Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Onkels des deutschen Literaturbetriebs

26.01.2009. In der taz fordert die Autorin Jagoda Marinic: Autoren und -innen: emanzipiert euch von den Verlegern (aber auch -innen?) Die FR schildert, wie ein Interview mit Claude Lanzmann fast nicht zustande kam. In der NZZ rechnet Ernst-Wilhelm Händler mit den ökonomischen Kontrollillusionen der Unternehmerschaft ab. Die FAZ fordert akkurate Rekonstruktionen nicht mehr existierender Gebäude.

Guten Tag, wie geht es mir?

24.01.2009. In der Berliner Zeitung erklärt Claude Lanzmann, warum er nicht "Warum" fragt. Die FR greift beherzt ins fallende Messer. Die taz hat das geeignete Lokal für Suhrkamp in Berlin gefunden: das Schloss. Die FAZ bringt einen Artikel von Bernard-Henri Levy zum Gaza-Krieg. In der Welt freut sich der Leiter des Radio Vatikan: Der Papst spricht jetzt den Segen Youbi et Tubi.

Ideologischer Totalschaden

23.01.2009. Die Welt weiß es positiv: In Berlin sind schon die Makler unterwegs, um geeignete Lokale für den Suhrkamp Verlag zu finden. Die SZ schließt daraus auf ökonomische Probleme des Hauses. In der taz geißelt der Psychoanalytiker Martin Altmeyer den Antisemitismus von links. In der FAZ tröstet die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel die Zeitungsjournalisten: Nie wird das Netz so schön schreiben wie sie. Oh, und kennen Sie schon den australischen Obama?

Die süße Realität dieser Stunde

22.01.2009. Die Zeit bringt Grass' visionäres Tagebuch aus dem Jahr 1990: gegen die Einheit (Kohl), für die Einigung (Cool). In der FR erliegen Michael Rutschky und Durs Grünbein der Anmut beziehungsweise Erhabenheit Obamas. In der Welt meint David Grossman: Gegen die Hamas hilft nur eins: reden. Die SZ ist froh: Die Krise ist eine Chance für Architekten. In Spiked schreibt Frank Furedi über den neuen Antisemitismus in Europa.

Sie wollen Sex, und sie sind wütend

21.01.2009. "So, pick yourself up, dust yourself off, start all over again": Barack Obama ist nun endlich Präsident und kann anfangen zu arbeiten. In den hiesigen Kinos läuft Bryan Singers Stauffenberg-Film "Operation Walküre" an: Die Welt hält ihn zeitgeschichtlich für ein Fiasko, die FAZ für den spannendsten Thriller der letzten Zeit. Für die taz ist Ilija Trojanow nach Darfur gereist und hat festgestellt: Es ist ja gar kein Völkermord, es ist nur Überlebenskampf.

Die Zerstreuung des Ichs im Netz

20.01.2009. Die Feuilletons fiebern Barack Obama Amtseinführung entgegen. In der FAZ brütet Charles Simic über der Frage, wie man ein Gedicht zu diesem Anlass schreibt. Die FR möchte gleich George Bush vor Gericht stellen. Im Tagesspiegel stellt der Historiker Peter Steinbach zum Stauffenberg-Film klar: "Ein Antreibender, viele Angetriebene - dies hat nichts mit der Realität des Umsturzversuches vom Sommer 1944 zu tun." Die SZ vergibt dagegen 100 Punkte an Tom Cruise und an sich selbst.

Özür diliyoruz

19.01.2009. Die SZ staunt über die Türkei, wo es möglich wird, über den Völkermord an den Armeniern zu sprechen. In der FR fragt der Schweizer Schriftsteller Martin R. Dean nochmals dringlich: Ist Barack Obama denn überhaupt schwarz genug? Die taz macht sich Sorgen über Obamas Evangelikalität. Im Guardian staunt Naomi Wolf über die Macht von Youtube. Die FAZ freut sich: "Operation Walküre" feiert 64 Jahre nach ihrer Erfindung doch noch Erfolge. Außerdem: Zwei Drittel der deutschen Alphablogger bloggen jetzt in der FAZ.

Hochmoralischer Bombenleger

17.01.2009. Die Welt betrachtet mit dem Weichtierkundler Edgar Allan Poe eine Schnecke. Im Tagesspiegel ärgert sich der linke israelische Popsänger Aviv Geffen, dass die Hamas ihn dumm aussehen lässt. In der taz will Ex-Weatherman Bill Ayers Barack Obama nicht ins Paradies folgen. In der NZZ erzählt Charles Simic von seinem unbedingten Wunsch, Amerikaner zu werden. Die FAZ lässt sich erklären, warum es ohne Holocaust keinen 20. Juli gegeben hätte. So schmalspurig war Stauffenberg auch wieder nicht, meint die Berliner Zeitung. Die SZ trocknet den Angstschweiß auf der Stirn aller Putin-Nachbarn.

Meister in Sambo

16.01.2009. Wie hell strahlt Daniel Kehlmanns "Ruhm"? Die Feuilletons sind uneins, aber alle pünktlich zur Stelle. Die Welt vernimmt amerikanische Rufe nach etwas ganz Unerhörtem: einem Kulturminister unter Obama. Im Rheinischen Merkur traut Noam Chomsky dem neuen Präsidenten aber gar nicht über den Weg. Im Freitag schildert György Dalos den kalten Bürgerkrieg zwischen Rechts und Links in Ungarn.

Vertrackte Hausaufgabe

15.01.2009. In der Berliner Zeitung fragt Norbert Bolz: Gibt es ein Fernsehen jenseits der Wonnen des Trivialen? Und antwortet mit Nein. Die FAZ genoss höheren literarischen Klatsch in den Tagebuchaufzeichnungen Susan Sontags. Die FR ist ganz verzückt über die Installation einer Inaugurationspoetin für Barack Obama.