Heute in den Feuilletons

Eine Zukunft, die niemals eingetreten ist

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2013. Lawrence Lessig und Cory Doctorow schreiben zum Freitod des Internetaktivisten Aaron Swartz. Ihm drohten 35 Jahre Gefängnis, weil er wissenschaftliche Artikel einer MIT-Datenbank freigestellt hatte. Der Spiegel enthüllt: Jahrelang wurde in Thomas Gottschalks Show "Wetten dass" Werbung platziert. Die Österreicher sind happy: Golden Globes für Michael Haneke und Christoph Waltz. The Daily Beast bringt Jodie Fosters rätselhafte Golden Globes-Rede in sämtlichen denkbaren Versionen. Die NZZ feiert die Kulturhauptstadt Kosice. Die Welt am Sonntag analysiert den subtilen Rassismus der Israelkritiker.

Spiegel Online, 14.01.2013

Jahrelang wurde in Thomas Gottschalks Show "Wetten dass..." Schleichwerbung in Millionenhöhe betrieben, hat der Spiegel herausgefunden. Die Gelder sollen an die von Thomas Gottschalks Bruder Christoph gegründete Firma Dolce Media gegangen sein. Zu den Werbetreibenden gehörten Firmen wie Daimler, resümiert Spiegel Online: "Die Vereinbarungen enthielten sogar detaillierte Regieanweisungen, wie ein Auto zu präsentieren ist - etwa wie lange und aus welchen Perspektiven es gezeigt wird und wo Showmaster Gottschalk zu stehen hat, um den Blick auf das Auto nicht zu verdecken." Zu den Vereinbarungen gehörte auch, dass Gottschalk ein Mercedes seiner Wahl zur Verfügung getellt wird.

NZZ, 14.01.2013

Neben Marseille ist 2013 auch das slowakische Kosice Europäische Kulturhauptstadt. Andreas Breitenstein huldigt mit ihm den kosmopolitischen Provinzstädten des Habsburgerreichs: "Während die Landschaft ringsum oft national homogen oder ethnisch geteilt war, pflegte man vom Bürgertum bis zum Proletariat einen liberal-innovativen Geist. In Verwaltung und Bildung, in den hohen Künsten wie in der Alltagskultur eiferte man dem Vorbild der Metropolen Wien und Budapest nach. Zu den mittelalterlichen Kathedralen, den Renaissance-Ensembles und barocken Innenstädten gesellten sich in der Gründerzeit repräsentative Theater und Museen, Universitäten und Bibliotheken, Verwaltungsgebäude und Bahnhöfe, Plätze und Boulevards, Parks und Friedhöfe. Wer es sich leisten konnte, ließ sich vom Wiener Architekturbüro Fellner & Helmer ein mondänes Stadttheater errichten."

Weiteres: Ueli Bernays schreibt zum Tod des Schweizer Jazzpianisten und Komponisten George Gruntz. Besprochen werden Karin Henkels Inszenierung der "Elektra" im Zürcher Schiffbau und Richard Wherlocks Choreografie "Eugen Onegin" in Basel.

TAZ, 14.01.2013

Daniel Bax unterhält sich mit Michael Schmidt-Salomon, dem Geschäftsführer der libertären Bruno-Giordano-Stiftung, über den umstrittenen Namensgeber, Antisemitismus und die Nähe von Religion und totalitären Systemen: "Wir wollen die Religions- und Weltanschauungsfreiheit nicht abschaffen, sondern durchsetzen! In dieser Hinsicht gibt es nicht nur in islamischen Ländern, sondern auch hier bei uns gravierende Defizite. Denken Sie nur an die vielen Beschäftigten im sozialen und medizinischen Bereich, die faktisch zur Kirchenmitgliedschaft gezwungen sind!"

