Heute in den Feuilletons

Nebenkriegsschauplätzchen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.08.2013. Jay Rosen beschreibt in seinem Blog, wie sich die Demokratie mit Prism selbst untergraben hat. Sascha Lobo analysiert auf Spiegel Online, wie das im Regierungssprech aussieht. Großes Thema in den Feuilletons: Mit dem Insolvenzverfahren bei Suhrkamp könnte sich der Knoten im Königsdrama lösen. Laut Welt ist dtv an den Anteilen von Hans Barlach interessiert. Die NZZ stellt junge Filmemacher in Tel Aviv vor. Die taz erinnert an das nigerianische Idol Fela Kuti. Die Zeit berichtet: Wie's mit der Washington Post weitergehen könnte, haben Ehemalige der Post bereits gezeigt - mit Politico.

Aus den Blogs, 08.08.2013

Der Journalismusprofessor Jay Rosen hat auf seinem Blog Pressthink einen genialen Essay über Prism als Verrat am Bürger durch die Politik geschrieben. Ausgangspunkt ist ein Moment in einer Fernsehdiskussion, wo der New Yorker-Reporter Jeffrey Toobin den Whistleblower Edward Snowden einen Kriminellen nennt, obwohl er die durch ihn ausgelöste Debatte begrüßt - ein Meisterstück der Verdrängung und Heuchelei, so Jay Rosen, der sich in seinem Essay eine einfache und abgründige Frage stellt: "Kann es in Entscheidungen über elektronische Überwachung überhaupt so etwas wie eine 'informierte Öffentlichkeit' und das Einverständnis der Regierten geben, oder haben wir diese Prinzipien schlicht beseitigt, damit der Staat frei agieren kann?'"

Tim Carmody schreibt auf Niemanlab ein interessantes Psychogramm über Jeff Bezos (der wie Steve Jobs ein adoptiertes Kind war) und glaubt, einer der Gründe für den langfristig denkenden Unternehmer, die Washington Post zu kaufen, ist, dass er sie als ein Erbe für seine Kinder betrachtet: "Instead of a public company led by the Graham family, or the enormous and equally public Amazon, the Post will become part of a much smaller company, owned in full by the Bezos family. The Bezoses become part of the same chain as the Grahams, connecting the past with the future. Jeff Bezos has something he can leave to his children, and to the world, beyond the company he runs. And one of Bezos' sons or daughters, if he or she wishes, may become the next Walter Annenberg or Katherine Graham."

Wie ernst zu nehmen sind eigentlich die aktuellen Terrorwarnungen, fragt John Mueller auf Slate und erinnert an eine Menge solcher Warnungen unter der Bush-Regierung, deren Stichhaltigkeit niemals belegt wurde: "We are, as usual, told about 'chatter' and about intercepts of vaguely-worded communications that fail to specify timing or targets. Although it can hardly be news to terrorists that their communications are constantly monitored by U.S. intelligence, the new revelations about the extent of the eavesdropping may have reminded them anew that they can easily push the U.S. into paroxysms of costly, self-punishing behavior just by communicating convincing information to their avid auditors about ominous, if idle, terror plans."

Stephen Fry fordert seine Regierung in einem offenen Brief auf, die fortschreitende Stigmatisierung und Unterdrückung Homosexueller in Russland im Hinblick auf die kommenden olympischen Spiele nicht mehr hinzunehmen: "For there to be a Russian Winter Olympics would stain the movement forever and wipe away any of that glory. The Five Rings would finally be forever smeared, besmirched and ruined in the eyes of the civilised world."

NZZ, 08.08.2013

Sascha Lara Bleuler stellt junge Filmemacher in Tel Aviv vor, die es nicht leicht haben (wie überall auf der Welt): "Politisch stehen sie alle links, und es gehört zum guten Ton, dass man sich an den spärlich gewordenen Demonstrationen gegen die Regierung beteiligt. Die soziale Ungerechtigkeit und die ungelöste Situation mit den Palästinensern sind medial allgegenwärtig, in den Filmen jedoch nur unterschwellig spürbar. Die Werke sezieren vielmehr den Seelenhaushalt einer unruhigen Generation. In diesem Sinne sind die Filme auch immer Versuche, mit dem Rest der Welt zu kommunizieren, und zeugen von einer tiefen Sehnsucht, die komplexe Realität des Nahen Ostens erfahrbar zu machen."

Weitere Artikel: Kann man einem Algorithmus Verantwortung übertragen, fragt Eduard Kaeser und findet die Antwort bei Herder. Wiebke Porombka verläuft sich mit Jo Lendle am Landwehrkanal. Stefan Hentz schreibt zum Tod des Jazzmusikers George Duke.

