Magazinrundschau

Giftmischer des öffentlichen Diskurses

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
20.07.2010. Mediapart prangert das Gekungel von Politik und Medien an. In The Nation sieht Colin Robinson der Nemesis aller Buchverlage ins Auge. Osteuropa widmet sich ganz dem Komponisten Mieczyslaw Weinberg. Die London Review beobachtet rasende Reporter vor dem Sterbehaus Tolstois. In Open Democracy sieht die Dichterin Tatjana Schtscherbina das Böse wieder einziehen in Russland.

Mediapart (Frankreich), 17.07.2010

Bei den jüngsten Enthüllungen über politische Korruption in Frankreich (Stichwort Schwarzgeld von Madame Bettencourt von L'Oreal an Sarkozy und ein Zigarrenkauf für 12.000 Euro zu Repräsentationszwecken durch einen Staatssekretär) hat das Internetmagazin Mediapart eine führende Rolle gespielt. Die anderen Medien reagieren säuerlich. Liberation brachte glatt einen Artikel, dass zuviel Enthüllungen dem Populismus des Front national Aufwind verleihen könnten. Mickael Marie antwortet darauf in einem ausnahmsweise gratis zu lesenden Mediapart-Artikel: "Viel stärker als die lautstarke - und legitime - Empörung sind es das Schweigen und Verleugnen solcher Verfehlungen, die den Motor der extremen Rechten antreiben. Wenn Politik und Medien den Bürgern das Gefühl geben durch eine Art korporatistischer Solidarität eine gemeinsame Macht auszuüben - dann wird die Rhetorik des Front national vernehmlicher."
Archiv: Mediapart

The Nation (USA), 01.08.2010

Der Verleger Colin Robinson ficht einen Strauß aus mit Amazon: Erstens, weil die riesige Buchdatenbank bei Amazon letztlich dazu führt, dass immer mehr Leser die selben Bücher lesen. Von wegen Diversifizierung. Und zweitens, weil der Internetbuchhändler Verlagen mit seiner marktbeherrschenden Position die Preise diktieren kann. "Natürlich mag jeder niedrige Preise. Aber auch das ist komplizierter als es zuerst erscheint. Um so niedrige Preise zu erreichen, muss der Verkäufer immer größere Rabatte von den Verlegern verlangen. Vor zehn Jahren lag der Gesamtrabatt für ein Buch bei 40 Prozent. Heute sind es eher 50 Prozent und bei vielen Großauslieferern können es sogar 60 Prozent und mehr werden. Amazon erwartet ganz klar, dass der Trend zu immer größeren Rabatten und immer niedrigeren Preisen anhält. Ein prominenter britischer Verleger erzählte mir, dass er und seine Vertriebsleute gerade von Amazon zurückgekommen seien, wo man ihn zu besseren Konditionen gezwungen habe. 'Die gute Nachricht ist, dass sie gesagt haben, ich müsse in den nächsten 18 Monaten nicht mehr hin.'"

(Verblüffend an diesem Artikel ist, dass Robinson den ersten Verlag ausschließlich für elektronische Bücher mitgegründet hat, OR Books. Und doch überlegt er nicht eine Sekunde, ob elektronische Bücher die Verlage von Zwischenhändlern wie Amazon oder Thalia nicht wenigstens zum Teil unabhängig machen könnten. Warum erstellen die Verleger nicht eine gemeinsame eigene Buchdatenbank, über die sie ihre eBücher verkaufen?)
Archiv: The Nation
Stichwörter: Amazon, Gute Nachrichten

Osteuropa (Deutschland), 13.07.2010

Das neue Heft von Osteuropa ist ganz dem fast vergessenen polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg gewidmet, der nach dem deutschen Überfall auf Polen in die Sowjetunion ging und dort von Dmitri Schostakowitsch entdeckt und gefördert wurde. "Es ist ein Rätsel, wie die Musik eines der kreativsten Komponisten des 20. Jahrhunderts derart lange ignoriert werden konnte", schreiben Manfred Sapper und Volker Weichsel im Editorial. Weinbergs erste Sinfonie war der Roten Armee gewidmet, später wurden seine Werke wurden von Mstislaw Rostropowitsch und Dawid Oistrach aufgeführt, dann fiel er bei Stalin in Ungnade und kam ins Gefängnis.

