Magazinrundschau
Die Idee von Wahrheit
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
12.08.2025. Anne Applebaum (The Atlantic) erkennt im Sudan, wie eine Welt aussehen würde, in der Amerika und internationale Institutionen nicht mehr agieren. Eurozine erkundet die zwei Seelen in der Brust von Kolumbiens Präsident Gustavo Francisco Petro. Jonathan Rauch blickt in Persuasion auf die woke Rechte. Der New Yorker versucht herauszufinden, wie stark Donald Trump von seiner Präsidentschaft profitiert. Quietus feiert die rohe Intensität von Slayer.
The Atlantic (USA), 01.09.2025
Zweimal ist Friedenspreisträgerin Anne Applebaum in den Sudan gereist. Einmal in den nördlichen Teil, der von den Sudanese Armed Forces beherrscht wird, und einmal nach Darfur, wo die Rapid Support Forces die Überhand haben. Sie beschreibt in einer langen Reportage (eine Stunde Lesezeit) das Chaos und die Gewalt im Land, die totale Kompliziertheit der Konflikte, in denen sich verschiedene Ethnien, Schichten und Interessen überlagern und wo immer neue Milizen entstehen, wenn eine der Hauptkräfte in ihrer Dominanz nachlässt. Einerseits tummeln sich in dem Konflikt eine Menge Mittelmächte mit unklaren Interessen und Gier nach dem Gold, das in dem Land geschürft wird, zum Beispiel die Türkei, der Iran, Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Andererseits zeigt der Konflikt für Applebaum, wie eine Welt aussieht, in der Amerika und internationale Institutionen nicht mehr agieren. "Die erste Trump-Regierung hat die Idee der 'responsibility to protect' sofort fallen gelassen - und alle anderen taten es ihr gleich", schreibt sie, die auch den UN eine Mitschuld gibt. Man vergleiche die Situation nur mit dem Anfang des Jahrhunderts: "In den nuller Jahren waren amerikanische Kirchen, Synagogen und säkulare Gruppen ebenfalls empört und engagiert angesichts der Janjaweed, der Vorläufer der RSF, und der ethnischen Säuberung der Darfur-Region von nicht-arabischen Stämmen. Das United States Holocaust Memorial Museum in Washington projizierte 2006 dramatische Fotos aus Darfur auf seine Außenwände. Eine Fotoausstellung wanderte auch durch mehrere Universitäten. George Clooney, Angelina Jolie, Mia Farrow, Don Cheadle und Keira Knightley besuchten den Sudan, um auf die Lage aufmerksam zu machen und Spenden zu sammeln. Diese Kampagnen zeigten Wirkung. George W. Bush hatte enge Verbindungen zu den religiösen Hilfsorganisationen, die im Sudan tätig waren, und trat sein Amt mit der festen Absicht an, zu helfen. Die Obama-Regierung glaubte an die 'Schutzverantwortung' der USA... Beide investierten echte diplomatische und politische Anstrengungen im Sudan, vor allem weil die Amerikaner dies wollten. Keine der beiden Parteien würde das noch für ein Land in Afrika tun."
Zachary Fine bietet Einblick in die idyllisch und gleichzeitig verstörende Welt der Blumenstillleben. Rachel Ruysch, schon zu Lebzeiten bekannt, eine einflussreiche Künstlerin des 17. Jahrhunderts, bewies, dass Blumen nicht bloß ihrer Schönheit wegen existieren: "Wenn der erste Glanz verblasst, schärft sich der Blick. Was ist das - eine Laubheuschrecke? Eine Sandeidechse? Auch wenn das Auge auf das Gemälde geheftet ist, ist das Gehirn woanders. Die Flammentulpe versetzt einen in die Türkei, die gewöhnliche Sonnenblume nach Nordamerika, die Schmetterlinge und Insekten auf die Pinnwand eines Entomologen. Es ist eine Fundgrube an Informationen für den wissenschaftlich interessierten Betrachter (und tatsächlich war der Auftraggeber, Pieter de la Court van der Voort, ein geschickter Gärtner mit einem Gespür für neue Gewächshaustechniken). Plötzlich ändert sich etwas. Zunächst scheinen die Insekten eine kleine Fiesta mit den Früchten zu feiern - Ameisen, Wespen und Spinnen knabbern an einem Pfirsich oder huschen auf eine Kastanie zu. Dann bemerkt man, dass die gespaltene Zunge der Sandeidechse nur Millisekunden davon entfernt ist, einen Schmetterling zu schnappen. Eine andere Eidechse in der Ecke hat gerade ein Vogelnest mit frischen Eiern infiltriert und scheint einen barbarischen Schrei auszustoßen. Das Gemälde beginnt unter dem Druck des Todes zu wanken. Der schwammige Waldboden sieht pilzartig aus; der Granatapfel wimmelt von seinen eigenen Samen; die Maiskörner werden zu Warzen; die Trauben sind Fischeier. Die gesamte Komposition schlittert und kriecht mit sich selbst. Mit einem Wort: Sie ist monströs. Als Betrachter kann man diese Noten auf und ab spielen - das ästhetische Vergnügen, die wissenschaftliche Anregung, die Grausamkeit der Natur als moralische Warnung - oder sie alle gleichzeitig im Kopf spielen. Manchmal hängt es einfach davon ab, wie nah man vor dem Gemälde steht."
