Heute in den Feuilletons

Wenn es sich um Zorn handelt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.10.2013. Die NZZ ergründet das Geheimnis von Catherine Deneuves Reserviertheit. Nicht nur manche Parteien, auch die Journalisten haben den Bundestagswahlkampf verloren, findet Max Thomas Mehr in Dradio Kultur. Zeit online ruft der Bundesregierung nach den Enthüllungen über die NSA-Bespitzelung der Franzosen zu: Empört euch! Die Welt entscheidet sich mit Albrecht Dürer für die Wahrheit und gegen das Ideal. Die taz berichtet über einen historischen Streit im Hause C.H. Beck. Die SZ verliert im dänischen Seefahrtsmuseum den Boden unter den Füßen. Und Slavoj Zizek rappt jetzt auch.

Weitere Medien, 22.10.2013

Auf Zeit online kommentiert Patrick Beuth die jüngsten Enthüllungen über die Ausspähung von "Terroristen" durch die NSA. Dazu gehören inzwischen die Staatsoberhäupter von Mexiko und Brasilien und 70 Millionen Franzosen, deren Telefongespräche zwischen Dezember 2012 und Januar 2013 aufgezeichnet wurden: "Die französische Regierung hat nun den US-Botschafter einbestellt. Die brasilianische Präsidentin Roussef hatte aus Protest gegen die Überwachung ihrer Regierung eine USA-Reise abgesagt. Mexiko brandmarkt die NSA-Aktivitäten lautstark als 'illegal'. Und was macht die Bundesregierung? Sie lässt sich schriftlich versichern, dass die NSA sich hierzulande an Recht und Gesetz hält - und glaubt es."

Bei den Bundestagwahlen haben die SPD, die Linken und die Grünen verloren, aber nicht nur sie, findet Max Thomas Mehr in Dradio Kultur: "Mehr noch als SPD, Linke und Grüne haben diejenigen verloren, die die Deutungshoheit über das politische Geschehen mitgestalten und die Politik kontrollieren sollen: Die Journalisten - also wir. Selten war die gefühlte Diskrepanz zwischen Lesern und Wählern, zwischen medialer Öffentlichkeit und Bürgern so groß."

NZZ, 22.10.2013

Patrick Straumann gratuliert Catherine Deneuve zum 70. Geburtstag und preist ihre Schauspielkunst: "Niemals trieb sie ihr Acting bis zur vollständigen Entäußerung, die tieferen Seelenlagen ihrer Figuren ließ sie auch in ihren expressiven Momenten im Dunkel. Vielleicht hatte sie es indessen gerade dieser Reserviertheit zu verdanken, dass sie in den Jahren, in denen die filmische Moderne sich ihrem Ende zuneigte, zur zeitlosen Symbolfigur eines klassischen Filmverständnisses wurde." Derzeit ist sie in der Hauptrolle von Emmanuelle Bercots Film "Elle s'en va" zu sehen.

Und hier ist sie, unvergesslich, in Polanskis "Ekel".



Auf der Medienseite bedauert Adrian Lobe die Sparpläne des Courrier International, dem die EU die Zuschüsse für das Nachrichten-Portal Presseurop gestrichen hat: "Der Dienst bietet eine Presseschau in verschiedenen Sprachen an. Die Subventionen erregten vor allem in der angelsächsischen Presse Unmut. Von Wettbewerbsverzerrung und einem Propagandainstrument der EU war die Rede. Nun streicht die EU den Zuschuss, weshalb Presseurop eingestellt wird. Der Wegfall der EU-Gelder hat auch zur Folge, dass in der Zeitungsredaktion 11 Stellen (von insgesamt 79) abgebaut werden."

Außerdem im Feuilleton: Dirk Pilz schreibt den Nachruf auf Dimiter Gotscheff. Der Regisseur habe in seinen Inszenierungen stets nach "Radikalität, Strenge, Konzentration" gesucht, was ihn mit Heiner Müller verband.