Der britische Musikwissenschaftler David Fanning führt ins Werk ein, das nicht von dem biografischen Hintergrund überlagert werden dürfe: "Weinbergs Werke beziehen sich oft direkt auf die Außenwelt, besonders als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen. Ebenso viele seiner Werke richten sich nach innen, auf Themen wie Liebe und Sehnsucht, Sterblichkeit und Sinnsuche. So mühsam sich das in Worte fassen lässt, so erhebend ist das Erlebnis im Konzertsaal. Es mag verlockend sein, Weinberg als eine Art moralischen Leitstern zu präsentieren, aber seine Botschaft hat nichts mit Kommunismus, Antikommunismus oder politischem Engagement irgendwelcher Art zu tun. Nur das Etikett 'Antifaschist' hätte er wohl akzeptiert. Seine Botschaft, wenn wir sie denn so nennen wollen, handelt vom Mensch- und Künstlersein in den Turbulenzen Mitte des 20. Jahrhunderts."

Hier spielt Rostropowitsch das Cellokonzert:



Außerdem: Die Auschwitz-Überlende Zofia Posmysz, aus deren Novelle "Die Passagierin" Weinberg eine Oper komponiert hat, erinnert sich an ihre Zeit im Konzentrationslager, die Arbeit am Buch und den verschlossenen Weinberg. Reinhard Flender schreibt über die Freundschaft zwischen Weinberg und Dmitri Schostakowitsch. Stefan Weiss behandelt die Repressionen gegen sowjetische Komponisten und Verena Mogl stellt Weinbergs Filmmusiken vor.
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Archiv: Osteuropa

Guardian (UK), 19.07.2010

Charles Rosens Buch "The Classical Style" figurierte schon in den siebziger Jahren auf der Liste der besten hundert Bücher der Musikwissenschaft, die kein geringerer als Carl Dahlhaus selbst einst für seine Studenten zusammengestellt hatte. Nun also ein neues Buch des Pianisten und Autors, "Music and Sentiment", das Simon Callow trotz seiner dezidiert musikwissenschaftlichen und nicht ganz voraussetzungslosen Herangehensweise zu höchstem Lob treibt: "Denn was angesichts der strengen Analyse und des scheinbar technischen Duktus erstaunt, ist, wie bewegend dieses Buch ist. Rosens Analyse des ersten Satzes von Mozarts Streichquartett in G-Dur, KV 387, beschreibt, was er die 'Vielfalt affektiver Nuancen' nennt. Er fächert Mozarts Arbeit mit dynamischen Kontrasten und dem Wechsel zwischen chromatischer und diatonischer Melodik auf und stößt so auf das Geheimnis des 'versteckten und symmetrischen Kontrasts von Emotionen' in diesem Werk. Diese Analyse erlaubt eine tiefe Einsicht in ein Werk, das mich stets faszinierte, ohne dass ich benennen konnte, warum."

Und zwei andere interessante Musik-Artikel finden sich im Guardian: Nicholas Wroe schreibt ein ausführliches Porträt des Impresarios Victor Hochhauser, der gerade auf eigenes Risiko ein Gastspiel des Bolschoi-Balletts in London organisiert und der einst Mstislaw Rostropowitsch nach seiner Emigration in den Westen bei sich beherbergte. Und Richard Williams unterhält sich mit Manfred Eicher, dem Gründer des berühmten ECM-Jazzlabels.
Archiv: Guardian

Caffe Europa (Italien), 10.07.2010

Ist es pure Verzweilfung oder die Rettung des Abendlandes in Italien? Die Philosophin Franca D?Agostini hat ein Buch geschrieben über die manipulierende Macht der Medien im 21. Jahrhundert und sucht Hilfe bei einem Kollegen, der vor knapp 2350 Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Alessandro Lanni hofft in seiner Besprechung, dass es klappt: "Die Spin Doctors von heute, schreibt die Autorin, sind eindeutig die Nachfahren der antiken Sophisten. Diese 'Demokraten', gegen die der Aristokrat Plato antrat, pflegten eine Art von Räsonieren, das die Urform aller kommenden Totalitarismen war. Es sind jene Verfechter der relativen Wahrheit, die im Sophistes-Dialog Platons in Scheibchen geschnitten werden, dem Dialog, in dem er die abendländische Metaphysik gründet, und damit auch die Möglichkeit der Wahrheit. Es sind genau jene Karl Roves ante litteram, die 'Giftmischer des öffentlichen Diskurses', gegen die das Handbuch von Franca D?Agostini eine Kur sucht. 'Das sokratische Rezept anwenden', um jedem beizubringen, wie sich gute Argumente von falschen und Spitzfindigkeiten von Überlegungen unterscheiden lassen. Neue Regeln, die nicht nur zur eigenen Gewissensbildung dienen, sondern auch auf das angewendet werden sollten, was uns täglich aus dem Fernsehen entgegenstrahlt."
Archiv: Caffe Europa
Stichwörter: Metaphysik, Platon