Besprochen werden Danny Boyles Kunstraub-Filmkomödie "Trance" und Wassili Golowanows Reportageband "Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 08.08.2013

Bodo Mrozek hofft auf zeit.de, dass das jetzt angelaufene Insolvenzverfahren bei Suhrkamp die Verhältnisse ordnet und "Hans Barlach den Ausstieg aus dem Verlag gegen eine Abfindung oder die Veräußerung seiner Anteile an einen Dritten (erlaubt). Das Sammler-Ehepaar Sylvia und Ulrich Ströher, das Barlach bereits einmal ein Angebot zum Abkauf seiner Anteile machte, hat dieses Angebot mittlerweile erneuert." Das große Suhrkamp-Dossier aus der Print-Zeit von letzter Woche steht jetzt online.
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Perlentaucher, 08.08.2013

Heute Im Kino: Lukas Foerster schreibt über Danny Boyles Thriller "Trance", der mit einigem Stilwillen aseptische Obsessionen zelebriert. Und Thomas Groh lässt sich von Gore Verbinskis Western "Lone Ranger" mitreißen: "Eindeutig steht 'Lone Ranger' diesseits einer von der Achse des Italowestern zweigeteilten Filmgeschichte und blickt von dort zur anderen Seite hinüber. Und zumindest ästhetisch ist das für den Westernliebhaber - ganz anders als Tarantinos zumindest halb missratener 'Django Unchained' - ein gewaltiges Geschenk: Die Landschaften sind weit, die Canyons tief, die Dampfloks schön und die Sonne brennt dazu erbarmungslos vom Himmel".

Welt, 08.08.2013

"Und jetzt also: Insolvenz", schreiben Sven Clausen und Uwe Müller in Sachen Suhrkamp und hoffen, dass sich der Knoten im Königsdrama löst. Sie haben auch mit Minderheiteneigner Hans Barlach gesprochen, der sich mit einer eventuell zu gründenden Aktiengesellschaft abfinden würde - die jetzigen Geschäftsführer will er allerdings immer noch abberufen. Als Käufer stünde neben der Wella-Dynastie Ströher außerdem und interessanter Weise noch dtv parat: "eine echte Überraschung. Suhrkamp bestätigte Kontakte zwischen dtv und Frank Kebekus, dem Suhrkamp-Generalbevollmächtigten." Auch heute ist wieder Gerichtstag in Berlin. Diesmal geht es um Hans Barlachs Ansinnen, die Geschäftsführung abzusetzen.

Weiteres: Michael Pilz hat den stets noch rüstigen Iggy Pop in Berlin gesehen. Besprochen werden der "Jedermann" in Salzburg und Filme, darunter Danny Boyles Thriller "Trance - Gefährliche Erinnerung".

Im Forum vermutet Marko Martin, dass Kritiker des großartigen Prism-Programms der amerikanischen Regierung frühere nützliche Idioten der Kommunisten sind.

Spiegel Online, 09.08.2013

In der Zeitungsdebatte bei Spiegel Online interveniert Richard Gutjahr, der sich medienübergreifende Bezahlmodelle wünscht: "Gerne würde ich für diese Texte bezahlen dürfen. Allein, man lässt mich nicht! Stattdessen werde ich via App oder demnächst wohl wieder via Paywall dazu genötigt, ein ganzes Bündel an Artikeln von oft fragwürdiger Qualität zu kaufen, die mich schon in der Print-Ausgabe nicht interessiert haben."

Auch Thomas Knüwer hat geschrieben und zeigt sich überzeugt, dass Medien im Netz refinanzierbar seien.

Sascha Lobo analysiert die Argumentationstaktiken der Regierung zu Prism. Ein Beispiel: "Nebenkriegsschauplätzchen backen: 'Es ist die Vermutung geäußert worden, dass massenhaft Daten deutscher Bürger an die USA, an den NSA übermittelt worden sind. Diese Aussage ist eindeutig falsch.'" Lobos Kommentar dazu: "Unabhängig davon, ob man dieser Behauptung glauben schenkt: Jede Datenübermittlung ist unnötig, wenn die NSA eigene Zugriffsmöglichkeiten hat."

TAZ, 08.08.2013

Andreas Hartmann porträtiert den 1997 verstorbenen Nigerianer Fela Kuti, der als größter Star der afrikanischen Popmusik und als kontroverse Figur gilt und dessen musikalisches Werk gerade wiederentdeckt wird. "Was dabei reiner Egozentrik geschuldet war und was tatsächlich seinem Sendungsbewusstsein in sozialen und politischen Fragen, ist schwer auseinanderzuhalten. In geradezu messianischer Weise sah er sich dazu auserkoren, nicht nur seine von Bürgerkriegen und Militärdiktaturen zerrüttete Heimat Nigeria zu befrieden, er wollte den ganzen gebeutelten afrikanischen Kontinent vereinen."

