jahren gestrobenen Dramatiker Hanoch Levin erinnerte. Helmut Höge erzählt neuesten Klatsch aus der Berliner Kunstszene. Christian Thomas schreibt zum 75. Geburtstag des Architekten Oswald Mathias Ungers. Eva Schweitzer erzählt, dass das Gemälde "Manhattan" von Josef Albers, das jahrzehntelang im Foyer des New Yorker Metlife-Gebäudes hing, nun abgehängt und in den Keller gestellt wurde. Besprochen wird der Film "Vengo".
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TAZ, 12.07.2001

Der Haitianer Raoul Peck, sicherlich einer der interessantesten Filmregisseure der so genannten Dritten Welt, hat auch mal in Deutschland gelebt und studiert. Im Gepräch mit Dominic Johnson und Petra Welzel spricht er unter anderem auch über seine Erfahrungen mit der deutschen Filmförderung: "Ich habe meinen ersten Film 'Haitian Corner' in Deutschland gedreht. Aber danach wurde es schwieriger. Mit einem Drehbuch, angelehnt am Freitod des Flüchtlings Kemal Altun, bin ich einmal beim Fördergremium des Bundesinnenministeriums bis in die Endauswahl gekommen. Ein Deutschtürke und ich als Haitianer wurden abgelehnt, weil, so sagte man mir später, in unseren Drehbüchern der deutsche Bezug fehlte. Das heißt, ich kann hier keine Filme machen, weil keine Offenheit dafür da ist. Als ich mich kurz nach dem Mauerfall entschied, aus Deutschland wegzugehen, war das auch eine berufliche Entscheidung. 'Lumumba' hätte ich hier nie drehen können." Die Deutschen müssen noch ein bisschen dazulernen, wenn sie "Zuwanderer" suchen, die ihre Rente bezahlen.

Weitere Artikel: Axel John Wieder hat die Frankfurter Ausstellung "Neue Welt" angesehen, die sich mit der "Ökonomisierung der Welt auseinandersetzt, ohne sich auf eine Kritik der Globalisierung allein festlegen zu lassen". Besprochen werden außerdem Billy Bob Thorntons Spätwestern "All die schönen Pferde" und der Film "Stadt, Land, Kuss". Und Detlef Kuhlbrodt stellt einen "Salon" des Berliner Radiomoderators Jürgen Kuttner vor, in dem Ost- und West-Intellektuelle über dies und das und auch über 1968 diskutieren.

Schließlich Tom.

FAZ, 12.07.2001

Große Neuigkeiten. Die FAZ schafft eine neue Literaturseite, annonciert Hubert Spiegel. Von heute an wird man in regelmäßigen Abständen unveröffentlichte Erzählungen von Gegenwartsautoren präsentieren und macht den Anfang mit Georg Kleins Erzählung "Die Cherubim". Künstlerisch illustriert wird die Serie von Nina Simon. Da man das im Internet nicht zeigen kann, bleibt nur eins ? kaufen Sie die FAZ.

Andreas Kilb hat die Verfilmung von Cormac McCarthys Roman "All die schönen Pferde" durch Billy Bob Thornton gesehen, mochte sie aber nicht: "Seinen Tiefpunkt erreicht 'All die schönen Pferde' in jener Szene, der das Buch seinen Titel verdankt. Das Zureiten der wilden Mustangs auf der Hacienda durch Cole, bei McCarthy ein Hoheslied auf männliche Naturbeherrschung und Naturverfallenheit, wird bei Thornton zu einem süßlichen Videoclip, den man je nach Laune mit einem Song von Madonna oder ein paar Gitarrenriffs von Ry Cooder unterlegen könnte. Danach glaubt man dem Film nichts mehr..."

