Heute in den Feuilletons

Dynamischer Content

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.05.2013. In der NZZ erzählt Mircea Cartarescu die Geschichte der Versklavung der Roma in Rumänien. Die Welt hat ausgerechnet, dass bei deutschen Filmen jeder Kinositz mit 300 Euro subventioniert ist. Netzwertig gratuliert der Blogsoftware Wordpress, die das Netz diskret revolutionierte, zum Zehnten. Die SZ empfiehlt Jürgen Habermas und dem linken Eurokritiker Wolfgang Streeck, sich "mit dem Ineinander von Nation und Kapital auseinanderzusetzen". In der FAZ verteidigt Claude Lanzmann den Judenrat Benjamin Murmelstein gegen den "Schwachsinn" von Hannah Arendt. Die Goldene Palme für Abdellatif Kechiches "La Vie d'Adèle" stößt auf gemischte Reaktionen.

TAZ, 27.05.2013

Klaus-Helge Donath interviewt den seit zehn Jahren inhaftierten Michail Chodorkowski, der Putin vorwirft, die Korruption zum System gemacht zu haben, das seine Herrschaft erst stabilisiert: "Ein bedeutender Teil der Mannschaft Wladimir Putins will sich persönlich bereichern und greift dazu auf Gewalt als pseudolegitimes Mittel zurück. Natürlich hat das viele verschiedene Facetten. Viel gefährlicher scheint mir jedoch, dass sich dieses Verhalten - mit wenigen Ausnahmen - auch in der Bürokratie und den Ordnungsstrukturen breitgemacht hat. Jeder Beamte, jeder Polizist meint, er dürfe sich auf Kosten der Bürger bereichern. Korruption gibt es überall, aber nur wenige Regime erhoben dieses Prinzip zum tragenden Element."

Die Kultur gehört heute Gabriele Goettle. Sie lässt sich von Horst Morgan erklären, warum die Besteuerung der Renten ungerecht ist und der zugrundliegende Beschluss des Bundesverfassungsgerichts ein krasses Fehlurteil: Es geht von einem 'typisierten Pflichtversicherte' aus: "Er ist ledig und arbeitet 45 Jahre lang, wobei sein Lohn immer der Beitragsbemessungsgrenze zur Rentenversicherung entspricht. Also der verdient durchgehend recht gut - warum er nie heiratet? Vielleicht hat er nicht die Richtige gefunden? So einer jedenfalls ist eher die Ausnahme."

In der tazzwei unterhält sich Cigdem Akyol mit dem Historiker Götz Aly und der Lehrerin Morlind Tumler über ihrer beider behinderte Tochter, über integrative Erziehung und die Euthanasieprogramme der Nazis, über die Aly gerade das Buch "Die Belasteten" geschrieben hat. Friedrich Küppersbusch blickt auf die Woche zurück.

Und natürlich Tom.

NZZ, 27.05.2013

Der rumänische Autor Mircea Cartarescu erinnert an die historische Schuld, die Rumänien gegenüber den Roma trägt: "Die Rumänen aus der Walachei und der Moldau haben die Roma vor ein paar hundert Jahren unterworfen und zu Leibeigenen gemacht. Sie waren die Einzigen in Europa, die so vorgingen. So wurden die Roma gezwungen, ihr natürliches Nomadentum gegen die Ansiedlung auf dem Land ihrer Besitzer einzutauschen. Sie wurden von freien Menschen in sprechendes Vieh umgeformt, so wie die schwarzen Sklaven in Amerika. Innerhalb von Hunderten von Jahren wurden sie gekauft und verkauft, ihre Familien gespalten, die Kinder von den Müttern und die Frauen von den Männern getrennt, die jungen Frauen fortdauernd von ihren Besitzern missbraucht, die 'Kesselfarbigen' wurden zum Gegenstand der allgemeinen Verachtung und Diskriminierung."

Susanne Ostwald und ihre Gewährsleute sind nicht einverstanden mit der Goldenen Palme für Abdelalltif Kechiches Liebesdrama "La Vie d'Adèle": "Während sich die französische Presse größtenteils begeistert zeigte von dem Werk, in dem es um die Suche nach der sexuellen Identität einer jungen Lesbe geht, fiel der Film bei fast allen anderen Kritikern durch und wurde von nicht wenigen gar des Voyeurismus bezichtigt."

Besprochen werden die Oper "Thomas" von Georg Friedrich Haas und Händl Klaus bei den Schwetzinger Festspielen sowie Konzerte beim Jazzfestival Schaffhausen.

Welt, 27.05.2013

Die Artikel aus der Welt sind heute online nicht auszumachen. Vermutlich aus der Welt am Sonntag ist Alan Poseners Kritik an der deutschen Filmförderung: "In einem Bericht des Bayerischen Obersten Rechnungshofs für die Jahre 2004 bis 2008 wurde eine maximale Rückzahlungsquote von 15,5 Prozent festgestellt. Der Rechnungshof moniert eine Produktion aus dem Jahre 2007, die mit 730.000 Euro gefördert wurde, aber nur 1409 Kinobesucher hatte. Damit wurde 'jede Kinokarte mit über 500 Euro subventioniert'. Setzt man die Rückzahlungsquote in Deutschland hoch mit durchschnittlich 20 Prozent an, so fließen jährlich mindestens 230 Millionen Euro in die Filmwirtschaft, die nicht zurückgezahlt werden. Bei 720.000 Kinositzen in Deutschland könnte man also sagen, dass jeder Kinositz mit 300 Euro subventioniert wird - nur, dass die Subventionen nicht an die Kinos gehen, sondern an Filmemacher, die es nicht schaffen, diese Kinositze zu füllen."
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Weitere Medien, 27.05.2013

Hier ein kleiner Auszug aus Abellatif Kechiches Cannes-Sieger "La vie d'Adèle" über eine Liebesgeschichte zweier junger Frauen (gespielt von Adèle Exarchopoulos und Lea Seydoux):



Bei Amazon Deutschland wird wieder gestreikt, meldet buchreport.de.