Babelia (Spanien), 17.07.2010

Der argentinische Schriftsteller Martin Kohan spricht im Interview mit Leila Guerriero über seinen neuen Roman und seine Lust am Obsessiven: "Das Obsessive interessiert mich in mancherlei Hinsicht. In der Literatur bringt es mich dazu, zu versuchen das Gleiche gewissermaßen auf immer wieder andere Art und Weise auszudrücken, den Dingen so genau wie nur möglich auf den Leib zu rücken - das finde ich unwiderstehlich. Diese exzessive Konzentration auf das Detail, dieses leidenschaftliche Herumreiten auf Einunddemselben führt unweigerlich dazu, dass man ein wenig die Verbindung zur Umgebung verliert. Sich mit jedem einzelnen Wort aufhalten, jedes einzelne Wort auswählen, sorgfältig abwägen, die Intensität der Schrift auskosten - so schreibe ich am liebsten. Dass das, was ich erlebe oder was ich bin, und das, was ich schreibe, zusammenfallen, interessiert mich eher wenig - mir gefällt die Literatur als Kontrast, als Kompensation, als der Ort des Anderen und der Anderen, der Ort, wo ich von mir selbst und von dem, was ich erlebe, ausruhen kann."
Archiv: Babelia

3 quarks daily (USA), 19.07.2010

Für 3quarksdaily führt Colin Marshall ein riesenhaftes Gespräch mit David Lipsky, dem Autor von "Although of Course You End Up Becoming Yourself: A Road Trip with David Foster Wallace" (Auszug), über eben diesen: "Er hat mal gesagt, das moderne Leben handelt von der Frage, ob man auf der einen oder anderen Seite des elektronischen Datenstroms steht. Das ist so brillant! Genau so fühlt es sich an, wenn ich arbeite, wenn ich auf E-Mails antworte oder zu Twitter oder Facebook gehe. Jedes Mal denke ich: 'Mein Gott, er hat den Nagel auf den Kopf getroffen.' Und das war 1996."

Frontline (Indien), 17.07.2010

T.K. Rajalakshmi berichtet in Frontline, dass Indiens Regierung und Polizei zunehmend in die Kritik geraten, weil sie zu wenig tun, um die weit verbreiteten "Ehrenmorde" zu stoppen. Von denen sind nicht nur Paare betroffen, die zwischen den Religionen unerwünschte Beziehungen eingehen, sondern zwischen verschiedenen Hindu-Kasten. Rajalakshmi weiß von einem Dreifachmord in dem zu plötzlichen Reichtum gekommenen Dorf Wazirpur nahe Delhi: "In dem Dorf entschieden sich vor vier Jahren Kuldeep, ein Junge aus der Rajputen-Kaste, und Monica, eine Gujjar-Nomadin, zu heiraten. Sie waren das erste Paar in dem vierhundert Jahre alten Dorf, das sich über Kastengrenzen hinweg verbinden wollte. Am 21. Juni töteten zwei Cousins des Mädchen die beiden im Namen der Ehre. Am nächsten Tag wurde eine weiteres Mädchen ermordet aufgefunden, Monicas Cousine. Die Jungen, die das Verbrechen zugaben, erklärten, sie konnten nicht die Verachtung der Dorfbewohner ertragen, nachdem die Mädchen 'Schande' über sie gebracht hatten, eine indem sie außerhalb ihrer Kaste geheiratet hatte, die andere, weil sie gern Model werden wollte."
Archiv: Frontline