Weitere Artikel: Josef Zellner beschwert sich über das "Jahr der Fremdsprachen", in dem das Lateinische, das offensichtlich nicht als Fremdsprache gilt, ausgespart wurde. Dirk Schümer liefert eine neue Folge seiner Kolumne "Leben in Venedig" (diesmal über den "Bootsverkehr"). Dieter Bartetzko schreibt über den nun endgültig bevorstehenden Abriss des unter Denkmalschutz stehenden Zürichhochhauses in Frankfurt. Andreas Rossmann teilt mit, dass die Kölner Gratiszeitung "20 Minuten", die den dortigen Markt so aufgemischt hatte, sang- und klanglos eingestellt wird. Timm Starl stellt ein neues Fotografiemuseum in Wien, das von Peter Coeln geschaffene "WestLicht" vor. Uwe Neumärker berichtet vom "Meeresfest" in Memel: "Vier Tage sind vornehmlich der Kultur, drei dem Biere gewidmet." Thomas Döring schreibt zum Tod des Shakespeare-Forschers Günther Klotz. Und auf der Bücher-und-Themen-Seite porträtiert Thomas Weber den britischen Biologen J.B.S. Haldane, der bereits in den zwanziger Jahren die Zeugung im Reaganzglas und ähnliche reproduktionsmedizinische Wunder ankündigte.

Besprochen werden Matthias Hartmanns Inszenierung von Woody Allens "Mitternachts-Sex-Komödie" in Bochum, ein Kammermusikfestival im Jugendstil-Kraftwerk bei Heimbach, die Skulpturbiennale in Münster, Werke von Gösta Neuwirth beim Festival Styriarte und Werke von Bertrand Lavier in Genf.

Zeit, 12.07.2001

Thomas Groß porträtiert Cui Jian, den "John Lennon, wahlweise auch Bob Dylan des Fernen Ostens, hier streiten die Sinologen noch." Gehört hat er ihn bei einem Rockfestival in Arezzo und sein "Rock des Übergangs hat etwas Ergreifendes in seinem existenziellen Pathos, seinen Gesten der Suche. Wer tief in ihn hineinhorcht, vernimmt am Grund ein Drama - aber wer will das an diesem Abend schon?"

Ein großes Dossier wird Robert B. Brandom gewidmet, einem der rar gewordenen "großen Ereignisse in der Philosophie", so schreibt Thomas Assheuer in der Vorstellung des mit einem solschenizynähnlichen Bart ausgestatteten Philosophen. Sein Hauptwerk "Expressive Vernunft" hat tausend Seiten (und wiegt nach Auskunft von Internetbuchhändlern 1058 Gramm), aber für die Zeit hat er ein einseitiges Kondensat verfasst, das wir wiederum in unzulässiger journalistischer Verkürzung in den beiden letzten Sätzen kondensieren: "Philosophie, wie ich sie verstehe, zeichnet sich durch die Verantwortung für den Schutz und die Pflege jeder Art von Selbstbewusstsein aus. In diesem Sinne sollten wir uns nicht so sehr als natürliche Wesen verstehen, sondern als normative, soziale, vernünftige und selbstbewusste Kreaturen, die dazu fähig sind, die Welt, in der sie leben, durch ihr Sprechen und Denken explizit zu machen."

Als solche lesen wir auch Assheuers beigestellten Essay, der in einer unerwarteten Assoziation Brandoms Lehren auf die Filme von Quentin Tarantino anwendet: "Beide sind davon überzeugt, dass unsere Welt zwar aus Sätzen und Zeichen besteht, aber die Welt, die wir mithilfe dieser Zeichen schaffen, ist selbst nicht zeichenhaft, sondern real, grausam und unerbittlich." Wie Brandoms Bart!

Weitere Artikel: Volksbühnen-Intendant Frank Castorf stellt sich im Interview mit Gerhard Jörder schwermütige Fragen: "Wie Baudrillard sagt - man wünschte sich schon manchmal eine Internationale des Hasses. Aber was hasse ich eigentlich?" Gustav Seibt macht Armin Holz' Inszenierung von Jane Bowles' Stück "Im Gartenhaus" ein zweifelhaftes Kompliment: "Es war alles typisch 20. Jahrhundert." Der israelische Journalist David Witzthum kommentiert Daniel Barenboims Wagner-Zugabe in Jerusalem. (Der wir neulich einen Link des Tages widmeten.)

Besprochen werden Raoul Pecks Film "Lumumba", Peter Chelsoms Filmkomödie "Stadt, Land, Kuss" und die beiden New Yorker Mies-van-der-Rohe-Ausstellungen im Moma und im Whitney-Museum.

Aufmacher des Literaturteils ist Eberhard Falckes Besprechung von Cormac McCarthys Roman "Land der Freien" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).