Heute in den Feuilletons

Eventselige Aufgeräumtheit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2012. Die NZZ bringt eine Hommage auf den brasilianischen Soul-Crooner Tim Maia. Im Smithsonian Magazine erklärt Jaron Lanier, warum er nicht mag, was er zu schaffen half. Die Welt erklärt, warum Weinkritiker Robert Parker seinen Wine Advocate an asiatische Investoren verkauft. In der SZ fordert der Politikphilosoph Henning Ottmann demokratische Instanzen, die langsam denken. Die FAZ porträtiert die türkische Autorin Asli Erdogan.

NZZ, 28.12.2012

Der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner denkt über das Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie nach. Das wäre durchaus verbesserungsfähig, meint er: "In diesen Zusammenhang gehört das immer häufiger zu hörende Stichwort von einer Demokratisierung des Wissens, insbesondere einer Demokratisierung der Medizin. Digitale Verfügbarmachung des Wissens im globalen Netz scheint die Herrschaft der Experten über die Laien zu gefährden und die Barriere zwischen Wissenschaft und Demokratie einzureißen. Bürgerinnen und Bürger müssen das Recht haben, sich Gedanken darüber zu machen, ob sie zum Beispiel solche Forschungen mit ihren Steuergeldern ermöglichen wollen, die potenziell dazu dienen, ganze Menschengruppen zu diskriminieren."

Jonathan Fischer porträtiert den 1998 verstorbenen brasilianischen Soul-Crooner Tim Maia, dessen Aufnahmen David Byrnes Plattenlabel Luaka Bop jetzt neu herausbringt. Und siehe da: "Der Mann bleibt einfach unwiderstehlich. Man stelle sich einen brasilianischen Elvis vor: Elefanten-Präsenz, wuchtige Stimme, XXL-Pop-Appeal. Und dann lasse man ihn über Ufos, Sex und Frieden singen. ... Der Musiker hat das Etikett 'psychedelisch' vor allem als zeitweiliger Anhänger einer nach Außerirdischen spähenden Sekte verdient. Und wo Kollegen brasilianische Musik als gut verkäufliche Exotik verpackten, zeigten Maias Songs offen die Verehrung für afroamerikanische Kollegen wie Sly Stone, die Isley Brothers oder Curtis Mayfield. Er spielte Pingpong mit den Pop-Moden beider Amerikas."



Weitere Artikel: Tom Schoper stellt ein neues Wohngebäude des Architekten Valerio Olgiati in Zug vor. Mark Zitzmann meldet die Liquidierung des Pariser Théâtre Paris-Villette. Auf der Soll-und-Haben-Seite erklärt Kathrin Eckhardt, warum Frauen in Hosenanzügen die schöneren Männer sind.

Besprochen werden die Ausstellung "Die Engel von Klee" im Zentrum Paul Klee in Bern und ein Band des amerikanischen Comic-Autors Anders Nilsen (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 28.12.2012

Jaron Lanier gehört zu den IT-Pionieren, die zur Freude kulturkonsrervativer Netzkritiker kein gutes Haar mehr am Internet lassen. Im Interview mit Ron Rosenbaum im Smithsonian magazine erklärt er, was ihn an der "Kultur, die er zu schaffen half" so aufbringt. "I asked Lanier about his decision to rebel against his fellow Web 2.0 'intellectuals', schreibt Rosenbaum: "'I think we changed the world,' he replies, 'but this notion that we shouldn't be self-critical and that we shouldn't be hard on ourselves is irresponsible.'"
Stichwörter: Internet, Jaron Lanier

TAZ, 28.12.2012

Die Wikipedia hat als "die mächtigste NGO des Internetzeitalters" viele gedruckte Enzyklopädien vernichtet. Einige haben sich aber auch selbst ins Abseits katapultierten, meint Dietmar Barz mit Blick auf das Theaterlexikon der Schweiz (TLS), das seine Artikel mithilfe der auch von Wikipedia benutzten Software ins Internet gestellt hat, allerdings ohne die Möglichkeit, die Artikel zu aktualisieren. "Das Ergebnis ist eine groteske Verschwendung von Qualität ... [Es] wäre sinnvoll gewesen, das Online-TLS ganz unter eine freie Lizenz und damit der Wikipedia zur Verfügung zu stellen. Das sorgfältige Einpflegen der Inhalte hätten dann schon die Wikipedianer übernommen. Und zur Beruhigung derjenigen, die im Wirken der Schwarmintelligenz doch nur den Untergang des Abendlandes sehen: Das Original-TLS hätte weiter unberührt im Netz stehen können."

Sabine Seifert beschreibt die schwierige Kulturlandschaft im Kreis Mecklenburgische Seenplatte: Nach einer Evaluierung der Theater- und Orchesterstrukturen sollen bestehende Häuser "sparen, fusionieren, notfalls schließen", im Amtsdeutsch: "innovativ sein". Der Chefdirigent der Neubrandenburger Philharmoniker meint dazu empört: "'Ein Orchester funktioniert doch nicht nach dem Baukastenprinzip.' Wenn eine Oboe wegfällt, kann man sie nicht durch einen Streicher ersetzen."

Weitere Artikel: Catarina von Wedemeyer stellt die jüngste Ausgabe des Philosophie Magazin vor, das überwiegend in (Streit)Gesprächen - etwa zwischen dem Grünen Cem Özdemir und dem Sozialwissenschaftler Harald Welzer - und Interviews - mit Judith Butler - der Frage "Gott - eine gute Idee?" nachgeht. Carolin Weidner porträtiert den Londoner Musiker Dean Blunt, der auf seinem Album "The Narcissist II" zusammen mit Inga Copeland "spannendste Collagen-Musik" produziert.