New Lines Magazine (USA), 11.08.2025
Giovanni Pigni berichtet über die rechtsextreme Organisation "Russische Gemeinschaft", "Russkaja Obschtschina"(RO), die in Russland immer mehr Zulauf bekommt. Interessant ist das Verhältnis zur Regierung, denn die RO und ihre Aktionen werden, wenn auch inoffiziell, vom Kreml unterstützt: "Angesichts der schwierigen innenpolitischen Lage brauchen die Behörden eine Bewegung von unten, die zeigt: 'Seht her, sie unterstützen uns, unsere Ideen verbreiten sich', sagt Vera Alperovich, Forscherin am Sova Center, einer russischen Nichtregierungsorganisation zur Beobachtung von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Laut dem oppositionellen Medienunternehmen Meduza wird RO direkt vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB betreut. ... Obwohl RO weitgehend von den Strafverfolgungsbehörden unterstützt wird, die ihre Mitglieder in Operationen einbeziehen und aktiv auf ihre Berichte über mutmaßliche Verstöße gegen die öffentliche Ordnung reagieren, geriet die Gruppe zeitweise außer Kontrolle zu geraten. Im Mai waren RO-Mitglieder bei einer ihrer Razzien nordöstlich von St. Petersburg in der Stadt Wsewoloschsk in einen tödlichen Vorfall verwickelt. Wie lokale Medien berichteten, brachen die Mitglieder in eine Wohnung ein und besprühten den Mieter mit Pfefferspray. Während der Auseinandersetzung brach ein Feuer aus, bei dem der Mieter starb und eine Frau, die aus einem Fenster sprang, verletzt wurde. RO behauptete bei Telegram, die Tür sei bereits aufgebrochen gewesen und das Feuer sei von den Mietern gelegt worden, angeblich im Zusammenhang mit Drogenkonsum. Fünf RO-Mitglieder werden derzeit als Zeugen in einem Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung geführt. In einem anderen Fall wurden drei RO-Mitglieder von der Polizei festgenommen, nachdem sie einen Mann entführt, ihn in einem Waldstück geschlagen und ihm Vergewaltigung mit einer Keule angedroht hatten. RO gab später an, die beteiligten Männer befänden sich noch in einer 'Bewährungszeit. Die Aktionen der Gruppe lösen zunehmend Besorgnis aus, insbesondere bei Beamten in den ethnischen Republiken Russlands, einschließlich des Nordkaukasus mit seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung."Eurozine (Österreich), 11.08.2025
Zwei Seelen wohnen in der Brust des kolumbianischen Präsidenten Gustavo Francisco Petro, schreibt Iván Garzón Vallejo. In ihm tobt "ein Kampf zwischen dem staatsmännischen Über-Ich und dem revolutionären Es; ein Kampf zwischen dem kompromissbereiten Politiker und dem redseligen Revolutionär." Denn so ganz kann sich Petro nicht von seiner Vergangenheit als Mitglied der Guerillaorganisation M-19 (die am "meisten romantisierte Guerillaorganisation in der kolumbianischen Geschichte") verabschieden. Die M-19 "ist eher für ihre Aktionen in Erinnerung geblieben - den Diebstahl von Bolívars Schwert 1975, die Eroberung von 5000 Waffen aus einer Militärgarnison 1979, die Besetzung der Botschaft der Dominikanischen Republik 1980, den Angriff auf den Justizpalast 1985 - als für die Entführung und Ermordung Dutzender Zivilisten", schnaubt Vallejo. Die "revolutionäre Nostalgie", mit der der Präsident wohl auf seine Vergangenheit als linker "Revolutionär" blickt, verschleiere ihm den Blick, was sich zum Beispiel im Zollstreit mit Donald Trump zu Anfang des Jahres zeigte: "In seiner Selbstinszenierung als regionaler Revolutionsführer