Heute in den Feuilletons

Wie das Wurzelwerk der Brennnessel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2013. Die FAZ bringt ein großes Gespräch mit Swetlana Alexijewitsch, die den Friedenspreis des Buchhandels erhält. In der taz erklärt Darren Pih, Kurator der Schau "Glam", warum Glam besser war als Punk. Die NZZ versucht Meret Oppenheim zu fassen. Die SZ hat bei einem Theatertreffen in Kinshasa herausgefunden: Das Nervende am Kolonialismus sind die Leute, nicht das Geld. Kenan Malik feiert in seinem Blog (eigentlich im New Humanist) den großen radikalen Aufklärer Jonathan Israel. Und alle verabschieden sich von James Gandolfini.

Aus den Blogs, 21.06.2013

Tim Parks denkt in einem schönen kleinen Essay für das NYRBlog am Beispiel Anton Tschechows, Thomas Hardys und anderer über die Widersprüche nach, die Autoren zum Schreiben treiben: "The dilemma driving the work either leads to death, or is neutralized in a way that prolongs life but dulls the writing."

Der donnerhallartige Ruf Jonathan Israels ist noch nicht ganz bis nach Deutschland vorgedrungen. Kenan Malik führt, mit leichter Distanz, auf seinem Blog Pandaemonium (eigentlich in der Juli-Nummer des New Humanist) in Israels dreimal tausendseitige Abhandlung über die Aufklärung (mehr hier, hier und hier) ein, in der die radikale Aufklärung d'Holbachs, Diderots und vor allem Spinozas gegen den Voltaire-und-Kant-Mainstream abgesetzt wird: "In Israel's view, what he calls the 'package of basic values' that defines modernity - toleration, personal freedom, democracy, racial equality, sexual emancipation and the universal right to knowledge - derives principally from the claims of the Radical Enlightenment. It is, as might be expected, a controversial and contested thesis."

TAZ, 21.06.2013

Darren Pih, Kurator der Schau "Glam - The Performance of Style" in der Frankfurter Schirn, erklärt im Interview, worum es in der Ausstellung geht und warum ihm Glam lieber ist als Punk: "Punk war mehr auf Abgrenzung aus, provokativer, exklusiver. Das fing mit hundert Leuten in London an, du musstest dir eine Sicherheitsnadel durch die Nase stechen, Speed nehmen, wütend sein. Glam dagegen war ein gesellschaftliches Re-Tuning, ein Katalysator für persönliche und soziale Transformationen. Glam war offener und hat mehr Leute eingeschlossen." (Bild: Cary Loren, Niagara as the Great Sphinx, 1975/2012 © Cary Loren)

Weitere Artikel: Catarina von Wedemeyer berichtet über die Buchtage Berlin, die der Freiheit des Buches gewidmet waren. Cristina Nord schreibt den Nachruf auf James Gandolfini. Fatma Aydemir nimmt das "Bohei um 'Yeezus'", die neue CD von Kanye West, der hier einmal mehr beweist, was für ein sexistisches Arschloch er ist, aufs Korn. Karim el-Gawhary porträtiert den ägyptischen Fanaktiker Assam Abdel Maged, der den Tod von Hamed Abdel Samad gefordert hat. Michael Braun porträtiert Italiens Integrationsministerin Cécile Kyenge, eine Afroitalienerin, die den wachsenden Rassismus in Italien zu spüren bekommt. Auf den vorderen Seiten feiert Arno Frank 65 Jahre Langspielplatte. Und Jürgen Gottschlich unterhält sich mit Bewohnern der Istanbuler Vororte, die - noch - fest zu Erdogan stehen.

Und Tom.

Welt, 21.06.2013

Fürs Feuilleton schreibt Holger Kreitling den Nachruf auf James Gandolfini. Barbara Möller richtet anlässlich eines Dinners, das Wladimir Putin heute in der Eremitage ausrichtet und bei dem auch Angela Merkel zugegen sein wird, ihren Blick auf dort lagernde Beutekunst aus Deutschland. Thomas Schmid liefert Impressionen von einem anderen Dinner, das vor zwei Tagen zu Ehren Barack Obamas gegeben wurde. In Elmar Krekelers Krimikolumne geht's um den neuen Don Winslow. Besprochen wird die Paul Lincke-Operette "Frau Luna" an der Volksbühne.