Ein "riskantes Spiel" nennt Jörg Sundermeier in seinem Kommentar die Eröffnung des Insolvenzverfahrens für den Suhrkamp-Verlag durch das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg: "Viele Autoren des Verlags könnten nun, weil sich der Verlag in der Insolvenz befindet, sofort ihre Rechte zurückfordern und einen neuen Verlag suchen." Sichtlich ergriffen berichtet Ulrich Gutmair über ein Berliner Konzert von Iggy Pop, an dessen Ende alle Iggy waren.

Besprochen werden die Fantasy-Komödie "Das ist das Ende" von Seth Rogen und Evan Goldberg, Gore Verbinskis "Popcornmovie" "Lone Ranger", in dem Rezensent Andreas Busche die Erschöpfung seines Stars Johnny Depp ausmacht, sowie die DVD von Michael Winterbottoms "Trishna", eine ziemlich frei adaptierte Verfilmung eines Romans von Thomas Hardy.

Und Tom.

Aus den Blogs, 08.08.2013

Wenn Sie heute nur ein Video online sehen, lassen Sie es dies hier sein. Stephen Colbert reagiert auf völlig bezaubernde Art und Weise darauf, dass ihm Daft Punk kurzfristig aus der aktuellen Sendung abgezogen wurden (mehr dazu hier). Mit dabei: Unter anderem Hugh "Dr. House" Laurie, Jeff Bridges und Henry Kissinger!

Stichwörter: Henry Kissinger, Daf

FAZ, 08.08.2013

Auch Sandra Kegel gelangt zu einer positiven Einschätzung des am Dienstag eröffneten Insolvenzverfahrens in der Causa Suhrkamp und dem damit verbundenen Plan, den Verlag in eine AG umzugestalten: "In dem Moment, in dem [die Gläubigerversammlung] den Insolvenzplan abnickt, besteht die Suhrkamp Verlags AG. ... Im Lichte dieser Entscheidung stellen sich Barlachs juristische Erfolge der vergangenen Monate als Pyrrhussiege heraus". Im Politikteil feiert Andreas Platthaus Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz unterdessen als "Revolutionärin", die "nach Punkten .... eindeutig vorn" liege, auch wenn die Sache noch lange nicht ausgefochten ist: "Wer ... beim Schlussgong triumphieren wird oder ob schon vorher jemand K.o. geht, sprich: verkauft, diese Fragen machen den Kampf weiter spannend."

Weitere Artikel: Bert Rebhandl unterhält sich mit Danny Boyle über dessen neuen Film "Trance". Jonathan Fischer porträtiert die Express Brass Band, die zwischen Avantgarde-Oper und Bierzelt zuhause ist. Katharina Laszlo stellt die Website Placing Literature vor, mit der sich Spielorte großer Literatur auf Google Maps ausfindig machen lassen. Helene Bubrowski informiert über einen Rechtsstreit zwischen dem Fotograf Horst Wackerbarth und den Stadtwerken Bonn, die sich angeblich zu sehr von einem seiner Bilder inspiriert haben lassen. Physiker Emanuel Derman hat hohen Respekt vor kleinen Durchbrüchen: "Keine Entdeckung ist so offensichtlich, wie sie den Leuten erscheint, die nur wenige Jahre später geschriebene Lehrbücher lesen."

Besprochen werden die Salzburger Aufführung von Verdis "Giovanna d'Arco" mit Anna Netrebko ("ein Sahnehäubchen", freut sich Gerhard Rohde), William Christies Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus Oper "Hippolyte et Aricie" in Glyndebourne (hier eine Aufzeichnung davon) und Bücher, darunter Ross Thomas' Krimi "Dämmerung in Mäc's Place" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 08.08.2013

In der Causa Suhrkamp könnten sich das eröffnete Insolvenzverfahren sowie der geplante Rechtsformwechsel zu einer Aktiengesellschaft als herbeigesehnte Lösung des langwierigen Konflikts zugunsten der Familienstiftung entpuppen, erklärt Andreas Zielcke. Im Erfolgsfall wären die dem Minderheitsgesellschafter Barlach 2009 zugestandenen Sonderrechte nichtig. Seine "Suhrkamp-Perspektive ist aktienrechtlich ernüchternd: Seine Mitsprache kann er nur noch in der jährlichen Hauptversammlung der AG praktizieren. Die klaren Mehrheitsverhältnisse geben ihm aber selbst hier keine Hebel in die Hand. Abgesehen davon kann die Hauptversammlung weder in das Tagesgeschäft noch in die verlegerischen Entscheidungen der Verlagsführung hineinregieren."