hat sich Petro mit einem Papierschwert bewaffnet - dem ausgezehrten Antiamerikanismus, der in einem Land, das erst 2023 389 Millionen Dollar an Hilfsgeldern von den USA erhielt, nie Fuß fassen konnte - und hat sich Donald Trump wie ein verlorener Quijote entgegengestellt. Seine Forderung nach einer angemessenen Behandlung abgeschobener Migranten stützt sich zweifellos auf überzeugende ethische und rechtliche Begründungen. Doch seine Verachtung der unkalkulierbaren wirtschaftlichen Kosten eines Zollkriegs mit seinem wichtigsten Handelspartner hat die populistischste und demagogischste Version seiner Politik erneut auf den Tisch gebracht. Revolutionäre neigen bekanntlich dazu, sich zu verrechnen."Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 06.08.2025
Nicht nur die Linke, auch die heute so irritierenden, irrlichternden und immer häufiger zitierten Influencer und Vordenker der extremen Rechten kommen aus der Postmoderne und ihrer Zurichtung an den Universitäten der USA, schreibt der Politologe und Atlantic-Autor Jonathan Rauch. Das geschah nicht unbedingt aus ideologischer Nähe, mehr aus Osmose. Schließlich haben sie als Jungspunde an eben diesen Unis studiert, als die von James Matthew Lindsay und Helen Pluckrose in den "Zynischen Theorien" beschriebenen Social-Justice-Theorien zur Doxa wurden. "Die postmoderne Rechte ist nicht dasselbe wie die postmoderne Linke, aber sie weisen eine Familienähnlichkeit auf. Wie die postmoderne Linke untergräbt auch die postmoderne Rechte den Begriff der Wahrheit, sie diffamiert Normen und verspottet und beleidigt ihre Gegner. Ihren ideologischen Rivalen - sowohl auf der Linken als auch, was nicht weniger wichtig ist, im eigenen Lager - widersetzt sie sich mit aller Macht. Bemerkenswert ähnlich ist beispielsweise die opportunistisch zynische Haltung der postmodernen Rechten gegenüber der Idee von Wahrheit. Wahr ist für sie nach dem postmodernen Paradigma das Narrativ oder Metanarrativ, das soziale Dominanz erlangt. Wahrheitsfindung führt also nicht über Vernunft, Beweise und Objektivität, sondern über den Sieg des Narrativs."Quanta (USA), 12.08.2025
New Yorker (USA), 18.08.2025
Im New Yorker versucht David D. Kirkpatrick herauszufinden, ob und wie sehr Donald Trump persönlich von seiner Präsidentschaft profitiert. Nach einer erschöpfenden Recherche kommt er auf rund dreieinhalb Milliarden Dollar. Das es so schwierig ist, das herauszufinden, sagt einiges aus über den Zustand der Demokratie in den Vereinigten Staaten. "Während Trumps erster Amtszeit hatten er und seine Familie sich verpflichtet, keine neuen Geschäfte im Ausland zu tätigen. Das ist nun passé. Die Trumps profitieren derzeit allein im Persischen Golf von fünf großen Geschäften. ... Viele Zahlungen, die jetzt an Trump, seine Frau, seine Kinder und deren Ehepartner fließen, wären ohne seine Präsidentschaft undenkbar: eine Investition in Höhe von zwei Milliarden Dollar aus einem Fonds, der vom saudischen Kronprinzen kontrolliert wird; ein Luxusjet vom Emir von Katar; Gewinne aus mindestens fünf verschiedenen Unternehmungen, die mit Kryptowährungen handeln [mehr zu Trumps Profiten aus Krypto hier]; Gebühren von einem exklusiven Club, dem Kabinettsmitglieder angehören und der den Namen 'Executive Branch' trägt." Noch wichtiger als die Frage, wie sehr Trump von seiner Präsidentschaft finanziell profitiert, ist für Kirkpatrick die Frage, "was Käufer wirklich