Auf der Forumsseite versucht der Soziologe Sami Mahroum eine Erklärung für mangelnde arabische Solidarität jenseits familiärer oder religiöser Strukturen zu finden.
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NZZ, 21.06.2013

Anlässlich des nahenden 100. Geburtstags von Meret Oppenheim zeigen das Wiener Bank Austria Kunstforum und der Berliner Martin-Gropius-Bau große Retrospektiven. Simon Baur entdeckt dabei subtile Zusammenhänge im disparaten Werk der Surrealistin: "Die Verflechtungen verhalten sich ähnlich wie das Wurzelwerk der Brennnessel. Hat man eine im Garten, taucht sie nach einiger Zeit an zahlreichen anderen Stellen auf, ohne dass man ihre Wege exakt nachvollziehen kann. Deleuze und Guattari haben vom Rhizom geschrieben, und bei Meret Oppenheim ist es dieser Rhizom-artige Verlauf, der ihr Werk so schwer fassbar macht." (Hier ihre "Schwarze Strich-Figur vor Gelb")

Weiteres: Roman Hollenstein überzeugt sich vor Ort davon, dass Bregenz mit dem neuen Vorarlberg-Museum ein "mit gut 27 Millionen Euro vergleichsweise preisgünstiges Meisterwerk der zeitgenössischen Baukunst erhalten hat". Hoo Nam Seelmann referiert die Geschichte des traditionellen koreanischen Sprechgesangs Pansori. Olivier Joliat unterhält sich mit Josh Homme und Dean Fertita über "...Like Clockwork", das neue Album von Queens of the Stone Age.

Besprochen werden das neue Kanye West-Album "Yeezus" (das Ueli Bernays "ein opulentes, poppiges Vergnügen" beschert) und Bücher, darunter ein Band mit Briefwechseln von Meret Oppenheim (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 21.06.2013

Begeistert berichtet Christine Dössel vom Kulturleben in Kinshasa und von dem aus Deutschland geförderten Festival connexionkin. Die postkolonialen Ambitionen, die Vielfalt der afrikanischen Kunst und Kultur zu vermitteln, stoßen allerdings noch immer auf große Probleme: "Da landet man (...) nolens volens ganz schnell wieder im Entwicklungshilfe-Modus. Und wer zahlt, schafft an. 'Wir sind letztendlich noch immer ein Kolonialstaat', konstatiert [der Bühnenkünstler] Faustin Linyekula nüchtern. 'Wie können wir als Gleichberechtigte miteinander reden, wenn ihr das Geld habt?' Ntone Edjabe aus Kapstadt, Herausgeber des panafrikanischen Kultur-Magazins Chimorenga, formuliert es beim 'Shared Spaces'-Treffen noch radikaler: 'Ich brauche euer Geld, nicht euch!'

Weiteres: Till Briegleb resümiert das Klima-Festival in Bremerhaven. Tim Neshitov porträtiert die frisch mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Swetlana Alexijewitsch. Andrian Kreye trauert um "Tony Soprano" James Gandolfini. Das Internet reagierte rasch: Eine internationale Presseschau finden wir bei Keyframe, auf Youtube gibt es einen schönen Tribut:



Besprochen werden Sylvie Verheydes Film "Confession" ("eine ziemliche Katastrophe", schreibt Joachim Hentschel entsetzt), Benjamin Brittens an ihrem Schauplatz am Strand von Aldeburgh aufgeführte Oper "Peter Grimes" (eine "Schnapsidee", meint Alexander Menden, zumal ein dramatisches Sommergewitter die Sache noch ordentlich aufwirbelte) und Bücher, darunter Tom Folsoms Biografie über Dennis Hopper (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 21.06.2013

