Götz Aly

Die Belasteten

'Euthanasie' 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte
Cover: Die Belasteten
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013
ISBN 9783100004291
Gebunden, 352 Seiten, 22,99 EUR

Klappentext

200.000 Deutsche wurden zwischen 1939 und 1945 ermordet, weil sie psychisch krank waren, als aufsässig, erblich belastet oder einfach verrückt galten. Nicht wenige Angehörige nahmen den Mord an ihren behinderten Kindern, Geschwistern, Vätern und Müttern als Befreiung von einer Last stillschweigend hin. Die meisten Familien schämen sich bis heute, die Namen der Opfer zu nennen. Beklemmend aktuell lesen sich die Rechtfertigungen der vielen Beteiligten: Erlösung, Gnadentod, Lebensunterbrechung, Sterbehilfe oder Euthanasie. Götz Aly bringt mit seinem neuen Buch Licht in ein düsteres Kapitel der deutschen Gesellschaftsgeschichte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.06.2013

Unbequem und bemerkenswert, wie gewohnt, findet Cord Aschenbrenner das neue Buch von Götz Aly. Der Rezensent bewundert die besondere Perspektivwahl, mit der Aly die Opfer von Hitlers Euthanasiemorden in den Mittelpunkt seiner Studie stellt, der Rest sei ja auch gut erforscht. Das Lesen der Briefe und Zitate aus Krankenakten berührt Aschenbrenner tief und traurig, und das vom Autor dokumentierte Verhalten der Angehörigen verstört ihn, auch wenn der Autor ausdrücklich auf Verurteilungen verzichtet. Dass Aly es auch vermeidet, die Gutachter des Euthanasieprogramms als stumpfe Schlächter darzustellen, scheint Aschenbrenner gleichfalls zu beruhigen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2013

Dass der Autor einen Kampf führt, macht Michael Wildt am Ende seiner Besprechung noch einmal deutlich, indem er die Schwierigkeiten schildert, mit denen der Historiker Götz Aly bei seinen Recherchen nicht nur zu diesem Buch immer wieder konfrontiert war und über die im Anhang zu lesen ist. Es hat sich gelohnt. Schon wegen der Perspektive, die Aly zulässt, die Perspektive der Euthanasie-Opfer, festgehalten in Briefen und Krankenakten. Lebensgeschichten, die Wildt rühren. Umso erschreckender findet er die Doppelmoral der verantwortlichen Ärzte und des Krankenhauspersonals, die Reformwille, Fürsorge und Morden häufig unter einen Hut brachten, wie Wildt bei Aly erfährt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.03.2013

Rezensent Jan Feddersen würdigt Götz Alys Verdienste um das Wissen über die "Euthanasie"-Programme des Nationalsozialismus: Dieser habe "die stummen Archivalien ? zum Sprechen gebracht". Historisch neue Erkenntnisse entnimmt Feddersen Alys neuem Buch zwar nicht, doch weiß er es als Bündelung von Alys bis in die 80er Jahre zurückreichenden Arbeiten durchaus zu schätzen. Bei der Lektüre packt den Rezensenten nach wie vor das Frösteln, etwa bei der Schilderung, dass viele Familien mit behinderten Kindern die offizielle Erlösungsrhetorik durchaus auf sich selbst, im Sinne einer Erlösung von einer Last, bezogen. Für sehr unterstützenswert hält Feddersen schließlich auch Alys Forderung nach einem zentralen Register aller durch durch das "Euthanasie"-Programm ermordeter Menschen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2013

Wenn Götz Aly ein neues Buch publiziert, schrillen bei seinen Historiker-Kollegen meist die Alamglocken, doch Magnus Brechtken kann in diesem Fall Entwarnung geben: Doch bei allem Sinn für Provokation und Polemik, die Texte, die Aly in diesem Band vorlegt, sind zum größten Teil nicht neu, allerdings oft gründlich überarbeitet. Aly versammelt in seinem Band, kurze Biografien, Diskurse und Analsen zum Themenkomplex Euthanasie, Medizin, Psychiatrie und Rassenpolitik im Nationalsozialismus. Allerdings moniert Brechtken, dass all das zusammengestellte Material nicht wirklich in eine systematische Ordnung gebracht sei, er vermisst Stringenz, Kohärenz und eine gewisse Orientierung, wann Aly bestimmten Aspekten näher nachgegangen ist und wann nicht. Zum Beispiel hätten Brechtken durchaus interessiert, welche einige Nachkriegskarrieren einige der belasteten Wissenschaftler genommen haben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.03.2013

Etwa zweihunderttausend Menschen wurden im Zuge der NS-Aktionen zur "Vernichtung unwerten Lebens" umgebracht, erfährt Harald Jähner von Götz Aly. Der Autor beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Euthanasie, auch weil er selbst eine Tochter hat, die von einer Streptokokkeninfektion kurz nach ihrer Geburt einen bleibenden Schaden davongetragen hat, berichtet der Rezensent. Ihr ist das Buch "Die Belasteten" gewidmet. Jähner vermutet, dass der persönliche Hintergrund und die damit verbundene "liebevolle Parteilichkeit für das anfällige Leben" den besonderen Ton dieses Buches ausmachen. Alys Beschreibungen und Analysen tue dies jedoch keinen Abbruch. Besonders bitter findet Jähner die Auskunft, dass in den allermeisten Fällen die Angehörigen der Opfer ausdrücklich darum gebeten hatten, durch fingierte Todesursachen getäuscht zu werden, sollte die Anstalt Maßnahmen ergreifen: fabrizierte Ahnungslosigkeit, anscheinend eine "Lieblingsdisposition der Deutschen", staunt der Rezensent. Wie gewohnt führe der Autor alle Ideologie letztendlich auf ihre materielle Basis zurück: "5 000 Idioten mit Jahreskosten von je 2 000 Reichsmark = 10 Millionen jährlich. Bei fünf Prozent Verzinsung entspricht das einem reservierten Kapital von 200 Millionen", so rechnete schon Hitlers Arzt Theo Morell, berichtet Jähner.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.03.2013

Der Historiker Tobias Freimüller empfiehlt Götz Alys Studie "Die Belasteten" über die NS-Krankenmorde, die zwar "nichts grundlegend Neues", aber einen kompetenten Überblick über eine zum Teil bereits dreißig Jahre zurückliegende Forschungsarbeit enthalte. Der Rezensent schätzt Alys Engagement, konkrete Namen und Schicksale zu nennen, jedoch hätte er sich eine systematische Übersicht "zur Ideengeschichte der 'Euthanasie' und zur Rolle von Eugenik und Rassenhygiene" gewünscht. Freimüller bemängelt, dass der Autor zu seiner Hauptthese - das Gros der Deutschen habe die Euthanasie-Morde nicht nur toleriert, sondern auch befürwortet - zu wenig Gegenthesen einbeziehe. Die Spekulation, die Passivität der deutschen Bevölkerung gegenüber den Krankenmorden hätte das NS-Regime gar zur systematischen Judenvernichtung "ermutigt", findet er sehr gewagt, doch "wäre Götz Aly nicht Götz Aly, wenn er sein Buch nicht auf ein zentrales Argument hin ausrichtete". Jedenfalls schaffe es Aly mit seinen "überspitzten" Thesen, sich von den anderen Zeithistorikern abzusetzen, die - nach Ansicht Alys - "im eigenen Saft ersticken".