Open Democracy (UK), 15.07.2010

Die russische Dichterin Tatjana Schtscherbina zeigt sich entsetzt vom Urteil gegen die beiden Moskauer Ausstellungsmacher Andrej Jerofejew und Juri Samodurow. "Wie eh und je ist niemand in der Lage zu erkennen, was dieser Prozess für das Land bedeutet. Niemand sieht die historische Vorgänger. Alles hängt mit allem zusammen, und dieses unbedeutend erscheinende Böse bedroht oder zerstört das große Potenzial künftiger internationaler Entwicklung. Wir sind so damit beschäftigt, 'wir selbst zu sein', dass wir unfähig geworden sind, zu erkennen, wie sich die sowjetische Witwe selbst aus dem Weltkontext schreibt. Ganz wie in den alten Tagen, als man zu sagen pflegte: 'Ich habe zwar Pasternak nicht gelesen, aber ich weiß ganz genau, was das für einer ist', als Brodsky wegen Parasitentums vor Gericht gestellt wurde und eine Ausstellung von Bulldozern plattgemacht wurde."

Sara Silvestri beklagt, dass die in immer mehr Ländern Europas geplanten Burkaverbote nicht die unterschiedlichen Gründe berücksichtigen, aus denen muslimische Frauen sich verschleiern: "Eine junge Niqab-Trägerin sagte zu mir, dass sie Bedürfnis verspüre, einen Gesichtsschleier und lange schwarze Gewänder zu tragen, weil sonst andere Leute (d.h. Nicht-Muslime) kein Interesse daran hätten, ihre Meinung zu hören." Andy Williams beschreibt, wie die Trinity Mirror Company die beiden walisischen Tageszeitungen Daily Post und The Western Mail trotz bereits dezimierter Auflage und Redaktion immer weiter auspresst.

London Review of Books (UK), 22.07.2010

Eine ganze Reihe von Büchern über das Leben, das Schreiben und sogar das Sterben von Leo Tolstoi nimmt James Meek sich vor und neigt in seinem weit ins Detail gehenden Referat nicht zu übermäßiger Heldenverehrung. Hier etwas über das Medienereignis, das der Tod des Dichters und Visionärs darstellte, erzählt nach dem Band von William Nickell: "Das Zimmer im Haus des Bahnhofsvorstehers, in dem der sterbende Tolstoi untergebracht war, wurde zum Auge eines Nachrichtenhurrikans. Eine Horde von Reportern drängelte sich durch die Massen der Schaulustigen und schickten ihre Meldungen in tausenden Telegrammen an hunderte Zeitungen, von denen manche die Hälfte des zur Verfügung stehenden Platzes für eine Art Proto-Blog freiräumten. 'Bitte löschen, dass Tolstoi zwei Eier gegessen hat: inkorrekt; hat nur Tee mit Milch getrunken', liest man in einem Telegramm. Die Kamera war da und der Kinematograf. Man kann Tolstoi auf Youtube sehen."

Zu schweren Unruhen kam es unlängst - wieder einmal - in Kaschmir. Die Sicherheitskräfte schossen auf Demonstranten, elf Menschen starben - und die westlichen Medien berichteten so gut wie gar nicht. Tariq Ali berichtet über Geschichte und Gegenwart der Unterdrückung der muslimischen Mehrheit in Kaschmir und die Aussichtslosigkeit jeder Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse: "Die öffentliche Meinung in Indien schweigt. Die Parteien der Linken ziehen es vor, sich nicht zu äußern, aus Sorge, die Gegenseite könnte ihren Patriotismus in Frage stellen. Von Kaschmir ist nie die Rede und durfte die Rede nie sein. Mit seiner muslimischen Mehrheit durfte es 1947 nicht in einem eigenen Referendum entscheiden, welchem der beiden Länder es angehören wollte. 1984 fragte ich die damalige Premierministerin Indira Gandhi, warum sie die Entstehung Bangladeschs nicht zum Anlass nahm, eine Abstimmung zu veranlassen ... Sie schwieg... Heute schiene der Vorschlag allein schon utopisch."

Weitere Artikel: Über die zehn Nicht-Gerade-Superspione für Russland und Sinn oder Unsinn ihrer Unternehmung denkt Daniel Soar nach. Michael Wood sieht zum fünfzigsten Jubiläum der Entstehung einmal wieder Jean-Luc Godards Klassiker "Außer Atem". Peter Cambpell besucht die Fälschungs-Ausstellung "Close Examination: Fakes, Mistakes and Discoveries" in der National Gallery. Andrew Cockburn liest ein Buch über die Sanktionen gegen den Irak in den Jahren 1990 bis 2003.