Andreas Platthaus würdigt die mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Autorin Swetlana Alexijewitsch als "fulminante Schriftstellerin" und die Entscheidung, sie dem vergangenes Jahr ausgezeichneten Liao Yiwu nachfolgen zu lassen, als "ebenso souverän wie couragiert". Im beistehenden Gespräch mit Kerstin Holm erklärt die Preisträgerin, warum der Preis vor allem auch ein Signal der Unterstützung für die Dissidenten in Weißrussland und Russland ist: Beide Länder "machen eine dunkle Zeit der Wirren durch. Ich bin nicht gegen die orthodoxe Kirche, wohl aber gegen die Orthodoxie des sechzehnten Jahrhunderts, die von Zar Iwan dem Schrecklichen mit ihren furchtbaren, unzivilisierten Gesetzen, die Russland heute auf den iranischen Weg zu bringen versucht."

Äußerst skeptisch ist Evgeny Morozov, was die Heilsversprechen und Praktikabilität der "Big Data"-Schnüffeleien der NSA betrifft. Er zitiert den Medienwissenschaftler Mark Andrejevic, der geschrieben hat: "'Zweck des Datensammelns und des Prognostizierens von Wahrscheinlichkeiten ist es, nützliche Muster zu generieren, die die Fähigkeit des Menschen, etwas herauszufinden oder gar zu erklären, weit übersteigen.' Mit anderen Worten: Wir brauchen nicht zu fragen, warum bestimmte Dinge so sind, wie sie sind, solange wir sie so hinstellen können, wie es uns in den Kram passt. Das ist bedauerlich. Wenn auf das Werkzeug seriöser politischer Analyse verzichtet wird, sind tiefgreifende Reformen unmöglich."

Karen Krüger zeichnet ein Stimmungsbild vom Taksim-Platz, wo nach der brutalen Räumung am vergangenen Samstag der stehend-schweigende Protest, den der Choreograf Erdem Gündüz initiiert hat, zur wichtigsten Ausdrucksform der Istanbuler Bürger geworden ist: "Hält man sich vor Augen, wie die türkische Gesellschaft normalerweise funktioniert, versteht man auch, wie viel Mut es kosten muss, so auf dem Taksim-Platz zu stehen."

Weitere Artikel: Robert von Lucius erstattet Bericht aus den ostdeutschen Hochwassergebieten: Für die Kultureinrichtungen ist die Sache glimpflich ausgegangen. Das unterstreicht aufatmend auch Peter Schilder: "Kunst und Kultur in Sachsen haben (...) keinen Schaden genommen." Eine "dräuend klaustrophobische Atmosphäre" bescheinigt Mark Siemons Ai Weiweis in Kooperation mit dem chinesischen Rock-Superstar Zuoxiao Zuzhou entstandenem Popalbum, das mit Nachdruck insistiert: "Ja, da ist ein Mensch." Hansgeorg Hermann empfiehlt die neue, ganz der griechischen Literatur gewidmete Ausgabe der Zeitschrift die horen. Die erste Folge von Jürgen Dollases Sommertour durch die hiesige Regionalküche führt den Gourmet in die Düsseldorfer "Dorfstube", wo sich das Menü "ohne jede Schwere essen" lässt.

Auf der Medienseite stampft Claudius Seidl nach dem viel zu frühen Tod von James Gandolfini zornig auf den Boden: "Es ist falsch, es ist traurig und ungerecht". Außerdem kündigt Cai Tore Philippsen in einem Bericht von einem Zeitungskongress an, dass die FAZ demnächst auch ihre Online-Artikel mit einer Paywall einfrieden wird.

Besprochen werden neue CDs, darunter ausführlicher das neue Album von Kanye West (Pitchfork vergibt dramatische 9,5 von 10 Punkten!), die Ausstellung "Chaissac/Dubuffet" im Pariser Musée de La Poste, Herbert Fritschs Inszenierung von Paul Linckes "Frau Luna" an der Berliner Volksbühne (die Irene Bazinger "indifferent, ziemlich hohl und selbstgefällig" erscheint), der Kostümfilm "Confession" und Bücher, darunter Jan Bürgers "Der Neckar" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).