für ihr Geld bekommen. ... Der Geldhunger der Familie macht Fragen nach Interessenkonflikten umso dringlicher. Hat Trump stillschweigende Vereinbarungen mit Justin Sun oder C.Z. getroffen, oder mit den Medienunternehmen, die ihm hohe Abfindungen gezahlt haben, oder mit den Monarchen am Golf? Wird Katars Flugzeuggeschenk das Land vor einer weiteren Blockade schützen? Hat der Kauf von Stablecoins im Wert von zwei Milliarden Dollar durch die Vereinigten Arabischen Emirate ihnen Zugang zu sensibler amerikanischer Technologie verschafft? Haben Zahlungen von arabischen Monarchen Trump zu Luftangriffen gegen den Iran veranlasst? Quid pro quos sind äußerst schwer zu beweisen. Aber Wertheimer, führender Befürworter einer Reform der Regierungsethik, sagte über Trump: 'Die Art und Weise, wie er jeden nur denkbaren Weg verfolgt, um an Geld zu kommen, vermittelt denjenigen, die dieses Geld bereitstellen, das klare Gefühl, dass sie dafür eine Gegenleistung erhalten werden. Fast jeder, der sieht, was vor sich geht, muss davon ausgehen, dass dieses Geld die Gunst des Präsidenten erkauft.'"Weiteres: Louis Menand liest James Baldwin und Nicholas Boggs' neue Baldwin-Biografie. Dhruv Khullar beschreibt die Krankheit Progeria, die Teenager in Achzigjährige verwandelt. Amanda Petrusich porträtiert Mac DeMarco, den "letzten Indie-Rockstar". Richard Brody sah im Kino Horrorfilme von Zach Cregger und Athina Rachel Tsangaris. Lesen dürfen wir außerdem eine Erzählung von Annie Proulx, "The Corn Woman, Her Husband, and Their Child".
HVG (Ungarn), 07.08.2025
Dóra Matalin spricht mit dem Menschenrechtler und früheren Politiker András Léderer über das Leben als Schwuler im heutigen Ungarn: "Früher war das mit mehr Stigmatisierung verbunden, das gibt Hoffnung", sagt Léderer. "Meine eigene privilegierte Situation bei der Menschenrechtsorganisation, mit akzeptierenden Freunden und meiner Familie, macht es mir natürlich leicht. Aber in bestimmten Teilen des Landes ist es heute schwieriger, als Schwuler aufzuwachsen, als noch vor zwanzig Jahren. Wie ich von den 16- bis 17-Jährigen höre, die mich um Rat fragen, möchten sie mit ihren Eltern darüber sprechen, aber die homophobe Hasspropaganda hat sich in das Leben und die Sprache der Menschen eingeschlichen. An den Familientischen wird darüber gesprochen, dass XY schwul sei, während der junge Mensch, der damit zu kämpfen hat, daneben sitzt und das Gefühl hat, etwas Schlimmes getan zu haben. (…) Ich habe im Ausland gelebt, aber mir ist klar geworden, dass mich alles hierhin zieht. Ich spreche fünf Sprachen, aber in keiner anderen kann ich so wütend sein, scherzen und lieben wie auf Ungarisch. Es gibt einige Menschen in meinem Leben, die mir wichtiger sind als mein eigenes Blut, und sie alle leben hier. Wer aus einer so missbräuchlichen Situation herauskommt, wie ich sie in meiner Kindheit erlebt habe, kann nicht wegsehen, wenn so etwas passiert. Für mich zeigt sich die immer schnellere Entwicklung Ungarns in Richtung Autokratie auf emotionaler Ebene so: Das System wird mir und anderen gegenüber immer missbräuchlicher, aber ich werde nicht weglaufen. Dies ist meine Heimat, man kann mich hier höchstens rauswerfen, denn ich werde nicht von mir aus gehen."Quietus (UK), 28.07.2025
Hier "Reign in Blood", ein Werk von Schönheit geboren aus Drastik, wie es nur am Ende des Kalten Krieges entstehen konnte:
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