Weitere Artikel: Christian Werthschulte wohnte in Düsseldorf der Musealisierung von Kraftwerk bei, die nach ihrem Auftritt in New York jetzt auch im K21 ihre Alben live aufführten: "Kraftwerk haben eine Zukunft erfunden, die niemals eingetreten ist, und halten an ihr fest." Friedrich Küppersbuch blickt auf die Woche zurück und erwartet vor allem zur Klärung der Affäre Wulff das Standardwerk "Männer, die sich runterschliefen".

Besprochen werden Michael Thalheimers Bühnenfassung von Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?" am Schauspiel Frankfurt und ein englischer Fotoband zu Banksys Wandbildern.

Und Tom.
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Aus den Blogs, 14.01.2013

(Via Matthias Spielkamp) Lawrence Lessig schreibt zum Tod des 26-jährigen Internetaktivisten Aaron Swartz, der Artikel einer wissenschaftlichen Datenbank des MIT im Internet frei gestellt hatte, und nun Selbstmord beging. Im vorausstehenden Gerichtsprozess hätten ihm 35 Jahre Gefängnis gedroht. Lessig hat Swartz vertreten und war mit ihm befreundet. Was Swartz getan hat, hat er nicht gugeheißen: "Some punishment was appropriate. So what was that appropriate punishment? Was Aaron a terrorist? Or a cracker trying to profit from stolen goods? Or was this something completely different? (...) Here is where we need a better sense of justice, and shame. For the outrageousness in this story is not just Aaron. It is also the absurdity of the prosecutor's behavior."

Hintergründe zu Aaaron Swartz gibt es auf Spiegel Online (hier ), bei irights.info (hier) und in der New York Times (hier).

Auch Cory Doctorow schreibt auf boingboing.net und lädt zur Diskussion ein: "My friend Aaron Swartz committed suicide yesterday, Jan 11. He was 26. I got woken up with the news about an hour ago. I'm still digesting it -- I suspect I'll be digesting it for a long time -- but I thought it was important to put something public up so that we could talk about it. Aaron was a public guy."

The Verge berichtet, dass die Hacker-Gruppe Anonymous einige Webseiten des MIT enterte, um auf den Tod von Aaron Swartz aufmerksam zu machen: "A statement released by Aaron's family following the suicide blamed overzealous federal prosecutors and the MIT staff for being partially responsible for events leading to his death. MIT has since released its own statement, saying the school will be launching an internal investigation into its role in Aaron's prosecution and eventual death."

Weitere Medien, 14.01.2013

In Österreich dürften sie happy sein: Golden Globes für Michael Haneke und Christoph Waltz, meldet die Wiener Presse. "Beide können nun optimistisch auf die am 24. Februar anstehenden Oscars blicken, wo sie (Hanekes 'Amour' gleich fünffach) ebenfalls nominiert sind."

Für Verwirrung sorgte Jodie Fosters Rede bei den Golden Globes. Hat sie ihren Abschied erklärt? The Daily Beast bringt die Rede in Wort, Ton, Bild, Schrift.

Vera Lengsfeld fordert im Handelsblatt ein Mitspracherecht der Zuschauer an Entscheidungen über die öffentlich-rechtlichen Anstalten: "Das Mindeste wäre die zügige Abschaffung der überflüssig gewordenen GEZ. Weiter sollten die Rundfunksteuerzahler dann entscheiden dürfen, ob wirklich Millionengagen für Talkshows und Unterhaltungssendungen fließen sollen, die immer weniger Zuschauer sehen wollen."

Welt, 14.01.2013

In der Welt am Sonntag seziert Alan Posener den feinen Rassismus, den gerade Israelkritiker gegenüber den Arabern pflegten: Weil sie nicht ernst nehmen, was viele Araber selbst immer wieder sagen: Dass sie keinen Frieden wollen, sondern den Sieg. "Wer das nicht begreift, versteht auch den Konflikt um Israel nicht. Denn man kann ihn nicht begreifen, ohne wenigstens die Möglichkeit ins Auge zu fassen, dass die Araber - oder sehr viele unter ihnen - keine 'Lösung' im europäischen Sinne wollen. Dass ihnen das Angebot einer Zweistaatenlösung wie eine Beleidigung vorkommt. [...] Um es paradox zu formulieren: Die aggressive Ungeduld mit Israel entstammt oft feiner paternalistischer Unterschätzung der Araber, die auf ihre Art nicht weniger rassistisch als die Judenfeindlichkeit - im Wortsinn 'antisemitisch' - ist."