Besprochen werden eine Inszenierung vom "Lohengrin" am Theater Basel unter Regie von Vera Nemirova (Martina Wohlthat vermisst Tiefgang), eine Bearbeitung der "Beggar's Opera" der Gruppe Far A Day Cage, ebenfalls am Theater Basel (eine Dekonstruktion des Originals "mit Witz und Hintersinn", findet Alfred Schlienger), ein Konzert des Trio Nota Bene und Bücher, darunter Raja Alems Mekka-Roman "Das Halsband der Tauben", für Angela Schader ein "verwirrendes und ziemlich überwältigendes" Werk (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

TAZ, 22.10.2013

Rudolf Walther berichtet über einen Streit im C.H. Beck Verlag, der bei der Feier zum 250. Geburtstag in Frankfurt offen ausbrach: Die beiden Brüder Beck hatten jeder einen Historiker beauftragt, eine Geschichte des Beck Verlags im Nationalsozialismus zu schreiben. "Zentral geht es bei dem Historikerstreit im Hause Beck um 'die Arisierung' (Rebenich) des Verlags von Otto Liebmann 1933. Dessen Einverleibung in das Beck-Universum hält Wesel für einen eher normalen Geschäftsvorgang. Wesel watschte in Frankfurt von daher den Kollegen Rebenich ab, dieser sei als 1961 Geborener zu jung, um mit ihm und anderen älteren Menschen wie Hans Dieter Beck über die Vorgänge im Nationalsozialismus zu reden. Ein Fall von Demenz, Altersstarrsinn, oder verbirgt sich dahinter ein ernst zu nehmender Methodenstreit?"

Weitere Artikel: Isolde Charim fragt sich in ihrer Kolumne: "Sollen Politiker sein wie jene, die sie wählen - oder sollen sie anders sein?" Bahman Nirumand skizziert die heikle Situation iranischer Filmregisseure. Ralf Leonhard berichtet über Forderungen, den Beethoven-Fries von Gustav Klimt zu restituieren. Esther Slevogt schreibt den Nachruf auf den Regisseur Dimiter Gotscheff. Laura Wösch kündigt eine Arte-Reihe mit Filmen des japanischen Zeichentrickregisseur Hayao Miyazaki an.

Besprochen wird ein Büchner-Abend in den Münchner Kammerspielen.

Und Tom.
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Welt, 22.10.2013

In der großen Dürer-Austellung im Frankfurter Städel Museum lernt Hans-Joachim Müller, dass Dürer ein besserer Zeichner als Maler war: "Auch die Bildnisse, von denen die Ausstellung ein Handvoll versammelt, verraten nicht unbedingt die Selbstgewissheit des Renaissance-Menschen. Dass sie alle bürgerliche Leistungsträger der Epoche sind, ist ihnen anzumerken. Aber die italienischen Porträtisten hätten ihnen doch ein wenig mehr Adel gegeben. Dürer entscheidet sich im Zweifelsfall immer für die Wahrheit und gegen das Ideal. Was dem Zeichner mehr noch gelingt als dem Maler." (Bild: Dürers "Bildnis eines jungen Mannes", 1506)

Weitere Artikel: Darren Aronofsky dreht einen Bibelfilm, mit Russell Crowe als Noah, berichtet Hanns-Georg Rodek. Marc Reichwein schreibt zum 100sten Geburstag des Fotografen und Kriegsreporters Robert Capa. Michael Pilz schreibt zum Tod des Jazz-Schlagzeugers Shannon Jackson. In der Leitglosse nimmt Manuel Brug die Weigerung der katholischen St. Gebhards-Kirche aufs Korn, in ihrem Haus Karl Jenkins' "The Armed Man - A Mass for Peace" aufzuführen, weil in dem Stück auch der Ruf eines Muezzins erklingt.

Besprochen werden Verdis Oper "Schlacht von Legnano" in Hamburg und Sebastian Nüblings Inszenierung des Sozialdramas "Ilona. Rosetta. Sue." in den Münchner Kammerspielen.

Aus den Blogs, 22.10.2013

Slavoj Zizek rappt jetzt auch:



Naja, genauer gesagt, handelt es sich um eine Satire des slowenischen Komikers Klemen Slakonja, die von dem Blog criticaltheory.com präsentiert wird.

Die Reaktion auf die Enthüllungen über amerikanische und britische Geheimdienste kann nicht national bleiben, meint Daniel Vernet in slate.fr nach den neuesten Berichten über die Aktivitäten der NSA in Frankreich: "Paris will die Sache auf die europäische Ebene heben. Die Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen, die eine große Freihandelszone auf beiden Ufern des Atlantiks schaffen sollen, sind ein guter Anlass."

