Heute in den Feuilletons

Das leicht Scheinende

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.12.2013. Die SZ protestiert gegen den Abriss der Esso-Häuser in Hamburg. Außerdem kann sie atheistischen Ägyptern nicht empfehlen, sich zu ihrem Nicht-Glauben zu bekennen. Die FAZ stellt schon mal eine to-do-Liste für Monika Grütters auf. Laut taz entlastet Franz Walter die Grünen weithin vom Pädophilie-Vorwurf, wenn auch nicht so ganz und gar. Die Welt befürwortet das Misstrauen gegenüber dem Bürger allenfalls im Namen der Freiheit. Der Guardian zitiert einen erfreuten Edward Snowden zum Statement eines amerikanischen Richters, der die NSA-Aktivitäten wohl als illegal verurteilen wird.

Weitere Medien, 17.12.2013

Spencer Ackerman and Dan Roberts berichten für den Guardian über den amerikanischen Bundesrichter Richard Leon, der nach einer Klage gegen das massenhafte Sammeln von Telefondaten die Aktivitäten der NSA als wahrscheinlich verfassungswidrig verurteilen wird. Interessant ist seine Begründung: "Leon expressed doubt about the central rationale for the program cited by the NSA: that it is necessary for preventing terrorist attacks. 'The government does not cite a single case in which analysis of the NSA's bulk metadata collection actually stopped an imminent terrorist attack,' he wrote." Und die Autoren zitieren ein Statement Edward Snowdens zu dieser Nachricht: "Today, a secret program authorised by a secret court was, when exposed to the light of day, found to violate Americans' rights. "
Stichwörter: Guardian, NSA, Edward Snowden

NZZ, 17.12.2013

Ulf Meyer wirft einen Blick auf die mit recht heißer Nadel gestrickten Wiederaufbaupläne für Japans Nordosten. Michel Bodmer schreibt den Nachruf auf Peter O'Toole, den "grazilen blonden Schlaks mit den strahlend blauen Augen". Für die Medienseite besucht Andreas Mink den früheren amerikanischen Journalisten Harry Rosenfeld, der den Watergate-Skandal als Lokalchef der Washington Post miterlebte.

Besprochen werden Rüdiger Safranskis Goethe-Biografie (die Roman Bucheli einfach fantastisch findet), Uwe Timms Roman "Vogelweide" und Juan Gelmans Gedichtband "Kom/positionen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 17.12.2013

Im Forum sieht Clemens Wergin einen Zusammenhang zwischem dem Austausch der Bankdaten mit den USA und den Bespitzelungen durch die Geheimdienste: "Misstrauen gegenüber dem Bürger ist sowohl die Quelle für Wolfgang Schäubles Bankdatenkontrollfantasien wie auch für die Internetkontrollvisionen der NSA." Bei der NSA findet er es allerdings verzeihlich, da sie die Freiheit im Namen der Freiheit untergräbt.

Weitere Artikel: Ludwig Spaenle, Staatsminister für Bildung, Kultus, Wissenschaft und Kunst in Bayern, wünscht sich im Jubiläumsjahr 2014 (100 Jahre Ausbruch Erster Weltkrieg, 75 Jahre Ausbruch Zweiter Weltkrieg, 25 Jahre Mauerfall) einen etwas europäischeren Blick auf die Geschichte und eine Würdigung der "demokratischen Patrioten von Weimar". Peter Zander schreibt den Nachruf auf Peter O'Toole, Gerhard Midding schreibt den Nachruf auf Joan Fontaine.

Besprochen wird Christoph Waltz' Operndebüt mit dem "Rosenkavalier" in Antwerpen.
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TAZ, 17.12.2013

Der Göttinger Politologe Franz Walter hat seinen Bericht zu den Grünen und der Pädophilie vorgelegt. Laut Nina Apin entlastet er die Grünen weithin, auch den angegriffenen Volker beck, attestiert der Partei in ihrer Anfangszeit aber eine fatale Offenheit für verqueres Gedankengut: "Die Grünen haben 'einen besonderen Resonanzboden' für Minderheiten geboten - auch für Pädophile. Es sei 'propädophilen Kräften über mehrere Jahre hinweg möglich' gewesen, 'ihre Ansichten und Forderungen in den Willensbildungsprozess der Grünen einzuspeisen'."

Weiteres: Deniz Yücel muss einfach mal den Facettenreichtum der Medien bewundern: "Merkels Coup (NZZ), Merkels Überraschungscoup (dpa), Angela Merkels Ursula-Coup (Berliner Kurier). Merkels Coup mit von der Leyen (Zeit-Online)." Frank Schäfer stellt amerikanische Autorinnen wie Mary Miller und Amy Hempel vor, die eine "neue Härte in die weibliche Literatur" bringen. Isabelle Reicher schreibt den Nachruf auf Peter O'Toole.

Besprochen werden eine Ausstellung über Städte des niederländischen Fotografen Iwan Baan im Herforder Marta (Bild: Iwan Baan, Allahabad, Indien: Kumbh Mela. Am besten ist aber die Damentoilette von Sou Fujimoto), eine Kinderlieder-CD von Café Unterzucker und Robert Harris' Dreyfus-Thriller "Intrige" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.