Weitere Artikel: Lothar Müller liest Tom Hanks' Liebeserklärung an die mechanische Schreibmaschine. David Steinitz und Fritz Göttler führen anlässlich des Kinostarts von "This is the End" durch das Apatow-Starsystem der amerikanischen Gegenwartskomödie. Tim Neshitov liefert Hintergründe zur Ermordung des russischen Geistlichen Pawel Adelgejm, der vor allem mit seinen liberalen Plädoyers für Aufsehen gesorgt hatte. Jochen Förster tanzt in Berlin bei Iggy Pop im Schulterschluss mit sechs Generationen vor der Bühne Pogo. Joachim Hentschel schreibt den Nachruf auf den Jazz-Musiker George Duke.

In diesem Livevideo von 1976 haut er ziemlich funky in die Tasten:



Besprochen werden Sebastiàn Lelios Film "Gloria", Bastian Krafts Salzburger "Jedermann" ("eine höchst plausible Umbettung der alten Mysterienbühne auf den Dancefloor", schreibt Christopher Schmidt) und Bücher, darunter Hannah Dübgens Roman "Strom" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 08.08.2013

In der seit Jahren defizitären Washington Post sind die Redakteure hoffnungsvoll, dass Jeff Bezos die Sache vielleicht zum Guten wenden könnte. Einer hat das bereits aus eigener Kraft geschafft, schreibt im Wirtschaftsteil Roman Pletter: John F. Harris, ehemaliger Post-Reporter, der mit seinem Kollegen Jim VandeHei und einem Investor zusammen das erfolgreiche - auch im Sinne von: schwarze Zahlen schreibende - Internetnachrichtenportal Politico gegründet hat: "Das Politico-Konzept: nur US-Politik, was im notorisch politisierten Washington auch Lokalberichterstattung bedeutet, das Kerngeschäft der Washington Post. Der Politico-Umsatz kommt zum großen Teil aus Anzeigen, dazu gibt es einen kostenpflichtigen Spezialdienst für die besonders detailversessenen Politfans. In einer Stadt, in der in U-Bahn-Stationen Militärausrüster auf Plakaten werben, weil die Entscheider in den Ministerien mit der Bahn zur Arbeit kommen, ist mit Anzeigen von Lobbyisten und Unternehmen viel Geld zu verdienen - zumal Politico für Werbekunden ein praktisches Medium ist: Sie erreichen ihre Zielgruppe, müssen aber weniger bezahlen als bei der Post." Klingt das nicht wie ein Konzept für Berlin? Hier bräuchte man vielleicht zusätzlich noch Werbung, die Fahrradfahrer erreicht, grübel.

Das Feuilleton fragt anlässlich des Prism-Skandals: "Wer hat das Netz verrraten?" Neun Internetexperten anworten darauf, darunter Jaron Lanier, der vorschlägt: "Monetarisiert die Informationen von Otto Normalverbraucher!" Und Florian Rötzer, Chefredakteur von Telepolis, der erklärt, was sich seit 9/11 geändert hat: "Aus dem Spruch, dass das, was offline gilt, auch online gelten muss, ist der Anspruch ge­worden, dass das, was online möglich ist, auch off­line realisiert werden muss - also die Überwachung der öffentlichen und privaten Räume."

Weitere Artikel: Peter Kümmel berichtet von Theateraufführungen bei den Salzburger Festspielen. Christine Lemke-Matwey hört Verdis "Falstaff" und Wagners "Meistersinger" in Salzburg. Hanno Rauterberg ist sehr zwiespältig, was den Meese-Prozess angeht: "Wozu die Freiheit, wenn am Ende nur Belanglosigkeiten entstehen?" Ellen Dietrich würdigt den verstorbenen Fotografen der Bonner Republik Josef Heinrich Darchinger.

Besprochen werden eine CD mit Werken für Bratsche von Paul Hindemith, eingespielt von Tabea Zimmermann, Sophia Coppolas Film "Bling Ring", den Ingeborg Harms irgendwie unterkomplex findet, und Bücher, darunter Ralph Bollmanns Buch über Angela Merkel mit dem Titel "Die Deutsche", Sebastian Lelios Film "Gloria" (hier unsere Kritik von der Berlinale) und Nico Bleutges Gedichtband "verdecktes gelände" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Glaubensseite geht es um Reza Aslans Jesus-Biografie. Im Dossier nimmt Roland Kirbach in einem viel zu kurzen! Text das Jobwunder BRD auseinander, dass einem die Augen tränen.