SZ, 22.10.2013

Till Briegleb verliert beim Flanieren durch das neue Seefahrtsmuseum im dänischen Helsingör vor Glück glatt den Boden unter den Füßen: "Will man Goethes alten Spruch, dass Architektur gefrorene Musik sei, auf diesen Bau ummünzen, dann muss er heißen: Sie ist gefrorener Seegang. Vom Eintritt in die Tiefe über eine breite geknickte Brücke durch das Foyer mit seiner dramatischen Bodenschräge bis zu dem Ausstellungsparcours ... haben die dänischen Architekten der Bjarke Ingels Group (BIG, dysfunktionale Architektenwebsite) jede Horizontale aufs Klo verbannt. Alle anderen öffentlichen Flächen in diesem Schifffahrtsmuseum begeht man in einem dezenten Vorwärtsfallen." Hier einige fotografische Eindrücke.

Weitere Artikel: Volker Breidecker berichtet von einer Tagung der literarischen Mittelmeerunion in Tirana (mehr), die die Einheit dort beschwor, "wo das Europa der Reichen und Mächtigen hingegen - wie nie zuvor in der Geschichte des Mittelmeerraums - auf unüberwindliche Trennungen setzt." Hans-Peter Kunisch besucht das tschechische Dorf Osoblaha, dessen deutscher Name "Hotzenplotz" den Kinderbuchautor Otfried Preußler zum Namen seines Räuber Hotzenplotzes inspirierte. Burkhard Müller hält die Kritik des italienischen Wirtschaftswissenschaftlers Vladimiro Giacchés an der deutschen Europolitik, derzufolge die Bundesrepublik sich Europa einverleiben will, zwar für unzutreffend, aber dennoch lesenswert: "Es ist immer gefährlich, die Gefühle der anderen zu ignorieren, besonders, wenn es sich um Zorn handelt." Tobias Kniebe gratuliert Catherine Deneuve (die er als "Sphinx des Kinos" bezeichnet) zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Gerhard Richters "Atlas - Mikromega" im Münchner Lenbachhaus, Sebastian Nüblings Stück "Ilona. Rosetta. Sue." an den Münchner Kammerspielen, eine Londoner Aufführung von Verdis "Sizilianische Vesper" in der Ästhetik von 1855 und Bücher, darunter eine von Jürgen Finger, Sven Keller und Andreas Wirsching herausgegebene Studie über Dr. Oetker und den Nationalsozialismus (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 22.10.2013

Keiner leidet rhetorisch so brillant an Frankreichs Niedergang wie Alain Finkielkraut. Jürg Altwegg hat sein neuestes Buch "L'identité malheureuse" gelesen und ihn getroffen: "Finkielkraut bezieht sich auf François Furet, der in 'Das Ende der Illusion' darauf verwies, 'dass es beinahe unmöglich geworden sei, eine andere Gesellschaft zu entwerfen'. Es gibt keine Utopie und keine Alternative. Und die Empörung über das Ungenügen der Gegenwart erschöpft sich im Skandalisieren und Moralisieren. Als Beispiel nennt er Stéphane Hessels 'graues Buch'. 'Empört euch' forderte Hessel seine Millionen von Lesern auf, 'ein Grund dafür wird sich immer finden lassen'."

Weitere Artikel: Melanie Mühl fürchtet, dass es bei Internetdiensten, die Möglichkeiten des Teilens anbieten, auch nur um Profit gehe (während diese Zeitung höchstwahrscheinlich als Wohlfahrtsinstitut betrieben wird). Online steht heute auch der gestrige Leitartikel von Reinhard Müller, der das Internet unanständig findet. Noemi Smolik macht auf den großen Maler František Kupka aufmerksam, der als einer der ersten abstrakt malte, und würdigt die Sammlerin Meda Mládek, die ihm das Museum Kampa in Prag widmete. Andreas Rossmann besuchte die Autorentage Schwalenberg, die dem Werk Anita Albus' galten. Und Kerstin Holm berichtet von den Literaturtagen in Badenweiler. Auf der Medienseite berichtet Jörg Michael Seewald, dass die Redaktionen der Gruner + Jahr-Zeitschriften Nido und Neon partout nicht von München nach Hamburg ziehen wollen, obwohl der Verlag Umzugsbeihilfe und Freiflüge offeriert. Michael Hanfeld vermutet, dass ein Jugendkanal von ARD und ZDF kommen wird, was auch immer dagegen sprechen mag.

Besprochen werden eine Choreografie Sasha Waltz' im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie, der "Falstaff" in Stuttgart, das Festkonzert zum fünfzigsten Geburtstag der Philharmonie in Berlin, Gavin Hoods Verfilmung von Orson Scott Cards Roman "Ender's Game" und Bücher, darunter J. M. Coetzees Roman "Die Kindheit Jesu" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).