Aus den Blogs, 17.12.2013

"Frozen in time". Fotokolumnist Jordan G. Teicher präsentiert in Slate Christian Pearsons Fotos aus einem verlassenen Bordell in Melbourne.

Das bekannte Londoner Architekturstudio FAT schließt, berichtet Dezeen.

FAZ, 17.12.2013

Andreas Kilb erklärt der neuen Staatskulturministerin Monika Grütters en detail, was er in den nächsten Monaten von ihr erwartet: unter anderem eine Zementierung des Urheberrechts gegen die "digitale Wildnis" und gleichzeitig eine Digitalisierung kultureller Güter. Andreas Platthaus hat nichts gegen Weihnachten, nur nicht jetzt. Verena Lueken schreibt den Nachruf auf Peter O'Toole. Wiebke Hüster besucht die einstige Primaballerina Ingeborg Höhnisch, die einst in Berlin für Mary Wigman im "Sacre" tanzen sollte, aber nicht tanzte. Dieter Bartetzko begutachtet architektonische Entwürfe für Springer-Neubauten, die den digitalen Ehrgeiz des Hauses illustrieren sollen. Gina Thomas betrachtet eine Schenkung mit Zeichnungen, unter anderem von Baselitz und Richter, an das British Museum. Auf der Medienseite stellt Stefan Schulz den Berliner Podcaster Tim Pritlove vor, der große Erfolge mit langen Gesprächen feiert. Jochen Hieber empfiehlt einige Sendungen zum hundertsten Geburtstag von Willy Brandt.

Und Hans Magnus Enzensberger legt ein Wort für den auf Spanisch schreibenden Lyriker Fabio Morábito ein, von dem einige Gedichte abgedruckt werden:

"Beim Umziehen habe ich gelernt,
die Möbel nicht an die Wand zu kleben,
die Nägel nicht zu tief einzuschlagen
und alles nur so fest wie nötig
anzuschrauben. (...)"

Hier liest Morábito selbst.

Besprochen Christoph Waltz' Inszenierung des "Rosenkavalier" in Antwerpen, werden die Uraufführung von Martin Heckmanns' Theater über Theater "Es wird einmal" im Schauspielhaus Bochum, Schumanns "Faust-Szenen" unter Daniel Harding in Berlin, eine CD von Allen Toussaint und Bücher, darunter Christine Taubers Biografie über Ludwig II. (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 17.12.2013

Dass in St. Pauli die am Wochenende wegen Einsturzgefahr geräumten Esso-Häuser und damit die letzten verbliebenen Nischen für kostengünstiges Wohnen auf dem gentrifizierten Kiez von der Bayerischen Hausbau abgerissen werden müssen, entfacht Till Brieglebs geballten Zorn: "Die sträfliche Vernachlässigung des baulichen Erbes der Fünfziger- und Sechzigerjahre hat im Fall der Esso-Häuser die Grenze der Fahrlässigkeit überschritten. Die Gebäude, die im gepflegten Zustand ein denkmalwürdiges Ensemble der Nachkriegs-Moderne gewesen wären, stehen aber auch für fiskalische Einäugigkeit. Bekenntnisse für die Rechte ärmerer Bewohner, in attraktiver Lage billig wohnen zu dürfen, müssen gegen potente Investoren immer erst erkämpft werden - häufig umsonst." Mehr dazu bei der Initiative Esso Häuser und hier:



Ziemlich ungestimmt kehrt Reinhard J. Brembeck aus Antwerpen heim, wo er mit einer Aufführung des "Rosenkavalier" Christoph Waltz' Debüt als Opernregisseur gesehen hat. Und dieses stand offenbar unter keinem guten Stern. Brembeck zeiht das Haus der Profilierungssucht: "Der Glaube ans geborene Opernregietheatergenie, der hinter solchen Entscheidungen steckt, ist schlicht naiv. Geradezu fahrlässig aber ist es, einem Neuling ein so vertracktes Stück ... anzuvertrauen, das alles andere als ein Selbstläufer ist. Denn das leicht Scheinende in der Kunst ist irrsinnig schwer zu machen. So aber wird Prominenz zum Fluch für die absterbende Oper."

Weitere Artikel: André Boße erlebt beim Kölner Week-End-Festival "eine Offenbarung" als die Recken von The Fall auf der Bühne rocken (hier eine kleine Aufnahme). Volker Breidecker gratuliert dem Philosoph Ludger Lütkehaus zum 70. Geburtstag. Nachrufe gibt es für die Schauspieler Peter O'Toole und Joan Fontaine (hier und dort internationale Pressespiegel).

Auf Seite Drei berichtet Sonja Zekri, dass sich Ägyptens atheistische Minderheit kaum zu ihrem Nicht-Glauben bekennt- und zwar aus blanker Furcht: "Viele Ägypter befürworten die Todesstrafe für Apostaten. Die Beleidigung einer Religion wird schon heute mit Haftstrafen geahndet. Atheisten sind eine bedrohte Spezies."

Besprochen werden eine Aufführung von Oscar Wildes "Bunbury" in München und Bücher, darunter Rolf-Bernhard Essigs Roman "Die Kunst, Wasser zu fegen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).