Besprochen werden außerdem das Album "Two" des Produzenten Christopher Rau und Dominik Grafs (gedruckte) Liebeserklärung an die TV-Serie "Homicide" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und Tom.
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Welt, 28.12.2012

Der Weinkritiker Robert Parker, der mit seinem Punktesystem einst die ganze Weinwelt revolutionierte, wird 65 Jahre alt und zieht sich zurück, berichtet Manfred Klimek. Seinen Wine Advocate hat er an asiatische Investoren verkauft "Den Asiaten geht es nicht nur um Monetarisierung ihres Investments, sie streben nach Macht. Gerade der Besitz des weltweit mächtigsten Weinführers macht die Investorengruppe zum Big Player in der aufstrebenden Weinnation China, die bald den steigenden asiatischen Weinkonsum im Alleingang befriedigen will. Auch diese Weine brauchen Parker Punkte. Und werden sie bekommen." Wer mehr über Parker wissen will, sollte unbedingt William Lagewiesches großartiges Porträt lesen, das seinerzeit in Atlantic Monthly erschien.

Marko Martin besucht die slowakische Stadt Kosice, europäische Kulturhauptstadt 2013, deren berühmtester Sohn ausgerechnet der ungarische Autor Sandor Marai ist - aber er wird mehr pro forma abgefeiert, so wie auch die Rolle der Stadt bei der Ermordung der ungarischen Juden kaum reflektiert wird. "All die wahnwitzigen Zickzack- und Bruchlinien - sie scheinen in der 'Kulturhauptstadt 2013' einer eventseligen Aufgeräumtheit gewichen zu sein, die sich zwar slowakisch nationalistischer Engstirnigkeit enthält, aber nicht minder geschichtslos wirkt."

Außerdem liest Alan Posener Studien, die nachweisen, dass Mädchen in der Begabung für Mathematik gegenüber Jungen mehr und mehr aufholen. Besprochen wird der Film "Cäsar muss sterben" der Gebrüder Taviani.

FAZ, 28.12.2012

Rainer Hermann porträtiert die türkische, "in ihrer Heimat ... totgeschwiegene" Schriftstellerin Asli Erdogan. "2010 durfte sie noch einmal, für fünf Monate, ihre Kolumnen schreiben. Da war sie bereits Zielscheibe nationalistischer Türken geworden. Sie wollten Asli Erdogan nicht verzeihen, dass sie 2008 zu den ersten Intellektuellen gehört hatte, die einen offenen Brief unterschrieben, der sich bei den Armeniern für das entschuldigte, was die Türken ihnen angetan hatten. Sogar ihr nationalistischer Vater erstattete Anzeige gegen die eigene Tochter."

Weitere Artikel: Der Soziologe Georg Vobruba erklärt, warum der Vergleich der momentanen Situation in Griechenland mit der in der DDR kurz vor deren Ende trotz einiger Gemeinsamkeiten unzureichend ist. Jordan Mejias plaudert mit Regisseur und Drehbuchautor Christopher McQuarrie über dessen Lee-Child-Verfilmung "Jack Reacher", für die er Tom Cruise und Werner Herzog als Gegenspieler aufeinander prallen lässt. Der als Kulisse zahlreicher "Schimanski"-Tatorte bekannt gewordene Duisburger Matena-Tunnel (mehr) ist bedroht, informiert Andreas Rossmann.

Besprochen werden der Film "Ludwig II." von Peter Sehr (dem Bert Rebhandl vorhält, an der "Überschreibung des Neuen deutschen Films" zu arbeiten: "an die Stelle prononcierter Interpretation setzt er eine konventionelle Bebilderungsästhetik"), eine dem Dichter Christoph Martin Wieland gewidmete Ausstellung im Museum Strauhof in Zürich, eine Ausstellung mit Arbeiten von Mary Heilmann im Bonnefantenmuseum in Maastricht und Bücher, darunter Jane Urquharts Roman "Der Schmetterlingsgbaum" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frank Schirrmachers gestrige Suhrkamp-Polemik ist jetzt auch online.

SZ, 28.12.2012

Im Gespräch mit Jens-Christan Rabe und Johan Schloemann zeigt sich der Politikphilosoph Henning Ottmann, der nach zehn Jahren Arbeit gerade ein neunbändiges Kompendium zur Geschichte der politischen Theorie fertiggestellt hat, eher desillusioniert, was den aktuellen politischen Betrieb betrifft. Wie sich dieser verbessern ließe, weiß er auch: "Ich glaube, dass neben Bundesrat und Bundestag, deren Mitglieder sich wegen der kurzen Legislaturperioden praktisch pausenlos im Wahlkampf befinden, eine Institution fehlt, die über Wahltermine hinaus nachdenken darf. Eine Art Senat mit längeren Amtszeiten, ein - natürlich nicht wie in Großbritannien aristokratisch verfasstes - Oberhaus, das langfristige Programme verfolgen kann. Das könnte sehr nützlich sein."

Weitere Artikel: Franziska Augstein trifft sich mit dem palästinensischen Politiker Abdallah Al-Frangi. Jürgen Berger informiert über die Situation an Theatern in Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und Mannheim. Fritz Göttler gratuliert dem Comiczeichner Stan Lee zum 90. Geburtstag.

Außerdem steht das Gespräch mit Rainald Goetz vom vergangenen Samstag über die Suhrkamp-Krise endlich online.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten von Roni Horn in der Sammlung Goetz in München und Bücher, darunter ein Band mit Vorträgen von Gabriel García Márquez (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).