Das Feuilleton heute: Seit letzter Woche berät das Europaparlament über eine neue Datenschutzverordnung, die dem Bürger das Recht geben soll auf Auskunft, Korrektur und Löschung von persönlichen Daten, berichtet Marc Reichwein, der mit Brecht, Kant und Aleida Assmann die Notwendigkeit des Vergessens belegt. Hannes Stein stellt den Dichter Richard Blanco vor, der zur Amtseinführung Obamas seine Verse vorträgt.

Besprochen werden eine Retrospektive zum 450. Geburtstag des niederländischen Malers Cornelis van Haarlem im Haarlemer Frans-Hals-Museum (links sein Bild "Die Hochzeit von Peleus und Thetis", 1592/93), Michael Thalheimers Adaption des Fallada-Romans "Kleiner Mann - was nun?" am Frankfurter Schauspielhaus und Karin Beiers Inszenierung der "Troerinnen des Euripides" in Köln.

SZ, 14.01.2013

Von Andres Veiels am Schauspiel Stuttgart uraufgeführtem Investmentbanker-Stück "Das Himbeerreich" ist Peter Laudenbach trotz der Rechercheleistung des Regisseurs nicht voll überzeugt: Weil Veiel "sich ausschließlich für die mal larmoyanten, mal wütenden, mal kühl arroganten Befindlichkeiten seines Personals interessiert und das mit der Variation hinlänglich bekannter Berichte über die Praktiken der Investmentbanken verknüpft, entsteht ein Text, der nun doch reichlich unterkomplex ist. ... Veiels Verfahrensweise (...) läuft in ihrer Kombination aus bewusst eingesetzter Naivität und moralischer Empörung ins Leere."

Weitere Artikel: Mit Erstaunen beobachtet Volker Breidecker die sanfte Gentrifizierung des Bahnhofsviertels in Frankfurt am Main, wo Luxuswohnungen neben Junkie-Treffpunkten entstehen. Joseph Hanimann beobachtet die Vorbereitungen in Marseille für seine Rolle als europäische Kulturhauptstadt 2013. Jörg Häntzschel informiert sich auf der Berliner Konferenz "Anthropozän" über die Zukunft des Menschen. Christian Meier schreibt den Nachruf auf den Historiker Zvi Yavetz.

Besprochen werden eine Vermeer-Ausstellung in der Scuderie del Quirinale in Rom und Bücher, darunter Volker Gerhardts Buch über die "Öffentlichkeit" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 14.01.2013

Dirk Schümer besucht den neuen, vom spanischen Architekten Juan Navarro Baldeweg entworfenen Anbau der Biblioteca Hertziana in Rom (Bilder). Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner beklagt in einem kleinen Essay ein nach wie vor zu blumiges Bild der orientalischen Lyrik in deutschen Übersetzungen. Gerhard R. Koch schreibt zum Tod des Jazzmusikers und Festivalchefs George Gruntz, Andreas Kilb würdigt die italienische Schauspielerin Mariangela Melato.

In memoriam ein wunderbarer Dialog aus Lina Wertmüllers "Travolti da un insolito destino nell'azzurro mare d'agosto":



Besprochen werden eine Ausstellung des Malers Conrad Felixmüller in Chemnitz, Hans Werner Henzes Vertonung des Prinzen von Homburg in Mainz, eine Dramatisierung von Hans Falladas "Kleiner Mann was nun?" in Frankfurt und Bücher, darunter ein Band über Peter Zadek und seine Bühnenbildner (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).