(Via Medialdigital) Ein großes multimediales Special des Guardian zu einem Waldbrand in Tasmanien - inspiriert von dem inzwischen schon berühmten "Snowfall"-Dossier der New York Times.

Jürgen Vielmeier gratuliert der Blogsoftware Wordpress auf Netzwertig zum Zehnten: "Das System hat vielen einzelnen Bloggern oder ganzen Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren die Möglichkeit gegeben, dynamischen Content so einfach wie nie zu veröffentlichen und ihn zu monetarisieren. Auch inhaltlich haben WordPress-Blogs auf den Jounalismus eingewirkt."

SZ, 27.05.2013

Susan Vahabzadeh resümiert einen "furiosen" Wettbewerb in Cannes: "Man sah diesem Programm insgesamt den Willen an, etwas von der Welt zu erzählen - ungewöhnlich viel Gewalt trieb die Filme an, Geschichten über Ohnmacht und Eskalation - eine Parade der düsteren Visionen. Sehr stilisiert in Nicolas Winding Refns 'Only God Forgives', hyperrealistisch in 'Heli' über den Drogenkrieg in Mexiko - Regisseur Amat Escalante bekam dafür den Regiepreis -, surreal in 'Borgman', in der eine holländische Familie von Obdachlosen erst annektiert und dann vernichtet wird." Es waren dann ausgerechnet die beiden älteren Herrschaften Jim Jarmusch und Roman Polanski, die "dem Wettbewerb ein wenig Humor und Sarkasmus" zurückgaben.

Weitere Artikel: Erst empfahl Wolfgang Streeck in seinem Buch "Gekaufte Zeit" eine - wenigstens vorläufige - Rückkehr zum Nationalstaat, um das internationale Kapital zu bremsen, dann kritisierte Jürgen Habermas in den Blättern diesen Vorschlag und empfahl statt dessen ein sozial geeintes Europa, und jetzt bescheinigt Thomas Steinfeld beiden, sie hingen "akademischen Fiktionen" nach und versäumten es, "sich mit dem Ineinander von Nation und Kapital auseinanderzusetzen". Niklas Hofmann hat aus einer Umfrage des Pew Research Centers gelernt, wie klug Jugendliche auf Versuche reagieren, ihre privaten Daten im Netz auszuspionieren: Sie finden "immer geschickter Wege, ihre Inhalte zu kodieren und so Privatheit in der Öffentlichkeit zu erreichen". Till Briegleb staunt über die steile Karriere des Begriffs Infrastruktur. Stephan Speicher erfährt bei einer kulturwissenschaftlichen Tagung in Linz, warum Schwarzweiß gegenüber der Farbästhetik in den Medien noch immer einen privilegierten Status genießt. Georg Imdahl schreibt den Nachruf auf den Maler Gotthard Graubner.

Besprochen werden Ivo van Hoves Inszenierung von Eugene O'Neills "Seltsames Intermezzo" an den Münchner Kammerspielen (Egbert Tholl sitzt "unfassbar hingerissen" vor Sandra Hüller), zwei "Fliegende Holländer" - der eine von Wagner, der andere von Pierre-Louis Dietsch - in Versaille und Bücher, darunter Lias Shohams Krimi "Tag der Vergeltung" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 27.05.2013

Jürg Altwegg interviewt Claude Lanzmann zu seinem Film "Der letzte der Ungerechten", der den Judenrat von Theresienstadt, Benjamin Murmelstein, porträtiert. Gegen den "Schwachsinn" von Hannah Arendt, die in ihrer Eichmann-Reportage gegen die Judenträte polemisiert habe, nimmt Lanzmann Murmelstein in Schutz und nennt ihn sogar einen Helden: "Die Judenräte wurden von den Deutschen ernannt, eine Verweigerung hatte den Tod zur Folge. Natürlich waren einige von der Macht besessen. Aber sie versuchten, das Beste aus ihr zu machen. Sie glaubten an die deutsche Rationalität und daran, dass die Arbeit der Juden benötigt würde. Sie irrten sich, der Tod der Juden war wichtiger als ihre Zwangsarbeit."

Weitere Artikel: Marcus Jauer mokiert sich über die Silicon-Valley-Reise von Wirtschaftminister Rösler. Dirk Schümer hält gegen deutsche Endlosbaustellen Beispiele des Gelingens aus den Niederlanden und - ja! - Italien hoch. Michael Hanfeld bedauert den langfristig annoncierten Abschied Reinhold Beckmanns aus der Riege der ARD-Talker. Stefan Kuhl schreibt zum Tod des Soziologen Michel Crozier. "jvo" schreibt den Nachruf auf den Maler Gotthard Graubner. Nur online: Verena Luekens Kommentar zu den Palmen in Cannes: Mit der Goldenen Palme für "La Vie d'Adèle" kann sie leben, auch wenn sie einiges an dem Film auszusetzen hat.

Besprochen werden ein letztes Mahler-Konzert des HR-Sinfonieorchester unter Paavo Järvi, der das Orchester demnächst verlässt, "Don Giovanni" in Salzburg mit Anna Netrebko und Bücher, darunter, Jonathan Sperbers Marx-Biografie (die bei aller Dekonstruktion, so Gerd Koenen, die Frage nach der ungeheuren Wirkung Marx' mit verschütte, mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).